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Ausgabe:

1890 Nr. 25

Spalte:

624-625

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Corssen, Peter

Titel/Untertitel:

Die Altercatio Simonis Iudaei et Theophili Christiani, auf ihre Quellen untersucht 1890

Rezensent:

Harnack, Adolf

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623 Theologifche Literaturzeitung. 1890 Nr. 25. 624

fchon geftorben war, was ihn (fälfchlich f. o.) unter das
Jahr 364 führt. Vielleicht ift die Bemerkung erlaubt,
dafs es nicht ganz verftändlich ift, warum A. unterlaffen
hat, die vita acephala und die Feftbriefe, aber auch die
vorzüglichen chronologifchen Unterfuchungen Gwat-
kins für feine Arbeit heranzuziehen.

Mancher wird diefe mühfamen und ermüdenden Erörterungen
mit dem Lächeln der Ueberlegenheit gelefen
haben, das man ftets für den bereit hat, der Einem leichtgläubig
oder vertrauensfelig erfcheint. Sind doch alle
diefe Mönchsgefchichten neuerdings ftark in Mifscredit
gerathen, und wer den Verfuch macht, eine ernfthaft zu
nehmen, ift in Gefahr, unkritifch gefcholten zu werden.
Doch wage ich zu behaupten, dafs ein genaues Studium
der vita Pachomii diefelbe gegenüber den Mönchsromanen
des Hieronymus und felbft der vita Antonu als recht glaubwürdig
erweift. Wenn der Vergleich geftattet ift, fo
würde ich die vita Pachomii etwa mit den erften Ca-
piteln der Apoftelgelchichte auf gleiche Stufe ftellen,
während freilich Hieronymus von den erften Mönchen
Darftellungen liefert, die nicht mehr zu bedeuten haben
als die pfeudo-clementinifchen Romane für das Urchriften-
thum. Daran, dafs die vita Pachomii (und Theodori, die
urfprünglich nicht zufammengehörten?) aus dem 4. Jahrhundert
flammt, ift nicht zu zweifeln; fchon allein der
brennende Hafs gegen Origenes, der dem Pachomius zu-
gefchrieben wird (S. 599. 612 und warum follte er ihn
nicht gehabt haben?), weift auf diefe Zeit, und wenn ich
auch nicht, wie Amelineau, eine faft directe Urheber-
fchaft für Theodor in Anfpruch nehmen möchte, fo ift
doch foviel recht wohl möglich, dafs auf feinen Bericht
eine Menge Einzelheiten zurückgehen, und bei dem ,er-
ftaunlichen Gedächtnifs der Kopten'(Amelineau S.XXII)
ift es durchaus nicht unwahrfcheinlich, dafs fehr viel
Richtiges fich fortgepflanzt hat. Die Vita enthält wenig,
was mit den zeitlichen, örtlichen und anderen Verhält-
nifsen im Widerfpruch ftände, und dies Wenige faft nur
in der Jugendgefchichte der beiden Männer, die natürlich
ganz der Legende anheimgefallen ift. Es fehlen auch
die Discurfe im griechifch-philofophifchen Gewand, an
denen die vita Antonii fo überreich ift, obgleich fie deswegen
dem Athanaflus noch nicht abzufprechen fein
dürfte. Die eigentlich gefchichtlichen Daten find der Art,
dafs kein Grund vorliegt, fie zu beanftanden; das gilt
auch von der Bekanntfchaft des Athanaflus mit Antonius,
welche die vita vorausfetzt (vgl. auch meinen Lucifer
von Calaris 1886, S. 91 ff.). Nach Weingartens eindringenden
Unterfuchungen ift ja die Verficherung über-
flüffig, dafs kein ernfthafter Hiftoriker mehr mit dem
Apparat der Mönchslegende arbeiten wird, aber ich fehe
eine Gefahr diefer Unterfuchungen in der Art, wie der
Lefer durch den gleich anfangs geführten glänzenden
Nachweis von der abfoluten Werthlofigkeit hieronymia-
nifcher Ueberfpanntheit und Phantafie oder auch der
Leichtgläubigkeit eines Rufin und Palladius völlig f keptifch
geftimmt wird gegen alles, was wir von den Urfprüngen
des Mönchthums wiffen. Dafs W. im Irrthum war, wenn
er diefe erft in die vierziger und fünfziger Jahre des 4. Jahrhunderts
legte, ift mittlerweile oft nachgewiefen worden.
Die m. E. faft zweifellofe Datirung des Todes des Pachomius
, die oben gegeben wurde, und die fich dadurch
von felbft ergebenden Rückfchlüffe auf den früheren Be-
ftand feiner Stiftung, find dafür ein neues Zeugnifs. Ob
Pachomius wirklich vorher Serapismönch war? Die vita
läfst es als möglich erfcheinen; Weingarten behauptet
es (PRE2 X, S. 784) nach Revillout, deffen Unter-
fuchung ich nicht kenne, mit Beftimmtheit. Ich bemerke
beiläufig: Pachomius hat feine Mönche nicht nach dem
griechifchen Alphabet eingetheilt (Weing., Mönchthum,
1877, S. 51), fondern nachdem koptifchen. Selbft die Zahlen
der vita für die Mönche Rheinen mir nicht unglaublich,
oder find 1500 (S. 377) fo unnatürlich viel? Freilich Rufin
und Palladius mufs man ganz aus dem Spiel laffen. Endlich
wird es gut fein, die Darftellung der Regel des
Pachomius direct aus der vita zu beziehen, ftatt aus der
historia lausiaca oder aus Sozomenus, wie es öfter ge-
fchieht.

Uebrigens bin ich trotz aller diefer confervativen
Bemerkungen weit entfernt, die Art der Kritik zu theilcn,
die Amelineau an feinen Quellen, befonders im dritten
Abfchnitt der Einleitung (6. XCIII—CXII), geübt hat.
Zu ihrer Bezeichnung genügt es, auf einen Paffus auf-
merkfam zu machen. S. XXV fieht fich Amelineau
zu der Folgerung genöthigt, dafs der Verfaffer (Bearbeiter)
der griechifchen vita eine falfche Angabe macht, wenn
er behauptet, dafs er keinerlei fchriftliche Vorlagen gehabt
habe. Aber er fchwächt diefen Vorwurf ab mit
der Bemerkung, dafs eine folche Annahme scrait un
manque d'egards complet pour un si saint auteur. Das
fcheint uns freilich kaum die richtige kritifche Stimmung
gegenüber derartigen Machwerken zu fein. Amelineau
hat fich aber, als Katholik, offenbar fehr fchwer von der
Vorftellung losgerungen, dafs diefe ägyptifchen Mönche
Vorbilder für den wahren Chriften feien. Er würde fonft
nicht immer von neuem darauf hinweifen, dafs feine
Publication nur im Dienfte der Wahrheit flehe und er
damit vor allem den Zweck verfolge, feine Lefer von der
Haltlofigkeit und Verderblichkeit jener Vorftellung zu
überzeugen. Eben darum hat er auch wohl in der Cha-
rakteriftik, die er z. B. von Theodorus (S. XCV), aber
überhaupt von den koptifchen Mönchen giebt, fehr in's
Schwarze gemalt und manchen unfchuldigen Zug und
allerhand Harmlofigkeit gleich fchlimm gedeutet. Freilich
unfere Begriffe von Sittlichkeit darf man bei den
Fellahs von damals und heute nicht vorausfetzen, und
die fegensreiche Wirkung der Inftitution des Pachomius
mancher thierifcher Verrohung gegenüber kann nicht
hoch genug angefchlagen werden. In der S. CIX angeführten
Stelle ift übrigens nicht von Sodomiterei, fondern
von Päderaftie die Rede.

Den Schlufs diefer Befprechung mag die Bitte an
den franzöfifchen Verleger bilden, Veröffentlichungen wie
die vorliegende, deren Anfchaffung die Mittel felbft einer
Univerfitätsbibliothek nicht immer erlauben, auch der
ausländifchen Kritik ftets fo bereitwillig zugänglich zu
machen wie es im gegenwärtigen Falle in dankenswerther
Weife gefchehen ift. Das kann der Sache der Wiffen-
fchaft nur förderlich fein.

Giefsen. G. Krüger.

Corssen, Peter, Die Altercatio Simonis ludaei et Theophili
Christian!, auf ihre Quellen geprüft. Berlin, Weidmann,
1890. (34 S. gr. 4.) M. 1. 60.

In diefer Abhandlung ift die zum erften Mal von mir
(Texte u. Unterf. z. altchriftl. Lit.-Gefch. I, 3 1883) unter-
fuchte Altercatio einer forgfältigen Prüfung in Bezug auf
ihre Quellen unterzogen. Der Verfaffer kommt zu dem
Ergebnifse, dafs der ungefchickte Compilator abwechfelnd
aus Tertullian's Buch adv. Iudaeos, aus den Teftimonien
Cyprian's, aus einer Sammlung allegorifcher Erklärungen
und aus dem uns fammt feiner Ueberfetzung verlorenen
Dialog des Jafon u. Papiskus gefchöpft hat. Ferner
wird wahrfcheinlich gemacht, dafs Tertullian felbft (in
der Schrift adv. Praxean) den Dialog benutzt hat. Im
Eingange fucht Corffen nachzuweifen, dafs die zweite
Hälfte des Tractats adv. lud. gröfstentheils unecht fei,
eine höchft ftümperhafte Bearbeitung des 3. Buchs Tertullian
's gegen Marcion. Da fich die Altercatio mit
beiden Theilen der Schrift adv. lud. nahe berühre, fo
fei fchon deshalb die Annahme der Priorität der Altercatio
, refp. ihrer Grundlage, unftatthaft. Hat fie aber
aus beiden Theilen der Schrift adv. lud. und aus den
Teftimonien Cyprian's gefchöpft, fo bleibt nur ein be-
fcheidener Theil übrig, der fich als Entlehnung aus dem
verlorenen Dialog des Jafon und Papiskus darftellt.