Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1890 Nr. 8

Spalte:

219-220

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfleiderer, Rudolf (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Die Bibel, das ist die ganze heilige Schrift. Mit Bildern der Meister christlicher Kunst. 12. - 17. Lfg 1890

Rezensent:

Schlosser, Georg

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

219

Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 8.

220

Gegenwart fruchtbar zu machen. Irgendwo citirt er als
eine zutreffende Definition von wahrer Beredfamkeit den
Ausfpruch eines mir unbekannten Autors: ,True cloqucnce
is to translate a truth into langitage perfectly intelligible
to the fierson to whom you spcak1. Ift das wahre Beredfamkeit
, fo ift fie ihm felber eigen. Er überfetzt die
biblifchen Wahrheiten in die Sprache der Gegenwart.
Er fpricht fie in einer Form aus, die fie feinen Zeitge-
noffen verftändlich macht, die fie in lebendige Beziehung
bringt zu den Gedankenkreifen, in denen fie fich bewegen.
Bei Jakob's Ringkampf weift er auf Krifen im Leben
Channing's und Carlyle's hin. Simfon ftellt er in Parallele
mit General Gordon. Cromwell, Monod, Luther,
Robertfon u. A. citirt er, wenn er nachweifen will, wie
heute noch der Pfalter ein wirkfames EJement in unferm
religiöfen Leben bildet. Ueberhaupt find die Predigten
fehr reich an Citaten aus der neueren Literatur, die Ro-
manfchriftfteller nicht ausgenommen, fo dafs fie fich nur
für eine fehr gebildete Zuhörerfchaft eignen. Aber man
hat trotzdem nicht den Eindruck, dafs es geiftrciche Vorträge
find, durch die der Verfaffer glänzen oder feine
Hörer nur anziehend unterhalten will. Es find wirkliche
Predigten, die erbauen wollen. Als Grundmotiv tritt
überall das Beftreben hervor, lebendigen Glauben und
die daraus entfpringende fittliche Kraft in den Herzen
zu wecken und zu fördern. Ich möchte diefe Predigten
nicht der deutfchen Predigt als Mufter vorhalten; dafür
find fie zu englifch in ihrem ganzen Gepräge. Auch
möchte ich fie überhaupt nicht als Mufterpredigten nach
jeder Richtung hin bezeichnen; fie find nicht frei von Mängeln
, wovon ich nur den einen erwähnen will, dafs die
altteftamentlichen Perionen, trotz des Verfaffers ausge-
fprochener Abficht, das neue Teftament nicht in's alte
hineinzutragen, vielfach etwas zu fehr idealifirt werden;
wird doch felbft Simfon als ,ein Zeuge für fittliche Ideale'
feiner Zeit gegenüber dargeftellt. Aber lernen läfst fich
viel daraus, befonders die Kunft, von der Religion in
einer Weife zu reden, die fie als eine Macht im Leben
und als ein Bedürfnifs für die Menfchen der Gegenwart
erfcheinen läfst.

Die in der Predigt überlfaak's Opferung vorgetragene
Auffaffung, dafs der Befehl Gottes gar nicht den Tod
Ifaak's, fondern nur feine völlige Hingabe an den Herrn
im Auge gehabt habe und fonach von Abraham mifs-
verftanden worden fei, wird in einem eigenen Anhang
eingehend begründet. Ich habe mich jedoch von der
Richtigkeit diefer Beweisführung nicht überzeugen können
. Der Verfaffer hat nur klar gemacht, dafs auch die
entgegengefetzten Auffaffungen an grofsen Schwierigkeiten
leiden, fo lange man den Bericht als wirkliche
Gefchichte fafst.

Augsburg. J. Hans.

Bibel, die, das ift die ganze heilige Schrift. Mil Bildern
der Meifter chrifUicher Kunft. Hrsg. von Dr. Rud.
Pfleiderer. 12—17. Hft. Stuttgart, Süddeutfches
Verlags-Inftitut, 1889. (A. T. S. 97 — 168. Fol.)
ä M. —. 50.

Von dem fchon zweimal in der Theolog. Litztg. (Nr.
5 u. 22 1889) mit grofser Anerkennung befprochenen
Werke find wiederum 6 Hefte (12—17), von 2 Mof. Ii
bis zum Schlufs von 3 Mof. reichend, erfchienen. Es
liegt in der Natur der Sache begründet, dafs in diefen
Abfchnitten der Bilderquell fpärlicher fliefst. Doch ift
auch hier kein wichtiger Punkt ohne bildliche Beleuchtung
geblieben. An die Stelle der künftlerifchen Darfteilung
tritt, wo es angebracht ift, die lediglich belehrende,
(z. B. der Stiftshütte, der Altäre, der hohenpriefterlichen
Gewandung; auch eine Karte des Wüftenzuges in Heft
17). Zunächft find die fo feltenen und werthvollen Darftellungen
der ägyptifchen Plagen und des Auszuges aus

Egypten zu Ende gebracht, dann folgen folche aus der
Gefchichte des Wüftenzuges und der Gefetzgebung, von
denen ich neben den vier den Rafaelifchen Loggien entnommenen
befonders ,Mofes läfst Wachteln kommen'
von Tobias Stimmer (1576), das ,Laubhüttenfeft', aus
la sainte Bible en francais par Saci (Paris 1789), hervorhebe
. Dazu kommt eine Reihe trefflicher Vollbilder,
darunter als Krone Rafael's reizvoll anmuthiger ,FifchzUg
Petri" nach den Teppich-Cartons. Schon diefe wenigen
Andeutungen genügen, um zu bekunden, wie erfolgreich
der Herausgeber auch in diefen Heften bemüht ge-
wefen ift, das Befte aus allen Zeiten zum Schmuck des
Bibelwortes zufammenzutragen.

Ein gewiffes Bedenken konnte Ref. beim Durchblättern
gerade diefer Hefte nicht unterdrücken. D'e
Bilderbibel zu betrachten ift eine Lieblingsbefchäftigung
der Kinder an den Sonntagen. Diefe Hausbibel wird
man ihnen nicht ohne weiteres allein überlaffen können.
So manches, was der enge Druck unferer gewöhnlichen
Bibeln dem kindlichen Auge entzieht, drängt ihm der
bewundernswerth klare Druck diefer Bibel, an dem ich
fonft meine befondere Freude habe, geradezu unausweichlich
auf. Doch das rührt an Fragen, die hier zu
weit führen würden, und am Ende ift es dies fchöne Werk
werth, bedarf deffen zum rechten Verftändnifs auch,
dafs die Eltern fich mit ihren Kindern gemeinfam hinein
vertiefen.

Giefsen. Gg. Schloffer.

Back, weil. Sem.-Dir. Rud., Friedrich Back. Lebensbild
eines Hunsrücker Pfarrers. Hrsg. von Gymn.-Dir.
F. Back. Neuwied, Heufer, 1889. (VII, 122 S. gr. 8.)
M. 2. 50.

Ref. bekennt dankbar, dafs ihm die Lefung diefes
fehönen Lebensbildes einen ganz ungemeinen .Genufs
bereitet hat. In trefflichem Deutfch gefchrieben lieft
es fich fehr angenehm. Knapp und in den grofsen
wefentlichen Zügen gezeichnet, entbehrt es doch der
Kleinmalerei nicht, die dem Bild erft Leben und Farbe
verleiht. Und dabei ift der alte Superintendent Back,
den es uns vorführt, eine überaus anziehende Erfchei-
nung. Er war keiner der grofsen Führer im Streit,
aufserhalb der Rheinprovinz wird fein Name kaum in
weiteren Kreifen bekannt fein; aber in feinem Bereich
hat er mit feiner kräftigen Eigenart, feinem lauteren
Wefen und feinem hellen Blick eine fehr eingreifende
und nachhaltige Wirkfamkeit entfaltet, durch die ihn zu
begleiten gerade um deswillen umfo wohlthuender ift,
weil fie fich wefentlich abfeitens des den Charakter verderbenden
Schlagwortkampfes der Parteien hält. Diefe
Wirkfamkeit ift umfo bedeutfamer, weil fie in den
noch gänzlich unfertigen und erft werdenden kirchlichen
und Schulverhältnifsen des Rheinlandes nach den Befreiungskriegen
einfetzte, und fich dann durch die ganze
gewaltige Entwickelung der Dinge bis zum Ende der
fiebziger Jahre hinzieht. Sie verläuft freilich zum wefentlichen
in dem von der grofsen Verkehrsftrafse abfeits
gelegenen und wenig gekannten Hunsrücker Land.
Aber gerade dies Ländchen ift mit feinen Schickfalen ganz
befonders in den Gang des grofsen Weltlaufs verflochten
gewefen, und es gewährt einen eigenen Reiz,
die Wirkung der gefchichtlichen Ereignifse in folch eng
begrenztem Kreife mit feft geprägtem Volksthum zu
beobachten. Von diefem Hintergrund hebt fich kräftig
und lebensvoll das Charakterbild Back's ab. Dafs es mit
der Liebe des Sohnes entworfen ift, macht fich nicht
etwa in unwahrer Verherrlichung geltend, fondern nur
in dem wirklich feinen und tiefen Verftändnifs. Es zeigt,
wie das anfprechende Lichtdruckbild, das dem Buche
beigegeben ift, fcharfe Linien, Licht und Schatten. Es
zu lefen ift darum überaus lehrreich und erfreulich zugleich-
Giefsen. G. Schloffer.