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Ausgabe:

1890 Nr. 15

Spalte:

379-381

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kleinert, Paul

Titel/Untertitel:

Zur christlichen Kultus- und Kulturgeschichte. Abhandlungen und Vorträge 1890

Rezensent:

Kühn, Bernhard

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Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 15.

380

von dem Buche Michel's Kenntnifs nehmen wollte, fo
würde fein Urtheil wohl nicht ganz fo fcharf, aber ähnlich
lauten. Es itt ja des Verfaffers Abficht, zu zeigen,
dafs die römifche Kirche die Idealgeftalt einer lauteren
Gemeinde Chrifti nicht darbietet, dafs ihre Gefchichte
auch durch Irrthum, Selbftfucht und Bosheit hindurchgegangen
ift; aber diefes ,auch' ift bei der Zufammen-
ftellung und Würdigung der Thatfachen ganz vergeffen.
Da ift nichts als Priefterftolz und Prieftertrug, kein Wort
der Anerkennung für die edlen Gehalten des chriftlichen
Alterthums, kein Verflach, Hierarchie und Mönchsthum
als gefchichtlich bedingte Erfcheinungen zu würdigen,
kein Verftändnifs für die zwar dem Evangelium nicht
entfprechenden, aber immerhin grofsartigen und hie und
da auch völlig felbftlofen Beftrebungen der tüchtigen
Päpfte, an denen es doch auch nicht gefehlt hat. So
fieht der Verfaffer in der Excommunication, welche Am-
brofius über Kaifer Theodofius verhängte, gar nichts
weiter, als die Ueberhebung des Priefters (S. 91) und
von diefem Standpunkte aus wird alles beurtheilt, was
in der chriftlichen Kirche gefchehen ift, um eine Einheit
zu erftreben und feftzuhalten, um fittliche Wirkungen
der Gefammtheit herbeizufuhren. Wie mag fich der
Verf. felbft den Erfolg feines Werkes vorftellen? Ift die
römifche Kirche gar nichts weiter, als ein Product menfch-
licher Verirrung, Habfucht und Herrfchfucht, dann mufs
man ihr freilich den Rücken wenden. Aber wo findet
dann der Chrift feine Stätte? In der evangelifchen
Kircher Aber fie erkennt ja taufenderlei als nothwendig
und richtig an, was auch nur menfchlich geworden ift.
Alfo in kleinen Gemeinfchaften auserlefener Glaubens-
genoffen? Aber fie können auch nicht eine Woche beliehen
, ohne dafs menfchliche Schwachheit und menfch-
licher Irrthum irgendwie den idealen Glanz chriftlicher
Lauterkeit zu trüben beginnen. Alfo bleibt nur die einzelne
Perfönlichkeit übrig, die fich nach eigenfter Er-
kenntnifs auf Chrifti Wort gründet und zu aller Welt
in irgend welchem Gegenfatze fteht. Der am häufigften
eintretende Erfolg diefes Werkes wird der fein, den der
Verfaffer nicht im entferntelten beabfichtigt, dafs katho-
lifche Lefer fich fagen oder fich fagen laffen, das hier Behauptete
fei alles nicht wahr oder falfch aufgefafst oder
fchief dargeftellt, obwohl Hefele's Conciliengefchichte
ebenfo fleifsig citirt ift, wie proteftantifche Werke. Das
Buch kommt uns vor wie eine wohlverdiente, aber
wahrer Wiffenfchaft nicht recht würdige Vergeltung für
Janffen'fche Gefchichtsfchreibung.

Dresden. Dr. phil. B. Kühn.

Kleinert, Dr. Paul, Zur christlichen Kultus- und Kulturgeschichte
Abhandlungen und Vorträge. Berlin,
Reuther, 1889. (III, 329 S. gr. 8.) M. 4. 50.

Der eigenthümliche Titel diefes Buches, der fich aus
der Zufammenfaffung verfchiedenartiger und zu ver-
fchicdener Zeit entltandener Geiftesfchöpfungen erklärt,
ilt fo glücklich, wie möglich, gewählt; feine Eaffung ift
zugleich ein Bekenntnifs des Verfaffers, dafs feit neunzehn
Jahrhunderten in der Chriftenheit jede Cultur ihren
Zufammenhang hat mit dem chriftlichen Cultus, infofern
diefer letztere die Form darftellt, in welcher fich das jeweilige
chriftliche Gemeinfchaftsbewufstfein unwillkürlich
bethätigt. Und mit diefer grundlegenden Vorftellung,
welche diefe Sammlung beherrfcht, haben felbft die
Beiträge ihren Zufammenhang, welche anfcheinend nur
mit der Culturgefchichte zu thun haben und der Gefchichte
des Cultus fernftehen. In zwei Amtsreden behandelt
der Verfaffer Gegenftände aus der allgemeinen
Univerfitätsgefchichte. Nr. 5 der Beiträge ift eine Rede
über den Antheil der Univerfität an der Vorbildung
für's öffentliche Leben (Antritt des Rectorats 1885).
Hier ift der gefchichtliche Ausgangspunkt der eigenthümliche
Plan des grofsen Kurfürften, auf Grund der Ideen
! Benedikt Skytte's eine Univerfal-Univerfität in feinen
j Staaten zu gründen, wie er in dem Patent desfelben vom
, Jahre 1667 vorliegt. Die Begründung des Umftandes,
dafs diefer Plan nicht zur Ausführung gelangte, mit dem
Mangel eines öffentlichen allgemeinen Geifteslebens, das
die Ausübung der Redekunft und damit die literarifche
Vorbildung dazu fordert, ift dem Verfaffer ni cht blofs
ein Anlafs, von der Bedeutung der Univerfität für die
Beredtfamkeit zu handeln, fondern auch den Zufammenhang
zwifchen öffentlicher Rede und chriftlicher Cultu-S-
rede zu erörtern. Aehnliche Beziehungen laffen fleh
auch bei zwei andern hier aufgenommenen Feftreden,
Beziehungen Friedrich's des Grofsen zur Stiftung def
Univerfität Berlin (Univerfitätsfeier 1886) und Luther im
Verhältnifs zur Wiffenfchaft und ihrer Lehre (Lutherfeier
1883), unfchwer nachweifen, fobald man nur den
Begriff .Chriftlicher Cultus' im weiteften Sinne nimmt-
Müffen wir uns vertagen, hier auf das Einzelne näher
einzugehen, fo fei wenigftens auf die durchaus unpar-
teiifche Schätzung Friedrich's des Grofsen hingewielen,
welcher der Lefer die fonft nicht übliche Herbeiziehung
wahrhaft chriftlicher Ausfprüche des grofsen Dürften
verdankt (Ein Fürft foll niemals fein Herz zum Genollen
■ der Irrthümer feines Verftandes werden laffen, S. 170 *
| ähnliche). Die übrigen Beiträge find Abhandlungen,
deren Gegenffand den gewählten Buchtitel ohne weiteres
rechtfertigt; fo die drei erften, welche die Anfänge der
chriftlichen Beredtfamkeit, das erfte Werden des deut-
fchen Kirchenliedes und Schweifende Cleriker im Mittelalter
behandeln. Die Anfänge chriftlicher Beredtfarn-
; keit findet der Verfaffer im fogenannten zweiten
Clemensbrief, den er mit fchwer wiegenden Gründen als
die eilte uns erhaltene chriftliche Predigt in Anfpruch
nimmt, und in der Predigt des Hippolytus über die
Taufe Chrifti, aus welcher einige Proben in deutfcher
Ueberfetzung gegeben werden. Das erfte Werden des
deutfchen Kirchenliedes erkennt der Verfaffer nicht in
den dichterifchen Leiftungen des Clerus, der vielmehr
| die urfprüngliche Volksdichtung erft nachgeahmt hat,
fondern in den kurzen Verszeilen, welche das Volk am
Schluffe der Predigt und der Meffe anftimmte (Leiten).
Die dritte Abhandlung befchreibt auf Grund forgfältig-
ften Ouellenftudiums jenen feltfamen Bettel- und Sängerorden
der Vaganten, deffen Entftehung und mehrfache
Wandlung von den Zeiten der vagabundirenden Cleriker
des chriftlichen Alterthums bis zu feinem fchliefslichen
Aufgehen in dem Bacchantenthum der UniverfitätefJ
dargeftellt wird. Ein Drittel des ganzen Buches bildet
der fiebente Beitrag: Grundfätze evangelifcher Kirchen-
verfaffung. Es werden 15 Sätze aufgeftellt, in welchen,
abgefehen von dem, was fich auf diefem Gebiete
fchlechterdings von felber verlieht, alle wefentlichen
Gefichtspunkte zu Tage treten, welche für die Ver-
faffung der preufsifchen Landeskirche in den alten Provinzen
mafsgebend gewefen find, wenn es auch und
namentlich in den Anmerkungen nicht an Hinweifen auf
bedenkliche Lücken in derfelben (z. B. kirchliche Armenpflege
S. 317) fehlt. Es liegt auf der Hand, dafs Manches
in diefer Erörterung, die allerdings eine ziemliche
Verwandtfchaft mit einem vaticinium post evcntmn hat,
auf Widerfpruch ftofsen mufs. Aber fchon die reiche
Berückfichtigung der reformatorifchen Anfchauungen auf
diefem Gebiete fichert der Abhandlung eine bleibende
Bedeutung. — Gegen die Sprache des Buches ift Manches
einzuwenden. ,Ein ungeftorbener Todter' (S. cß]
ift kein fchöner Ausdruck, ebenfowenig das kühne Wort
: ,Verfchiefung' (S. 214). Die Wendung: ,Es ift von hier
aus, dafs' ift franzölifch, aber nicht deutfch; zu wiederholten
Malen wird der unterer Sprache ganz fremde
Accusativus absolutiis (.Dies erkannt wird man fagen
müffen' S. 190) angewendet. Solche kleine Unebenheiten
fallen umfomehr auf bei der keineswegs im einförmigen