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Ausgabe:

1890 Nr. 25

Spalte:

632-636

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Keller, Ludw.

Titel/Untertitel:

Johann von Staupitz und die Anfänge der Reformation. Nach den Quellen dargestellt 1890

Rezensent:

Enders, Ernst Ludwig

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631 Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 25. 632

und Theodoret weifs von Capellen, die dem Erzengel j
Michael errichtet waren (in Col. 2,18. Patr. Graec. LXXXII
p. 613 A.). Michael, d ulyag, ta^iägyi^, o uoyiarQuctjyde
rrjg dvvAu.6(üü xvoinv ift denn auch der Held der harm-
lofen Erzählung, die Bonnet mit der Sorgfalt herausgegeben
hat, wie wir fie bei den Bollandiften, welche
damit in ihrer Weife den Heiligen zu dienen glauben
durften, verftändlich finden, bei Anderen aber in Anbetracht
der herzlichen Unbedeutendheit des Gegenftandes
für übertrieben halten muffen. So gewifs aus den Legen- ;
den und Legendchen manches Intereffante für die ,Cul-
turgefchichte' abfällt, braucht darum noch nicht jede
derartige Gefchichte mit dem gelehrten Rüftzeug aus-
geftattet zu werden, das bei einem wichtigen Schrift -
fteller allerdings nöthig ift (vgl. darüber auch diefe Zeitg.
1888, Sp. 281). Am Ende erhalten wir noch einmal eine
kritifche Ausgabe des Metaphraften, den übrigens Bonnet
als chartarum pestis bezeichnet.

Chonae, wohl identifch mit dem jetzigen Khonae,
hat Coloffae in der Gefchichte abgelöft. An dem 2. nicä-
nifchen Concil 787 hat noch ein Bifchof von Coloffae
theilgenommen, fpäter wird der Ort nicht mehr genannt,
der Biichofsfitz fcheint nach Chonae verlegt worden zu
fein. Hier gab es, wie in Hierapolis, warme, heilkräftige
Quellen, deren Entftehung man natürlich auf die Einwirkung
überirdifcher Kräfte zurückführte. Unfere Gefchichte
weifs davon in Kurzem Folgendes zu erzählen:
Philippus und Johannes, die Apoftel, kamen auf ihren
Fahrten zur Ausrottung des Götzendienstes auch einmal
nach Chonae (denn dies ift gemeint, obwohl im Text
Chaeretopa Steht, was, wie B. ausführlich zeigt, auf Irrthum
beruht). Dort prophezeiten fie, dafs dermaleinft
an diefem Orte der Erzengel Michael erfcheinen und
Wunder wirken werde. Nach diefem Ausfpruch zogen
fie weiter, sofort aber entfprang dem Erdboden ein
heilungfpendendes Waffer. Viele Jahre nachher und nachdem
das wunderbare Waller manche Anfechtungen von
Seiten der Heiden hatte erdulden muffen, wurde ein
laodicenifcher heidnifcher Bürger von dem ihm im Traum
erfchienenen Michaelbewogen, an feinem kranken Töchterchen
des Waffers Heilkraft zu probiren. Natürlich mit Erfolg
! Der Mann wurde gläubig mit feinem ganzen Haufe
(act. 16, 15) und errichtete dem Michael eine Capelle.
90 Jahre vergingen, da lebte an diefer Capelle als Auf-
feher ein gewiffer Archippus (Col. 4, 13. 17. Philem. 2),
ein Typns des einfiedlerifchen Mönches, mit allen Tugenden
ausgestattet. Der erregte ganz befonders den Zorn
der Heiden, die fich fchon längft in Wuth verzehrten,
weil fie dem Waffer nicht beikommen konnten. Endlich
erfannen fie einen boshaften Plan. Sie befchloffen, das
Waffer zweier an dem (tiefer gelegenen) Tempelchen
vorbeifliefsenden Bäche fo zu leiten, dafs fie von oben
herab das Gebäude erdrückten und fo dem Greuel mit-
fammt dem Manne Gottes ein Ende machten. Aber
Archippus fleht um Rettung zu Michael. Der erfcheint,
und nach längerem Gefpräch mit dem Verzweifelnden,
als fchon die Waffer herandonnern, Schlägt er mit dem
Stab an einen mächtigen Felfen, der fpaltet fleh mit
gewaltigem Getöfe und hinein Stürzen die Bäche. Ueber
das fleh Sammelnde Waffer Spricht Michael den Segen,
der ihm Heilkraft für jegliche Krankheit und gegen alle
Anfchläge des Böfen verleiht.

Die Erzählung Stammt in der Form, die nach Bonnet
die ältefte ift, von einem anonymen Schriftsteller, deffen
Zeit durch das 4. und 10. Jahrhundert eingefchloffen ift
und Sich nicht näher bestimmen läfst. Dafs er nicht
fpäter fchrieb, beweist der Umftand, dafs Symeon Meta-
phraftes feine Relation von dem Wunder nach der des
Anonymus angefertigt hat. Falt gleichzeitig, doch unter
Kenntnifs von Symeons Arbeit, ift eine dritte Bearbeitung
der Legende entstanden, die von den Bollandiften (Sept.
Tom. VIII, 41 ff.) abgedruckt worden ift und nach
der Ueberfchrift dem Sifinnius, Patriarchen von CP. 996—

998 ihr Dafein verdankt. Eine vierte Darstellung, die
Le Quien dem Johannes von Damascus zufchrieb, ift
nach B. mit der des Anonymus für identifch zu halten,
alfo nicht auf Johannes zurückzuführen. Nach Bonnet
ift der Anonymus überhaupt der Concipient der ganzen
Erzählung, die keineswegs den Charakter derVolksfage
hat. Zu Grunde liegt dabei der Glaube an ein übernatürliches
Einwirken des Erzengels bei irgend einem Natur-
ereignifs, fowie die Zurückführung der heilbringenden
Quelle auf feine Macht. Im Uebrigen ift, wie der Archippus
lediglich eine Erfindung des Schriftstellers zu fein
fcheint, auch das Prooemium mit den Apofteln und dem
Laodicener auf deflen Rechnung zu fetzen. Es kreuzen
Sich hier offenbar verfchiedene Reminifzencen, und der
Anonymus hat nicht bemerkt, ein wie fchlechtes Gefüge
feine ganze Erzählung dadurch erhält. Für die Apoftel
dienten ihm deren apokryphe Acten als Quelle.

Dem nach neun Handfchriften abgedruckten und
von genauestem kritifchen und erklärenden Apparat begleiteten
Text des Anonymus hat B. auch die Bearbeitung
des Metaphraften beigegeben. Die ausführliche,
zuweilen umständliche und weitfehweifige Einleitung behandelt
alle Fragen und Zweifel, die auch dem gewiffen-
hafteften Lefer bei der Leetüre aufftofsen möchten. Nur
die Anklänge an neuteftamentliche Schriften hätten genauer
aufgeführt werden können: z. B. S. 4, Z. 16 vgl.
act. 16, 15; 21, 17 Phil. 3, 10.

Giefsen. G. Krüger.

Keller, Archivr. Staatsarchivar Dr. Ludw., Johann von
Staupitz und die Anfänge der Reformation. Nach den
Quellen dargeftellt. Leipzig, Hirzel, 1888. (XIII,
434 S. gr. 8.) M. 7. -

Diefe neuefte Arbeit Keller's ift im Ganzen nur
eine weitere Ausführung der Anflehten, welche er fchon
in feinem früheren Werke ,Die Reformation' 1885, und
in dem Auffatz Joh. Staupitz', im Hiftor. Tafchenb. N.
F. VI, 4, dargelegt hatte. Eine weitere Ausführung, man
kann aber nicht fagen: eine beffere Begründung. Die
eigenthümliche Anfchauung, die fleh der Verf. nun einmal
von der Reformation gebildet hat, ift das Prokruftesbett,
dem Perfonen und Thatfachen, Zeitideen und Ereignifsc
angepafst werden. Zwar manche intereffante Einzelheiten
bringt auch hier der Verf. aus feinen Studien bei, wie
es denn überhaupt den Keller'fchen Arbeiten nicht an
mancherlei Anregendem fehlt; mehrfach weift er auf
Lücken hin, wo die Forfchung noch einzuhetzen hat;
aber feine eigenen Verfuche, diefe Lücken auszufüllen,
fordern laft meistens den Widerfpruch heraus. Ref. mufs
es bei dem ihm zu Gebote flehenden Raum fleh verfagen,
diefen Widerfpruch überall zu erheben, und mufs fich
mit wenigen Beifpielen begnügen.

Der leitende Gedanke, wenn anders Ref. ihn aus der
eigenthümlich gearteten Anlage des Werkes und der oft
zerstückelten Behandlung des Gegenftandes richtig erkannt
hat, ift der, dafs der Verf. die Frage zu beantworten
Sucht, wie es gekommen, dafs fo viel Männer, welche anfänglich
das Auftreten Luther's mit Freuden begrüfsten,
unter ihnen befonders Staupitz, lieh doch wieder von
ihm abwandten und mit der Reformation brachen, indem
fie theils in der alten Kirche verharrten, theils die
Reformation nach anderer Richtung hin durchzuführen
fuchten. Zur Beantwortung diefer Frage werden die
fchon früher dargelegten Anflehten von den durch alle
Jahrhunderte fleh fortpflanzenden altevangelifchen Gemeinden
wiederholt, die, gegenüber der dogmatifchen
und hierarchifchen Ausbildung der Kirche, in der Lehre
,des Herren Worte' befonders in der Bergpredigt, im
Leben das praktifche Chriftenthum, das ,Gefetz Chrifti',
die ,Gelaffenheit' und die ,Brüderlichkeit' betonten. Zu
Anfang des 16. Jahrh. wurde nun Staupitz der geiftige