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Ausgabe:

1890

Spalte:

201-203

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Brandt, Samuel

Titel/Untertitel:

Ueber die dualistischen Zusätze und die Kaiseranreden bei Lactantius. Nebst einer Untersuchung über das Leben des Lactantius und die Entstehungsverhältnisse seiner Prosaschriften. I. u. II 1890

Rezensent:

Krüger, Gustav

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201 Pheologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. S.

202

.Man hat befonders von ,orthodoxer' Seite R.'s
, ucn als ein ,tieffinniges' und ,gläubiges' mit Zuftimmung
egrüfst. Wie weit ab liegen doch, wenn Solches mög-
jch. die Wege eines grofsen Theils der heutigen ,Ortho-
oxie* von denen der zielbewufsten alten! Denn diefe
Hatte zweifellos R.'s Buch entfchieden verworfen, weil es
"ft an 'nren Mafsftäben gemeffen — voll ,Ketzereien'
"t- Würde fich z. B. ein Vater der alten ,Orthodoxie'
zu dem .Trinitätsdogma' bekennen, dafs ,für uns Gott
rAer Sohn jedenfalls mehr der Vater ift als Gott der
f;ater (S. 313), und dafs Chriftus die persönliche Offenbarung
des Vaters und des Sohnes und des h. Geiftes'
(S. 487) fei? Oder entfpricht es der ,bekenntnifsmäfsigen'
Ur>d »orthodoxen' Zwei-Naturen-Lehre, wenn R. in
geradezu gnoft i fch e r Weife von einer ,fucceffiv erfolgenden
Menfchwerdung Gottes' (S. 503) oder von einer .Vereinigung
« (Verbindung) des Gottesfohnes mit dem Men-
'cnenfohn, wodurch ,beide (erfl) der Chriftus geworden
!lnd', redet und zu Ebr. 1,4 ff. fchreibt: ,den höheren
Namen Chriftus hat fowohl der Gottes- als der Men-
Rhenfohn ererbt' (vgl. S. 306. 479. 450 ff. 504 u. a. m.)?
A-lrthodox' und .bekenntnifsmäfsig' ift auch keineswegs
che Art, wie R. die »Einheit der beiden Teftamente'
' • 399) nahezu zur inhaltlichen Gleichheit macht
[vgl. S. 323. 391 u. a. m.), ja in gewilTem Sinn das A.
über das N. T. ftellt, wenn er den Satz wagt: ,In ein-
Zelnen Fällen wird wohl die Jefuserkenntnifs, blofs
aus dem N. T. gefchöpft, zur Gewinnung des felig-
■Hachenden Chriftusglaubens genügen; aber im ganzen

genommen genügt fie nicht.--— Dafs blofs aus

cjem A. T. die feligmachende Erkenntnifs J. Chr.,
der feligmachende Glaube an J. Chr. gewonnen
Verden kann, dafür haben wir die Zcugnifse der
allerh öchften Autorität, Chrifti felbft,undaufser-
dem apoftolifches Zeugnifs. Ob, ohne jegliche
Nrkenntnifs des Chriftus aus den Urkunden des
A. B., einzig aus dem N. T. eine folche gewonnen
Verden könnte, dafür befitzen wir folche Zeug-
nifse nicht' (S. 440)! Sehr .orthodox'klingt auch nicht
die Behauptung, dafs ,das Wort Gottes durchweg von
Jefu Chrifto, und nur nebenbei von Gott dem Vater
Und dem H. Geift handelt' (S. 317), ja dafs ,der dreieinige

Gott--für uns gewiffemafsen nicht vorhanden

™ aufser in Chrifto' (S. 366). — Eher in einen metho-
diftifchen oder irvingianifchen als in einen ,ortho-
doxen' Mund paffen endlich die häufigen und fehr Harken
Ausfälle gegen die .officielle Kirche', die ,nie die
Kirche gewefen ift', ja die je und je ,als Hure wieder
•»elt und antichriftlich geworden ift', und die »mit der
Welt und dem Satan buhlt' u. a. m. (vgl. S. 392 f. 498.
379- 499. 490 u. ö.).

Wir bedauern, dafs wir dem perfönlich und als Prediger
von uns hoch gefchätzten Herrn Verf. ein ,o/cum et
"peravi perdidisti1 zurufen müffen, da es ihm doch h. Ernft
drn feine Sache ilt. Dafs feine Anfchauung viel Anhänger
"nden werde, erwarten wir weder, noch können wir es
u'ünfchen.

Friedberg i. Heff. Wilh. Weiffenbach.

Brandt, Prof. Dr. Samuel, Ueber die dualistischen Zusätze
und die Kaiseranreden bei Lactantius. Nebft einer Unter-
fuchung über das Leben des Lactantius und die Ent-
ftehungsverhältnifse feiner Profafchriften. I. u. II.
[Aus: .Sitzungsber. d. k. Akad. d. Wiff.'] Wien,
[Tempskyl, 1889. (gr. 8.) M. 2. 10.

Inhalt: I. Die dualiftifchen Zufätze. (66 S.) M. 1. —. — II.
Die Kaiferanreden. (70 S.) M. I. 10.

Die beiden Abhandlungen, die der Herausgeber
des Lactanz für das Wiener Corpus, Prof. Brandt in
Heidelberg, feiner Ausgabe vorangefchickt hat, um die
künftigen Prolegomena zu entladen, behandeln ausführlich
fcheinbar untergeordnete Fragen. Indeffen find fie
fchon um ihrer felbft willen intereffant, vornehmlich aber
deshalb, weil fie einen hübfehen Beleg geben für die
ruhige, gründliche Sicherheit der Methode, mit der man
fich gewöhnt hat an derartige kritifche Fragen heranzutreten
, wo vor noch nicht langer Zeit fubjectives Ge-
fchmacksurtheil oft eine Rolle fpielte.

1) Unter den .dualiftifchen Zufätzen' verfteht B. drei
gröfsere Stücke, welche zuerft P'afitelius (1535) 'n feine
Ausgabe aufgenommen hat: fie finden fich Instit. II 8
nach § 7; nach Instit. VII 5; und de opific. dei 19 nach
§ 8. Dazu kleine Erweiterungen im Anfang von Instit.
II 8. Die früheren Herausgeber und Commentatoren
find mit ihrem Urtheil meift rafch fertig gewefen, indem
fie entgegengefetzte Schlüffe bildeten: 1) der Inhalt der
Stücke weicht von der kirchlichen Lehre ab, alfo können
fie nicht von Lactanz herrühren; 2) weil die Stücke von
der kirchlichen Lehre abweichen, hat man fie dem Lactanz
gelegentlich abgefprochen. Aber gerade deshalb
find fie echt. Die letztere Folgerung ift an fich nicht unberechtigter
als die erftere. Dafs diefe dennoch das richtige
enthält, beweift Brandt in eingehender Unterfuchung.

Zunächft und vor Allem fpricht der handfehriftliche
Befund gegen die Echtheit der Stücke. Ihre Beglaubigung
ift unzureichend, und die Prüfung der Hauptzeugen für
die beiden erften (A und B), des Parisinus 1663 (R) sacc.
IX und Paris. 1664 (S) sacc. XII und XV ergiebt, dafs
diefe fonft guten Codices auch an anderen Stellen offenbare
Erweiterungen des Textes aufzeigen. Der dritte
Zufatz (C), vornehmlich beglaubigt durch Parisinus 1662
(P) sacc. IX, ift aber bei der Beurtheilung von den beiden
andern nicht zu trennen. Die Einfügung in den Zu-
fammenhang ift bei allen drei Stücken eine ungefchickte.
am wenigften wohl bei C. Von den hierher gehörigen
Beobachtungen B.'s erwähne ich die Flüchtigkeit, deren
fich der Verfaffer von A fchuldig macht, wenn er fich
mit supra auf eine Stelle beruft, die erft unmittelbar
nachher folgt. Wenn dann weder in grammatifcher, noch
lexikalifcher, noch ftiliftifchcr Hinficht fich ein Punkt zu
bieten fcheint, der dazu nöthigte, Lactanz nicht als Verfaffer
anzunehmen, fo ift doch zu beachten, dafs fich das
Wortmaterial der Zufätze wie eine Blumenlefe aus dem
echten Lactanz darftellt, wobei noch dazu die vom In-
terpolator hauptfächlich benutzten Stellen in der Nähe
der incriminirten Stücke fich finden. Den Inhalt betreffend
, werden in den Zufätzen dualiftifche, .manichäifche'
Folgerungen aus Lactan/.ens Anfchauungen entwickelt,
die diefer felbft nicht gezogen haben würde. Nach dem
Interpolator hat Gott das Böfe gewollt und gefchaffen;
wir haben genug Stellen dafür, dafs L. fo nicht gedacht
haben kann. Hier liegt nun auch die pofitive Löfung
des Räthfels. Lactanz hat fein Syftem nicht durchdacht.
,Es fehlte ihm an einer durchdachten anthropologifchen
Grundlage für feine Ethik und an einer eigentlichen
Pfychologie, wie überhaupt bei feinen rafchen Arbeiten
die tieferen Vorausfetzungen feines Syftems wenig zu
ihrem Rechte kommen'. Der Unbekannte hat die Luft
verfpürt, Lactanz zu ergänzen und ift dabei auch zu
eigenen Speculationen fortgefchritten. Auch eine andere
Lebensanfchauung fpricht aus den Zufätzen. Gegen den
ftreng asketifchen Lactanz flicht es ab, wenn in B auf
Bretfpiel und Circus im Bilde Bezug genommen wird.
Nach B. wäre der Unbekannte ein Trierer, keinenfalls
ein Geiftlicher, wohl aus einer Rhetorenfchule hervorgegangen
, gewefen.

2) Ueber die .Kaiferanreden' können wir uns kürzer
faflen. Abgefehen von der mehrfach eingefchobenen
kurzen Anrede: Constantiuc imperator, finden fich nach
Instit. Ii, 12 und VII 26, 10 (hier von den Herausgebern
an falfcher Stelle eingefchoben) zwei längere lob-
preifende Anreden an Conftantin. Ebcrt, der wenigftens
die erfte als echt gelten läfst, meint: ,für die Entfernung
aus dem Texte müfste der Herausgeber triftige Gründe

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