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Ausgabe:

1890 Nr. 2

Spalte:

517-518

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Römheld, Carl Jul.

Titel/Untertitel:

Beweise für die Einheit der Offenbarung des ewigen Gottes, nebst einer Erörterung der Frage, ob ‚Tradition‘ oder ‚Schrift‘ in der evangelischen Kirche. Ein Vortrag 1890

Rezensent:

Weiffenbach, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 21.

Goldkörner von chriftlicher Erfahrung und Lebens-Weisheit
, wie fie nur einem fcharf und unbefangen beobachtenden
Auge und einem von jedem Streberthum
freigebliebenen, tief im Heiland ruhenden und darum
innerlich unabhängigen tapferen Chriften-Gemüthe
entflammen können.

Von diefen Theilen des Buches kann auch der
Lefer einen reichen Segen empfangen, der das eigentliche
Refultat des fei. Verfaffers verwerfen mufs. Und
befonders unferer theologifchen Jugend möchte man ein
recht reichliches Mafs von der inneren Vertrautheit mit
der h. Schrift und der überall entgegenquellenden Bibel-
Kenntnifs, die der jetzt im ewigen Lichte weilende Verf.
auf Schritt und Tritt verräth, von ganzem Herzen wün-
fchen.

Friedberg i. Heff. Wilh. Weiffenbach.

Römheld, Pfr. Dr. Carl Jul., Beweise für die Einheit der
Offenbarung des ewigen Gottes, nebft einer Erörterung
der Frage, ob .Tradition' oder .Schrift' in der evan-
gelifchen Kirche. Ein Vortrag. Bielefeld, Velhagen
& Klafing, 1889. (41 S. gr. 8.) M. —.60.
Diefes Schriftchen enthält in Form eines (auf der
Provincial-Pfarrconferenz zu Darmftadt am 10. Juli 1889
gehaltenen) Vortrags gleichfam die Quinteffenz der
kürzlich (Theol. Lit.-Z. 1890, Nr. 8 und diefe Nr.) von uns
befprochenen beiden Bände der , Theologia sacrosancta1
des verewigten Verfaffers. In 6 Capp. (I. Vom Suchen
in der Schrift, II. Vom Oeffnen der Schrift, III. Von
der Offenbarung und der Bibel, IV. Einige Beweife aus
der hu Schrift, V. Einige Stimmen der Kirche, VI. Ein
mit Pf. 118, 16 überfchriebenes refumirendes Schlufs-
Capitel) gibt er feine uns der Hauptfache nach bekannten
Refultate in taue wieder.

Chriftus, und nur er, ift der eigentliche Inhalt
des A. T.'s.: dies tritt in's Licht 1) in den f. g.
meffianifchen Weisfagungen und Typen, 2) daran, dafs
der Sohn Gottes oder der Chriftus nach der Seite
feiner Gottheit unter der offenbarenden und doch
verhüllenden Bezeichnung Jehovah erfcheint, 3) darin,
dafs der Chriftus unter der gleichfalls o. u. d. v. Bez.
,der Name Jehovah's' fich darstellt. Diefe 3 Haupt-
Momente feiner obigen Grundthefe nennt R. die ,drei
Goldadern, welche das Gebirge des A. T.'s durchziehen',
während ,das Gold eitel Chriftus ift' (S. 6). Darnach
giebt es nur Eine Gottes-Offenbarung, nämlich die im
A. gleichmäfsig wie im N.T. beurkundete Chriftus-
Jehovah-Offenbarung, und nur einen geoffenbarten
Gott, ,nämlich Gott den Sohn', p. 22 [,denn nicht Gott
der Vater ift der geoffenbarte Gott, fondern der Sohn,
und zwar von Anfang bis zu Ende', p. 28]. Anfangs
ift diefer Offenbarungsgott der fchon den isr. Urvätern
bekannte Jehovah-Chriftus' (p. 19), in der Folge ift's
der .Chriftus-Jehovah', d. h. der Chriftus ift nun (feit
Jefu Geburt; nicht (mehr) blofs der Jehovah des A. B.'s,
fondern der Jehovah mit dem Menfchen Jefus zu einer
Perfon vereinigt* (p. 22). M. a. W. .Chriftus ift die
perfönliche ^Fortfetzung der Gefchichte des Jehovah
' (p. 23), weil: .derfelbe wie Jehovah'.

Aus dem reichen, dem A. und N. T., dem ev.
Kirchenliede, der Bibel-Ueberfetzung Luther's u. a. m.
entlehnten .Beweis'-Material feines 2 bändigen Werkes für
obige Sätze konnte der Vortragende natürlich nur
einen ganz kleinen Ausfchnitt geben. Ohne auf diefe
.Argumente' (vgl. befonders p. 10. 12. 14. 16 f. 19—21.
23—26. 29—31) nochmals einzugehen, können wir unfer
früher eingehend motivirtes durchaus ablehnendes
Urtheil über R.'s Refultate nur nachdrücklich wiederholen
. Ja, wir muffen diefe Ablehnung in dem nämlichen
Grade ftärker accentuiren, als des Verf's. Selbftgevvifsheit
in feinem .Vortrage' gradezu fchrankenlos geworden ift.

Heifst es doch S. 5: ,Eher geht die Welt zu Grunde,
ehe meine Behauptungen und Beweisführungen (sc. aus
der h. Schrift) widerlegt werden, oder: ,der Inhalt meines
Buches (Theol. sacr) im Ganzen ift unumftöfsliche
Wahrheit' (p. 32), oder: dafs einmal alle Zungen bekennen
: Jefus als der Chrift ift Jehovah' — das ,fteht
fefter als Himmel und Erde' (p. 35). Wer fo felbft-
gewifs ift und feinen Gegnern zuzurufen wagt: ,Entweder
mufs man fich zu der von mir vertheidigten Wahrheit
bekennen oder die Bibel über Bord werfen' (p. 6),
ja fchreiben kann: ,Die Sache, die ich vertrete, ift Chrifti
Sache, fie ift Chrifti Ehre, fie ift auch Chrifti
Werk. Ich weifs gewifs, er wird fie zum Siege
führen' (p. 34): mit dem ift nicht einmal wiffenfchaft-
licher Streit, gefchweige Verständigung möglich.

Beigegeben ift dem Vortrage als .Anhang1 (p. 35—41)
eine fcharfe Auseinanderfetzung R.'s mit Prof. Zöekler
wegen ungünftiger und angeblich ungerechter Befprechung
des R.'fchen Buches in der ,Evangelifchen Kirchenzeitung
', auf die näher einzugehen kein Grund vorliegt.

Um zu zeigen, dafs unfer fcharfer Widerfpruch
gegen R.'s Hauptrefultat uns nicht blind macht gegen
das Gute in feinem Schriftchen, heben wir fchliefslich gerne
anerkennend hervor: feine trefflichen und wahrhaft freifinnigen
Ausführungen über das Verhältnifs von h. Schrift
und Dogmatik (p. 9 f. 13 f.), über Symbole und Dogmatismus
(ibid. u. p. 14 f.), über das Wefen der Offenbarung
und ihr Verhältnifs zur Bibel (p. 21 f.) fowie über
die Einheit der Offenbarungs-Urkunde (p. 34), endlich auch
feine (wenigstens theilweife) treffenden Bemerkungen über
die Juden-Miffion (p. 25 f.). In diefen und vielen
anderen Punkten uns eins wiffend mit dem nun im ewigen
Lichte wohnenden Verf., eignen wir uns auch freudig
fein Motto an:

Ach, wenn ich nur Jefum recht kenne und weifs,
Dann hab' ich der Weisheit vollkommenen Preis!

Friedberg i. Heff. Wilh. Weiffenbach.

Flügel, O., Die Seelenfrage mit Rückficht auf die neueren
Wandlungen gewiffer naturwiffenfehaftlicher Begriffe.
2., verm. Aufl. Cöthen, O. Schulze Verl., 1890. (VIII,
129 S. gr. 8.) M. 2.—

,In klarer und eingehender Erörterung unterfucht der
Verfaffer die Gründe für die Annahme eines einfachen
Seelenwefens'. So konnte in der Theol. Literaturzeitung
(1879 Nr. 5) über die erste Auflage diefer Schrift geur-
theilt werden. Mindestens gleiches Lob verdient die
zweite. In den beiden ersten Abfchnitten: .Gefchicht-
liche Einleitung' und: .Worin hat der Matefialismus
Recht?' ebnet fich Verf. das Terrain für die Erörterung
feiner Hauptfrage, indem er gewiffe Grundbegriffe feststellt
und gewiffen Verwechslungen vorbeugt. Befonders
intereffant ift fein Nachweis, dafs der Materialismus mit
einer idealiftifchen Erkenntnifstheorie wohl zufammen beliehen
kann, wenn nur die Zustände in uns, die wir zufolge
einer folchen Theorie allein wahrnehmen, lediglich
als das Product von Druck und Stöfs der Atome betrachtet
werden. In den folgenden Abfchnitten: Gehirn
und Geht, Bewegung und Empfindung, Stoff und Kraft,
wird dann, unter eingehender Berückfichtigung abweichender
Anflehten, die von grofser Vertrautheit mit der
einfehlägigen Literatur zeugt, der Nachweis geführt, dafs
die Atomtheorie fich überhaupt nur halten kann, wenn
fie ein inneres Gefchehen in den Atomen, und zwar Atomen
verfchiedener Qualität annimmt. Hier ift befonders die
Erörterung S. 74 ff. hervorzuheben, die durch eine Reihe
einfacher Bemerkungen wichtige Gefichtspunkte zur Geltung
bringt.

Der letzte Abfchnitt: .Einheit des Bewufstfeins' bringt
die Befprechung des eigentlichen Thema's, auf welche die
vorhergehenden Abfchnitte vorbereitet hatten. Nachdem