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1890 Nr. 1

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7-16

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Priscilliani quae supersunt, maximam partem nuper detexit adiectisque commentariis criticis et indicibus primus edidit Geo. Schepss 1890

Rezensent:

Loofs, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 1.

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eine Verfügung diefes Kaifers, die er den acta Sympho-
riani bez. dem Neander'fchen Berichte über diefelben
entnimmt, kann dafür nicht entfchädigen, weil der Kaifer
nicht Marc Aurel, fondern Caracalla, und weil die Verfügung
gefälfcht ift. Wenn nach dem feverifchen .Gefetze
' eine Verfolgung ausbrach, fo mufs dasfelbe ,falfch
aufgefafst' worden fein, denn Severus fei den Chriften
günftig gewefen. Die Ulpianifche Sammlung von Ver- i
Ordnungen gegen das Chriftenthum fei unter Alexander
veranftaltet worden. Das gallienifche Toleranzedict habe
das Chriftenthum für eine religio licita erklärt.

Das find einzelne Irrthümer, wie ich bereit bin, fie J
zu Dutzenden aufzuzeigen. Für eine folche Unkenntnifs
des Gegenftandes war Einficht in den Charakter und die
Gründe des Kampfes zwifchen Staat und Kirche nicht
zu erlangen; was der Verf. darüber redet, ift fchief und
unklar. Und dem Ref. bleibt es unklar, wie eine vier-
undzwanzigjährige Arbeit zu diefem Ergebnifs hat führen
können.

Strafsburg i. E. K. J. Neu mann.

Prisciiliani quae supersunt, maximam partem nuper detexit
adiectisque commentariis criticis et indicibus primus
edidit Geo. Schepfs. Accedit ürosii commonito-
rium de errore Priscillianistarum et Origenistarum.
(Corpus scriptorum ecclesiasticorum latinorum, vol.
XVIII.) Wien [Tempsky], 1889. (XLVI, 223 S. gr. 8.)
M. 8. 50.

Schon im Auguft 1886 ift in diefer Zeitung von dem
Ref. der Vortrag angezeigt worden, durch welchen Dr.
Georg Schepfs in Würzburg der Oeffentlichkeit die erfte
Mittheilung darüber machte, dafs er in der Würzburger j
Univerfitätsbibliothek elf Tractate des 385 hingerichteten |
Priscillian aufgefunden habe (vgl. Jahrg. 1886 Col. 392 ff.).
Unter Rückweis auf das damals Ausgeführte ift nun die 1
verheifsene Ausgabe des neu aufgefundenen Schriftftellers I
anzuzeigen.

Die Ausgabe hat länger auf fich warten laffen, als j
man dachte; dafür ift aber auch ihre Güte aufser Zweifel.
Mit einer Akribie, wie fie die grofsen Mauriner-Editoren ]
nicht kannten, hat der Herausgeber allen Anforderungen I
zu genügen gewufst, welche philologifche Pedanterie der ;
Gegenwart mit Recht zu ftellen gelernt hat. Was die
Handfchrift bietet, erfährt man ftets zuverläffig; die kri- |
tifchen Anmerkungen verwenden fogar Typen, die den !
Buchftaben der Handfchrift ähneln; Rafuren und Correc- j
turen find, foweit es möglich war, in den Anmerkungen
durch den Druck veranfchaulicht; die Orthographie der
Handfchrift ift im Grofsen und Ganzen fammt ihren In-
confequenzen pietätvoll confervirt; die Einleitung giebt j
über die Handfchrift, ihre Lücken, ihre Sprache, ihre
Schreibweife reichlichfte Auskunft; auch die Gefchichte j
der Handfchrift (vgl. Jahrg. 1886, Sp. 396 Schlufs) ift
p. X f. anläfslich der in ihr aufserhalb des Priscillian'-
fchen Textes vorkommenden Namen Bilihütvcad Amanda, •
wenn auch nicht aufgehellt, fo doch in Erwägung ge- |
zogen; die zahlreichen biblifchen Citate und Redewendungen
find mit grofser Sorgfalt kenntlich gemacht,
Parallelen in den von Priscillian eifrig benutzten Werken !
des Hilarius fowie verwandte Stellen anderer Väter in I
dankenswerthefter Weife nachgewiefen.

Kaum geringere Sorgfalt ift den an die Tractate
angefchloffenen, bereits durch Mai (Spiel/, rom. [X nach
S. 744) publicirten Canones Priscillian's zu den paulini-
fchen Briefen gewidmet. Sch. hat aufser der von Mai
gedruckten modernen Abfchrift eines cod. Cavensis diefen
telbft und noch heben andere gute Handfchriften ver-
werthet, über neun jüngere, nicht benutzte, in der Einleitung
hinreichende Auskunft gegeben; vor allem aber ift j
Sch.'s Ausgabe dankenswerth. weil fie erft das Werk voll- [
Händig zugänglich macht: Mai hatte die unter den einzelnen
der neunzig Canones genannten Capitel- oder Sec-
tionen-Zahlen — d. h. die Hauptfache des ganzen Werkes!

— ungedruckt gelaffen; Sch. — obgleich aus naiven Vor-
ftellungen über das Alter der Capiteltheilung der lateini-
fchen Bibel erft während der Arbeit herausgeriffen (vgl.
p. XXXI) -— hat den Canones ftets die angeführten Ca-
pitelzahlen folgen laffen und hat zur Kenntlichmachung
der von P. befolgten Capiteltheilung diefelbe tabellarifch
mit der der Vulgataausgaben verglichen. Diefe Tabelle
hätte freilich m. E. nicht in Petitdruck unter die Indices
gefetzt werden dürfen: fie erfetzt einen integrirenden
Theil der Arbeit P.'s und hätte den Canones vorausge-
fchickt werden müffen; doch das ift eine Nebenfache:
die Hauptfache ift, dafs nun dies Werk Priscillian's, ein
intereffantes biblifch-theologifches Gegenftück zu den
fynoptifchen Canones des Eufebius, vollftändig vorliegt,

— allerdings nur in einer fpäteren Bearbeitung, über
deren Urheber (Peregrmus episcopus) auch Sch.'s Bemühungen
(p. 179) nichts weiter haben feftftellen können,
als dafs er vor 821 gearbeitet haben mufs.

Anhangsweife folgt den Werken Priscillian's das in
dem Orofiusbande des Corpus beifeitgelaffene cotnmo-
nitorium de errore Priscillianistarum et Origenistarum des
Orofius. Sch. hat hier Vollftändigkeit des kritifchen Apparats
nicht angeftrebt, feine Sorgfalt aber nicht verleugnet.
Vorzügliche Indices, drei aufser der zu den Canones gehörigen
Tabelle: scriptorum, nominum et rerum, verboriun
et locutionum, fchliefsen den Band.

Kurz, die Ausgabe Sch.'s ift zweifellos eine muller-
hafte. Doch ift es undankbar, wenn man zu fagen wagt,
dafs die alten Mauriner-Ausgaben vor folchen modernen
Mufterausgaben viel voraus hatten? Es kann nicht undankbar
fein, eine zweifellos fichere Thatfache zu con-
ftatiren. Die Thatfache aber ift unleugbar. So oft fich
auch in der Dürftigkeit der Angaben über die Handfchriften
die Mängel der Mauriner-Ausgaben uns fühlbar
machen; es war doch etwas Grofses, dafs diefe Männer,
die mehr Theologen und Kirchenhiftoriker waren als
Philologen, in vornehmer Zurückhaltung des Intereffes
gegenüber den Mitteln ihrer Arbeit — und nur dies find
die Handfchriften — mit Riefenfleifs den Zweck verfolgten
, durch forgfältige Conftituirung des Textes und
durch erfchöpfende Erörterung der für fein Verftändnifs
wichtigen biographifchen, chronologifchen und literär-
gefchichtlichen Fragen die alten Schriftfteller als zum
Gebrauch zugerüftete Quellen der hiftorifchen Forfchung
zu überweifen. Man kann dem Herausgeber eines Bandes
des Wiener Corpus Script, cccl. lat. keinen Vorwurf
daraus machen, dafs er gar nicht die Abficht haben konnte,
zu leiften, was die Mauriner bei ihren Ausgaben er-
ftrebten; aber um fo weniger wird es ihn fchmerzen,
dafs gegenüber einem Schriftfteller wie Priscillian die
Vortheile der alten Ausgaben dem Lefer fehr fühlbar
werden.

Es ift das zunächft bei der praefatio der Fall. Dafs
Sch. anftatt einen Abfchnitt de vita et doctrina Piiscäliani
ihr einzufügen, auf feinen eingangs genannten Vortrag
und auf eine künftige Monographie verweift (p. VIII),
das rechne ich nicht hierher: die analogen Abfchnitte in
den Mauriner-Ausgaben find Digreffionen der Herausgeber
in das Arbeitsgebiet der Quellenverwerthung. Doch
durfte der Nachweis der Autorfchaft Priscillian's in Bezug
auf die 11 Tractate und in Bezug auf die Canones fehlen?
Freilich hat Sch. in feinem Vortrage und durch die im
Archiv für lat. Lexikographie III, pag. 309 not. ge-
fammelten fprachlichen Parallelen zwifchen den einzelnen
Tractaten die Herkunft der 11 Tractate und zugleich
der Canones von Priscillian fo gut wie erwiefen, und
reiches Beweismaterial fteckt in dem index verboriun et
locutionum; allein einem fo monumentalen Werke, wie
das Wiener Corpus es ift, ziemt es m. E. nicht, diefe
wichtige Frage durch jene andeutenden Ausführungen für
erledigt zu halten. Wird man in Amerika Sch.'s Vortrag und