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Ausgabe:

1890 Nr. 15

Spalte:

371-372

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Pergamene purpuree Vaticane di Evangeliario a carattere di oro e di argento 1890

Rezensent:

Gebhardt, Oscar

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Seite 1

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371 Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 15. 372

die Auswahl fich auf nur wenige Stellen befchränkt,
z. B. bei der coptifchen (memphit.) Verfion auf 3 Stellen
aus Mt, 4 aus Mc, 7 aus Lc, 3 aus Jo, 2 aus Act und
je eine aus 1 Cor, 2 Theff und 1 Tim. Ueber diefe
Stellen wird man allerdings genauer unterrichtet als
durch irgend eine der vorhandenen Ausgaben.

Berlin. O. v. Gebhardt.

Pergamene purpuree Vaticane di Evangeliario a caratteri di
oro e di argento. Memoria di Giuseppe Cozza-Luzi
Abbate Basiliano, Sottobibliotecario di S. Romana
Chiesa (S.-A. aus ,A1 Sommo Pontefice Leone XIII
omaggio giubilare della Biblioteca Vaticana. Roma,
tipografia poliglotta della S. C. di Propaganda Fide,
MDCCCLXXXVIII'). (15 S., 7 Tat. gr. fol.)

Die hier mit facfimilirter Schrift wiedergegebenen
Bruchftücke des Purpurcodex N (die vom Verf. in den
Tafelüberfchriften beibehaltene Benennung ,Cod. /'Vatic'
ift fchon lange nicht mehr gebräuchlich) hatte zuerft
Tifchendorf in den ,Monumenta sacra inedita' (1846)
herausgegeben. Dafs es nicht mit der nöthigen Sorgfalt
gefchehen, lehrt eine Vergleichung feines Textes mit
der vorliegenden neuen Ausgabe. Meift handelt es fich
dabei freilich nur um Minutien, wie Interpunktionszeichen
und Punkte oder Striche über einzelnen Buchftaben, nicht
feiten aber auch um ungenaue Wiedergabe von Abbreviaturen
, unrichtige Zeilenabtheilung und dergleichen. So
hat Taf. II, 2, 1 f. Tifchendorf eye || vvrj&rpav Cozza ey«
\vvfh)aav, 2,7 Ti. anov Co. ttvwv (das Fehlen des Ab-
kürzungsftriches wird ausdrücklich notirt), 2, 13 Ti. ovnbv
Co. ovQctvaw, 2, 14h Ti. övvafievoa yio || ozv Co. 0vvaf.it-
voa II xtoQtv, III, 1, 12 Ti. xeu Co. z, IV, 2, 13 Ti. agov
Co. ago, IX, 2, 1 Ti. vv Co. viov, XI, 1,13 Ti. yioXXvßiGzwv
Co. y.oXXvßiazw, XII, 2, 5 Ti. d-inXatov Co. It-nXaCö, 2, 9
Ti. noXiv Co. noXl. Ift diefe verhältnifsmäfsig grofse
Zahl von Ungenauigkeiten in nebenfächlichen Dingen
fchon befremdlich, fo ift man vollends überrafcht, auch
einer Anzahl von Fehlern zu begegnen, welche den Wortlaut
des Textes felbft betreffen. Taf. I, 2, 11 f. giebt Ti.
nogveia Co. nogvia, IV, 2, 3 Ti. ßaoTctoaoei Co. ßaaca-
oaoti, V, I, 9 Ti. sifu Co. eifiei, VII, 2, 3 Ti. /itcw Co.
ftitiov (durch das Facfimile beftätigt), VIII, 2, 4 Ti. tiv
Co. zrp> (H und N in der bekannten Weife verbunden),
2, 8 Ti. sig^aeze Co. evgiqor/te (dem Commentar zufolge
wurde das z] von anderer Hand ausradirt und durch ein
s erfetzt), XI, I, 2 Ti. vaUagezrtG Co. va'CagezdrjG (von
Gregory, Prolegom. I, 384 n. 1 bezeugt), "XII, 2, 16 Ti.
Ejiiivaotv Co. ETtivuGLi. Vorausgefetzt, dafs in allen
diefen Fällen die neue Ausgabe das Richtige hat, kann
man dem Tifchendorffchen Abdruck den Vorwurf der
Flüchtigkeit nicht erfparen. Zu der gemachten Claufel
aber find wir dadurch berechtigt, dafs an drei Stellen
die neue Ausgabe felbft fehlerhaft ift, während nur in
einem Falle der Fehler im Commentare berichtigt wird.
So lieft man Taf. IV, 1,4 nXeinvu ftatt nXeiov (berichtigt),
VII, 1, 14 cd ftatt ve (fo das Facfimile) und VIII, 1, 13
Gig ftatt eia. Wie dem aber auch fei, fo ift es jedenfalls
ungerecht, wenn der Verf. S. 10 über Tifchendorf und
feine Textespublicationen überhaupt fich folgendermafsen
vernehmen läfst: ,Quel celebre editore troppo frettolosa-
mente esegniva le sue copie, e con un sistema ccrtamente
molto strano di annotar spesso le sole prime ed ultime
lettere delle parole; e cosi poi lontano dalV originale faceva
il suo testo: sistema da lui stesso confessato, quando fn
interrogato per certe inamissibili sue produziond. Als
Tifchendorf im Jahre 1866 es unternahm, in der ihm bewilligten
kurzen Frift von 42 Stunden die fämmtlichen
im Codex Vaticanus 1209 (B) erhaltenen neuteftament-
lichen Bücher zu collationiren und eine Anzahl Seiten
mit Beibehaltung der Cölumnen und Zeilen der Hand-
fchrift wiederzugeben, wandte er der Zeiterfparnifs wegen

die ohne Frage fehr gefährliche Methode an, dafs er den
Text der in der angedeuteten Weife wiederzugebenden
Seiten nicht vollftändig abfchrieb, fondern immer nur
die erften und letzten Buchftaben eines Wortes notirte.
So konnte es ihm begegnen, dafs er bei der Herftellung
jener Seiten für den Druck feines ,Novum Teftamentum
Vaticanum' (1867) aus Verfehen Io. 1, 13 av&Qwnu*
ftatt atfiazwv und Act. I, 13 uoavvTjG ftatt uoavifi

fchrieb.

Niemand wird leugnen, dafs namentlich das erftere ein
fehr arges Verfehen ift. Wenn man aber unbefangen
lieft, was Tifchendorf in feiner ,Appendix Novi Testa-
menti Vaticani' (1869) p. VII und p. XVI zur Erklärung
anführt, fo kann man darüber nicht im Zweifel fein, dafs
die befchriebene Methode nur ein Nothbehelf war, aut
welchen er nie verfallen fein würde, wenn ihm der Code*
Vaticanus für längere Zeit zur Verfügung geftellt worden
wäre, und nicht, wie der Verf. es darftellt, eine Tifchendorf
eigenthümliche oder doch oft von ihm geübte Gewohnheit
.

Das der Publication beigegebene farbige Facfimile
fcheint vorzüglich gelungen zu fein.

Berlin. O. v. Gebhardt.

Jundt, A., Rulman Merswin et l'Ami de Dieu de l'Oberland-

Un probleme de psychologie religieuse, avec docu-
ments inedits et fac-similes en phototypie. Paris,
Fischbacher, 1890. (152 S. gr. 8. mit 3 Tafeln in Lichtdruck
). Fr. 7. 50.

Im Jahre 1879 hatte A. Jundt in feinem Werk LeS
Amis de Dieu au XIV. siede die Gefchichte des grofsen
Gottesfreundes vom Oberland befchrieben, der fchon f°
viel Kopfzerbrechen verurfacht hatte. Er hatte die Schriften
, die unter feinem Namen gehen, wie feine ganze Gefchichte
ebenfo ernfthaft genommen, wie feine Vorgänger
und hatte einen neuen Verfuch gemacht, Perfon und
Aufenthaltsort des geheimnifsvollen Mannes und feiner
Gefellfchaft feftzuftellen. Zur felben Zeit aber hatte
Denifle feine einfchneidenden Unterfuchungen begonnen,
deren Ergebnifs war, dafs die Perfon des Gottesfreundes
ebenfo wie feine Schriften lediglich Dichtung des Strafs-
burger Rulman Merfwin feien, der damit feine Hausge-
noffen, die Johanniter vom grünen Wörth, und zuletzt
noch die ganze Wiffenfchaft an der Nafe herum geführt
habe. Denifle hatte diefe Dichtung mit den ftärkften
Ausdrücken als Betrug bezeichnet und eine weit ausgc-
fponnene Tendenz dahinter geflieht.

Jundt fafst nun die Sache von neuem an. Es ift fehr
anerkennenswerth, dafs er auf die Rettung der Gefchicht-
lichkeit des Oberländer Gottesfreundes völlig verzichtet
und hier einfach dem Beweis Denifle's beitritt — nur
eine Reihe untergeordneter Beweife D.'s weift er zurück-
Dagegen will er den Betrug nicht gelten laffen, fafst vielmehr
den Verkehr mit dem Gottesfreund als wirkliches
Erlebnifs Merfwin's, freilich als ein folches, das lediglich
in pathologifchen Zuftänden diefes excentrifchen Mannes
feine Wurzel habe. Er beruft fich dabei auf eine Erfchei-
nung, die in den letzten Jahren öfters beobachtet worden
ift: bei einem bisher vollftändig normalen Menfchen tritt
plötzlich ein Bruch mit feiner ganzen bisherigen Perfön-
lichkeit ein; er hat alles vergeffen, was er war, was um
ihn war u. f. w., oder er kennt dies nur als Eigenthum
einer anderen, ihm mehr oder weniger fremden Perfön-
lichkeit. Er ift fich ein völlig anderer geworden. In diefem
neuen Zuftand entwickelt er fich völlig normal weiter,
bis ebenfo plötzlich der erfte Zuftand eintritt und det
zweite vergeffen oder als der eines anderen empfunden
wird. Die Schnelligkeit, mit der diefe beiden Zuftände
oder Perfonen abwechfeln, ift oft aufserordentlich grofs-

Jundt will nun nachweifen, dafs dies der Zuftand ifh
in welchem fich Merfwin befunden: er ift das einemal der
Strafsburger Rulman M., das anderemal der Gottesfreund