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Ausgabe:

1890

Spalte:

537-543

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Smith, W. Robertson

Titel/Untertitel:

Lectures on the religion of the Semites. First series: The fundamental institutions 1890

Rezensent:

Budde, Karl

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Kiel.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 22. l- November 1890. 15. Jahrgang.

Smith, Lectnres on the religion of the Semites
(Budde).

Dalman, Studien zur biblifchen Theologie

(Sehwally).
Honig, Die Ophiten (Harnack).
Gwatkin, The Arian controversy (Harnack).

Ebert, Allgemeine Gefchichte der Literatur des

Mittelalters (Harnack).
Jacobi, Juftus Ludwig Jacobi (Harnack).
Döderlein, Philosophia divina (Härtung).
Muff, Idealismus (Härtung).

Wiefe, Der evangelifche Religionsunterricht
(Bornemann).

Krüger, Kirchengefchichte für evangelifche
Schulen (Bornemann).

Wichern, Die innere Miffton (Stromberger).

Smith, W Robertson, M. A., L. L. D., Lectures on the ! Teftamentes. Aber auch die älteften gehören fchon
reliüion of the Semites. First series: The fundamental ! Zeiten an, in denen die Semiten längft in Völker aus-

" . __ . 1 einander rrpanncrpti vuaren und crrtC*r* C^hritt. :„ J__

institutions. Edinburgh, Adam and Charles Black,
1889. (XII, 488 S. gr. 8.) geb.

Es gereicht der Burnett-Stiftung zu Aberdeen zur
hohen Ehre, dafs fie einem fo ausgezeichneten Gelehrten
wie W. Robertfon Smith die Anregung geboten hat, aus
feinen langjährigen eifrigen Studien über die femitifchen
Religionen die vorläufige Summe zu ziehen. Sie lud ihn
ein, über ,die urfprünglichen Religionen der femitifchen
Völker in ihrem Verhältnifs zu anderen Religionen des
Alterthums und zu der geiftigen {spirituat) Religion des

einander gegangen waren und grofse Schritte in der
Cultur über das gemeinfemitifche Alterthum hinaus ge-
than hatten. Um jener älteften Culturftufe und ihren
religiöfen Erfcheinungen beizukommen, müffen daher
fremde Völker, befonders folche, die auf den niedrigften
Culturftufen flehen, in grofsem Mafsftab herangezogen
werden, um von ihnen her die Grundlage zu entnehmen,
auf welcher die gemeinfemitifche Religion der Urzeit fich
einft wird erhoben haben. Man mag zugeftehen, dafs
die Frage, fo wie Smith fie fich geftellt hat, auf anderem
Wege nicht zu löfen ift; aber man kann fich auch nicht

Alten Teftamentes und des Chriftenthums' drei Winter | verhehlen, dafs fo eineSumme von allgemeinen Voraus
hindurch Vorlefungen zu halten. Den erften Jahrgang
diefer Vorlefungen, gehalten 1888/89, legt er in diefem
Bande vor, allerdings in feinem Wortlaut erweitert und
mit zwei ganzen Vorlefungen und einer grofsen Anzahl
von fortlaufenden Anmerkungen fowohl wie längeren
Ausführungen im Anhang vermehrt. Sein Plan war, im
erften Jahre aufser den allgemeinen Vorausfetzungen das
gefammte Gebiet der religiöfen Inftitutionen zu behandeln
, im zweiten das des religiöfen Glaubens, im
dritten die gefchichtliche Rolle der femitifchen Religion
. Nun hat er wegen der Ueberfülle des Stoffes
einen Theil der Inftitutionen, vor allem Fefte und Priefter-
thum, noch für den zweiten Jahrgang verfparen müffen,
und den Hauptinhalt diefes Bandes bildet die vollftändige
Darftellung des Opfers.

Es ift eine mifsliche Sache, über diefen erften Theil
eines umfaffenden Werkes Bericht zu erftatten. An fich
wegen des ungeheueren Gefichtskreifes, den es umfpannt.
Ferner deshalb, weil in diefem Theile viele wichtige und
weitfchichtige Fragen nur vorläufig, für das augenblickliche
Bedürfnifs, berührt find, während wir ihre volle
Entfcheidung noch nicht abzufehen vermögen. So mufs
der Berichterftatter immer wieder entweder auf die Gefahr
des Irrthums hin vorgreifen oder das Urtheil ausfetzen
. Endlich aber bereitet auch die Art der Behandlung
grofse Schwierigkeiten. Nicht die Religionen der
Semiten, wie die Aufgabe lautete, fondern ihre Religion
will der Verfaffer darftellen, als eine einheitliche, aus der
Wurzel des gemeinfamen Volksthums hervorgewachfene.
Die gefchichtlichen Religionen der Semiten aber, von
denen fich ein einigermafsen abgerundetes Bild geben
läfst, gehören Zeiten und Entwickelungsftufen an, die
das Gemeinfemitifche nur noch durchfchimmern laffen,
vielfach erft dann, wenn es anderweitig dafür erkannt ift;
die babylonifch-affyrifche vollends, von der auch breitere
Maffen vorliegen, wagt der Verf. gar nicht zu verwenden
, weil zu viel Fremdes ihr beigemifcht fein könnte.
So bleiben nur verzettelte Einzelnachrichten von überall
her, am dichteften noch gefät und am reinften erhalten
bei den Arabern und in den älteren Schichten des Alten

fetzungen, von feften Theorieen, von Änalogiefchlüffen,
von blofsen Möglichkeiten in das Exempel eingeführt
wird, welche die Sicherheit des Refultats lehr gefährdet.
Der Verfaffer wird daher dem Lefer eine viel gröfsere
Freiheit feinen Ergebnifsen gegenüber laffen müffen, als
ihm erwünfcht fein mag. Sein Lob foll damit nicht ge-
fchmälert werden: der Verfuch allein ift eines Helden
würdig, und auf dem Wege fällt unter allen Umftänden
für den ehrlich Suchenden foviel ab, dafs er fich reichlich
lohnt. Für den Berichterftatter aber wird es das
Gerathenfte fein, vor allem eine Vorftellung von dem Inhalt
des Buches zu geben, und dann nicht in eine
Discuffion über grundlätzliche Fragen einzutreten, fondern
den Verfaffer lieber an feinen eigenen Vorausfetzungen
zu meffen und feine Methode fchärfer ins
Auge zu faffen. —

Diefem grofsen Werke hatte Smith bereits rüftig
vorgearbeitet in dem 1885 erfchienenen Buche Kinship and
Marriage in early Arabia, das auf feinem enger abge-
fchloffenen Gebiete einen viel befriedigenderen und
runderen Eindruck von feinen allgemeinen Anfchauungen
hinterläfst, als das vorliegende. Wer die Grundlagen,
von denen er ausgeht, voll und ganz würdigen will,
wird fich dem eingehenden Studium diefes Werkes nicht
entziehen dürfen. Matriarchat mit exogamifcher Polyandrie
bei totemiftifcher Clanverfaffung, das ift es mit
kurzen Worten, was er als den wahrfcheinlich älteften
Zuftand der Gefellfchatt in Arabien und danach bei den
Semiten überhaupt erfchliefst. Die Ergebnifse diefes
Buches fetzt er hier voraus, ohne überall bis auf diefe
früheften Zuftände zurückzugreifen.

Das erfte Subject nun einer Religion bei den Semiten
war nach R. Smith folche Clangemeinfchaft, in allen ihren
Gliedern zufammengehalten durch wirkliche oder vermeintliche
Blutsverwandtfchaft. Daslndividuum bedeutete
nichts, der Begriff des Privateigenthums war noch nicht
entwickelt, ebenfowenig die Viehzucht; die ganze Natur
war belebt und befeelt, die Unterfchiede zwifchen den
einzelnen Wefensclaffen vom Gott bis zum Stein fliefsende
(S. 83 ff), fodafs man fagen kann, ein jeder diefer Clans

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