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Ausgabe:

1890 Nr. 2

Spalte:

43-45

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lahrs, L.

Titel/Untertitel:

Kleine Sitten- und Glaubenslehre für höhere evangelische Schulen 1890

Rezensent:

Bornemann, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 2.

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(z. B. Clemens Rom. 7 101 ; Ignatius f 106; Irenaeus
f 202; vgl. auch über das Apoftolicum p. 6 u. 8) und
bei ihrer Kürze fehr oft in der Formulirung, mehrfach
auch in der Auswahl des Stoffes das Wefentliche nicht
präcis ins Licht ftellt, brauchbarer fein, als die mancher
andern gebräuchlichen Lehrbücher, aber fie hält fich
durchaus in den ausgefahrenen Geleifen. Die ,Dogmatik'
ift ein popularifirtes Excerpt aus traditionellen dogma-
tifchen Compendicn mit allen dazu gehörigen Vorzügen
und Mängeln, nur dafs häufig durch Abfchwächungen
und heterogene Zufätze der Eindruck felbft jener Darftellungen
noch beeinträchtigt wird. So lefen wir p. 51
vom Menfchen: ,fein Leib ift Staub vom Staube diefer
Erde (liovw von humus, adam von adamali) und beftcht
aus 14 chemifchen Grundftoffen, aber er ift die
Blüthe des Naturlebens, das vollkommenfte irdifche Gebilde
'. Und was foll es heifsen, dafs neben der h. Schrift
,die zweite Erkenntnifsquelle der chriftlichen Religion
die innere Erfahrung ift' (p. 39)? — Darftellungen der
,Dogmatik' für höhere Schulen in dem Sinne und der
Art, wie der Verfaffer fie giebt, hätten wir, denke ich,
nun genug. Dafs fie fich fonderlich bewährt und nennens-
werthe Früchte getragen hätten, wird man bei der gegenwärtigen
Stellung unferer Gebildeten zum Evangelium
nicht behaupten können. Das ift aber auch kaum verwunderlich
. Unfer Verfaffer freilich bekennt im Vorwort
von feiner ,Dogmatik': ,ich habe mich bemüht, nur
das zu geben, was für jeden gebildeten Chriften
zu wiffen noth ift, und zwar in fo knapper und einfacher
Form wie möglich'.

Magdeburg. W. Borne mann.

1. Lahrs, L., Kleine Sitten- und Glaubenslehre für höhere
evangelifche Schulen im Anfchlufs an die fünf Haupt-
ftücke des Katechismus Dr. Martin Luthers, nebft
einem Anhange. Breslau, F. Hirt, 1889. (IV, 76 S. 8.)
geb. M. —.60.

2. Lahrs, L., Leitfaden des evangelischen Religionsunterrichts

für die oberen Klaffen höherer Schulen. Breslau, F.
Hirt, 1889. (IV, 131 S. 8.) M. 1.25.

Das erftgenannte Büchlein fleht feinem Charakter
nach in der Mitte zwifchen einer ausgeführten Katechismuserklärung
, einem Spruchbuch, einer Notizenfammlung
und einer zufammenhängenden Sitten- und Glaubenslehre.
Dafs der Stoff ,in fortlaufendem Anfchlufs an den kleinen
Katechismus Dr. M. Luther's gegeben' fei, ift doch nur
theilweife und in fehr aufserlichem Sinne richtig. Schon
beim 2. Hauptftück fetzt fich der Verfaffer formell und
inhaltlich in hohem Mafse über den eigentlichen Inhalt,
den Zufammenhang und die Grenzen des lutherifchen
Katechismus hinweg und fchliefst fich vielmehr — wie
allerdings die meiften der landläufigen Bearbeitungen des
Katechismus — dem Schematismus der traditionellen
Dogmatik in etwas popularifirter Form an. Zum 3.
Hauptftück giebt Lahrs eigentlich nur eine Einleitung
und einen Anhang. Beim 4. und 5. Hauptftück ift
Luther's Erklärung fo gut wie ganz ignorirt und durch
eine Reihe gefchichtlicher und dogmatifcher Sätze und
Definitionen erfetzt. Ein Anhang bringt eine kurze Einleitung
in die h. Schrift, etwas Geographifches über Pa-
laeftina und eine Ueberficht über das Kirchenjahr und
die biblifchen Bücher. — Der gröfste Theil des gebotenen
Stoffes ift freilich wohl in den mittleren Gymnafialclaffen
zu behandeln. Vereinzelte, für die oberen Claffen berechnete
Notizen nehmen fich in dem Zufammenhang
feltfam aus (z. B. die Aufzählung der Gottesbeweife
p. 18). Aber auch abgefehen davon ift es mir fehr
zweifelhaft, ob durch die ganze, gegebene Darftellung
wirklich eine Einführung in den Sinn und Geift des luth.
Katechismus erreicht wird, felbft wenn einzelne Punkte,

z. B. die Erklärung des 3. Gebotes, noch genauer den
Gedanken Luther's angepafst würden. Andererfeits ift die
ganze Anlage und Zufammenftcllung wohl eigenthümlich,
aber nicht originell: in etwas anderer Ordnung findet
man dasfelbe, was in zahlreichen andern Lehrbüchern
mindeftens ebenfo zweckmäfsig dargeftellt ift, meift knapp
und präcis, aber ohne alle Vertiefung. Endlich fehlen
ungenaue und unrichtige Angaben nicht. So z. B.: ,Luther
fchrieb zum Gebrauch der Schüler den kleinen Katechismus
' p. 15; die IO Gebote ,find von Jefus Chriftus
felbft ausdrücklich anerkannt worden' p. 17; der ,Unter-
fchied' zwifchen der römifchkath. und griechifchkath.
Confeffion ,befteht feit dem Jahre' 1054 p. 53 ; unter den
7 katholifchen Sacramenten wird die Trauung aufgezählt
p. 64; der Kanon des A. T.'s ,wurde der Hauptfache
nach circa 450 v. Chr. durch die Schriftgelehrten Efra
und Nehemia gefammelt' p. 70; der Kanon des N. T.'s
wurde .... ,auf allgemeinen Kirchenverfammlungen'
feftgeftellt p. 71; das Gebirge Gilead mit dem Nebo

P- 72. — ... ,

2. Bedeutend günftiger kann das Urtheil über das
gröfsere Lehrbuch desfelben Verfaffers fein. Dasfelbe
zerfällt in 3 Theile: 1) Bibelkunde p. 5—46; 2) Ueberficht
über die Kirchcngefchichte p. 47—83; 3) Augsbur-
gifche Confeffion nebft den drei ökumenifchen Symbolen
p. 83 — 124. Diefer letzte Abfchnitt vermag freilich, felbft
in Verbindung mit der ,kleinen Sitten-und Glaubenslehre',
keineswegs eine zufammenhängende, einheitliche und für
die Prima berechnete, chriftliche Lehrdarftellung zu er-
fetzen. Doch fcheint nach dem von Lahrs verfolgten
Lehrplan eben die Co?if. Aug. als Grundlage für den
Primaunterricht in der Glaubenslehre dienen zu müffen.
Ift dies der Fall, fo bedauere ich doppelt, dafs die C. A.
dann nicht einmal vollftändig abgedruckt ift: es fehlt die
fehr charakteriftifche und lehrreiche Einleitung und im
2. Theil, mit welchem man in der Schule die Erklärung
wohl am Bellen beginnt, der 5., 6. und 7. Artikel nebft
dem Schlufs. Eher könnte man füglich die lateinifche
und deutfche Ueberfetzung des Apoftolicums und des
Nicaenums, fowie die deutfche Ueberfetzung des Atha-
| naüanums neben dem Urtext miffen. Der Abrifs der
Kirchengefchichte ift knapp und überfichtlich und, wenn
man auch gern noch eine Reihe anderer Dinge (befonders
im Mittelalter) erwähnt fähe, die Anordnung hie und da
anders wünfchte, einige Ungenauigkeiten befeitigen
I (,Angeftellte Gemeindebeamten gab es noch nicht'
p. 49; das (fyrifche) Antiochien in Kleinafien p. 50;
.Irenaeus f 202 als Märtyrer' p. 53; .Streit zwifchen
Cyprian und Stephanus über die Kindertaufe' p. 54;
der Urfprung des Weihnachtsfeftes im 3. Jahrhundert
p. 54; Bonifacius p. 56 u. f. w.) und einzelne Partien
(Chriftenverfolgungen, Mönchthum, kirchliches Leben im
1 Mittelalter) als mangelhaft bezeichnen mufs, fo dürfte
j das Ganze für Schüler doch recht wohl brauchbar fein.
! Der am Beften gelungene Theil des Buches ift die Bibel-
künde, welche in weifer und auch die ficheren Ergebnifse
' der Wiffenfchaft unbefangen verwerthender Weife die
i für die Schule nothwendige Ueberficht über die h. Schrift,
ihren wefentlichen Inhalt und ihre einzelnen Theile vermittelt
. Zwar den Ausdruck ,Infpiration' hätte man bei
der völligen und auf die neuteftamentlichen Schriftfteller
nicht angewandten Umdeutung des Begriffs gern vermifst
! (p. 5); und für Chronologie und Lebenslauf des Paulus
[ ift merkwürdiger Weife ganz allein und einfeitig die
Apoftelgefchichte zu Grunde gelegt. Auch finden fich
wiederum einzelne Ungenauigkeiten (z. B. alle 12 Söhne
Jacobs flammen von Rahel und Lea ab p. Ii; Paulus ift
der Gründer der Gemeinde von Smyrna p. 34; der
Philipperbrief wird vor dem Philemonbrief genannt p. 35:
Petrus foll nach Kleinafien Miffionsreifen unternommen
haben p. 42) oder vorfichtiger zu bezeichnende Daten.
Aber fonft ift Anordnung, Auswahl und Darfteilung
; zweckmäfsig oder in befonderen Fällen vom Lehrer