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Ausgabe:

1890 Nr. 8

Spalte:

205-207

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Katzer, Ernst

Titel/Untertitel:

Die Bedeutung der ‚Gemeinschaft‘ in der Theologie A. Ritschl‘s 1890

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 8.

206

Szasz, dem gefeierten Dichter und Nibelungenübcrfetzer nifs des Einzelnen zur Kirche und zum Reiche Gottes,
Ungarns.

garns

Die darauf .folgenden ,Studien und Abhandlungen
« find ein Beweis dafür, dafs wie der ungar.
f/°teftantismus im Allgemeinen, fo auch die Revue mit
Ihren Mitteln das innige Verhältnifs zum ausländifchen,
insbesondere deutfchen Proteftantismus aufrecht erhalten,
h ,Pfle^en und entwickeln will auf literar. Gebiete. Deshalb
verfolgt fie die wilTenfchaftlichen Bewegungen des
■Auslandes mit reger Aufmerkfamkeit und unterfucht
und prüft diefelben nach beftem Wiffen und Gewiffen.
jJ2 charakterifift Prof. Balogh die franzöfifche literar.-
hiftor. Gefellfchaft (S. 10-27), Prof. Dr. Masznyik giebt
auf Grund deutfcher prot. Bearbeitungen (Hausrath u. A.)
*> Bild der Bekehrungsgefchichte Pauli (S. 27—52).
Referent verfolgt die Janffen'fche' Methode auf dem
Gebiete der Gefchichtfchreibung, namentlich der Refor-
mationsgefchichte, fowie auf dem der Philofophie, Literatur
und Miffion, wobei ihm die Arbeiten eines Köftlin,
vveber und Warneck wefentliche Dienfte leifteten (S.
52—71). Anwalt Sztehlo befpricht auf Grund der Ungar
. Gefetzgebung und kirchlichen Praxis die Reform des
Rherechts, und wünfcht eine Milderung der Unauflösbarkeit
der Ehe feitens der röm. Kirche ohne pofttive
Einführung der Civilehe (S.71—80). Prof. Csiky Schildert

Reform des Gottesdienftes (S. 80—96). kindlich Prof.
Dörk überfetzt die in den Studien und Kritiken er-
'chieneneKöftlin'fcheBefprechung der Werke von Thomp-
'on und Schaff über das Verhältnifs von Kirche und
Etaat in den nordamerikanifchen Staaten (S. 96—110). Die
Arbeit von Thury über die ref. Gemeinde zu Weszprim
[°U hier nur erwähnt werden. In den Recenfionen
befpricht Prof. Dr. Pulszky die ,Ungar. Gefchichtsbilder'
namentlich die Biographie eines ungarifchen Cardinais
v°m Prälaten Fraknöi (S. 132—140), während Secretär
hnd Prof. Kenn effey die hübfche Ziegler'fche Brofchüre
'Per alte Gott lebt noch' in kurzen Zügen und leben-
d,gen Farben den ungar. Lefern vorführt (S. 140—160).
Die anderen Rubriken bringen eine ungar. und ausländische
, auch hier hauptfächlich deutfche. fyftematifch zusammengestellte
Bibliographie und gefchichtl. Denkmäler
v°n Keneffey und Prof. Zovänyi (S. 178—203). Ein
kurzer Bericht über die Vereinsthätigkeit Schliefst den
Jeichhaltigen Inhalt des Doppelheftes der Revue — ein
Schönes Zeugnifs der regfamen Thätigkeit des viel geprüften
Proteftantismus in der ungar. Diaspora!

Die umfangreiche, von Obergefpan Zsilinszky,
priem der fleifsigften Forfcherauf ungar. kirchengcfchichtl.
pebiete, mit grofser Erudition verfafste Monographie,
behandelt ein fehr wichtiges Capitel aus der ungar. prot.
R'rchengefchichte, nämlich den in Folge des Räköczy'Sehen
•Spufdandes erfochtenen Linzer Frieden v. J. 1645, fammt
den Vorbereitungen, der Sanctionirung (1647) und den
folgen desfelben, mit voller Berückfichtigung der ungar.
Politischen und prot. Gefchichte. Die Ereignifse werden
acr-enmäfsio- eefchildert und mit lebhaften Farben vorgeführt
.

p Die ungar. prot, und freifinnig polit. Preffe hat diefe
jublicationen mit lebhafter Theilnahme begrüfst, — nur
R°m Scheint fie todtfehweigen zu wollen. Wir wünfehen
auch auf deutfehem Boden der ungar. prot. literar. Ge-
'ellfchaft ein fröhliches vivat, floreat, crescat

Eperies, Ober-Ungarn. Prof. Dr. Szlävik.

Katzer, Paft. Dr. Ernft. Die Bedeutung der ,Gemeinschaft'
in der Theologie A. Ritschl's. Bautzen, 1889. [Leipzig,
Zangenberg & Himly.] (38 S. 4.) M. 1. 20.

Diefe Abhandlung ift die wiffenfehaftliche Beilage
jUrn Jahresbericht der Laufitzer Predigergefellfchaft für

'°°8. Der Verf. berichtet S. 5—27 über Ritfchl's An- 'nach ihrer Individualität und Lebensführung eine indi-
onauung vom Reiche Gottes, der Kirche, dem Verhält- | viduelle Geftalt annimmt, dafs es fich nicht um mecha-

und knüpft daran S. 27—38 eine Reihe kritifcher Bemerkungen
. In erfreulichem Unterfchied von dem meift
üblichen Verfahren zeigt er das ernfte Beftreben, R. gerecht
zu werden. In der Zufammenfaffung der Anschauung
R.'s finden fich freilich Schwerwiegende Mifs-
verftändnifse. Chriftus ift nach R. nicht, wie K. es darstellt
, erft durch feinen Glauben und Berufsgehorfam mit
Gott eins geworden, fondern hat durch beides fich in
der Liebe Gottes, die Sich ihm in fpeeififcher Weife innerlich
erfchloffen hat, nur erhalten. Dafs Chriftus die
Offenbarung Gottes ift, bedeutet nach R. nicht, dafs er
die Verhöhnung verkündigt, fondern dafs er Sie durch
feinen perfönlichen Verkehr mit den Sündern vollzogen.
Die Vergebung ift für R. nicht die Folge der Aneignung
des Zweckes des Reiches Gottes, fondern der Grund.
Indeffen beanstandet der Verf. das, was er als R.'s Anschauung
in diefen Punkten anficht, nicht. Und die ftarke
Betonung der Gemeinschaft für die Verhöhnung und das
Leben im Reiche Gottes erkennt er als ein Verdienft
R.'s an. Seine kritifchen Bemerkungen kehren fich gegen
R.'s fcharfe Unterscheidung des Religiöfen und Sittlichen
— und hier liegt in der That ein Mangel bei R. vor,
wenn es auch nicht fo Steht, dafs er das Reich Gottes
als ausfchliefslich Sittliche Gemeinschaft dächte — gegen
feine Faffung der Kirche im activen Sinn als Cultus-
gemeinfehaft, gegen eine Ueberfpannung der Bedeutung
der Gemeinfchaft. Er meint, die christliche Schätzung
desWerthes des Einzelnen und der christliche Univerfa-
lismus kommen in Gefahr, wenn R. gegenüber der That-
fache, dafs viele Einzelne für das Chriltenthum nicht gewonnen
werden, und gegenüber dem Anfchein, dafs
manche Völker als Völker die Dispofition für das Chriitenthum
verrniffen laffen, darauf hinweilt, dafs die Gemeinde
als Ganzes Gottes Zweck ift und dafs diefer Zweck auch
dann erreicht wird, wenn nicht alle Einzelnen und nicht
alle Völker wirklich gewonnen werden. Der Anftofs des
Verf.'s wäre völlig berechtigt, wenn R. die Folgerung
zöge, dafs man Sich um die Einzelnen nicht zu kümmern
und an jenen Völkern keine Miffion zu treiben brauche.
Diefe Folgerung zieht R. nicht und ich fehe nicht, warum
er Sie ziehen müfste, da wir die Zukunft des Einzelnen
und der Völker nicht durchfehauen. Dafs R. die Bedeutung
der abendländischen Cultur als Mittel des Chriften-
thums in jenen übrigens hypothethibch gehaltenen Erwägungen
zu hoch Schätzt, gebe ich gern zu. Katzer meint
ferner, die Einwirkungen der Gemeinde zur hlrzeugung
des Glaubens müfsten ergänzt werden durch Einwirkungen
Chrifti und Gottes, die nicht in den Bereich der Gemeinschaft
gelegt und die eigentlich entscheidenden feien. Ge-
wifs ift er im Recht, wenn er auf die gottgewirkten Erfahrungen
und Schickfale des Einzelnen hierbei grofses
Gewicht legt. Aber diefe treffen doch den Einzelnen
und wirken auf ihn, indem er in taufendfachen Beziehungen
zum Gemeindeleben fleht, und machen ihn
fchliefslich nur empfänglich für die Güter der gefchicht-
lichen Offenbarung, die ihm die Gemeinde darbietet
und die nur fie ihm darbieten kann. Wenn K. aber auf
das Beifpiel Luther's verweift, deffen Chriftusbild und
innere Antriebe nicht der Gemeinfchaft entnommen
waren, die ihn umgab, fo ift es doch unberechtigt, die
Gemeinde in diefer Weife einzuengen. Diefelbe ift auch
eine geschichtliche Einheit. Sind denn die Evangelien,
die Briefe des N. T.'s, die Schriften Auguftin's, die Luther
über feine Zeit hinaushoben, nicht Zeugnifse der Gemeinde
von dem, was ihr höchftes Gut ift, und
von dem, welchem Sie dasfelbe verdankt, perfon-
bildende Zeugnifse von dem Heil in Chrifto als einer
Lebensmacht, Statt blofser Belehrungen? Und dafs das
Glaubensleben, welches in den Einzelnen unter den von
der Gemeinde vermittelten Lebenswirkungen entsteht,