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Ausgabe:

1890 Nr. 11

Spalte:

290-291

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rundle-Charles, Elis.

Titel/Untertitel:

Bilder des Lebens aus christlicher Geschichte 1890

Rezensent:

Löber, Richard

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Seite 1, Seite 2

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Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. II.

290

Fragen, mit denen es die chriftliche Sittenlehre felber j den Nächften fubordinirt. Letztere fei Gerechtigkeit, die

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z}} thun hat, während der zweite das Verhältnifs von
aierer zu anderen Syftemen befpricht.

!m erden Theile kommen zunächft formale Fragen
2ur Verhandlung. Im Chriftenthum, fo wird ausgeführt,
^■rd des Menfchen fittliche Würde in Verbindung mit
^orftellungen aufgefafst, welche Gott als Vater und
^chopfer der Geifter betrachten, und in Gen. 1,27 fei die

fich in Wahrhaftigkeit, Theilnahme, Mitleid und Dankbarkeit
erweife, wenn Subject und Object der Liebe einander
gleichflehen; Güte (Wohlwollen, Geduld), wenn

das erftere höher, Befcheidenheit, wenn es tiefer ftehe._

Die fociale Ethik komme immer wieder auf die In-
dividualethik zurück. — Als Arbeiter feien nicht nur die
Handarbeiter zu betrachten. — Die Gefellfchaft fei ein
Anlage des Menfchen zu Religion und Sittlichkeit zu- Organismus nur infofern, als fie nicht gemacht, fondern
gleich bezeichnet, nicht nur der Möglichkeit, fondern geworden fei, nicht aber, fofern fie ein Centralbewufst-
auch der Wirklichkeit nach, welche letztere als Keim I fein habe. Nur um das Bewufstfein vieler einzelnen
£ den Vorftellungen über Gott enthalten fei, unter deren j könne es fich handeln. — Macht und Freiheit feien die
Einfluffe der Menfch nach einem fittlichen Zuftand ftrebe, ! Attribute des Staats. Die Macht komme für das Ge-
'n welchem Gott Gemüth und Willen beherrfcht. — Für ( meinfchaftsleben in Betracht, die Freiheit für das Indivi-
dle fittliche Beurtheilung komme nur in Betracht, was ! duum. — Weder aus der Vertrags- noch aus der Ufur-
aus einem feften Willen, aus Selbftbeftimmung, her- j pationstheorie erkläre fich der Urfprung des Staats

j. rgehe. — Der Menfch fei frei und unfrei zugleich.
0^r das komme für die chriftliche Sittenlehre in Frage,
, der Indeterminismus in einer feiner Formen die Ab-

arigigkeit aufnehme. — lieber die vielverhandelten Fra-
sen, ob die Vorftellung der Pflicht urfprünglich und
w ^d'ngt fei, als Frucht aus dem religiöfen Glauben er-

achfe oder umgekehrt, und wie fich Pflicht und Neigung
, .e>nander verhalten, habe die chriftliche Sittenlehre
t ein^ entfcheidende Auskunft zu geben. Wohl aber beachte
fie den Begriff der Pflicht für das fittliche Leben
auf Undarnental. Das Pflichtbewufstfein ruhe zwar nicht
d dem Glauben, wohl aber wurzele es mit ihm auf

eirifelben Boden, und die chriftliche Sittenlehre behaupte
dn,ach, dafs kein Pflichtbewufstfein im Menfchen und

as Gewiffen ohne Abfolutheit wäre, wenn Gott feinen
^Uigen Willen dem Menfchen nicht offenbart hätte; im

ewilfen fehe fie die Aeufserung des Pflichtbewufstfeins.

Dielen Theorien gegenüber fei die theokratifche infofern
im Rechte, als was unmittelbar von Gott abgeleitet werde,
noch nicht unmittelbar mit ihm in Beziehung zu ftehen
brauche. — Die fittliche Bedeutung der Kirche fei, dafs
fie den fittlichen Zuftand heben foll. Leifte fie dies nicht,
fo fei ihre Macht fchädlich. Die Ehre der proteftanti-
fchen Kirchen müffe es bleiben, niemals im Namen des
Glaubens zu bekämpfen, was echt fittlich fei.

Der 2. Theil (Seite 47—91) bringt eine Kritik des
Materialismus, des Evolutionismus Wundt's, des Pofitivis-
mus, des Utilismus, des Evolutionismus im allgemeinen
und des Peflimismus. In den bezüglichen Ausführungen
findet fich manches Treffende, das allgemeinere Beachtung
finden dürfte. Befonderes Gewicht legt der Ver-
faffer auf den Glauben an die individuelle Unfterblich-
keit. Wenn diefer falle, fo könne das Ziel des fittlichen
Strebens nur als Gemeinfchaftsziel betrachtet und der

Was das" Ziel des fittlichen Lebens betreffe, fo wolle fittliche Fortfehritt nur in der Culturentwicklung ge-
das Chriftenthum fowohl die Vollendung des Individu- 1 funden werden . . c -

ünas als der Menfchheit Aber mit dem Individuum fei I Der Verf. fagt felbft, dafs er kein Syftem, noch eine
?u beginnen und die Moral der Gefinnung fei ftärker zu Gefchichte der chriftlichen Sittenlehre habe geben wollen,
betonen als die der That. — Gut fei alles, was Pflicht 1 fondern nur eine Anleitung zu der Ueberlegung, welchen
fei» und alles was gut fei, fei Pflicht. Zwifchen Pflicht Standuunkt der Chrift in Rückficht der wichtigften Streitend
Verdienfit "ebe es keine Grenze. Der Chriff begnüge ! punkte unter den Moraliften unferer Zeit zu nehmen
Uch hinfichtlich des Urtheils über gut und böfe nicht mit ! habe. Von Einzelnem abgefehen ift ihm die Löfung
der Erklärung dafs beide Begriffe nicht begründet wer- 1 diefer Aufgabe im allgemeinen, wie uns fcheint, in dan-

, -....... —----------o--------------o-------- -

Pen könnten oder nach der allgemeinen Wohlfahrt fich
deffimmten, fondern halte für gut, was Gottes Wille fei.
^afs hierdurch die Sittenlehre in Gefahr gebracht oder
das fittliche Urtheil verfälfeht werde, fei nicht zu fürchten;
denn der Glaube an Gott ftehe oder falle nicht mit den
auf Gott fich beziehenden Begriffen, noch fei der Wille
Rottes dem Gläubigen Willkür. Motiv der Sittlichkeit
p°nne nur die Liebe fein; Hülfsmittel derfelben aber
J;1 alles, was die fittliche Einficht vermehre, das fittliche

kenswerther Weife gelungen.

Lennep. Lic. Dr. Thönes.

Rundle-Charles, Mrs., Bilder des Lebens aus christlicher
Geschichte. Ueberfetzt von Elif. Klee. Anklam,
Schmidt, 1889. (m> 45° S. gr. 8.) M. 5. —; geb. M. 6. —

Die Verfafferin wurde von dem löblichen Beftreben
Geführverfc^ «der die Kraft zum • geleitet, das kirchliche Alterthum durch frei erfundene

Guten verftärke — Da die Liebe Seligkeit fei, trage die , Lebensbilder für diejenigen fruchtbar und verftandlich
chriftliche Sittlichkeit etwas von Eudämonismus in fich; zu machen, denen kirchengefchichtliche Studien zu müh-
da fie aber auch Dankbarkeit fei, fo finde fich in ihr | fam und trocken find. Da die Verfafferin nicht wie ihr
auch etwas vom RDorismus. Nur den falfchen Eudämo- Landsmann Charles Kingsley in feiner Hypatia den kir-
nismus und Rigorismus weife fie ab. chengefchichtlichen Stoff zu lebensvollen Geftalten ver-

In der zweiten Unterabtheilung des erften Theils, arbeitet, fondern ihre unbeftimmten Zeitbetrachtungen
Welcher materiale Fragen der chriftlichen Sittlichkeit be- J in entfprechenden Phantafiebildern verkörpert hat, fo war
Fandelt, werden der Inhalt der chriftlichen Sittlichkeit j trotz der mannigfachen, uns vor Augen geftellten Situa-
in> allgemeinen, die Wiedergeburt, die Heiligung, die , tionen eine gewiffe Monotonie der Gedanken und der
Tugend, die Pflicht, die Liebe gegen Gott, den Nächften Sprache und manche anachroniftifche Verfchiebung nicht
Ur»d uns' felbft, die Familie, der Staat und die Kirche be- | zu vermeiden. Dennoch zeugen diefe Lebensbilder von
krochen. Nur Einzelnes hebe ich aus der Verhandlung einer ungewöhnlichen Geftaltungskraft und einem umfaf-
nervor. In der Lehre von den Tugenden fei befonders j fenden Verftändnifs des chriltlichen Lebens, mag das-
die Einheit in der Vielheit zu betonen. — Die chrift- ! felbe das Gepräge des apoftolifchen oder nachapoltolifchen
Uche Sittenlehre habe nur eine obligatio und ein offt- Zeitalters, des dritten oder des 12. Jahrhunderts tragen.
ättn: Gott. Damit fei der Utilismus fowohl im altru- j Auch verfügt die Verfafferin über fehr mannigfache Arten
'ftifchen als ecroiftifchen Sinne abgewiefen; Eudämo- . der Darfteilung, welche bald erzählend, bald dramatifch

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Sirius aber und Rigorismus in ihrer Berechtigung aner- ift und fogar die Brief- und Tagebuchform verwendet

inlT1" ~ Die Liebe gegCn Gott ftehe aber mit allen Bisweilen gewinnen wir einen lehrreichen Einblick in die
"aeren fittlichen Forderungen im engften Zufammen- Tiefen chriftlichen Glaubenslebens und in die Entfaltung
a"g- Ihr fei die Pflicht gegen uns felbft und die gegen | desfelben, welche durch das Aufeinanderwirken fehr ver-