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Ausgabe:

1890 Nr. 13

Spalte:

332-336

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weiss, Herm.

Titel/Untertitel:

Einleitung in die christliche Ethik 1890

Rezensent:

Kaftan, Julius

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331 Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 13. 333

haben unter Lebensgefahr the saving doctrines verkündigt.
Ihr Bekenntnifs {Augustana) is the mother Confcssion, the
Standard of pure and original Protcstantism. (S. 505 cf.
38. 74. 78. 84.)

In merkwürdigem Gegenfatz zu diefen Ausführungen
verläuft nun aber die wirkliche Gefchichte — in Amerika.
Für die Löfung der unabfehbaren Culturaufgaben jenfeit
des Oceans hat die ,Mutterkirche des Proteftantismus'
keinen Finger gerührt. Und der Proteftantismus felbft
wäre drüben überhaupt nie zu irgend welchem Leben
gediehen, wenn es auf die Lutheraner angekommen wäre.
Der Verf. fieht fich demgemäfs genöthigt, ihnen von der
Vorfehung die Rolle des Sauerteigs (3. m) anweifen
zu laffen. Aber durch mehr als ein Jahrhundert ift auch
davon kaum etwas zu fpüren. Denn fo anziehend die
Berichte über erftmalige lutherifche Anfiedlungen in
N. Am. find (Holländer, Schweden, Pfälzer, Salzburger —
vgl. eine kurze Bemerkung Treitfchke's in den Hift. und
Polit. Auff. 4. Aufl. II, S. 491), im Verhältnifs zur nachfolgenden
Gefchichte find diefelben von faft gar keiner
Bedeutung. Erft mit H. M. Mühlenberg und feinen Genoffen
(feit 1743) tritt die lutherifche Kirche wirklich
auf den Plan. Aber nicht nur ftofsen diefe Männer bei
ihrer grundlegenden Arbeit auf Kirchen- und Secten-
bildungen, die doch fchon über eine faft hundertjährige
Ueberlieferung verfügen — das kann nicht bedeutungslos
gewefen fein —, fondern fie felbft gehören der zweiten
Generation des Hallefchen Pietismus an. Das eigentliche
Lutherthum des 16/17. Jahrhunderts hat alfo in Amerika
überhaupt nie wirklich gelebt. Den Ausgangspunkt die-
fer ganzen Gefchichte müfste nicht Luther, fondern A.
H. Francke bilden. Nur von hier aus wird auch die
weitere Entwickelung verftändlich. Der Verfaffer äufsert
fich fehr erfreut darüber, dafs die Verbindung mit Deutfch-
land während der folgenden Kriegszeiten (feit 1754) faft
aufhört. Denn Deutfchlands Herz war indeffen vom
Rationalismus vergiftet worden. Seltfam nur, dafs diefes
Gift trotzdem die Lutheraner Amerika's mit ergreift. Sie
mufsten alfo dafür disponirt fein. Um die Wende des
Jahrhunderts tritt auch hier ein neues Glaubensleben hervor
. Die Lutheraner fammeln fich in Synoden und Synodalverbänden
, nachdem die Synode von Pennfylvanien
fchon (feit ca. 1748) vorangegangen war. Aber von ausgeprägtem
Confeffionalismus ift noch Jahrzehnte hindurch
nichts zu fpüren. Man wundert fich auch darüber gar
nicht. Denn der Ausgangspunkt diefer Gefchichte bietet
ja gar keinen Anlafs dazu. Und doch giebt nun eben
diefer — the unaltcred Augsburg Confession, wie man
immer wieder lieft — dem Amerikanifchen Lutherthum
in der Gegenwart fein Gepräge. Auf der ganzen Linie
der zahlreichen Synoden tritt diefe Tendenz von Jahrzehnt
zu Jahrzehnt deutlicher hervor. An der Frage,
wie es dazu gekommen ift, hängt das hauptfächlichfte
Intereffe, welches diefe Gefchichte erweckt. Den pronon-
cirt lutherifchen Synoden von Miffouri und Iowa mag
der Ruhm bleiben, dies Ziel zuerft ausdrücklich in's
Auge gefafst zu haben. Aber für die Thatfache, dafs nun
auch alle übrigen diefem Feldgefchrei folgen, müffen doch
noch andere Gründe aufgefucht werden. Diefe, wie fie
allmählich hervortreten und Beftand gewinnen, bilden im
eigentlichen Sinne ein Stück Amerikanifcher Kirchenge-
fchichte. Ich weifs nicht, ob es auf fehr viele unter
uns anziehend wirken wird. Aber allerdings — die faft
ausfchliefsliche Seminarbildung der Geiftlichen, die gründliche
Befchränkung der Profefforen auf den kirchlichen'
Gefichtskreis, die völlige Abhängigkeit ihrer ,Wiffenfchaft'
von fynodalen Körperfchaften; in diefen felbft aber das
fteigende Bedürfnifs, fich durch möglichft genaue Beftim-
mungen confeffioneller Art von den zahllofen andern Kirchen
und Secten abzugrenzen — dies alles könnte man
bekannten Beftrebungen in unfern Landeskirchen als
mufterhaft empfehlen. Und wenn man in dem Schlufs-
capitel fich über die infallible signs of rapid extension and

glorious futurc of LutJieran CJiurch hat unterrichten laffen>
wird man vielleicht gar im Ernft meinen, dafs auch uns
mit folchen Mitteln könnte geholfen werden. Denn über
die religiöfe — nicht kirchliche — Noth, die uns bedrückt,
fcheinen diefe glücklichen Lutheraner, Nord-Amerika s
keine deutlichen Vorftellungen zu befitzen.

Der Verf. wird es kaum erwartet haben, dafs feine
Beurtheilung der lutherifchen Kirche ungetheilte Zuftim-
mung erfahren werde. Um fo mehr hat er vollen An-
fpruch auf allgemeinen Dank für die reiche, namentlich
ftatiftifche, Stofffammlung, welche fein Buch bietet. Niemand
aber wird das Buch aus der Hand legen, ohne
dafs fein Auge mit Intereffe an den charaktervollen Phy-
fiognomien der Männer haften geblieben wäre, deren
Abbildungen dasfelbe fchmücken. Namentlich die ausgeprägten
Gefichtszüge von C. F. W. Walther und Charles
A. Stork laden zu wiederholter Betrachtung ein.

Rumpenheim. S. Eck.

Weiss, Prof. Dr. Herrn., Einleitung in die christliche Ethik.

Freiburg i/Br., Mohr, 1889. (VIII, 239 S. gr. 8.) M. 5.—

Das erfte Capitel ,Sittlichkeit und Sittenlehre' (S. I
—56) behandelt in einleitender Weife methodifche Fragen.
Das Object der Ethik ift die Sittlichkeit d. h. dasjenige
menfchliche Verhalten, welches in Beziehung fleht zürn
abfoluten Gefetz des perfönlichen Lebens. Die Ethik ift
entweder eine philofophifche oder theologifche Disciplint
je nachdem fie dies Object ohne oder mit beftimmter
Rückficht auf die in Chriftus gefchehene Offenbarung und
Erlöfung bearbeitet. Ob aber fo oder fo, jedenfalls ift
nur die idealiftifche Auffaffung des Sittlichen fachlich berechtigt
, die blofs empirifche Auffaffung dagegen verfehlt
und irreführend, weil fie auf die Begründung des
Sittlichen im Ewigen und Ueberfinnlichen verzichten heifst.
Speciell die theologifche Ethik hat wie die Glaubenslehre
den chriftlichen Glauben des Darftellers zur Vor-
ausfetzung und fchöpft wie diefe in freier Weife aus der
heiligen Schrift. Sie unterfcheidet fich von der Glaubenslehre
dadurch, dafs fie es im befonderen mit dem menfch-
lichen Verhalten zu thun hat. In ihrem Verfahren hat
fie die Mitte zwifchen fpeculativer Conftruction und
empirifch reflectirender Darftellung einzuhalten. Angeordnet
wird fie am bellen fo, dafs in einem erften Theil
die Vorausfetzungen der chriftlichen Sittlichkeit (leitende
Idee, anthropologifche und foteriologifche Vorausfetzungen
), in einem zweiten Theil das chriftliche Perfonleben,
in einem dritten die Erfcheinung der chriftlichen Sittlichkeit
befprochen wird. Das zweite Capitel (S. 56—185)
hehandelt dann die leitende Idee, die chriftliche Idee des
Guten, und bildet den Hauptinhalt des Buchs. Der Verf.
knüpft hier erläuternd und corrigirend an feine frühere
Schrift gleichen Namens an. Zunächft werden die Ideen
im allgemeinen befprochen und nachdrücklich betont,
dafs alle höhere Wiffenfchaft von diefem apriorifchen
Geiftesbefitz auszugehn hat. Wo das nicht gefchieht, ift
der Schlüffel zum richtigen Verftändnifs aus der Hand
gegeben. Weiter wird die Beziehung des Guten zu den
Gütern und zum höchften Gut erörtert, und zwar fo,
dafs der Verwechslung der fittlichen Ziele und Ideale
mit denen der Cultur benimmt widerfprochen wird. Es
folgt eine Erörterung über Religion und Sittlichkeit,
welche die enge Zufammengehörigkeit beider conftatirt.
Hieran fchliefst fich eine Befprechung der objectiven und
fubjectiven, der individualiftifchen und focialethifchen
Auffaffung des Guten; der Verf. hebt in derfelben den
perfönlichen Charakter alles fittlichen Lebens energifch
hervor, ohne deshalb die Bedeutung des focialen Moments
zu verkennen. Endlich wird der fpecififche Inhalt der
chriftlichen Idee des Guten dargelegt, er läfst fich in den
Gedanken der Gotteskindfchaft und des Gottesreichs zu-
fammenfaffen und bildet die richtige Mitte zwifchen allen
Gegenfätzen. Den Schlufs macht eine Befprechung von