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Ausgabe:

1890

Spalte:

473-478

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Brandt, A. J. H. W.

Titel/Untertitel:

Die mandäische Religion, ihre Entwicklung und geschichtliche Bedeutung, erforscht, dargestellt und beleuchtet 1890

Rezensent:

Krüger, Gustav

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doch gerne ihm beiftimmen, wenn er (S. 21) fagt: ,Wir
könnten erklären, dafs der hermeneutifch richtig erkannte
Gedanke für uns unvollziehbar fei, aber wir haben
wiffenfchaftlich kein Recht, ihn exegetifch zu gewältigen
und zu fälfchen.'

Friedberg i. Heff. Wilh. VVeiffenbach.

Brandt, Pfr. Dr. A. J. H. W., Die mandäische Religion,

ihre Entwickelung und gefchichtliche Bedeutung, er-

forfcht, dargeftellt und beleuchtet. Leipzig, Hinrichs,

1889. (XII, 236 S. gr. 8.) M. 8. —
Den Lefern diefer Zeitung ift der Auffatz von Dr.
Kefsler über die Mandäer in Herzog's Realencyklopädie,
2. A., Bd. IX, S. 205—222 zugänglich, und fie können
fchon daraus entnehmen, dafs die herkömmliche und in
den Lehrbüchern der Kirchengefchichte noch bis in die
neuefte Zeit hinein fich findende Betrachtung der Mandäer
als Johanneschriften' nicht zutreffend, ja überhaupt
die Annahme einer jüdifchen oder chriftlichen Grundlage
ihrer Lehre falfch ift. Diefes Urtheil ift durch die Untersuchungen
von Dr. Brandt vollkommen beftätigt und
mit allen wifienfchaftlichen Mitteln von neuem bewiefen
worden. Auch die abgefchwächte Form, in der die alte
Anficht noch jüngft in Möllers Lehrbuch der Kirchengefchichte
, Bd. I, S. 306, vorgetragen wurde, wird hinfällig
: wenigftens beabfichtigt Brandt, in einer weiteren
Veröffentlichung den Nachweis zu liefern, dafs die Exi-
ftenz einer Johannesgemeinde fowohl, wie die der He-
merobaptiften als einer befondern jüdifchen Secte überhaupt
fehr problematifch ift.

Brandt war zu eigenen Studien über die Religion
der Mandäer durch die Unbefriedigtheit veranlafst
worden, mit der ihn die bisherigen Forfchungen erfüllt
hatten. Die Mittheilungen von Reifenden wie Petermann
(1859; und Siouffi (1883) über die heutigen
Mandäer zeigen, dafs von diefen weder direct auf die
alte Religion zurückgefchloffen werden kann, noch auch
bei ihren Prieftern fichere Auskunft über diefelbe zu
finden ift, da diefe Priefter felbft nur eine ganz unvollkommene
Kenntnifs ihrer eigenen heiligen Schriften und
darum auch der alten mandäifchen Religion befitzen.
Man mufs fich vielmehr in diefen heiligen Schriften
felber umfehen, was bei dem Labyrinth ihres Inhalts
und der troftlofen Verfaffung des Textes (Brandt, S. 49)
eine fchwere Aufgabe ift. Auch Kefsler hatte das ge-
than, aber feine Arbeit fchien Brandt die Forfchung
nicht gefördert, zum Theil fogar gefchädigt zu haben.
So hat B. zwei Jahre feines Lebens, foweit ihm fein
Beruf als Pfarrer (in Zierikzee, Niederlande) freie Zeit
liefs, zu einer genauen Durchforfchung des ,Genzä'
(Schatz) oder ,Sidrä rabä' (Grofses Buch) und des ,Quo-
lasta oder Gefänge und Vorträge von Taufe und Ma-
siqta1- angewendet und glaubt, nach fo mühevoller Arbeit
den Knäuel diefer Literatur ,voll des gröbsten Wider-
finns' (fo noch Nöldeke in der Einleitung feiner Mandäifchen
Grammatik 1875) grofsen Theils glücklich entwirrt
zu haben.

Fachgemäfse Beurtheilung kann fonach Br.'s Buch
nur von demjenigen erfahren, der in der mandäifchen
Literatur belefen ift, und deren Kenner werden zu zählen
fein. Ich darf daher hier den Wunfeh von Duval (Rev.
crit. 189O, Nr. 6) wiederholen1), Brandt möchte durch
eine Ueberfetzung wenn nicht die ganze, fo doch die
wichtigften Theile diefer Literatur auch einem gröfseren
Leferkreis zugänglich machen. Er ift dazu vorbereitet
wie kaum ein Anderer, und wer weifs, wer fich fpäter
diefer Mühe unterzieht? Wiederum nur ein Fachmann

1) Inzwifchen auch von Lagarde GGA. 1890, Nr. IO S. 385—404
geäufsert. Diefe Recenfion geht auf eine Reihe von Einzelheiten genauer
ein und verhält fich dem pofitiven Aufbau Br.'s gegenüber fkeptifch.

kann Brandt's fehr abfälliges Urtheil über Kefsler's
Arbeiten auf feine Richtigkeit prüfen. Land {Theol.
TijdscJir. 1890, Nr. 2) hat es vollftändig unterfchrieben,
und Eines fpringt auch dem Laien bei Vergleichung der
gegenfeitigen Ausfagen in die Augen: Kefsler hat offenbar
eine Hauptforderung, die an den Forfcher geftellt
werden mufs, gar nicht beachtet, nämlich fein Material
zu fichten und auf feine Beftandtheile zu prüfen, ehe er
mit dem Aufbau begann. Er hat mit dem Genzä ope-
rirt, als feien darin die religiöfen und theologifchen
Anschauungen gleichdenkender Schriftfteller niedergelegt,
als laffe fich daraus ein ,Syftem' gewinnen, ein Verfahren,
das wir bei unferer Bibel fchon längft als unkritifch und
unwiffenfehaftlich abgethan wiffen. Das gleiche naive
j Verfahren hatte Petermann (in der 1. Aufl. der Real-
Encyklopädie) zu dem Glauben gebracht, dafs im Genzä
bei allen Widerfprüchen und ,verfchiedenen Relationen'
doch nur ,verfchiedene Modificationen' eines äufserft
verwickelten Religionsfyftems vorliegen, deffen Repro-
duetion er nun mit einem fchon vom erften Herausgeber
des Genzä, dem Schweden Norberg, befolgten Eklekti-
cismus vornahm (Brandt, S. 20). So auch Kefsler,
und eben hier liegt nun ein Hauptverdienft der Brandt'-
fchen Unterfuchung, dafs fie, foweit das möglich ift, in
die Verworrenheit der Ueberlieferung Licht gebracht hat.

Die 94 Tractate, aus denen das Genzä, foweit es
bekannt ift, befteht, find nicht nur zu ganz verfchiedenen
Zeiten entstanden, fondern es find in ihnen Bruchftücke
von Schriften verarbeitet, die in viel ältere Zeit zurückreichen
. Die Sammlung felbft ift auf rein literarifchem
Wege zu Stande gekommen; die auffallende Thatfache,
dafs foviel Widerfprechendes zu einer heiligen Schrift
vereinigt wurde, erklärt fich daraus, dafs die Sammlung
zu einer Zeit gefchah, als jeder Bogen, der die mandäifchen
Züge aufwies, freudig willkommen geheifsen wurde,
und kaum Jemand da war, der jene Widerfprüche zu
verftehen oder zu würdigen vermochte (S. 58. 59). Die
Abfaffungszeit der einzelnen Tractate läfst fich nicht
mehr oder doch nur in ganz feltenen Fallen in Zahlen
angeben. Dennoch hätte m. E. Brandt nicht verfäumen
dürfen, in Beilage A, die vom ,Genzä und feinen Be-
ftandtheilen' handelt, den Titeln der einzelnen Tractate
ihre ungefähre AbfafSungszeit beizufügen oder fie wenigftens
in einer weiteren Tabelle fo zu ordnen, dafs man
einen chronologifchen Ueberblick erhalten hätte. Gelegentlich
im Buch verftreute Anmerkungen zeigen, dafs
das möglich gewefen wäre. Aus folchen Bemerkungen
mufs man fich nun aber mühfam zufammenfuchen, was
zur chronologifchen Aufhellung beiträgt, fo S. 126. 151:
der Tractat 39 ift der jüngften einer im Genzä; oder S.
137: Tr. 11 ift älter, als die Lichtkönigslehre, aber wohl
jünger als Tr. 9; S. 132: Tr. 9 führt Geftalten der chriftlichen
Vorftellung als mandäifche vor; S. 59: Tr. 29 ift
jünger als das Königsbuch; diefes felbft ift nach S. 59
in den erften Jahren des 8. Jahrh. gefchrieben; S. 59:
für die gute Zeit der Lichtkönigslehre erhalten wir einen
Spielraum von etwa 300—600 n. Chr. u. f. f. Ich habe
mir wohl 20 folche Stellen herausgefchrieben und dadurch
eine ungefähre, aber immer noch unvollkommene
Reihenfolge mir conftruiren können. Für ein wirkliches
Verftändnifs der Brandt'fchen Ausführungen ift folch
ein chronologifches Gerippe aber nothwendig, da fortwährend
Quellenbelege aus den einzelnen Tractaten
herangezogen werden, ohne dafs der .unbefangene' Lefer
über die Zeitlage derfelben etwas erfährt. Brandt verlangt
in der Vorrede mit Recht, dafs man fein Buch
von Anfang bis zu Ende lefen Poll, da durchweg an
jeder Stelle der Inhalt alles Vorherigen vorausgefetzt
werde. Störend ift nur, dafs an jeder Stelle eben auch
alles Nachfolgende vorausgefetzt ift, und z. B. das erfte
Capitel über die ,Mandäifche Theologie' und insbesondere
deffen erfter Abfchnitt ,1'olytheiftifcher Stoff Jedem,
der das Buch zum erften Mal lielt, ohne zu wiffen, worauf

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