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Ausgabe:

1890

Spalte:

602-605

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lechler, Karl

Titel/Untertitel:

Der deutsch-evangelische Kirchenbund 1890

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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6oi Theologifche Literatuizeitung. 1890. Nr. 24. fc2

mit anderen Worten Gott als Grund des fittlichen Ideals. I fchlagen wird. Unwillkürlich erinnert man fich an die
So weit folgt man dem ontologifchen Regreffus W.'s vielgelefene Drummond'fche Arbeit; aber dann auch daran
willig, und bis zu diefem Punkt ift fein logifcher Gang j wie gefchickt der Engländer einzelne packende Parallelen
klar und ficher. Aber fchwankend wird der Boden, wenn 1 von Natur- und Geifteswelt herausgreift, wie farbenreich
W. erftlich die Unerreichbarkeit des fittlichen Menfch- und anfchaulich er fie zu geftalten weifs. Hier, den Einheitsideals
gegenüber der praktifchen Forderung der Er- ] druck werden Viele nicht abwehren können, kommt man
reichbarkeit desfelben zu beweifen fucht und zweitens | nicht recht zur ruhigen, überzeugenden Betrachtung; eine
in der letzten ontolomfchen Idee den adäquaten Grund i ermüdende Menge von oft weit auseinander liegenden

des fittlichen Ideals durch eine unbeflimmbare ,überfitt
liehe' (S. 405) Unendlichkeitsidee überbietet. Das ift ein
Schritt in's Unendliche, bei dem alles früher Gewonnene
aus der Hand zu gleiten droht. Es ift ja unthunlich, die
Bedenken hier auszuführen, die fich gegen die beiden

Thatfachen wird aufgeführt, ohne dafs ihre Bedeutung
deutlich hervortritt; unter den obengenannten Ueber-
fchriften wird oft fehr Verfchiedenartiges befprochen, und
manchmal gerade das kaum geftreift, was fie verfprechen,
z. B. in dem Abfchnitt über Natur- und Sittengefetz. la'

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letztgenannten Gedankenreihen erheben ,und ich verzichte der Grundgedanke des Buchs felbft läfst fich nicht leicht
um fo lieber darauf, als fich der grofsgegliederte Ge- 1 kurz und gut bezeichnen. Der ,eine höchfte Schöpfungs-

dankenbau W.'s auch ohne diefen ftörenden Erker und
überfluffigen Thurm geniefsen läfst. Gerade in dem,
was durch diefe letztgenannten Gedanken W.*s zerftört
würde, liegt m. E. die grofse Bedeutung der W.'fchen
Metaphyfik, nämlich in der Erlöfung des Willens vom
Subftanzbegriff und damit auch des Gottesgedankens
von einem überfittlichen Hintergrund. Das gerade ift
W.'s Ruhm, was ihm Ed. v. Hartmann in einer Be-
fprechung der W.'fchen Ethik (Zeitfchr. f. Philof. u. philof.
Kritik 1889) zum fchweren Vorwurf macht. Während

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plan in allen Gliedern des Weltalls' foll aufgezeigt werden.
Aber es ift doch diefe Aufgabe nicht beftimmt gefafst.
Der Titel .Monismus', der Gebrauch des Wortes in
ungewohntem Sinn und doch ohne genaue Erklärung, ver-
anfchaulicht gleichfam diefe Unbeftimmtheit. Und wie
oft tritt bei der Löfung der Aufgabe die Verficherung
ein, ,alle feftftehenden Ergebniffe der Naturforfchung bezeugen
' u. f. w.

Ift das Buch für Nichtchriften gefchrieben? Man
darf fich nicht verhehlen, dafs fie den Beweis vermiffen

Ed. v. Hartmann von der Philofophie verlangt, dafs fie werden. Für Chriften? Die follten doch das Belle ihres
auch die verpflichtende Kraft des fittlichen Ideals durch Glaubens beftimmter ausgedrückt finden; das Morgen-
metaphyfifche Principien aufzeige, zieht W.'s befonnenes lied des Vogels giebt Zeugnifs für die .Liebe Gottes',
Urtheil hier die Grenzen des philofophifchen Könnens die Uebel werden mit dem Satz überwunden: ,fo liegt,
und gefteht der Religion die alleinige Macht zu, folche wenn wir nicht an den einzelnen vergänglichen Erfchein-
verpffichtende Kraft im Glauben an Gott zu befitzen. I ungen haften, fondern das grofse Ganze ins Auge faffen,
Während Ed. v. Hartmann die ethifche Verpflichtung ■ überall das Licht über die Flnfternifs, die Wahrheit über
auf die logifche zurükkführt, weifs W. fehr wohl, dafs ; die Lüge, das Leben über den Tod'. Bekanntlich haben
die Logik nichts mit der Macht einer religiös-fittlichen j diefe Worte noch einen anderen Klang, als den, welchen
Verbindlichkeit gemein hat. Während Hartmann glaubt, fie offenbar in dem chriftlichen Gemüth des Herrn Verf.'s
die Religion durch die Philofophie erfetzen zu können, wecken. So kann man wohl nur fagen, dafs das Buch

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erkennt W. die eigenartige und für die Philofophie uner
reichbare Sphäre der Religion in ihrer Selbftändigkeit an.
Salbke bei Wefterhüfen an der Elbe. Beffer.

Böhner. Dr. A. N., Monismus. Die Naturwunder in ihrer
Einheit mit dem Leben des Geiftes nach den grofsen
Entdeckungen der Neuzeit. Gütersloh, Bertelsmann,
1889. (VIII, 202 S. gr. 8.) M. 2. 50; geb. M. 3. 20.

Naturbilder nennt der Herr Verf. die neun Auffätze
diefes Buchs. Ihren Zweck giebt er mit dem zweiten
Titel an Er glaubt durch die Entdeckungen der neuern

für fchon überzeugte, über das Wefen und die Wahrheit
ihres chriftlichen Glaubens genauer unterrichtete
Lefer den Werth haben mag, fie auch durch diefe Erinnerung
an die Wunder der Natur zu erfreuen und zu ftärken.

Göttingen. Th. Häring.

Lechler, Präl. Gen-Superint. Dr. Karl, Der deutsch-evangelische
Kirchenbund. Gütersloh, Bertelsmann, 1890. (III,
171 S. gr. 8.) M. 2. —

Wenn ein Würdenträger unferer evangelifchen Kirche
zu einer Zeitfrage das Wort nimmt, verdient er als folcher
lener Einheit der Natur I fchon gehört zu werden, um fo mehr aber, wenn dies
Naturforfchung ^^l^^X^ ^ ,einer einerfeits fo befcheiden und andererfeits in fo lichtvoller,
und des Geiftes des klar durchdachter, auf gründlichen Kenntniffer.beruhender

Vermengung der Naturordnung J ffi in Darftellung gefchieht, wie in diefer Schrift des wurtem-

geifligen Lebens, r r £^ z. B. von bergifchen Prälaten und Generalfuperintendenten Dr. Karl

des Däferns Urquell In'^eg™ ^ndeg Lichts mit dem i Lechler. Der Verf. ift ein guter Württemberger, aber
der Uebereinftimmung « u ^ Kraft Natur_ echt national gefinnt| ein guter Lutheraner, aber frei von

Lebensgebilde, Fortleben nach dem Tod. Das erfte und
letzte Capitel heben die allgemeinen Gefichtspunkte hervor
, unter denen diefe Themata befprochen werden.
Ueberall ift deutlich, dafs des Herrn Verf.'s Abficht
dahin geht, nicht überhaupt einen allgemein religiöfen,
fondern den chriftlichen Standpunkt einzunehmen; es ift
das Evangelium, dem er dienen will.

Eine Fülle von Stoff, auch manches lehrreiche Citat
z. B. von Gaufs, Heer u. a. ift in den Dienft der leitenden
Gedanken geftellt, und man müfste nicht den Glauben
theilen, für den der Herr Verf. eintritt, wollte man fich
nicht freuen über den Eifer und die Begeifterung, womit
derfelbe verkündigt wird; der Theologe fpeciell wird
den Bundesgenoffen auf anderem Gebiet willkommen
heifsen. Nicht ebenfo einftimmig wird man über die
Zweckmäfsigkeit des Verfahrens urtheilen, das einge-

warmer Freund des Evangelifchen Bundes. ,Sein Name
fchon klingt wie eine Weisfagung auf das, was gefchehen,
und, fo Gott will, bald gefchehen foll. Er kann nicht
mehr verlangen, als der unmittelbare Vorläufer deffen
zu fein, was die evangelifche Kirche Deutfchlands begehrt
' (S. 135).

Was begehrt aber die evangelifche Kirche Deutfchlands
? Kirchliche Einheit, ähnlich, wenn auch nicht voll-
ftändig entfprechend, der politifchen Fhnheit der Nation.
Diefe kirchliche Einheit wird zuerft in ihrer gefchicht-
lichen Entwicklung gefchildert (S. 1—44) und zwar fo-
wohl das Verlangen nach Einheit in Bekenntnifs und
Gottesdienft, als das Streben nach kirchenregimentlicher
Einheit. Dort wird befonders der Union, hier der Gedanken
Luther's über eine deutfehe Nationalkirche (S. 18)
und der Bemühungen des Herzogs Chriftoph von Württem-