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Ausgabe:

1890

Spalte:

504-505

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wippermann, Alb.

Titel/Untertitel:

Das Evangelium von Christo in Hausandachten 1890

Rezensent:

Schlosser, Georg

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503 ineologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 20. 504

welcher der Verf. allen den verfchiedenen Beziehungen
Theodoret's und der Mannigfaltigkeit feiner fchriftftelle-
rifchen Thätigkeit gerecht zu werden beftrebt gewefen ift.
Der Polemiker gegen die Monophyfiten, der Härefiologe,
der Exeget, der Bifchof, das Stadthaupt, der Hiftoriker,
der asketifche Schriftfteller, ferner die zahlreichen Beziehungen
zu Antiochien, Alexandrien, Conftantinopel,
Rom etc. werden in gleicher Weife gewürdigt. Mit un-
verdroffenem Eifer fucht der Verfaffer dabei überall auf
den Grund der Dinge zu gehen. Die Quellen derKirchen-
gefchichte und des ketzerbeflreitenden Werkes Theodoret
's werden mit derfelben Sorgfamkeit aufgefpürt, wie
die verworrenen kirchenpolitifchen Fäden, welche damals
die grofsen Bifchofsftühle mit einander verbanden, und
vor chronologifchen Unterfuchungen — doch find fie nicht
die Stärke des Buches — fchreckt der Verf. ebenfowenig
zurück wie vor dogmatifchen. Wahrhaft erftaunlich' aber
ift 3) die Literaturkenntnifs des Verfaffers. Es ift mir
nicht bekannt, dafs in den letzten zehn Jahren in Deutfch-
land ein kirchenhiftorifches Werk erfchienen ift, in welchem
die ältere und die neuere deutfche, englifche und
franzöfifche Literatur in diefer Reichhaltigkeit herbeigezogen
ift. Und diefes Buch ift in Moskau gefchrieben
und gedruckt! Welche Bücherfchätze mufs die Bibliothek
der Geiftlichen Akademie dafelbft bergen? oder wo fonft
hat der Verfaffer feine Bücherkenntnifs gewonnen? Von
Zeller's Biblifchem Wörterbuch f. d. chriftl. Volk bis zu
den verborgenften Differtationen über Geographie und
Gefchichte des Alterthums ift dem Verf. die gefammte
deutfche Literatur der Gegenwart zugänglich gewefen.
Ich habe durch ihn Kenntnifs von deutfchen Arbeiten
erhalten, die mir entgangen waren. Aber die franzöfifche
Literatur ftand ihm nicht minder zu Gebot. Genfer
, Thescs' werden neben den Quellenunterfuchungen von
Holzhaufen, Jeep, Güldenpenning etc. etc. citirt,
und in den Anmerkungen zu feiner Darfteilung fammelt
der Verf. immerfort eine internationale Gefellfchaft von
Gelehrten, unter denen auch die Ruffen nicht fehlen.
Vor Allem aber hat er die grofsen franzöfifchen Patri-
ftiker und Kirchenhiftoriker des 17. und anfangenden
18. Jahrh.'s auf's gründlichfte ftudirt und ift keineswegs
der Meinung, dafs die Modernen fie zu erfetzen vermögen
. Dazu ift es ihm nirgendwo um ein Prunken mit
feinen Kenntnifsen zu thun. Alle Ausführungen find
fachlich, hin und her find die in den Anmerkungen geführten
Controverfen zu kurz behandelt. Man möchte
öfters den Text knapper und die Noten ausführlicher
gefafst fehen.

Die Anlage des Werkes ift folgende: Der erfte Band
zerfällt in fieben Capitel. Das erfte fchildert das Leben
Theodoret's bis zu feinem Epifkopat (1—25), das zweite
fchildert ihn als Bifchof, und zwar a) feine gemeinnützige
Thätigkeit in der Stadt, b) feine geiftliche Thätigkeit als
Paftor, Lehrer und Ketzerbeftreiter (26—44). Die drei
folgenden Capitel (45—232) find der grofsen dogmatifchen
Controverfe bis zur Räuberfynode und der Abfetzung
Theodoret's gewidmet. Das fechfte Capitel zeigt uns die
Reftitution des Bifchofs in Chalcedon und führt bis zum
Tode Theodoret's (233—303). Das letzte Capitel endlich
handelt von dem Gefchick des Verdorbenen im Urtheil
der Kirche, befonders im Dreicapitelftreit (304—349). Der
Verfaffer ift ein Verehrer Theodoret's und als orthodoxer
Katholik ein ausgefprochener Gegner des Neftorius, ein
Vertheidiger Cyrill's und ein Gegner Dioskur's. Dafs er
bei diefer Haltung weder den Vorzügen noch der Schwäche
Theodoret's ganz gerecht werden konnte, war unvermeidlich
. Beweis dafür ift die Beurtheilung Theodoret's

fein. Innerhalb der einmal abgefteckten Grenzen zeigt
der Verfaffer Freiheit und ift überhaupt fern von allem
Fanatismus. Gerechtigkeit fucht er gegen die alten und
neuen ,Häretiker' zu üben, und er mag fogar darin Recht
gegen uns behalten, dafs wir leicht geneigt find, es bei
einem Mann wie Theod. vorübergehend zu vergeffen,
dafs er vor Allem Katholik gewefen ift.

Die Stärke des Buches liegt im 2. Band; doch möchte
ich deshalb den erften nicht herabfetzen. Wir erhalten
im 1. Theil des zweiten Bandes eine ftaunenswerth gründliche
Darfteilung der exegetifchen Arbeiten Theodoret's
(S—70). Im 2. Theil werden die dogmatifch-polemifchen
und dogmatifchen Werke befprochen, foweit fie nicht
fchon im erften Band behandelt wurden. Auch die apo-
logetifchen Werke find hier erörtert; in Bezug auf die
Schrift ,Graccarum affectionum cura1 fetzt fich der Verf.
mit den Arbeiten von Neumann, Freudenthal und
Roos auseinander (71—242). Der dritte Theil ift den
hiftorifchen Werken Th.'s gewidmet. Den Glanzpunkt
bildet hier die Unterfuchung der Kirchengefchichte Theodoret
's auf ihre Quellen. Die Darfteilung wird faft zu
einer Apologie, aber zu einer berechtigten. DieForfchung
ift hier in glücklichfter Weife weiter geführt. Das Er-
gebnifs des Verfaffers, dafs Theodoret den Eufebius, Rufin
und Philoftorgius, aber wahrfcheinlich nicht den
Sokrates und Sozomenus benutzt hat, fcheint mir in
feiner vorfichtigenFormulirung richtig, und gegen Jeep's
Quellenunterfuchung behält der Verf. ebenfalls an mehr
als einer Stelle Recht (243—338). In gleich umfichtiger
Weife find die Quellen und die Anlage des ,Compendiums
[liaei-eticarum fabularuni)1, erörtert. Der Verfaffer ift hier
kühn in die Quellenkritik des Gnofticismus hinabgetaucht
und hat nichts bei Seite gelaffen, was zur Unterfuchung
gehört. Eine wirkliche Bereicherung bringt feine Forfch-
ung über die Epitome, deren grofse Bedeutung für die
griechifche Dogmatik ich (Lehrbuch der Dogmengefch. II
S. 476; hervorgehoben habe (339—411). Der letzte Ab-
fchnitt diefes Theils handelt von der Oilöiteog aiOQia,
ihrer Glaubwürdigkeit und ihrem Werthe für die Gefchichte
des orientalifchen Mönchthums (412—439). Der
vierte Theil ift dem Redner und Prediger Theodoret
gewidmet (440—472), der fünfte den Briefen (473—490),
der fechste den verloren gegangenen und den pfeud-
epigraphen Werken (491—507). Eine zufammenfaffende
Ueberficht über Theodoret als Schriftfteller bildet den
Schlufs.

Berlin. A. Harnack.

Wippermann, Pfr. em. Dr. Alb., Das Evangelium von Christo
in Hausandachten. Leipzig, Buchhandlg. des Vereinshauses
, 1890. (VI, 597 S. gr. 8.) geb. M. 4. 50.

Unter der Fülle von Andachtsbüchern, die erfreulicherweife
heute wieder dem chriftlichen Haufe zum
Gebrauch geboten werden, fucht das vorliegende eine
eigenartige Stellung dadurch zu bewahren, dafs es fich
die Aufgabe ftellt, die evangelifche Gefchichte, und diefe
allein, im Laufe eines Jahres vorzuführen und auszulegen.
Nur mit der Pfingftgefchichte ift, um des Kirchenjahres
willen, dem fich die Anordnung des Stoffes möglichft
anfchliefsen foll, eine Ausnahme gemacht. Jedem Ab-
fchnitt ift eine meift kurze Auslegung und ein Liedwort
beigegeben. Die Auslegung knüpft jedesmal an ein befonders
hervorragendes Wort des Textes an, der meift
in recht gefchickter Weife aus dem Zufammenhang erläutert
wird. Der praktifchen Anwendung ift nachzu-
als Mitglied der chalcedonenfifchen Synode. Hier will ' rühmen, dafs fie fich meift in dem Kreife hält, der dem

der Verf. von den Bedenken nichts wiffen, die gegen die j nächften Bedürfnifs der Hausandacht entfpricht, in dem
von feinem Helden eingenommene Haltung erhoben Kreis des inneren Lebens, fowie des häuslichen Lebens,
worden find. Man mufs ihm das nachfehen. Die dog- der Aufgaben der Kindererziehung und des Berufes. Die
mengefchichtlichen Partien können niemals die Stärke Betrachtungen zeichnen fich durch edle Einfachheit der
einer patriftifchen Monographie aus katholifcher Feder Sprache, durch Wärme der religiöfen Empfindung und