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Ausgabe:

1889 Nr. 7

Spalte:

163-171

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zahn, Theodor

Titel/Untertitel:

Geschichte des neutestamentlichen Kanons. I. Bd.: Das Neue Testament vor Origenes. 1. Hälfte 1889

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 7.

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1. Zahn, Prof. Dr. Thdr., Geschichte des Neutestamentlichen ]

Kanons. 1. Bd. Das Neue Teftament vor Origenes. I
1. Hälfte. Erlangen, Deichert Nachf., 1888. (V, 452 S. !
gr. 8.) M. 12. —

2. Harnack, Prof. Dr. Adf., Das Neue Testament um das

Jahr 200. Theodor Zahn's Gefchichte des Neutefta-
mentlichen Kanons (I. Band, 1. Hälfte), geprüft. Freiburg
i. B., Mohr, 1889. (112 S. gr. 8.) M. 2. —

Durch mehrere Bände .Forfchungen zur Gefchichte
des Neuteftamentlichen Kanons' 1881—1884 hat Zahn feine
Gefammtgefchichte diefes Kanons im Voraus entlaftet;
er wird diefe Entladung auch durch weitere Bände fortfetzen
: gleichwohl umfafst noch das erfte Sechstel der |
,Gefchichte' über 450 Seiten, alfo ein Riefenwerk fteht
uns bevor. Diefer erfte Halbband bringt aufser einer 1
Einleitung nur Buch I: Das N.T. um die Wende des j
2. u. 3. Jahrhunderts; die zu Odern zu erwartende 2. Hälfte
wird von da aus rückwärtsfchreitend die Urgefchichte des J
N.T.'s erzählen ; ,dieEntwicklung desKanons vonOrigenes I
an bis zum endgültigen Abfchlufs' wird dann Band III !
dardellen, der auch Regifter und ein Gloffar (S. 413 n. 2)
enthält, den Mittelband follen XV Beilagen füllen, d. h.
Detailunterfuchungen zur Begründung literargefchicht-
licher oder kritifcher Sondermeinungen des Verf.'s fowie
neue Recenfionen feltenerer Texte').

Wie alle Zahn'fchen Arbeiten habe ich auch diefe
mit gefpanntem Intereffe, wechfelnder Stimmung und —
Alles anzweifelnder Vorficht gelefen. Das Intereffe wird
zwar — abgefehen von dem unfoliden Druck, einzelnen
Curioütäten der Redeweife und der deifen Umdändlich-
keit des Zahn'fchen Stils — gefährdet durch fortwährende
Ablenkungen vom geraden Wege, genauede Erörterung
nebenbei auftauchender Fragen, deren Beziehung zum
Hauptthema nur eine lofe id, und durch reichliche Wiederholungen
, letztere theilweis durch die unglückliche Anlage
des Buches veranlafst; aber es macht auch wieder
Freude, etwas zu hören, was man fchon weifs, und der- 1
felbe Zahn, der S. 275 n. halbfpottend gegen Overbeck
bemerkt, er habe betreffs des Canon Mur. ,viel Richtiges,
freilich auch Selbdverdändliches' gefagt, gewöhnt feine
Lefer bald daran, ,Selbftverftändliches' von ihm entgegenzunehmen
, wie S. 272, dafs bei Tertullian und zu feiner
Zeit alle 13 Paulusbriefe einander gleichdehen, oder S. 419
über den Gebrauch von Fremdwörtern im Syrifchen2)
oder S. 421 f. über das Zurückgehen der fyrifchen Evangelienharmonie
auf Tatian. Und wenn Zahn vielerlei
Details feddellt, die wenigdens zur Kenntnifs des N.T.'s
um 200 nichts austragen, fo lernen wir dabei doch etwas
für die fpätere Unterfuchung oder werden fondwie angeregt
: gehaltlos id das Buch keinesfalls. Je mehr ich
mich verpdichtet fühle, zu abfoluterUngläubigkeit gegenüber
allen Refultaten Zahn's zu ermahnen, um fo freudiger
erkenne ich grofse Vorzüge auch diefer Arbeit an;
wir haben es zu thun mit einem ebenfo felbdändigen
wie gelehrten Forfcher. Nur ausnahmsweife kann ihm
eine Quellendelle entgangen fein, die für feine Zwecke
brauchbar id; er kennt und beherrfcht das Material, und
das neue wie das alte; fogar den erd vor ein paar
Wochen durch Schepfs veröffentlichten Priscillianus hat
er bereits ausgebeutet. Sich direct mit den Mitforfchern
auf dem Gebiet der Kanongefchichte auseinanderzufetzen,
vermeidet Zahn im Allgemeinen; gottlob, denn einzelne

1) Beil. I z. B. wird über den Canon Muratori, Beil. XIV über den
pfeudocyprianifchen Tractat de aleatoribus, Beil. VIII über den lateini-
fchen Laodicenerbrief handeln; auf diefe Beilagen verweift uns Z. fchon
jetzt häufiger, als auf all feine bisherigen Schriften.

2) Wunderfam ift übrigens S. 419 n. 2 die Polemik gegen v. Zezfch-
witz, der catechismus für eine Bildung des afrikanifchen Kirchenlateins
(von catechizare) erklärt hat. Warum führt denn Z. keine Stelle
in der griech. Literatur an, durch welche es als ,griechifches Wort' er-
wiefen wird?

Ausnahmen zeigen, dafs er gegen abweichende Standpunkte
(cf. Overbeck, Bäthgen) blofs über einen höhnifchen
oder doch feindfeligen Ton verfügt. Zahn ift im Stande,
früher von ihm vertretene Anflehten aufzugeben; ohne
Eigenfinn verbeffert er fich z. B. in Sachen des Hermas
und des Diateffaron, erklärt, dafs er nicht mehr wie 1881
den Syrits Curetoniamis für älter als das fyrifche Diateffaron
halten könne, fondern jener Syrer habe ,an das
fchon vorher im kirchlichen Gebrauch eingebürgerte Diateffaron
bei feiner darüber hinausgreifenden Arbeit nach
Möglichkeit fich angefchloffen'. Allerdings in Bezug auf
den vermeintlichen Theophiluscommentar giebt er fich
noch nicht überwunden (vgl. S. 29 k, 68 n., 313 n., 367),
aber er will doch Stellen aus demfelben nicht als Beweismittel
für eine fonft zweifelhafte Thefe verwenden.
Eine Menge richtiger Beobachtungen und Ausführungen
finden fich daher in allen Theilen des Buches, auch
folche, die Niemand vor Zahn gemacht hat. Ich hebe
hervor die zwar nicht neue aber gute Charakterifirung der
montaniftifchen Bewegung S. 4 ff. und S. 60 ff. den Ab-
fchnitt über die Aufbewahrung und Fortpflanzung der heil.
Schriften in den älteften Kirchen, wo Birt's ,antikes Buch-
wefen' angemeffene Berückfichtigung findet. Tadellos me-
thodifch geht er S. 31 ff. auf die Italafrage ein; er glaubt
nicht, dafs Tertullian bereits eine fchriftliche Bibelüber-
fetzung ins Lateinifche vor fich gehabt habe; die vielgequälte
und von den Itala-Enthufiaften mifsbrauchte
Stelle bei Tertullian c. Marc. V, 4 findet durch ihn S. 52 n.
2 endlich ihre wahre Flrklärung. Doch bekenne ich, es
noch immer fehr wunderfam zu finden, dafs die fyrifche
Kirche — nach Zahn S. 372 liegt das auf der Hand — nicht
lange eines N.T.'s in der heimifchen Sprache entbehren
konnte, während die lateinifche Kirche der Weftprovinzen
eher eine nicht unanfehnliche Literatur, auchUeberfetzungen
vom Hirten des Hermas, vielleicht von der Ketzerbeftrei-
tung des Irenäus als ,die heil. Schrift' in ihrer heimifchen
Sprache befefien haben foll. Jedenfalls hat Zahn der
Italaforfchung die entfeheidende Vorfrage geftellt. Nicht
minder ift er S. 187 dem Clemensfragment im Chron.pasch.
p. 15 und dem Irenäus III, 23 (nicht 28), 8 auf S. 426 n. 2
gerecht geworden ; giebt zu Aphraates wiederholt Notizen,
durch welche Bert'sÜeberfetzung verbeffert oder bereichert
werden kann, macht fehr dankenswerthe Zufammenftel-
lungen über die Namen des N.T.'s und beftimmt fcharf
den urfprünglichen Sinn von v.cad in der Formel sv ayythiov
■/.axä Mccqxov. Dafs man feine Verzeichnifse von Beleg-
ftellen öfters vermehren möchte (z. B. S. 164 n. 5 fchreibt
cata Lucam auch noch der Ambrofiafter c. 375) ift
höchftens dann ein Tadel, wenn der Schein der Voll-
ftändigkeit erweckt worden wie S. 375 n. 2. Dort wird
von Aphraates ,der feiige Apoftel' noch an 6 (p. 20. 38.
134. 155. 159. 416), einfach ,der Apoftel' an 31 Stellen
citirt, welche Zahn ausläfst, ,der berühmte Apoftel' heifst
Paulus aufser p. 308 noch p. 242; p. 24 wird auf ihn mit
der Formel: ,wie gefchrieben fteht' verwiefen. Es wird
auch Zahn intereffiren, dafs ich bei Aphraates p. 122
ftatt einer unbeftimmten Berufung auf Paulusfteilen wie
I. Cor. 12, 11—30 u. Eph. 4, 6—13 vielmehr ein Citat
aus dem falfchen Korintherbriefe des Paulus c. I § 8
annehme. Die Differenz zwifchen Aphraates (Bert S. 105)
und dem armenifchen Korintherbrief, den ich nur durch
W. Fr. Rinck's aus vierter Handgefchöpfte Ueberfetzung
(S. 234) kenne, ift in Anbetracht diefer Umftände unerheblich
(Zahn's .Belehrung empfangen' ft. ,einen Theil e.'
läfst fich in keinem Fall halten); dadurch wird Zahn's
Hypothefe S. 429 beftätigt, es fei die apokryphe Corre-
fpondenz des Paulus mit den Kor. fchon vor 300 dem
fyrifchen N.T. beigefügt gewefen.

Dafs Zahn der kenntnifsreichfte und ge wandtefte unter
den Vertretern der fog. confervativen Theologie ift, hat
fein Buch beftätigt; feine ernfte Abficht, nur .quellen-
gemäfse Gefchichte' (S. 284) zu fchreiben, bezweifeln wir
nicht, machen vielmehr darauf aufmerkfam, dafs er be-