Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1890 Nr. 19

Spalte:

478-479

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Goitein, H.

Titel/Untertitel:

Der Optimismus und Pessimismus in der jüdischen Religionsphilosophie. Eine Studie über die Behandlung der Theodice in derselben bis auf Maimonides 1890

Rezensent:

Siegfried, Carl

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

477

Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 19.

478

Welten der alt-mandäifchen Theologie mit ihrem überzähligen
Perfonal und der oft unergründlichen Rangordnung
mit kühnem Griff auf ein einfaches Syftem be-
fchränkt (S. 146). Die Lehre von dem grofsen, refp.
erhabenen .Lichtkönig' ift entfchiedenfter Monotheismus
(S. 24). Auf fie find parfifche Vorftellungen von
Einflufs gewefen (S. 194 ff.): der Gegenfatz von Licht und
Finflernifs wird mit dem von Gut und Böfe identificirt,
was der altmandäifchen Schule fremd war: hier der erhabene
Lichtkönig und fein Reich, dort der König der
Finfternifs und diefe felbft, die ,von Natur böfe' ift. So
hat die Lichtkönigslehre die Bafis der mandäifchen Ent-
wickelung von der babylonifchen nach der parfifchen
Religion verlegt. Ihre .gute Zeit' ift das 3. bis 6. Jahrh.
gewefen (S. 59). Der Urheber der Lichtkönigslehre oder
feine Schule mögen manichäifche Schriften benutzt
haben, indeffen der ganze Charakter des manichäifchen
Syfterns, welches fchon der Erfchaffung der Welt eine
foteriologifche Abficht unterbreitet, fein Dualismus und
feine Askefe liegen der mandäifchen Religion fern (S. 198).
In der Zeit der moslirnifchen Herrfchaft find dann wieder
Rückfchläge eingetreten. Die Mandäer, mit deren Grund-
fätzen fich die reservatio mentalis auch in religiöfen
Dingen verträgt (S. 147), und die Verfolgungen gegenüber
fich niemals ftandhaft zeigten (S. 174), wollten bei den
Moslem für Chriften durchgehen und haben fich darum
einen chriftlichen Anftrich gegeben (S. 164). So ift die
auch im Quorän hochverehrte Perfon des Johannes von
Neuem zur Geltung gekommen (vgl. die Auffchriften der
Tractate 11 und 14 und die Dräse d'Jahjä), und das
mandäifche Bewufstfein hat fogar der grundfätzlichen
Feindfchaft gegen Jsu-Mäihä, Jefus Chriltus, den falfchen
Meffias, entfagt (S. 165).

Den heutigen Mandäern ift von ihrer alten Lehre
kaum noch etwas geblieben. Die alten Mythologien und
Theologien haben keinen Einflufs mehr auf fie. Alähä
(Gott) fei doch nur einer, damit umgehen fie alle Schwierigkeiten
(S. 19). Ein folcher Alähä kommt aber in den
Tractaten des Geusa, wo er überhaupt genannt wird, nur
als Bezeichnung des Gottes der Juden oder Chriften, I
überhaupt der Ungläubigen vor. Schon die Art und |
Weife, wie in einer Zeit des Erfterbens geiftigen Lebens
unwiffende Copiften die einzelnen Tractate des Geusa
zu einem Ganzen zufammengeftellt haben, ohne zu bemerken
oder zu beachten, dafs fo manche polytheiftifche
Stelle darin ftand. die dem fpäteren mandäifchen Bewufstfein
hätte anftöfsig fein müffen (vgl. das oben Ge-
fagte), beweift, wie geringes Gewicht auf die Lehre gelebt
worden ift. Thatfächlich find denn auch die Mandäer
inf Punkt des religiöfen Lebens fehr confervativ geblieben
. In der Darfteilung des Geusa finden fich hierüber
keine Differenzpunkte, und trotzdem die älteften poly-
theiltifchen Beftandtheile weder Cultus- noch Sittenlehre
vorgetragen zu haben Rheinen, find doch Andeutungen
vorhanden die darauf fchliefsen laffen, dafs die eigentlich
facramentalen Inftitutionen der mandäifchen Religion:
die Taufe, das Nennen des Namens des Lebens, das
Kuftn (eine Handfchlagsceremonie bei der Aufnahme)
u. A. von jeher zu den religiöfen Handlungen gerechnet
worden find (S. 83). Ich bemerke, dafs gerade diefe Ab-
fchnitte im Br.'fchen Buch fehr lefenswerth find. Die
Sätze der mandäifchen Moral find edel und hoch, leider
läfst ihre Befolgung heutzutage viel zu wünfehen übrig.
So ein wenigftens hat den heutigen Mandäern das Zeug-
nifs ausgeftellt, dafs fie ,Diebe und Lügner' und eines
Meuchelmordes fehr wohl fähig feien (S. 87). Uebrigens
flehen fie auf dem Auslterbeetat. Siouffi hat ihre Ge- j
fammtzahl auf 4000 Seelen veranfchlagt (S. 8), und es [
fleht zu gewärtigen, dafs mit der jetzt lebenden Generation
das Mandäerthum dahinfehwinde (S. 175).

In den Beilagen A—N werden Einzelheiten erörtert I
und längere Ouellenbelege gegeben. Von befonderem !
Intereffe ift die Erörterung des Verhältnifses von Eicha- I

faismus und Mandaismus (vgl. auch S. 178 f.). Beide
Religionsformen erfcheinen einander fehr ähnlich: der
Elchafaismus ift nach Br. eine mit Hülfe der (buddhifti-
fchen, wenigftens nicht mandaiftifchen) Idee von der
Wiederkehr des Propheten der Wahrheit, und des Tauf-
cults entworfene Reform des judenthums. Sein geheim-
nifsvolles Buch erhielt der Autor, an deffen Auftreten
im 3. Jahr Trajan's nicht gezweifelt zu werden braucht,
nach Philos. IX, 13 durch einen gewiffen loßiat aus Sera
in Parthien (d. h. von weit her); er felbft (Elchafai) war
kein Sabier, fondern ein Jude, der entweder im Oftjor-
danland oder an einer Karavanen-Route im nördlichen
Syrien feine Heimath hatte, wo er mit Gebräuchen und
Ideen der Mughtafila, d. h. der ,fich Wafchenden' alfo
i der Täufer, bekannt geworden war, die ihm einen trefflichen
Erfatz für den Tempelcult der eigenen Religion
j zu bieten fchienen. Diefer Reform find die Juden in
Syrien nicht unzugänglich geblieben, und die grundfätz-
lich mofaifchen Judenchriften find wohl alle diefem Elcha-
! faismus verfallen. Die pfeudo-clementinifche, bezw. ebio-
nitifche Gnofis foll das nach Br. beweifen. Unter den
Masbotheern, einer der ,7 jüdifchen Secten' (vgl.
Hegefipp bei Euf. IV, 22) find wohl, nach Brandt, ebenfalls
Mughtafila, Täufer zu verliehen, und ebenfo find die
Sampfäer ein Abfenker derfelben (S. 180). Endlich ift
auch der Effenismus eine dem Mandaismus analoge
Erfcheinung auf dem Gebiete des Judenthums (S. 200).

Der Verfaffer, deffen Mutter eine Deutfche ift, fchreibt
im Wefentlichen klar und richtig (trotz Lagarde S. 389);
nur kleine Verltöfse find mir aufgefallen: S. 72, Z. I v.
u. die Vorftellung — haben wir erbracht; 103, 14: die
Untertauchung — ift in Unbrauch gekommen; 104, 30:
recentes (fo!) Datum; 107, 14: das Pehtä — kommt zur
Rede; 129, 15: daraus ergeht faft mit Sicherheit; 150,
21: das recente (fo!) Auftreten des Johannes; 204, 27:
das Waffer zur Rede bringen. Druckfehler find gleichfalls
feiten: S. 58, Z. 24 lies reeipiren; 74, 23 lies Ma-
tarta ftatt Matiä; 85, 4 v. u. jetzigen ft. heutigen; 88,
16 ff. fcheint der Satz in Unordnung oder der Nach-
fatz zu fehlen; 107, 3 te ft. de; 108, 12 beltändig ft. be-
ftändigt; 117, 29 »ipCMnl ft. Ifitairffl; 166, 10 eines ft.
feines; 170, 11 Offenbarungsmittler; 193, 10 fehlt ,es'.
Möchte der Verfaffer Zeit finden, feine weiteren Pläne
zu verwirklichen, befonders aber den einer Unterfuchung
welches Licht auf den Tauf- und Abendmahlsbrauch in
der chriftlichen Kirche durch die offenbar bedeutende
Rolle, welche diefer Brauch bei den .Badem' am Euphrat
von jeher gefpielt hat (S. VI), geworfen wird.

Giefsen. Q. Krüger.

Bei erneuter Durchficht meines Buches über die Mandäifche
Religion find mir nachftehende Verfehen aufgeftofsen, die ich hiermit
berichtige:

S. 5', z- 33 anftatt: oben S. 35 lies: oben S. 34.

S. ic2, Anm. 2 anftatt: der in Basra üblichen Verficherung lies: dem
in Basra überlieferten Klotterbericht. — Ebenfo ift S. 106 dem Umftand
Rechnung zu tragen, dafs Ignatius a Jefu fich betreffs der Taufformel an
den Kloflerbericht gehalten hat. Zeile 12 f. ift alfo auf den Autor diefes
Berichtes zu beziehen.

S. 103, Z. 2 legte, lies: legt.

S. 106, Z. 4 der erlten Anm. lies: fol. 14, 28 ff. (vgl. 20. 28 ff.).
S. 132, Z. 27 den Compofition, lies: die Compofition.
S. 186, letzte Z. lies: NTis-r-sr S'i-ri (mit 1 copulat.) und vergl.
die ähnliche Stelle Qol. 52, 10 KPKUeijwi n'it.
S. 193, Anm. i, anftatt 151 lies: 170 Anm.
Zierkzee, 20. Juni 1889. v. Brandt.

Goitein, H., Der Optimismus und Pessimismus in der jüdischen
Religionsphilosophie. Eine Studie über die Behandlung
der Theodice in derfelben bis auf Maimonides.
Berlin, Mayer & Müller, 1890. (VIII, 112 S. 8.) M. 2.80.

Die vorliegende Schrift ift aus guten philofophifchen
und hterarhiftorifchen Studien hervorgegangen. Die erfte-
ren zeigen fich in den zahlreichen gelegentlichen Seiten-