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Ausgabe:

1890 Nr. 7

Spalte:

184

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spitta, Heinr.

Titel/Untertitel:

Die psychologische Forschung und ihre Aufgabe in der Gegenwart. Akademische Antrittsrede 1890

Rezensent:

Ehrhardt, Eugen

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Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 7.

184

welches lehrt, wie man aus Träumen und allerlei Vor-
kommnifsen die Nummern berechnen kann, die gewinnen
werden. Der Verf. knüpft daran die Bemerkung: ,Eine
Kirche, welche dem Volke die Bibel nimmt und die
Smorfia läfst — jene ift verboten, diefe nicht —, trägt
das Zeichen eines tiefen Verfalls an fich' (S. 141). Mit
der Verbreitung der Bibel würde fchon darum nicht viel
zu erreichen fein, weil in Neapel auf je 100 Seelen 65,
in manchen Gegenden über 80 kommen, die nicht lefen
können (S. 133). Lotteriebücher wie die Smorfia find
übrigens 1732 von der Inquifition verboten worden; das
Verbot fteht noch heute im Index (Reufch, Index 2, 187),
wird aber freilich, wie die Mittheilungen vonTrede zeigen,
auch von den kirchlichen Behörden ignorirt. Derfelbe
Aberglaube, welchem die Lottofpieler in Süditalien huldigen
, findet fich übrigens auch anderswo. Kurzlich
meldete die Schlefifche Zeitung aus Pen: ,Wenn eine
hervorragende Perfönlichkeit ftirbt, hat das kleine
Zahlenlotto in Oefterreich - Ungarn gute Tage. Die
wichtigften Momente im Lebenslauf des Verstorbenen
werden mit Hülfe alterthümlicher Traumbücher zu Zahlen-
combinationen benutzt. Für die letzte Lottoziehung in
Ofen wurden die Nummer der Kaiferin Augufta maffen-
haft gefetzt: die Lottokundigen ftellten aus der Altersziffer
(78 Jahre), dem Geburtsjahre (1811) und dem Vermählungsalter
und dem Krönungstage (18 Jahre, 18. Oc-
tober) einen Terno zufammen, und die Collectanten
hatten nicht Hände genug, um über die Nummern 11,
18, 78 Risconti auszuheilen. Gezogen wurden die Nummern
37, 11, 18, 78, 74. Die Nummern der Kaiferin haben
fonach viele glücklich gemacht'l).

Bonn. Reufch.

Runze, Privatdoc. Lic. Dr. Georg, Studien zur vergleichenden
Religionswissenschaft. 1. Hft. Sprache und Religion.
Berlin, Gaertner, 1889. (XVI, 235 S. gr. 8). M. 6. —

Als eine Art Prolegomena zur Dogmatik bezeichnet
Verf. im Vorwort feine Schrift. Die Ergebnifse der
neueren Forfchung über die Bedeutung der Sprache für
die Mythenbildung haben ihn aufmerklam gemacht auf
die Bedeutung der Sprache für die Religion überhaupt.
Diefelbe zur Geltung zu bringen, ift der Zweck feiner
Arbeit.

In einem erften Abfchnitt {teilt er 3 Fragen auf:
I) Welchen Einflufs hat die Sprache auf die urfprüng-
liche Entwickelung namentlich der religiöfen Vorftellungen
gehabt? 2) Wiefern ift auch für das heutige wiffenfchaft-
liche Denken, infonderheit für die theologifche Urtheils-
kraft, der fprachliche Ausdruck mitentfcheidend in Bezug
auf die Wahrheit des Gedankens? 3) Welches Recht
auf freie zweckbewufste Handhabung der Sprache bleibt
fortan — und welche Pflichten erwachfen — dem wiffen-
fchaftlichen Verfahren, namentlich auf dem Gebiet der
Apologetik und Ethik, der praktifchen Theologie und
der Pädagogik? Oder wie Verf. fich auch kurz ausdrückt
: 1) Glottopfychik und Religion, 2) Glottologik
und Theologie, 3) Glottoethik und Chriftenthum. Im
weiteren Verlauf feiner Unterfuchung bleibt übrigens
Verf. diefem Schema nicht treu. Es folgt ein Abfchnitt
über vergleichende Sprachforfchung und Mythenforfchung,
in dem Verf. im Ganzen die Max Müller'fche Anficht
zu der feinen macht. Ein dritter Abfchnitt: ,Die Entwickelung
der höheren religiöfen Vorftellungen und die
Sprache' fufst ebenfalls auf Max Müller. Ein vierter ift
betitelt: Folgerungen, und giebt einige fehr allgemein gehaltene
Angaben über das, was Verf. unter Glottologik
und Glottoethik verlieht. Letzterem Wiffenszweig wird
ein Gebiet von etwas unbeftimmter Ausdehnung zuge-
wiefen, von der Sprachpolizei an, die fich gegen den

l) Vgl. die Artikel im Deutschen Merkur 1889. Nr. 46—48.

Mifsbrauch mit zweideutigen Worten richtet, bis zur Behandlung
der fchwerwiegenden Fragen über den Einflufs
des fittlichen Willens auf das Wiffen. Ein fünfter Abfchnitt
enthält eine Anwendung der glottologifchen Er-
kenntnifstheorie auf die fpecielle Dogmatik und die Ethik,
ein fechster endlich praktische Nutzanwendungen befonders
für den Religionsunterricht, die fich aber auf ganz fragmentarische
Andeutungen befchränken.

Als Beilagen find hinzugefügt: 1) Eine Abhandlung
über Sprache und Gedanke, 2) Neuere Zeugnifse über
die grundlegende Bedeutung der Sprache für das Erkennen
. Den Inhalt diefer Abhandlung genauer anzugeben
bezw. zu prüfen ift im Rahmen einer Recenfion
unmöglich, da eine unzählige Menge von Fragen berührt
und von Gefichtspunkten aufgeworfen werden, ohne dafs
eigentlich fafsliche Refultate erreicht würden. Verf. will
ja zunächft auch nur auf das Vorhandenfein wichtiger
Probleme aufmerkfam machen, und man kann nur wünfchen,
dafs feine Schrift diefen ihren Zweck erreichen möge,
wenn man auch urtheilen mufs, dafs fie dazu geigneter
wäre, wenn fie einer pofitiven Löfung der angeregten
Fragen etwas näher gefchritten wäre.

Bifchweiler i. Ii. Ehrhardt.

Spitta, Prof. Dr. Heinr., Die psychologische Forschung und
ihre Aufgabe in der Gegenwart. Akademifche Antritts
rede. Freiburg i.'Br., Mohr, 1889. (IV, 36 S. gr. 8.)
M. —. 80.

Die Thatfache, dafs, ,wenigftens für den uns allen
gegebenen gemeinfamen Gefichtskreis, der Menfch das
Mafs aller Dinge ift', dafs die ganze Berührung des
Menfchen mit der Aufsenwelt und ihr Werth für ihn
auf feiner fubjectiven Befchaffenheit ruht, giebt der Pfy-
chologie ihre Bedeutung für den gefammten Wiffen -
fchaftsbetrieb. Alle Wiffenfchaften haben fich auch ihre
befondere Pfychologie für ihren fpeciellen Gebrauch
gebildet, diefelbe bedarf aber jedesmal der Ergänzung
und Berichtigung durch eine allgemeine, grundlegende
pfychologifche Wiffenfchaft. Die experimentelle und
mathematische Methode kann nur einen Theil der Pfychologie
beherrfchen; gerade für die höchften pfycho-
logifchen Phänomene, wie Gewiffen, Reue etc., ift fie
unzulänglich. Es mufs deshalb feftgehalten werden ,an
der vielfach gefchmähten Selbstbeobachtung im weiteren
Sinn oder genauer der auf Selbftwahrnehmung beruhenden
Selbftbetrachtung im Gedächtnifs', welche allein diejenigen
geiftigen Vorgänge feftftellt, auf der alle Methoden beruhen
.

Dies find die Hauptgedanken diefer in ihrer Kürze
inhaltreichen und lichtvollen akademifchen Antrittsrede,
die in untüchtiger Weife und in anfprechender Form
der Pfychologie Weg und Ziel weift. Auch der warme
Ton, in dem Verf. darauf hinweift, wie feine Wiffenfchaft
dem Leben dienen kann und foll, verdient hervorgehoben
zu werden.

Bifchweiler i./E. Ehrhardt.

Beyschlag, Prof. D. Willib., Erkenntnisspfade zu Christo.

2. Sammlung. Nachlefe academifcher Predigten. Halle,
Strien, 1889. (VI, 198 S. gr. 8.) M. 2. 40.

Der Ruf Beyfchlag's als Prediger bedarf der Anerkennung
feitens des Referenten nicht; ich habe nur
feftzuftellen, dafs derfelbe fich auch in diefer .Nachlefe
academifcher Predigten' auf's Befte bewährt. Diefe Predigten
— es find ihrer 18 — zu lefen, war mir eine Freude
und ein Genufs. Vor allem ift nachahmenswerth die
gründliche, nirgends jedoch zu gewaltfamer Preffung ausartende
Textbenützung, in welcher ein feines Textver-
ftändnifs, hervorgegangen aus phantafievoller Wieder-