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Ausgabe:

1890 Nr. 20

Spalte:

498-502

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Führer, Jos.

Titel/Untertitel:

Ein Beitrag zur Lösung der Felicitasfrage 1890

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 20.

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Briefe zu haben fcheint, macht nichts aus. Auch ift für
die Katholiken die Erkenntnifs diefer Thatfache kein
Vorwurf (S. 109 Anm. 1).

Der zweite Abfchnitt von Atzberger's Buch behandelt
die jüdifche Eschatologie im Zeitalter Chrifti und
ift ohne Zweifel der bedeutendfte und werthvollfte des
ganzen Werks (S. 116—189). Leider ift das reiche Material
fehr wenig verarbeitet. Irgendwelche Verbindungslinie
rückwärts oder vorwärts find kaum gezogen. Zwar
erhebt fich Atzberger S. 118 zu dem Satze: (die pfeud-
epigraphen jüdifchen Schriften) .bilden, und zwar mehr
als vielfach betont vird, die Bafis und den Hintergrund
oder auch das Gegenbild fehr vieler Lehren des Neuen
Teftamentes, fie fliefsen fogar materiell ein in den Gedankenkreis
vieler chriftlicher Schriftfteller'. Aber man
mufs beachten, dafs wenigftens am Schlufs nicht von
neuteftamentlichen Schriftftellern die Rede ift. Denn auf
das Neue Teftament haben nach S. 119 diefe Schriften
keinen Einflufs geübt. ,So liefern wir hier eine Vorarbeit
weniger für das Verftändnifs der neuteftamentlichen Es

fein Urtheil über den Menfchen erft auf Grund der Aen-
derung im Menfchen: das wenigftens fcheinen mir Atzberger
's Worte zu befagen. Aber Atzberger giebt jedenfalls
zu, dafs der Gnadenerweis Gottes in der Rechtfertigung
von einem gnädigen Gott ausgeht, alfo ift Gott
dem Sünder gnädig, wenn er ihn in Chrifto zur Heiligung
beruft, und diefes Liebesverhältnifs des heiligen Gottes
zu einen fündigen Menfchen kann fich der Letztere nur
erklären aus feinem eigenen Verhältnis zum Sohn Gottes,
zu Chriftus. Uebrigens tritt in Atzberger's Ausführungen
die katholifche Lebensauffaffung im Unterfchied von der
proteftantifchen fcharf hervor. Um von Bekannterem
(Freiheit, Verdienft, Lohn S. 238) zu fchweigen, ficht
Atzberger in derTheilnahme an göttlicher Natur (2 Petr. [,
4. S. 235) das innerfte Wefen der Gottesverheifsungen und
im Scnauen Gottes (S. 263 und fehr oft) das letzte Ziel
der Seligkeit. Aber dem Proteftanten ift Seligkeit die
Gewifsheit der Gnade Gottes (Rom. 4, 7. 8) und die Betätigung
des gottgewirkten guten Charakters (Apg. 20,
35; Matth, j, 3—10; Jak. 1, 25).

chatologie als für eine Darfteilung der dogmenhiftorifchen Nach S. 254 gilt die Hadesfahrt Chrifti der Erlöfung

Entwicklung' Im Einzelnen bemerke ich, dafs Rönfch, der vor Chriftus geftorbenen, aber vor ihrem Tode be-

das Buch der Jubiläen, keinen vollftändigen Text diefer
Schrift enthält (S. 126, Anm. 2). Ferner fcheint es mir
abfolut unmöglich, das Buch Henoch nur in Grundfchrift
und Bilderreden zu zerlegen (S. 124). Die fogenannte
Grundfchrift zerfällt in eine ganze Reihe von Stücken
theils pharifaifcher theils effenifcher Herkunft. Die Behauptung
Talm. Enibin fol. 19a, dafs aus dem Thal Ben
Hi nnom ein Rauch aufftieg, der auf unterirdifches Feuer
fchliefsen liefs, dürfte bei dem Mangel fonftiger
Nachrichten auf einer aus der Bedeutung des Ortes fich
ergebenden Sage beruhen (S. 186). Wenn endlich
Atzberger im folgenden dritten Abfchnitt häufig von der
rein linnlichen Art der fpätjüdifchen Zukunftshoffnung
redet (S. 192. 193 und oft), fo könnte man aus diefem
zweiten Abfchnitt fehr viel Material zum Beweife des
Gegentheils beibringen. Ich verweife nur auf S. 167. 170.
Namentlich wäre hervorzuheben, dafs die Anfchauung
Gottes zuerft von Philo als .höchfte, übernatürliche Belohnung
und Quelle der ganzen jenfeitigen Befeligung'
(S. 245) dargeftellt wird (S. 149). Das darf Atzberger
freilich nicht als eine Offenbarung an Philo anerkennen.

Am umfangreichften ift fachgemäfs der dritte Abfchnitt
: die Eschatologie des Neuen Teftaments. In
der Einleitung S. 192 wird als unabweisbarer Eindruck
hervorgehoben, dafs .zwifchen dem, was das Alte Teftament
weisfagte und derlfraelite erwartete, und zwifchen
dem, was im Neuen Teftamente zur Thatfache ward, ein
ziemlicher Unterfchied, wenn nicht gar Gegenfatz befteht'.
Die hier nachhinkenden Beruhigungsfätze fchmecken etwas
nach erwarteter oder erfolgter Cenfur. Merkwürdig
ift, wenn in der langen Anmerkung 2 S. 196 zuerft der
Gedanke an verfchiedene Lehrtropen der neuteftamentlichen
Schriftfteller heftig zurückgewiefen und nachher
der Mangel an katholifchen Unterfuchungen und Darftellungen
der einzelnen neuteftamentlichen Lehrbegriffe
beklagt wird. Die Vulgata betrachtet der Verfaffer nirgends
als bindend, aber immer (aufser S. 346 zu 1 Theff.
4, 15) als möglicherweife im Recht befindlich. Daneben
erfcheint der .recipirte griechifche Text- wie durch katholifche
Tradition geheiligt (S. 201). Trotz des Ausdruckes
'oinüadai darf Paulus nicht an einen Todesfchlaf der
Seele glauben i.S. 212). Fälfchlich foll auch das Wort
Jefu Joh. 18, 36 einen fundamentalen Unterfchied zwifchen
dem von den Juden erwarteten und dem von Chriftus
begründeten Gottesreich hervorheben; aber auch nach
jüdifcher Erwartung ift das Gottesreich «j ovqccvov, alfo
nicht i/. xov uoopov tovtov (S. 219).

Die neuteftamentliche Lehre von der Vollendung des
Einzelnen umfafst irgendwie die ganze Heilsaneignung.
Atzberger fühlt fich veranlafst, S. 236. 237 gegen die re-
formatorifcheRechtfertigungslehrezukämpfen. Gottändert

kehrten Sünder. Dals auch im Tempel des Herodes
Cherubsbilder und Bundeslade ftanden, erfährt man S. 269.
Sehr fchön ift dieExegefe von 1 Cor. 3, 11 —15 auf S. 275 ff.
Einen Tadel finde ich bei der Erwähnung der Taufe für
die Verdorbenen 1 Cor. 15, 29 nicht ausgefprochen (S.280).
Seltfamerweife follen S. 281 die Seelen im Fegfeuer vollkommenwerden
können ohne pofitives Wachsthum in der
Gnade. Nach S. 297 mufs angenommen werden, dafs in
der Gehenna ein wirkliches, materielles Feuer fich findet.
Ebenfo bei der Parufie S. 277 und beim Weltbrand S. 375.
Bei letzterem (vgl. 2 Petr. 3, 4—7) kommt das F"euer von
oben herab und von unten herauf (S. 376). Das Zeichen
des Menfchenfohns Matth. 24, 30 ift nach S. 323 das
heilige Kreuz. Diefe Annahme ift allerdings, wie der
Verfaffer felbft fagt, billig. Vor Chrifti Wiederkunft ertönt
die Stimme des Erzengels durch die Pofaune. Atzberger
ift fo mafsvoll, nicht zu beftimmen, welcher Erzengel
gemeint ift (S. 324. 325). Dafs Paulus 1 Theff. 4,
14—16 fich als bei der Parufie lebend vorftellt, wird dadurch
erklärt, dafs ,Paulus fich felbft unter den Lebenden
fchaut, wenn er die zweite Parufie fich vergegenwärtigt
'. Das ift nun freilich nach gewöhnlicher Menfchen
Verftand gerade der Irrthum des Apoftels gewefen.
Nicht klar ift mir, wie nach S. 244, 257 ein Feftmahl im
Himmel bereitet fein foll und doch nachS. 350 bei den Auf-
erftandenen wie der Gefchlechtsverkehr fo auch das Be-
dürfnifs der Nahrung wegfallen wird. Wirkliche Bücher
werden beim Gericht nicht aufgefchlagen (S. 363), aber
allen wird Schuld und Verdienft aller (S. 364), vor allem
auch ihrer felbft klar (S. 365). Die Schlufsfentenz wird
— wahrfcheinlich — gefällt auf eine wahrnehmbare Weife
durch finnfällige Worte (S. 366). Anzuerkennen ift, dafs
S. 379 nach Schilderung der verklärten Welt und des
neuen Jerufalems zu lefen ift: ,man wird fofort ins Un-
fichere und Schwankende gerathen, wenn man in den
apokalyptifchcn Vifionen mehr finden will, als beftimmte,
religiöfe Grundideen'. Dafs fich der Verfaffer das doch
gemerkt hätte!

Gegenüber folchen, zwar fehr gelehrten, aber den
lebendigen Bedürfnifsen der Gegenwart nicht entfprechen-
den Leiftungen wird der neueren proteftantifchen Theologie
, die nach dem Vorwort in diefem Buch bekämpft
werden foll, nicht bange.

Giefsen. Oscar Holtzmann.

Führer, Studienlehr. Dr. Jof., Ein Beitrag zur Lösung der
Felicitasfrage. Leipzig, Fock, 1890. (162 S. gr. 8)
M. 1. 60. ";

Ich erinnere mich nicht, in den letzten Jahren eine hifto-
nfch-antiquanfche Unterfuchung in deutfcher Sprache ge-