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Ausgabe:

1890 Nr. 15

Spalte:

373-378

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Beste, Johs.

Titel/Untertitel:

Geschichte der braunschweigischen Landeskirche von der Reformation bis auf unsere Tage 1890

Rezensent:

Koldewey, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 15.

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aus dem Oberland, als jener lebt er unter feinen Ge- Wickelung derfelben einheitlich und zufammenfaffend z
"offen, als diefer 'im Oberland und tritt nur von Zeit behandeln',

- diefer im Oberland und tritt
;n -,reit, Perfönlich oder in feinen Schreiben mit Merfwin
'" Verbindung.

u , ^cn kann nicht fagen, dafs mir diefe Löfung einfacher
MvVte7Cherter erfcniene- als die Denifle's. Dafs in der
Parti 1 .dande vorkommen, die heute einfach als neuro-
3j,tn°j°gifch beurtheilt werden muffen und ihre Analogien
^ f"ge auch bei Nichtmyftikern finden, ift ja ficher.
v ,er. d>e Spuren, welche J. von diefem Zuftand in den
rech M'S aufzufinden flch bemüht hat, find doch
Si nunncner. Sie laffen ebenfogut die Deutung im
antjf- e s zu' und nocb unzureichender erfcheint, was
. geführt wird, um die Annahme des Betrugs zu widerten
. Man wird diefen anders beurtheilen können, als
^ e e* Aber man wird die Annahme einer freien Dich-

"g kaum zu erfchüttern vermögen.
■ Die Hauptfache ift jedenfalls, dafs J. darauf verzichtet
in ' den grofsen Gottesfreund wieder zu beleben. Diefer

Um feiner Aufgabe gerecht zu werden, hat der Herr
Verfaffer, der bisher nur durch kleinere Arbeiten in dem
confeffionell-lutherifchen Parteiblatte feines engeren Vaterlandes
bekannt geworden war, mit unermüdlichem Fleifse
eine erftaunliche Menge von Einzelheiten zufammenge-
tragen, die, insbefondere foweit fie das 18. Jahrhundert
betreffen, zu einem nicht geringen Theile bislang fo gut
wie unbekannt waren. Manches davon hat ja, wie es bei
einem derartigen Werke nicht anders fein kann, über die
Grenzen des Herzogthums hinaus nur wenig Intereffe;
aber daneben fehlt es nicht an zahlreichen Abfchnitten,
welche auch in weiteren Kreifen Beachtung verdienen,
fo namentlich die, welche fich auf die Reformation fo-
wohl der Stadt Braunfchweig wie des Herzogthums, auf
die Univerfität Helmftedt in ihren verfchiedenen Ent-
wickelungsftadien, auf Bugenhagen, Chemnitz, Johann
Arnd, den älteren Calixtus, Leffing, Joachim Heinrich Campe,
I Heinrich Philipp Konrad Henke u. a. beziehen. Für die
'jy nun hoffentlich endgiltig begraben. Ob er dann ein braunfchweigifchen Geiftlichen aber, fowie überhaupt
oichterifches oder ein pathologifches Erzeugnifs Merfwin s ! für aUe Gebildeten, welche den kirchlichen Verhältnifsen
"% ift verhältnifsmäfsig gleichgiltig.

Im Anhang hat J. einige Schriften des Gottesfreundes
abgedruckt, die er fchon in feinem früheren Werk be

nutzt hatte, die ,geiftliche ftege', die ,geiftliche leiter' und
a'e Gefchichte eines jungen weltlichen Mannes. Dazu
kommen einige phototypifche Proben aus den Auto-
§r£»phen, zur Feftftellung der Handfchrift Merfwin's bezw.
es Gottesfreundes.

Giefsen. Karl Müller.

Bßste, Superint. Paft. prim. Johs., Geschichte der braun-
schweigischen Landeskirche von der Reformation bis
auf unfere Tage. Wolfenbüttel, Zwifsler, 1889. (XI,
730 S. gr. 8.) M. 15. —

Das vorftehende Werk kommt einem Bedürfnifse
f-PIgegen, das fchon feit geraumer Zeit in den betheiligten
Greifen lebhaft empfunden wurde. Denn die Schriften,
Welche bislang das Gebiet der braunfchweigifchen Kir-
ohengefchichte behandelten, bezogen fich nur auf einzelne
"erfönlichkeiten, einzelne Zeitabfchnitte, einzelne Vorgänge
, oder auch, wie Rehtmeyer's Kirchenhiftorie der
bfadt Braunfchweig, nur auf einen einzelnen Ort. An
e'per Gefammtdarftellung, welche einen Ueberblick über
d'e ganze kirchliche Entwickelung des Herzogthums zu
^möglichen im Stande gewefen wäre, fehlte es voll-
Jtändig, und überdies hatten gewiffe Erfcheinungen, insbefondere
das Auftreten des Pietismus, und ganze Perioden
, vor allem die der Aufklärung und des Rationalismus
, von der neueften Zeit ganz zu fchweigen, überhaupt
"och gar keine oder doch keine genügende Bearbeitung
|P>funden. Das war um fo mehr zu beklagen, als das
Herzogthum Braunfchweig in Bezug auf geiftige Bedeu-
tu"g unter den deutfchen Kleinftaaten lange Zeit un-
Zweifelhaft die erfte Stelle eingenommen und namentlich
'" theologifcher Hinficht wiederholt — man denke nur
a" Chemnitz und den älteren Calixtus — aufweite Kreife
anregend und befruchtend eingewirkt hat. Das Befte'fche
Werk bildet nun zwar, wie ja fchon der Titel es erkennen
läfst, auch noch keine vollftändige Braunfchweigifche
Kirchengefchichte. Denn das Mittelalter ift in den Kreis
der Darltellung überhaupt nicht mit hineingezogen, und
'Ur die Zeit feit der Reformation finden die katholifche
und die reformirte Confeffion, denen im Anfange des
vorigen Jahrhunderts im Braunfchweigifchen Duldung gewährt
wurde, nur gelegentlich und gewiffermafsen im
Vorbeigehen Berückfichtigung. Immerhin aber mufs es
als_ fehr erfreulich bezeichnet werden, dafs der Herr Ver-
affer wenigftens in Bezug auf die lutherifche Landes-
k'rche des Herzogthums es unternommen hat, ,die Ent-

des in Rede flehenden Gebiets eine etwas tiefer gehende
Theilnahme entgegenbringen, darf das Buch von Anfang
bis zu Ende als anziehend und lehrreich bezeichnet
werden.

Den gefammten Stoff zerlegt der Herr Verfaffer
fachgemäfs in vier Perioden, die altlutherifche, die calix-
tinifche, die Aufklärungsperiode und das Zeitalter der
Erneuerung. Im Rahmen diefer Hauptabfchnitte fuhrt
er dann dem Lefer eine Reihe von Einzelbildern vor die
Augen, die fich in angemeffener Weife an einander an-
fchliefsen. Die Gefahr einer allzu grofsen Breite hat er,
wenn auch nicht überall, fo doch meiltentheils glücklich
vermieden. Durch eine gefchickte Gruppirung des Stoffs,
durch Hervorhebung des biographifchen Elements und
durch Einflechtung von bald kürzeren, bald längeren
Quellenauszügen weifs er feiner Darfteilung Anfchaulich-
keit und Frifche zu verleihen. Die Sprache ift durchweg
leicht und gefällig, nicht feiten erbaulich, hier und da
freilich auch, wohl infolge der langen Befchäftigung mit
älteren Quellen, etwas alterthümelnd, oder auch paftoral-
pathetifch. An der warmen Begeifterung, welche fich
faft überall bemerkbar macht, erkennt man, dafs der
Herr Verfaffer, wie er es auch im Vorworte (S. VII) hervorhebt
, an dem Werke mit feinem ganzen Herzen gearbeitet
hat.

Die wiffenfchaftliche Grundlage des Befte'fchen
Werkes ift fehr umfaffend. Der Herr Verf. hat das reiche
Actenmaterial, das in verfchiedenen Archiven, Bibliotheken
und Regiftraturen zu Braunfchweig und Wolfenbüttel
aufgefpeichert liegt, fleifsig durchforfcht, aufser-
dem auch die bezügliche gedruckte Literatur eingehend
herangezogen. Soweit die am Schluffe in den Anmerkungen
enthaltenen Quellennachweife ein Urtheil ge-
ftatten, ift die Zahl der ihm entgangenen Schriften und
Abhandlungen nur fehr gering. Was freilich die Art der
Sichtung und die Verwerthung der Quellen anlangt, fo läfst
fich der Wunfeh nicht zurückhalten, dafs der Herr Verf.
denfelben mit ftrengerer Methode und fchärferer Kritik
entgegen getreten wäre. Es würde ihm dadurch möglich
geworden fein, verfchiedene Ungenauigkeiten zu vermeiden
und insbefondere auch eine Reihe von Mifsver-
ftändnifsen und Irrthümern, die fich von Buch zu Buch
wie eine Art von erblicher Krankheit fortzupflanzen
pflegen, mit Erfolg und auf die Dauer aus der Welt zu
fchaffen.

Was das Urtheil des Verf.'s über die verfchiedenen
kirchlichen Strömungen und Richtungen, fowie über die
einzelnen Vorgänge und Perfönlichkeiten anlangt, fo ift
es, wie er in dem Vorworte (S. VII) bemerkt, fein Streben
gewefen, fich überall dabei von Wahrhaftigkeit und
Unparteilichkeit leiten zu laffen. Die ihm unfympathi-

*