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Ausgabe:

1890

Spalte:

288-290

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lamers, G. H.

Titel/Untertitel:

De christellijke zedeleer en de vraagstukken der hedendagsche zedekunde 1890

Rezensent:

Thoenes, Karl

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28;

Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. ir.

288

7. Die ^Responsio couct/ü' weift, wie F. S. 100 ff. hervorhebt
, viele Anklänge an Niem's ,de schismatc1 auf. F. ift
hier, wie bei dem von Hardt fälfchlicherweife dem Franzofen
Gentiani zugefchriebenen Anfchlag, geneigt, Niem
für den Verfaffer zu halten. Allein die Thatfache, dafs
fich in dem gefammten Quellenmaterial des Concils nur
ganz fpärliche Nachrichten von dem weftfälifchen Curialen
finden, fpricht gegen folche ausgedehnte Schriftftellerei.
Auch das Tagebuch, auf welches aufmerkfam gemacht
zu haben, ebenfalls ein Verdienft F.'s ift, kann nicht aus
Niem's Feder flammen. Der Nachweis Erler's (,Dietrich
von Nieheim' S. 398 f.) ift m. E. fchlagend. Was F.
dagegen S. 148 einwendet, trifft Erler nicht, da Erler,
wenn auch gerade hier recht unklar, zugiebt, dafs fchon
das 2. Buch der vita Johann's XXIII. auf tagebuchartigen
Notizen beruht, und nur die Identität diefer mit jenem
Tagebuch beftreitet.

8. S. 122 heifst es von dem fog. italienifchen De-
cemberantrag: ,auf jeden Fall ftand er den Anfchauungen
Ailli's und feiner Freunde nicht fo fern'. Der Beftätigung
des Pifanum, welche hier gefordert ift, wird von Ailli
auf das fchärffte widerfprochen. Die Angabe der Acten,
dafs diefer Antrag von Ailli mit überreicht worden fei,
mufs deshalb anders gedeutet werden. Auch gegen die
handfchriftlich bezeugte Abfaffung der Gutachten Hardt
II, 196—201 durch Ailli möchte ich Zweifel erheben, da
hier der Gedanke an Auflöfung des Concils vertreten wird, (
welchen die von Ailli am 7. Dec. überreichten Thefen auf 1
das fchärffte verurtheilcn. In der Verfafferfrage über ]
den Antrag ,Qnotnp!ex' dürfte trotz der gegentheiligen 1
Beweisführung F.'s S. 130 ff. Tfchackert Recht behalten.
Gewifs hat Ailli in den Monaten December und Januar
eine bedeutende Wirkfamkeit ausgeübt. Aber einzelne
Anklänge reichen nicht aus, ihm eines diefer Stücke zu-
zufchreiben. Wie fluctuirend das literarifche Eigenthum
in jenen Tagen war, zeigen gerade die 12 Thefen Ailli's,
von denen F. eine vollftändige Wiedergabe in zwei Wiener
Hdd. gefunden hat. —

Nur wenige Unebenheiten find mir bei der Leetüre
des Buches aufgeftofsen. Ein ruhiger klarer Stil wirkt
mit, den Gefammteindruck zu einem überaus wohlthuen-
den zu machen.

Marburg. Lic. Bernhard Befs.

Usteri, Prof. Dr. Joh. Martin, Die Bedeutung und Berechtigung
des mystischen Elements in der christlichen Religion.

Referat in der Asketifchen Gefellfchaft des Kantons
Zürich. Zürich, Schulthefs, 1889. (46 S. 8.) M. —.80.

Der Verf. weift mit Recht darauf hin, dafs eine
Unterfuchung der Worte ,Myftik, myftifch' nicht den Ausgangspunkt
feiner Unterfuchung bilden dürfe. Vielmehr
fei auszugehen von den gefchichtlichen Erfcheinungen, die
wir mit diefen Worten bezeichnen, und dann zu fragen,
inwiefern das darin fich ausprägende Element der Religion
an der Schrift gemeffen auch im Chriftenthum berechtigt
fei. Dem entfprechend fchildert er das Wefen
der aufserchriftlichen Myftik, in welcher der Menfch durch
Abkehr von der Welt und Steigerung der gefühlsmäfsi-
gen Richtung auf ein Höchftes und Letztes die Schranke
zwifchen Gott und fich aufzuheben trachtet. Askefe und
ein pantheiftifcher Gottesbegriff find die regelmäfsigen
Begleiterfcheinungen folchen Strebens. Auch in der
Kirche finden wir diefe eigentliche Myftik, aus neu-
platonifcher Wurzel hervorgewachfen, immerhin mit der
nicht unwefentlichen Modification, dafs Chriftus als Ob-
ject der Contemplation neben Gott oder ftatt Gottes in
den Zufammenhang eingefügt wird. Vom'evangelifchen
Standpunkt aus beurtheilt ift die Myftik fchlechthin zu
verwerfen, fofern fie eine Methode, zu Gott zu kommen
und feiner gewifs zu werden, bezeichnet. Das gilt für
den Anfang und das gilt bleibend für chriftliches Glauben

und Leben. Zu keiner Zeit und in keinem Betracht darf
diefe Methode, durch eigene fubjective Bemühung und
Steigerung der Andacht Gottes und des Heils fich zu
verfichern, befolgt werden. Vielmehr ift der gefchicht-
liche Chriftus und find die Gnadenmittel, in denen er uns
nahe kommt, der allein mögliche und der allein zum
Ziel führende Weg zu Gott: die Rechtfertigung des
Sünders aus Gnaden durch den Glauben allein. Etwas
j anders Hellt fich die Sache, wenn wir nach dem Wefen
des fo begründeten Verhältnifses zu Gott und zu Chriftus
fragen. Da wird zu fordern fein eine Innerlichkeit des
perfönlichen Verhältnifses zu Gott und für die höchften
Momente des Chriftenlebens zu behaupten fein eine innere,
ungefucht fich ergebende Ueberwältigung durch die Herrlichkeit
Gottes und Chrifti, für welches beides wir ein
Wort brauchen, für welches das Wort ,myftifch' unter
uns eingebürgert ift, und wofür fich fchwerlich ein anderes
Wort wird prägen lallen. Infofern hat und behält
daher das myftifche Element Bedeutung und Berechtigung
in der chriftlichen Religion. In diefem Sinn entfpriclh
es auch dem neuen Teftament, namentlich der Verkündigung
eines Paulus und Johannes.

Diefen Ausführungen ftimme ich in allen wefentlicheu
Punkten zu und freue mich deffen, dafs Ufteri auf feinem
Wege ungefähr zu derfelben Beurtheilung der von ihm behandelten
wichtigen Frage gekommen ift, welche auch ich
mit Ritfehl und gegen Ritfehl vertreten habe. Ergänzend
möchte ich bemerken, dafs das myftifche Element viel
früher als durch Dionyfius Areopagita in die Kirche eingedrungen
, und dafs es fchon im katholifchen Dogma nid
den biblifch begründeten Gedanken des Glaubens ver-
fchmolzen worden ift. Zur Erwägung möchte ich Hellen,
ob es fich nicht empfiehlt, aller Naturmyftik die pauli-
nifche Verkündigung des verklärten Chriftus in der Einheit
mit feinen Gliedern als die echt chriftliche und evan-
gelifche Myftik entgegenzuftellen, als die myftifche
Grundanfchauung des Chriftenthums, welche nun eben
dem ethifchen Element nicht gegenübertritt, fondern das
ethifche Element als conftitutiv in fich aufgenommen
hat und dadurch das Chriftenthum als die Vollendung
des religiös-fittlichen Lebens der Menfchheit erkennen
läfst. Ift es doch diefe Formulirung des chriftlich-myfh-
fchen Elements, welche überdies die unauflösliche Beziehung
desfelben auf den gefchichtlichen Chriftus klar
macht. Aber das find nicht Einwände gegen Ufteri,
fondern Gedanken, die durch feine Ausführungen wieder
angeregt wurden. Ich kann feine kleine Schrift nur aufs
lebhaftefte empfehlen.

Berlin. Kaftan.

Lamers, Dr. G. H., De christelijke zedeleer en de vraag-
stukken der hedendagsche zedekunde. [Nieuwe bijdragen
op gebied van godgeleerdheid en wijsbegeerte, V, 6.]
Utrecht, Breijer, 1889. (91 S. gr. 8.) f. 1. 80.

Nach einer Einleitung, in welcher der Verfaffer betont
, dafs auch in feinem Vaterlande gegenwärtig Fragen
des fittlichen Lebens im Vordergrunde des wiffen-
fchaftlichen Intereffes flehen, insbefondere die, ob der
Pflichtbegriff ohne irgend welche metaphyfifche Theorie
feftftellbar fei, und ob die chriftliche Sittenlehre gegenüber
der fogenannten unabhängigen Wiffenfchaft, durch
welche fie verurtheilt werde, beliehen könne; dafs ferner
trotz aller confeffionellen Unterfchiede von einer chriftlichen
, und wegen neu auftretender Fragen trotz des
Gleichbleibens anderer in den verfchiedenen Zeiten auch
von einer gegenwärtigen Sittenlehre geredet werden dürfe;
dafs endlich zwar keine Apologie der chriftlichen Sittenlehre
beabfichtigt, wohl aber von der Thatfache ausgegangen
werde, dafs der Streit um Gott der Streit der
gefammten Wiffenfchaft fei, giebt er in einem erften
Theile eine kurze Erörterung formaler und materialer