Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1890 Nr. 14

Spalte:

362-363

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hardeland, Theodor

Titel/Untertitel:

Der kleine Katechismus D. Martini Lutheri für die gemeine Pfarrherrn und Prediger, nach Luthers Schriften ausgelegt und mit Auszügen aus Luthers Schriften versehen 1890

Rezensent:

Köstlin, Heinrich Adolf

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 14.

362

terjo fe entgegengefetzt. Denn die letztere hat ihr charak-
ienV atS ^lerkmal gerade an der Unabhängigkeit von
min ft-r !°tlVation des Wiens. Den Begriff der indeter-
allef • ■ formalen Freiheit verfolgt der Verf. nun in
jj ein5 Schlupfwinkel unter Bezugnahme auf Waldemar
jn jVr> W. Herrmann, Ed. v. Hartmann und Schopenhauer,
er iarer.Par^ellung und fachgcmäfser Gruppirung weift
nicht-'6 Einwürfe gegen denjenigen Determinismus, der
Gott Wcltliche Einflüffe, fondern die Offenbarung

1 es in Chrifto als Factor der Willensdetermination
wohl zurück- Der Eifer für feine Thefe läfst ihn auch
den n " das Ziel h'nJiusfchiefsen. Er fagt z. B. (S. 40)
da 1 P?terrn'n'srrius nach, dafs derfelbe, weit entfernt,
dur 6 ^e brachten nach Heiligung zu lähmen, vielmehr
■pL c den Gedanken an die Verurfachung der bereuten
lieh diSlicn dazu diene, den Menfchen in feiner fitt-
j ,en Fntwickelung zu fördern. Während nämlich der
^aeterminiffifche Glaube, dafs die böfe That in Zu-
ve ebenfo leicht fich werde vermeiden laffen, wie fie
gjl^^'dbar gewefen fei, den Menfchen zu fittlicher Gleich-
falf'll und Leichtfertigkeit verführe, fo dafs er im
aerfen Vertrauen auf die Allmacht feines Willens fich
die V 6n ^uverm:ht hingebe; er werde das nächfte Mal
nff -^Huchung fiegreich beliehen, werde der Deter-
deff welcher den Caufalzufammenhang durchfehaue,
L,en Broduct die fündige That war, fich hieraus eine
Le V entnenrnen und künftig beffer auf feiner Hut fein.
thpF rk hiebei parteiifch; denn wenn überhaupt der
°retifchen Reflexion über die Art des Zuftande-

Erkenntnifs durch Anfchauung, und die Form derfelben
durch felbftbewufstes Denken gewonnen, beide aber erft
durch ein kritifches Verhalten, das den angefchauten
Inhalt, wie die gedachte Form forgfältig prüfe, zu exaeter
Einficht, zu wiffenfehaftlicher Wahrheit, erhoben, fo müffe
auf Sinnen, das die Anfchauung prüfende kritifche Verhalten
, und auf Denken, das kritifche Verhalten, welches
dem Gedanken gelte, alle echt wiffenfehaftliche Erkennt-
nifs gerichtet fein. Dem gewählten Titel entfpreche auch
die zugleich realiftifche und kritifche Richtung, in welcher
fich die Vorträge . und Abhandlungen bewegten, und
welche immer mehr das Gepräge der wiffenfehaftlichen
Philofophie der Zukunft zu werden verfpreche.

Die Themen, welche der Verfaffer behandelt, find:
,Der Weltfchmerz in der Dichtung und die Weltfchmerz-
dichtung' — ,Der Patriotismus und die fittliche Bedeutung
des Staates' — ,Die fociale Krifis in den höheren
Ständen, die Organifation unferes Bildungswefens und
die Idee eines Reichsbildungsamtes' — ,Fichte als Politiker
und Patriot' — ,Friedrich's des Grofsen Verdienfte
um Erziehung und Unterricht' — .Drei Kaufleute als
hervorragende Männer der Literatur und Wiffenfchaft
(Daniel Defoe, Benjamin Franklin und Mofes Mendelssohn
)' — ,Die Berufsbildung des Kaufmannes'.

Aus den Themen läfst fich vermuthen, dafs die über
fie gehaltenen Vorträge — denn die Form von Vorträgen
haben die Abhandlungen, wie der Verfaffer bemerkt,
urfprünglich alle gehabt — vor einem gröfseren ge-
mifchten Publicum gehalten worden find, wie in den
Smens' einerTvTerthatUbei den pr^chen"wmens- gröfseren Städten unferer Rheinprovinz zur ^'interszeit
bewp~..__ • M . t--a„r______n.___i__,..„,a„~ f~n alljährlich eine Reihe von fogenannten wiilenfchafthchen

.Regungen ein folcher Einflufs zugestanden werden foll,
nirrr Wurde doch wohl der Gedanke an die determi-
, '"che Neceffitation der fündigen That mindeftens
de60/0 ^ark zur gleichgiltigen Trägheit auffordern, wie
L i Pedanke an die indeterminiftifche Wahlfreiheit zur
flce,lcn-fertigkeit verführen kann. Ueberdies aber verträgt
fr 1 die eben erwähnte Meinung des Verf.'s nicht mit der
ScH en Betrachtungsweife, zu welcher der Verf. am
Be . s gelängt. Obgleich fich nämlich dem Verf. der
zi -hv!^ der f°rmalen Willensfreiheit nicht nur als unvoll-
li h ' fondern auch als mit den Thatfachen des fitt-
l en und religiöfen Bewufstfeins unvereinbar erwiefen
p L fo verhehlt er fich doch nicht, dafs das praktifche
Preiheitsb ewufstfein fich um diefe Verurtheilung nicht
ürnpiert, weil es ,ein nothwendiges Product unferer
saftigen Organifation' ift. .Anftatt darum', fo fchliefst
> ' ,die Wahlfreihcit kurzer Hand für todt und über-
J nden zu erklären, laffen wir uns vielmehr an dem
hacWeis genügen, der das Refultat der vorftehenden
a efrachtungen fein dürfte, dafs das Gefühl des Auch-
d. derskönnens, diefes praktifche Freiheitsbewufstfein, das
ree Handlungen jedes Menfchen unleugbar begleitet,
aufl verffanden nichts anderes ift, als eine un-
p-.'hörliche Mahnung und ein immerwährender
'n '."Weis auf unfere Berufung zur realen Frei-
-re't> und dafs es die Beftimmung hat, aufzu-
5 ,en in dem Bewufstfein der fittlichen Freiheit
nd des chriftlichen Glaubens'.
Salf>ke. M. Beffer.

e> Prof. Dr. J. H., Sinnen und Denken. Gefammelte
•Abhandlungen und Vorträge aus den Gebieten der
Litteratur, Philofophie und Pädagogik, fowie ihrer
Gefchichte. Halle, Pfeffer, 1889. (VII, 251 S. gr. 8.)

tro. Hen etwas auffallenden Gefammttitel für die 6 Vor-
B S6 und Abhandlungen, welche der Verfaffer in feinem
er h ■ darb'etet» erläutert er in der Vorrede dahin, dafs
die V Erlegung feiner Gedanken bemüht gewefen fei,
2u ,'j°rmen und Quellen echter Erkenntnifs im Auge
Hialten. Werde im Allgemeinen der Gegenftand der

Vorträgen gehalten zu werden pflegt.

Der Inhalt im Einzelnen ergiebt, dafs der Verfaffer
in feiner Darflellung in einer nicht gewöhnlichen Weife
die Gabe edler Popularität befitzt, durch welche er auch
Wiffenfchaftlich-Abftractes dem allgemeinen Verftändnifs
nahe zu bringen vermag, und die mancherlei literarifchen
Belege, welche in Anmerkungen beigegeben find, zeigen,
dafs er bemüht war, nicht an der Oberfläche zu bleiben.

Gegen diefe und jene einzelne Aufltellung liefse fich
wohl Widerfpruch erheben. Wenn z. B. in der Beurtheilung
Ed. von Hartmann's (S. 212 u. f.) gefagt wird, dafs er
zwar fliefsend und lebendig, aber nie edel und fchön
fchreibe, mit autodidaktischer Naivetät behaftet fei und
in keiner feiner Schriften als origineller Kopf oder wirkliches
Genie erfcheine, fo dürfte dies Urtheil doch nicht
ganz gerecht fein. Auch wird es wohl noch nicht als
ausgemacht gelten können, dafs das Griechifche, wie es
S. 117 dargeflellt wird, in Zukunft nur als Bedingung
und Kennzeichen gelehrter, nicht aber jeder allgemeinen
höheren Bildung gelten könne; dafs ein Reichsbildungsamt
in Deutfchland gefchaffen werden müffe,
welches allein eine erfolgreiche Reform des Bildungswefens
herbeizuführen vermöge, u. A. m. Im Ganzen
aber find die Urtheile des Verfaffers wohl erwogen, und
mit Intereffe wird gewifs auch Mancher aus dem Lefer-
kreife diefer Zeitung feinen Ausführungen folgen. Zwar
verräth er an mehr als einer Stelle, dafs er den Gedanken
des kirchlichen Lebens zu allfeitig zutreffendem
Urtheile über fie nicht nahe genug fleht (man vgl. be-
fonders die Abhandlung über Friedrich den Grofsen),
aber kirchenfeindlicher Sinn tritt nirgends an den Tag.
Lennep. Lic. Dr. Thönes.

Hardeland. Paflor Thdr., Der kleine Katechismus D. Martini
Lutheri für die gemeine Pfarrherrn und Prediger,
nach Luthers Schriften ausgelegt und mit Auszügen aus
Luthers Schriften verfehen. Göttingen, Vandenhoeck
& Ruprecht's Verl., 1889. (VI, 230 S. gr. 8.) M. 3.60.
Der Gedanke, welchem die vorliegende Katechismusauslegung
Ausdruck giebt, ift als ein fehr glücklicher

zu