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Ausgabe:

1890

Spalte:

641-643

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kolde, Thdr.

Titel/Untertitel:

Ueber Grenzen des historischen Erkennens und der Objectivität des Geschichtsschreibers 1890

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Kiel.

Erfcheint i^nrta J C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark,

alle 14 Tage. Leipzig. «• ^

N°- 26.

27. December 1890.

15. Jahrgang.

Kol de, lieber Grenzen des hiftorifchen Erkennens
(Harnack).

Josephi opera ed. Niese vol. IV (Schürer).

Sack, Die altjüdifche Religion im Uebergange
vom Bibelthume zum Talmudismus (Schürer).

Zahn, Einige Bemerkungen zu Adolf Harnack's
Prüfung der Gefchichte des neuteftamentlichen
Kanons (Jülicher).

Zahn, Gefchichte des neuteftamentlichen Kanons
I, 2 (Jülicher).

Loofs, Leitfaden zum Studium der Dogmen-
gefchichte, 2. Aufl. (Harnack).

Lactantii opera edd. Brandt et Laubmann
pars I (Krüger).

Krebs, Die politifche Publiciftik der Jefuiten
(Reufch).

Tavagnutti, Hagiographia (Reufch).
Meinke, Hilfsbuch für den evangelifchen Religionsunterricht
(Bornemann).

Harttmann's Kafual- und Paffionr-predigten
(Wächtler).

Kolde, Prof. Dr. Thdr., Ueber Grenzen des historischen
Erkennens und der Objectivität des Geschichtsschreibers.

Erlanger Prorectoratsrede. Erlangen, [Blaefing], 1890.
(22 S. gr. 4.) M. —.80.

Prof. Kolde hat in feiner Prorectoratsrede von
den Grenzen des hiftorifchen Erkennens gehandelt,
weil er die Beobachtung gemacht hat, dafs, .nachdem
die Baur'fche Schule abgewirthfehaftet hat', auf allen
Gebieten der hiftorifchen Theologie, namentlich aber
auf dem Gebiete der alten Kirchengefchichte
und der Dogm engefchichte, die Neigung zu hifto-
rifcher Conftruction wieder in vollfter Blüthe fteht, geift-
reiche Einfälle mit verblüffender Beftimmtheit als hifto-
rifche Refultate hingeftellt und Behauptungen als ge-
ficherte Thatfachen ausgegeben werden, die nach wenigen
Monaten zurückgenommen werden muffen.

Dankbar laffen wir uns von einem Fachgenoffen zur
,Befonnenheit und oiürpQoavvrj' ermahnen, und vielleicht
ift er zu folcher Mahnung um fo berechtigter, als er
felbft feinen Standort im Gebiete der alten Kirchen-
und Dogmengefchichte m. W. nicht genommen hat.
Auf einer hohen Warte flehend vermag er das Treiben
dort unten vielleicht beffer zu überfehen. Er erkennt
leicht die Irrwege, auf denen wir uns im Nebel abmühen;
denn die ganze Gegend liegt vor ihm, die Bergfpitzen
und die Abgründe. Leider ift er kein milder Richter.
,Die Baur'fche Schule hat abgewirthfehaftet' — das ift
das Urtheil über eine Generation von Gelehrten! Gewifs,
ihre Conftructionen haben fich gröfstentheils als nicht
ausführbar erwiefen; aber wo wären wir heute in unferer
Wiffenfchaft, wo wäre auch der ftrenge Cenfor, fo oft
er zur alten Kirchengefchichte herabfteigt, wenn Baur
u"d feine Schule nicht gewefen wäre? Öder war etwa
er der Mann, welcher gezeigt hat, dafs die Conftructionen
aur's nur ein Gebäude auf Abbruch feien? Wenn nicht,
warum hat er es nicht vorgezogen, feiner Rede den
f 1 KUeber die Ganzen der Pietät des Gefchichts-
B u5' vor7-ufetzen? warum hat er, als er uns viel-
menr über die Grenzen des hiftorifchen Erkennens be-
lenren wollte, nicht zuerft darüber nachgedacht, was
man den Irrthümern der Meifter verdankt, und dafs noch
niemals grofse Fortfehritte erzielt worden find ohne
grolse behler, dafs aber auch diefe Fehler niemals von
den .fchweigenden Philofophen' aufgedeckt wurden.

Die Fehler der vergangenen Generation von Gelehrten
naben wir zu entfchuldigen, nicht die eigenen. Wer die
unirigen aufdeckt, thut uns den beften Dienft. In diefem
aMine wird jeder Fachgenoffe die Rede Kolde's mit dem
wunlch, berichtigt zu werden, in die Hand nehmen,
•ttoer fie enttäufcht. Es find viele grofse Worte, weite

akademifche Erörterungen, wie fie in folchen Rectorats-
reden üblich find; aber es zieht vorbei wie eine geballte
Wolke über das von emfigen Arbeitern bebaute Feld.
Ueber ein ähnliches Thema hat Rümelin i. J. 1878
gefprochen (Ueber Gefetze der Gefchichte, f. Reden u.
Auff. Neue Folge 1881 S. 118ff.). Man mag die beiden
Reden vergleichen, um zu erkennen, aus welcher zu
lernen ift. Und wenn Kolde in feiner Rede die Zuhörer
an feinen chriftlichen Standpunkt im Vorübergehen erinnert
, indem er als Argument gegen die völlig exaete
Erkenntnifs der Vergangenheit den (unerforfchlichen)
Factor der göttlichen Weltregierung geltend macht (S. 8),
fo mufs man bedauern, dafs er das .Chriltenthum' hier
auch nur geftreift hat; denn die Vorftcllung von der
göttlichen Weltregierung als einem Coefficienten des
allgemeinen Gcfchehens hebt überhaupt alle Erkenntnifs
der Gefchichte auf und ilt nicht chriftlich.

An einigen Stellen geht Kolde auch auf die Sache
ein und fucht an Beifpielen zu zeigen, wie es gemacht
werden mufs, damit überall die Grenzen unferes Wiffens
refpectirt werden. Die ausführlichfte Darlegung bezieht
fich auf die Dogmengefchichte (S. 12—15). Hier hat
er fich mit meinem Lehrbuch auseinandergefetzt, und
ich fehc mich genöthigt, darauf einzugehen, weil fein
Verfahren mir fchlechterdings unbegreiflich ift. Kolde
belehrt zuerfl darüber, dafs ,die Dogmengefchichte in
erfter Linie Gefchichte des - werdenden Dogma's ift'
und dafs ,Gefchichte der Theologie noch keine Dogmengefchichte
ift' — beides Sätze, die mir nicht neu find,
die aber m. W. vor einigen Jahren noch nicht Gemeingut
waren. Sodann fährt er wörtlich fort: ,Der Glaube ift
die Vorausfetzung der Dogmengefchichte. Hier fehe
ich nun das jtomxov tyeidog darin, dafs man noch immer,
ohne auf die Analogie in der Gegenwart zu achten, das,
was etwa der Urgemeinde gelehrt worden ift, fogleich
auch als Inhalt ihres Glaubensbewufstfeins anfleht. Man
geht von der Lehre der Evangelien aus, betont dann
die theologifche Vertiefung oder fogar völlige Umbildung
des chriltlichen Glaubens bei Paulus, um dann fein Er-
ftaunen über den grofsen Abfall von apoftolifcher Höhe
nach Seite der chriftlichen Erkenntnifs bei den fog.
apoftolifchen Vätern auszudrücken'. Demgegenüber lehrt
Kolde, dafs nicht die apoftolifchen Briefe, fondern die
viel einfachere mündliche Predigt der Apoftel die Gemeinden
gegründet habe, dafs fomit nicht die neutefta-
mentliche Theologie, fondern die fehr niedrige Erkennt-
nifsftufe, wie wir fie in den nachapoftolifchen Briefen
finden, der fichere Ausgangspunkt der Dogmengefchichte
fei, ja dafs felbft diefe Stufe noch über der in den
Gemeinden lebendigen Tradition flehe. Hierauf fährt er
fort: ,Demnach dürfte es um die Sicherheit unferer Erkenntnifs
des Gemeinglaubens, an dem fich dann nach

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