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Ausgabe:

1890 Nr. 8

Spalte:

217-218

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Friedberg, Emil

Titel/Untertitel:

Die geltenden Verfassungsgesetze der evangelischen deutschen Landeskirchen. 2. Ergänzungsband 1890

Rezensent:

Rieker, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 8.

218

dafs die irdifchen Dinge nicht von abfoluter Bedeutung
j5'en i). Die Art der Verbindung freilich, die er zwifchen
pl'gion und Sittlichkeit behauptet, entfpricht der Wirk-
"chkeit nicht, fchon deshalb nicht, weil fie ganz indivi-
auahaifch ift. Ihm ift der Glaube oder die Weltan-
chauung die nothwendige Spiegelung der Willensrichtung,
letzt alfo die erftere voraus und wirkt erft dann auf fie
zurück. Das gilt doch nicht, wo der Einzelne in einer
gemeinfchaftlichen Religion aufwächit. Dem Bewufstfein
uer Religionsftifter, insbefondere Chrifti, widerfpricht es
uirect. p. rechtfertigt aber auch das objective Recht
Glaubens vor dem Forum der wiffenfchaftlichen
Welterkenntnifs. Der atheiftifche Atomismus könne die
Einheit der Wirklichkeit nicht begreiflich machen. So
01 Ulfe Einheit und Geiftigkeit der Wirklichkeit als ursprünglich
gefetzt werden. Da nun die Gefetze der Moral
ln der Natur des Allwefens gegründet feien, da das Böfe
nicht Zielpunkt der Entwicklung, fondern Abweichung
lei> da die Wirklichkeit offenbar parteiifch fei zu Gunften
des Guten, die Tendenz habe, das Böfe auszumerzen und
das Gute zu erhalten, fo dürfe man fagen, dafs die
Sittengefetze die höchfte Form der Selbftbeftimmung des
fMlwefens darftellen — wenigftens für unfere Betrachtung.
Vvenn ein Theologe mit diefen Argumenten wie P. bereifen
wollte, dafs die gründliche Wiffenfchaft zu Gott
zurückführe, fo würde er, und verdienter Weife, den Vorwurf
der Pfeudowiffenfchaft auf fich ziehen, den P. an
die Theologie richtet. Wie ftimmt ferner diefer Nachweis
, dafs der thatfächliche Weltlauf allen Anfprüchen
v°Hkommen genügt, mit P.'s Satz, dafs die Religion
i^rner aus einer Empfindung des Ungenügens der empi-
dichen Wirklichkeit entfpringe? Diefer gegenüber zeigt
*; auch fonft einen unverwüftlichen Optimismus. Er
tritt dafür ein, dafs Wohlverhalten Wohlergehen, Uebel-
verhalten Uebelergeh en zu feiner natürlichen Folge habe.
~'e Ausnahme, dafs der Gerechte um der Gerechtigkeit
Willen leiden müffe, beftätige nur die Regel. Dem Peffi-
ihismus giebt er zu, dafs die Menfchheit nicht glücklicher
und beffer wird, fondern dafs mit der fortfehreiten-
den Senfibilität und Differenzirung Freuden und Leiden,
jowie die fittlichen Unterfchiede in gleichmäfsigem Fort-
•chritt wachfen, aber fich quantitativ gleich bleiben, und
uafs fchliefslich wie die Einzelnen und die Völker, fo
auch die Menfchheit vergehen wird. Aber das beweift
ihrn nicht die Vergeblichkeit des gefchichtlichen Dafeins.
S-Jas Uebel fei ein unentbehrliches Reizmittel für die
Jhätigkeit, das Böfe eine nothwendige Folie des Guten,
der Werth des Lebens liege wie beim Drama nicht in
einem Schlufsakt, fondern im ganzen Verlauf. — Wenn
wian nicht wie P. entfchloffen ift, unter allen Umftänden
den Standpunkt aufrecht zu erhalten, dafs die diesfeitige
P-ntwickelung, fowie fie fich empirifch kundgiebt, vollkommen
ift, fo dürfte einem Zufchauer das Drama derselben
, wie er es fkizzirt, herzlich fchlecht vorkommen,
pm gar nicht von der Unbefriedigung der handelnden
■(erfonen desfelben zu reden, auf die es in unferm Fall
doch in erfter Linie ankommt.

Giefsen. J. Gottfchick.

Friedberg, Geh. Ho fr. Prof. Dr. Emil, Die geltenden Verfassungsgesetze
der evangelischen deutschen Landeskirchen
. 2. Ergänzungsband. Freiburg i. B., Mohr, 1890.
(VIII, 211 S. Lex.-8.) M. 8. —
Zu der höchft verdienftlichen Sammlung der geltenden
Verfaffungsgefetze der evangelifchen deutfehen Landeskirchen
, welche Verf. 1885 hat erfcheinen laffen, ift
mhon im Jahr 1888 ein erfter Ergänzungsband erfchienen
ünd liegt nunmehr ein zweiter vor. Je reicher die Ge-
letzesthätigkeit der evangelifchen deutfehen Landeskir-

0 Wie verträgt fich das mit dem Diesfeitigkeitsftandpunkt?

chen in den letzten Jahren war, um fo dankenswerther
ift eine derartige Sammlung der allenthalben zerftreuten
und oft fchwer zugänglichen Kirchengefetze, deren Ver-
ftändnifs durch einleitende Bemerkungen erleichtert ift.
Der vorliegende neuefte Ergänzungsband enthält hauptfächlich
die neuen württembergifchen, badifchen und
heffifchen Kirchengefetze nebft Ausführungsverordnungen,
und auf S. 107—211 die Kirchengefetze der lutherifchen
Kirche in den ruffifchen Oftfeeprovinzen; die Aufnahme
diefer Kirchenverfaffung ift gerechtfertigt durch das In-
tereffe, das man in Deutfchland den politifchen wie den
kirchlichen Verhältnifsen der deutfehen Brüder in jenen
Provinzen entgegenbringt, fowie durch jene Verfaffung
felbft, welche manchen Reft altlandeskirchlicher Verfaffung
, den wir nicht mehr haben, insbef. eine ausgebildete
Ehegerichtsbarkeit pro foro interno et externa enthält
. — Für eine weitere Fortfetzung der Sammlung
möchten wir auf die zum Theil recht intereffanten Kirchenordnungen
der deutfehen evangelifchen Schweiz auf-
merkfam machen. Vielleicht könnte mit dem nächften
Ergänzungsband ein Generalregifter über fämmtliche
Bände der Sammlung verbunden und dadurch der Gebrauch
derfelben noch mehr erleichtert werden. Zum
Schluffe machen wir noch darauf aufmerkfam, dafs die
Verlagshandlung für folche, die nicht die ganze Sammlung
zu erwerben in der Lage find, befondere Einzelausgaben
der Kirchengefetze der einzelnen Landeskirche
bezw. Staaten (z.B. Preufsen, Bayern, Sachfen,Württemberg
u. f. w.) veranftaltet hat.

Brackenheim (Württemberg). Lic. th. K. Rieker.

Clifford, John, Daily strenght for daily living. Twenty ser-
mons on Old Testament themes. (With an appendix
on ,Abraham's mistake in the offering of Isaac'.)
2. ed. London, E. Marlborough & Co., 1887. (XIV,
459 S. 8.) geb.

Der Verfaffer obengenannter Predigten hat, wie er
uns in der Vorrede fagt, die Gewohnheit, den für den
Neujahrstag gewählten Text nicht blofs der Predigt diefes
Tages zu Grunde zu legen, fondern fich zugleich in feiner
Textwahl für das ganze Jahr dadurch beftimmen zu laffen,
fo dafs derfelbe den Grundton anfehlägt, der dann in
allen folgenden Predigten wiederklingt. Einmal hat er
nun zum Neujahrstext die Stelle Deut. 33, 25 gewählt,
die in unferer deutfehen Ueberfetzung lautet: ,Dein Alter
fei wie deine Jugend', während die englifche Bibel dafür
die fehr anfprechende, wenn auch kaum wefentlich richtigere
Ueberfetzung hat: ,Wie deine Tage, fo foll deine
Kraft fein'. Die mit Bezug darauf in der erften Jahreshälfte
über altteftamentliche Texte gehaltenen Predigten
enthält der vorliegende Band. Daher auch der Titel,
den man etwa überfetzen könnte: Tägliche Kraft für täglichen
Bedarf. Uebrigens klingt der darin ausgefprochene
Gedanke oft nur fehr leife an. Eine förmliche Durchfuhrung
desfelben in jeder einzelnen Predigt darf man nicht erwarten
. Der Verfaffer läfst vielmehr die hervorragendflen
Männer und Zeiten des alten Teftaments an unfern Blicken
vorüberziehen, und nur infofern er die Quellen aufzeigt,
aus denen fie für ihr Glauben und Leben die erforderliche
Kraft fchöpften, kommt er immer wieder auf fein
Grundthema zurück.

Sein Standpunkt ift ein theologifch unbefangener, der
wiffenfehaftliche Kritik nicht fcheut, fondern fie als Förderungsmittel
zur Aufhellung der Wahrheit preift. Sein
Hauptgewährsmann für das alte Teftament fcheint Ewald
zu fein. Doch fleht er für feine Perfon den berichteten
Thatfachen durchaus nicht fkeptifch gegenüber. Er
nimmt fie durchgängig als wirkliche Gefchichte. Er ift
fern von jeder mythifchen Deutung. Aber er bleibt am
Buchftaben nicht hängen. Er verlieht es vortrefflich, die
zu Grunde liegenden Ideen hervorzuheben und für die