Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1890

Spalte:

519-524

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Krause, Karl Chrn. Friedr.

Titel/Untertitel:

Abriss der Philosophie der Geschichte 1890

Rezensent:

Reischle, Max

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

519

Theologifche Literatur

Leitung. 189O. Nr. 21.

520

uns ein Weg gezeigt ift, der aus der für Gemüth und
Verftand gleich unbefriedigenden rein mechanifchen Atomtheorie
herausführt, wird gezeigt, wie das Bewufstfein in
keiner Weife das Refultat eines Zufammenwirkens ver-
fchiedener Atome und Kräfte fein kann, fondern nur aus der
Annahme einer einheitlichen Seelenfubftanz erklärlich ift.
Diefe Annahme macht auch die Einwirkung von Leib
und Seele auf einander erklärlich, und hilft die rechte
Mitte treffen zwifchen Dualismus und unberechtigter Ver-
einerleiung der leiblichen und geiftigen Functionen.

Etwas unvorbereitet und ungenügend begründet er-
fcheint am Schlufs die Behauptung, das Gefetz der Erhaltung
der Kraft verlange die perfönliche Unfterblichkeit
des Geiftes.

Die Schrift Flügel's geht auch befonders darauf aus,
darzuthun, dafs die hier vertretenen Anflehten fleh immer
mehr Bahn brechen.

In ftreng fyftematifcher Ordnung bietet fie, im An-
fchlufs an Leibniz'fche und Lotze'fche Ideen, eine Fülle
treffender Bemerkungen und einleuchtender Gefichtspunkte.
Sie ift fehr geeignet, dem als Führer zu dienen, der fleh
auf dem fchwierigen Grenzgebiete zwifchen Pfychologie
und Metaphyfik orientiren will.

Bifchweiler i. E. Eugen Ehrhardt.

u Krause, Karl Chrn. Friedr., System der Sittenlehre.

FIrsg. von DD. Paul Hohlfeld und Aug. Wünfche.
[1. Abth.: Verfuch einer wiffenfehaftlichen Begründung
der Sittenlehre. 2. verb. u. verm. Aufl. — 2. Abth.:
Abhandlungen und Einzelgedanken zur Sittenlehre.]
Leipzig, O. Schulze, 1888. (XXII, 706 S. gr. 8.)
M. 15.—

2. Derfelbe, Vorlesungen über das System der Philosophie.

2 Bde. 2., aus dem handfehriftlichen Nachlaffe des
Verfaffers verm. Aufl. Hrsg. von DD. Paul Hohl fei d
und Aug. Wünfche. Leipzig, O.Schulze, 1889. (LI,
420 und XIV, 371 S. gr. 8.) M. 18.—

3. Derfelbe, Philosophische Abhandlungen. Aus dem handfehriftlichen
Nachlaffe des Verfaffers hrsg. von DD.
Paul Hohlfeld und Aug. Wünfche. Leipzig, O.
Schulze, 1889. (VIII, 402 S. m. 1 Taf. gr. 8.) M. 9 —

4. Derfelbe, Zur Geschichte der neueren philosophischen
Systeme. Aus dem handfehriftlichen Nachlaffe des Verfaffers
hrsg. von DD. Paul Hohlfeld und Aug.Wün-
fche. Leipzig, O. Schulze, 1889. (VIII, 313 S. gr. 8.)
M. 8.—

5. Derfelbe, Abriss der Philosophie der Geschichte. Ausdem
handfehriftlichen Nachlaffe des Verfaffers hrsg. von
DD. Paul Hohlfeld und Aug.Wünfche. Leipzig, O.
Schulze, 1889. (IX, 185 S. gr. 8.) M. 4.—

Die angegebenen Werke enthalten zum Theil neugedruckte
Arbeiten von Kraufe (geb. 1781; geft. 1832),
fo befonders Nr. 4 und 5, auch Nr. 3 und 1, II; zum
Theil geben fie früher erfchienene Schriften in neuer,
meift aus dem handfehriftlichen Nachlafs des Verf.'s ergänzter
Auflage (Nr. 2, I wohl nur Titelausgabe). Die
Ausgaben find mit Sorgfalt und, foweit es fich um Einfügung
handfchriftlicher Notizen handelt, mit Gefchick
hergeftellt. Dankenswerth ift auch das den beiden
Bänden von Nr. 2 beigegebene Verzeichnifs der im Druck
erfchienenen Schriften Kr.'s, wozu im erften Band noch
ein Verzeichnifs der wichtigeren Schriften kommt, welche
aus Kr.'s Schule oder aus geiftesverwandten Schulen (befonders
der Fr. Fröbel's) hervorgingen. — Kommt aber
nicht das ganze Unternehmen, Kr.'s Philofophie neu zu
beleben, um etliche Jahrzehnte zu fpät? Die Herausgeber
antworten darauf (Nr. 4. S.VII): ,Ein philofophifches
Syftem gehört fo lange unbedingt der Gegenwart —
und noch nicht der Vergangenheit — an, als es im Einzelnen
und im Ganzen noch nicht wiffenfehaftlich widerlegt
ift. Das ift aber mit der Wefenlehre Kr.'s bis jetzt
entfehieden noch nicht gefchehen, und wir können es
ruhig abwarten, ob es überhaupt gefchehen werde'.
Soll diefes Wort die Zuverficht ausdrücken, dafs Kr.'s
Philofophie wiffenfehaftlich unwiderlegbar ift? foll es dem
Zweifel Raum geben, ob fie nicht trotz aller Bemühungen
der Kritik der Nichtbeachtung anheimfallen wird ? Wer
in Kr.'s Schriften blättert, wird einen folchen Zweifel
begreiflich finden. Denn Kr. felbft hat durch die Form,
in welche er feine Gedanken kleidete, ihre Wirkfamkeit
beeinträchtigt: er hat eine philofophifche Kunftfprache
gefchaffen, welche zwar manche gelungene Verdeutfch-
ungen aufweift und infofern die Theilnahme unferer
Sprachreiniger verdient, fich aber auch in fprachfehöpfe-
rifche Ausfchweifungen verliert. Von feinem ,Wefen-
fpruch', welcher die vollftändige Kategorienlehre enthält
, fagt er felbft, derfelbe werde in feiner fchliefslichen
Geftalt ,felbft fogenannten Philofophen aller Schulen,
wenigftens zum Theil, Unfinn und Thorheit zu fein
fcheinen' (Nr. 1, S. 605); in der That, wer darin eine lange
Kette von Bezeichnungen findet, wie ,Omom-Urmälfelb-
mälganzwefen' oder ,Anmälin - Antwefenheit', wird fich
leicht abfehrecken laffen, in die Werke des Philofophen
weiter einzudringen, der doch in anderen Schriften ein
hervorragendes Gefchick gemeinverftändlicher Darfteilung
bekundet.

Trotz ihrer Form hat nun aber Kr.'s. Philofophie bis
auf den heutigen Tag Anhänger gefunden. Seit ich mich
mit ihr befchäftigt habe, finde ich das verftändlich; ich
finde auch in der von Kr. gegebenen Aufzählung:
,Spinoza, Leibniz, Kant, Schelling, Fichte und ich' (Nr.
5. S. 108) die Hinzufügung des letzten Gliedes berechtigt.
Unberechtigt fcheint mir daran nur die Einreihung Kant's.
Denn wenn Kr., nicht minder als Fichte, überzeugt ift,
dafs er ,das Kant'fche Problem in feinem ganzen Umfang
erfafst und es aufzulöfen unternommen hat' (Nr.4. S. 208),
und wenn er auch wirklich manche Kant'fche Gedanken
aufnimmt, fo hebt fich doch der Kriticismus Kant's von
Kr.'s Syftem ebenfo ftark ab, wie von den Syftemen
fämmtlicher in obiger Reihe genannter Philofophen; ift
diefen mit Kr. doch das gemeinfam, dafs fie in ihrer
philofophifchen BYkenntnifs ,Gott als das Abfolute, als
das Princip der Wiffenfchaft fetzen' (id.). — Wer auf dem
Standpunkt kritieiftifcher Philofophie fleht, mufs fich alfo
gegen die Gefammtrichtung der Kr.'fchen Denkarbeit ablehnend
verhalten; aber gerade Kraufe's Syftem kann
ihm zeigen, worin gleichwohl der Werth und die Bedeutung
der Bemühungen fpeculativer Philofophen liegt.

In Kr.'s Philofophie flecken fogut wie in der eines
Plato, Ariftoteles, Spinoza u.a. für's Erfte brauchbare
,transfcendentale' Unterfuchungen — diefes Wort
im Kant'fchen Sinn verftanden —. Wenn es uns bei
Spinoza oder Hegel oft nicht ganz leicht wird, den vernünftigen
Sinn der von ihnen gegebenen metaphyfifchen
Deductionen zu erfaffen, wird uns dies bei Kr. leichter
: wir fehen, wie in feinen Begriffsentwicklungen —
ebenfo aber auch bei jenen anderen Philofophen —
als bewegende Kraft jene Grundfrage mitwirkt, von
welcher die Kant'fche Kritik der r. Vern. beherrfcht ift:
was gehört zum Begriff der Wirklichkeit? oder: in welchen
Bellimmungen mufs ich nothwendig alles Wirkliche
denken, welches Gegenftand meiner Erkenntnifs wird? Den
Sinn einer Antwort auf diefe Frage hat es, wenn Kr. darlegt
, wie wir ,Wefen' — man fetze dafür einmal ,das
Wirkliche unferer Erkenntnifs' — denken müffen unter den
Beftimmungen der Einheit (feiner Wefenheit nach), der
Selbheit (der Subftanzialität), der Ganzheit; weiterhin
dann der Formheit (als ein beftimmtes Wie), der Satz-
heit (= Positio, alfo als ein Pofitives; vgl. Herbart),