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Ausgabe:

1890 Nr. 10

Spalte:

256-257

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dibelius, Franz

Titel/Untertitel:

Die Einführung der Reformation in Dresden 1890

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 10.

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der Infel Patmos', die als folche auch ihm für die Ver- für ganz kleine Kreife verfländliche Unterfuchungen ge-

muthung eines Späteren gilt, fucht er eine urfprüngliche münzt.

Grundlage zu geben: Johannes foll der andere Name des Gief Guftav Krüger,

in dem Briefe angeredeten Hierotheos fein, und Patmos &

fei vielleicht urfprünglich Pithom in Unterägypten ge-
wefen. Hier bewegen wir uns doch ftark auf dem Dibelius, Confift.-R. Stadtfuperint. Paft. prim. Dr. Frz.,
Boden unbeweisbarer Vermuthung. Ueberhaupt mufs Die Einführung der Reformation in Dresden. Aus Anlafs

ich bekennen, dafs fo leicht fich auch Namen wie Petrus, j _ n- • r ■ t tqo j n n. t-> „-^n

.1, tu tv. j m u-ir* j der Lnnnerungsfeier im J. 1889 dargeftellt. Dresden,

Timotheus, Titus, Johannes in der zweiten Hälfte des ° J cvos

4. Jh. finden laffen und fo ungezwungen fie fich hier für J- Naumann, 1889. (III, 89 S. 8.) M. 1. 25.
den Beweis zufammenzufügen fcheinen fPetrus und Timo- Dem 350jährigen Jubiläum der Reformation im alber-

theus von Alexandrien, Titus von Boftra, Dionyfios von tinifchen Sachfen haben wir diefe Schrift des auf dern
Rhinokolura, Johannes Hierotheos), ich die ,apoftolifchen Gebiete fächfifcher Kirchengefchichtsforfchung durch
Erinnerungen und Anklänge', die ,wie eine ererbte Krank- feine Auffätze in Herzog's Real-Encykl. wie durch feine
heit fich bis in unfere Tage fortfchleppen', nicht loszu- Beiträge zur Zeitfchr. für fächf. KGfch. beftens bekannten
werden vermag, befonders nicht angefichts des Hierarchen Verfaffers zu danken. Hier ift es vornehmlich auf ein
Polycarp als Empfänger des fiebenten Briefes. Die zweite gröfseres Publicum, auf die evangelifchen Gemeinden
Hälfte des D.'fchen Auffatzes befchäftigt fich mit dem Dresdens abgefehen, wenn der Verf. auch nicht unterNachweis
, dafs in den unter des Hippolytos Namen über- , läfst, feine Darftellung durch Quellen- und Literaturlieferten
Bruchftücken neol ifcoloyiag v.cd octQY.i'jotiog i nachweifungen überall zu beglaubigen, dabei auch noch
(vgl. Lagarde's Ausgabe Berlin 1858 S. 57—63) uns Refte ; die Forfchungen aus neuefter Zeit benutzt und er auch
der ,Theologifchen Grundlinien' des Dionyfios vorliegen. i einige archivalifche, bisher unbenutzte Notizen dem Ge-
Ein Anhang verbeffert Einiges am Text diefer Bruch- ; fchichtsforfcher bietet. Es Ift eine Feftfchrift, bei der
ftücke. — Die Abhandlung ,Vitalios von Antiochia' man die ftarken Accente, deren der Feftredner bedarf,
erbringt den Nachweis, dafs in der unter dem Namen 1 deutlich heraushört. Darin liegt ihre Kraft; diefer ora-

torifche Zug in ihr (vgl. z. B. S. 56 u. 59) befchränkt freilich
auch in etwas den Werth der Arbeit als eines Beitrags
zur Specialkirchengefchichte. Es ift rhetorifch wirkfam,
dafs der Verf. uns Herzog Georg in einer breit ausgeführten
ingeniöfen Parallele mit Kaifer Julian vor Augen
führt — aber der Hiftoriker fähe gern von diefer bald
mehr bald minder zutreffenden Vergleichung beider ab

...——.. ... — ~. — —...---------

des Gregorios Thaumaturgos überlieferten Schrift: Kecpü-
kaia tceqi nioitojg öojöev.a, iv aitg v.ctl uvaiit/.iaxiof.ibg
/.circa -/.ai CQfisveta exdarto vnoxixce/xai, xaxa cagtxr/dv
y.ai 'Iovdalcov [Patr. Gr. X, 1127 sqq.) das Glaubensbe-
kenntnifs des Apollinariften Vitalios von Antiochia erhalten
fei, welches diefer Damafus von Rom überreichte und
durch welches Gregorios von Nazianz hauptfächlich zu

feinem zweiten Schreiben an Kledonios benimmt wurde, j und wünfchte die Zeichnung des Kampfes Georg's gegen
— Sehr gelungen fcheint mir die vierte Abhandlung 1 die neue Bewegung rein nach feinem gefchichtlichen
(.Gregorios von Nazianz') mit dem Nachweis, dafs j Werden, nach feinen Stationen, Erfolgen und Mifser-

Ryffel (1880) Unrecht hatte, die von ihm aus dem
Syrifchen herausgegebene Schrift: ,An Philagrios über
die Wefensgleichheit' Gregor dem Wunderthäter zuzu-
weifen. Dr. konnte damals fofort nachweifen, dafs die
neuentdeckte Schrift fich fchon unter den Werken Gre-
gor's von Nazianz als nqbg Evayqiov iiovayov negi Usb-
trpcog kbyog befindet. Er trat auch gegen Ryffel den
Beweis an, dafs die Schrift mit Recht Gregor zugefchrieben
wird. Freilich hat Overbeck, der fonft an der Schrift
Ryffel's Vieles auszufetzen fand, Dräfeke nicht beigepflichtet
, da er nach Caillau die Schrift an Euagrios als ,in
Hinficht auf Echtheit (nämlich als Werk Gregor's von
Nazianz) fchon längft preisgegeben' bezeichnete (vgl.
diefe Zeitg. Jahrg. 1881 Nr. 12 Col. 284). Indeffen fcheinen
mir Dräfeke's Gründe vollkommen einleuchtend und
die Echtheit ficher behauptet. — Die ,Zwei Gegner
des Apollinarios' der fünften Abhandlung find Didy-
mos der Blinde und fein Schüler Ambrofios, von denen
D. wahrfcheinlich zu machen fucht, dafs fie die unter des
Athanafios Namen überlieferten Schriften gegen Apollinarios
verfafst haben. Sehr gefchickt ift hier der negative
Beweis, dafs nämlich Athanafios der Verfaffer nicht
fein kann, was freilich fchon längft als erwiefen gilt. —
Der letzte Auffatz ,Marcus Diaco nus' giebt eine hübfche
Schilderung des Sieges des Chriftenthums in Gaza nach
einer vom Diaconus Marcus verfafsten Biographie des
Bifchofs Porphyrios. Zwei frühere Auffätze find hier
verfchmolzen, die textkritifchen Vorfchläge zur Vita jedoch
nicht wiederholt.

D. rechnet für feine Arbeiten auf die Theilnahme der
Fachgenoffen, und wir möchten, dafs diefer Wunfeh in
Erfüllung ginge. Nur darf er feine Hoffnung nicht darauf
ftützen (vgl. S. IX), dafs er Hafe's Worte heranzieht, wir
gingen einer Zeit entgegen, ,in der man die Kirchenge-
ichichte zur allgemeinen höheren Bildung rechnen wird'.
Denn wenn fchon diefes in letzter Zeit bis zum Ueber-
drufs citirte Wort an fich eine fehr zweifelhafte Hoffnung
ausfpricht, fo ift es jedenfalls nicht auf folche, nur

folgen. Der literarifche Kleinkrieg, den Emfer u. a. von
Dresden aus gegen die Reformation führten, wird uns
S. 16 ff. nur in grofsen Zügen einer der fchärferen Indi-
vidualifirung ermangelnden, mehr in Paufch und Bogen
den Gegner abfertigenden Charakterifirung gegeben; und
doch wünfeht man gerade von der Monographie, dafs
fie uns über den Verlauf im Einzelnen unterrichte, dafs
uns z. B. über den Dresdener Wolfgang Wulferund feine
Schriften gegen Luther, über die noch fo wenig bekannt
ift, Belehrung geboten würde — aber nicht einmal der
Name desfelben wird hier erwähnt. So wird der Hiftoriker
hier manches vermiffen, was er gern als Jubiläumsgabe
von dem gefchichtskundigen Verf. fich hätte darbieten
laffen; aber möge nur das gut orientirte und gut ge-
fchriebene, auch Bekanntes in neuer, anziehender Form
behandelnde Büchlein der evangelifchen Gemeinde von
ihrer Vergangenheit beredtes Zeugnifs geben! Der
Verf. hat z. Th. eine feiner älteren Arbeiten hier wörtlich
hineingearbeitet; daher kommt es wohl, dafs er fich
von der dort verfochtenen Annahme eines Aufenthalts
Luther's in Dresden im Sommer 1517 noch nicht hat
losmachen können, obgleich durch den überzeugenden
Beweis, den Enders Briefwechfel I 353 erbracht hat, unzweifelhaft
ift, dafs der Brief Luther's, der von diefem
Aufenthalt erzählt, erft im Jan. 1519 gefchrieben fein
kann. Ein Motiv dafür, dafs Luther hier plötzlich vom
Sommer 1517 (und nicht 1518) reden folle, vermag ich
nicht zu entdecken. Zu der Verdeutfchung des Briefes
Luther's, de Wette I 20, bemerke ich: communis in S.
Atigustino professio' heifst doch nicht ,das gemeinfame
Bekenntnifs zu m h. Auguftin'; ,non est quod metuat offen-
sionem mez' heifst wohl nicht: ,von mir hat er keine Beleidigung
zu fürchten', fondern ,er braucht das Aergernifs
nicht zu fürchten, das er mir gegeben hat'. Cedern, die
den Himmel ,mit ihrer Stirn' berühren, vertragen wohl
auch eine Correctur; und gleich hernach gehört ,in coelo1,
zu pea'dit', aber nicht zu Angelus1-. Auch verliert der
amtliche Charakter diefes herzlichen feelforgerlichen