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Ausgabe:

1889 Nr. 6

Spalte:

154-155

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zimmer, Friedrich

Titel/Untertitel:

Sammlung von Kirchen-Oratorien und Kirchen-Kantaten 1889

Rezensent:

Schlosser, Georg

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Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 6. 154

befähigte junge Theologen planmäfsig für die akademifche
Laufbahn erzieht. Ebenfo foll fie (ich den ihr gebührenden
Einflufs auf die Vorbildung der Geiftlichen durch
pofitive Mafsregeln fchaffen, indem fie mit den jungen
Theologen vom Beginn ihres Studiums an lebendige
Fühlung fucht und erhält, durch den heimifchen
Paftor, durch ihre geiftlichen Oberhirten, dann fpäter
während eines von dem Verf. vorgefchlagenen mehrwöchigen
Schulcurfus in der Confiftorialftadt durch irgendwie
förderlich geftalteten Verkehr mit fämmtlichen Glieder
der geiftlichen Oberbehörde. Die eigentliche Fortbildung
und Erziehung der Candidaten foll die Kirche in
die Hand nehmen einmal durch eine die Mitte zwifchen

Zimmer, Prof. Dr. Friedr., Sammlung von Kirchen-Oratorien
und Kirchen-Cantaten für Chor- und Einzelftimmen mit
Orgelbegleitung unter Gemeinde-Mitwirkung. Eingeleitet
und herausgegeben von F. Z. Klavierauszug.
1 — 5. Bd. Leipzig, Breitkopf & Härtel 1888. (4.)
M. 16. —; Chorftimmen ä M. — 30.

Inhalt: I. Heinr. Schütz, Matthäus-Paffion. IC 4.—. — II. Joh.
Seb. Bach, Lukas-Paffion. M. 3. —. — III. Ludw. Meinar-
dus, Emmaus, Kirchenoratorium. M. 3. —. — IV. Rob. Schwalm,
Der Jüngling zu Nain, Kirchen-Cantate. M. 3. —. — V. Herrn.
Franke, Ifaaks Opferung, Kirchen-Oratorium. M. 3. —

Diefes Unternehmen bezeichnet eine neue Etappc

Seminar und Vicariat haltende Einrichtung, wonach vier in der Linie der Beftrebungen unferer Kirchengefang-
bis fechs Candidaten der Leitung eines tüchtigen Pfarrers vereine. Befchränkte man anfangs deren Aufgabe that-
unterftellt und durch ihn in ein fruchtbares und geiftlich j fächlich, und vielfach grundfätzlich, den ltrengeren Aufanregendes
Schriftftudium und in die gefammte geiftliche j faffungen Winterfeld's, Schöberlein's u. A. von dem, was
Amtsthätigkeit eingeführt werden, fodann durch die ! im Gottesdienft ziemlich fei, folgend, auf die Pflege des
eigentlichen Seminarien, denen dann wefentlich die wiffen- j a capella Gefangs, und wurde dadurch der Kreis deflen,
fchaftliche Fortbildung der Begabteren obliegen folle, was ihnen zum Vortrag zu Gebote fland, erheblich beendlich
durch den fchon erwähnten Schulcurfus. Den fchränkt, ja gerade die flrzeugnifse der claffifchen Zeit
Abfchlufs foll dann das eigentliche Vicariat machen. In unferer proteftantifchen Kirchenmuflk nahezu ganz ausgleicher
Weife befürwortet er in Abfchnitt V pofitives 1 gefchloffen, fo ift man inzwifchen dazu fortgefchritten
Schaffen auf dem Gebiet des Religionsunterrichtes I auch in der evangelifchen Kirche der Kunfl der Inftrul
für höhere Schulen, Heranziehung geeigneter Reli- j mentalmufik ihr Recht im Gottesdienft wenigftens in be.
gionslehrer, wodurch mehr gewonnen werde, als durch j fcheidenem Mafse wiederzugeben; und die vorliegenden
allen äufseren Einflufs auf die Befetzung der Stellen. | Werke find ein weiterer' Schritt, auch die entwickelteren
Abfchnitt VI handelt von der ,geiftlichen Laienhilfe', Formen der Kirchenmuflk aus dem Concertfaal in dje
die er einfchliefslich der LaienpVedigt unter dem wefent- i Kirche zurückzuführen. Der auf diefem Gebiete fehr verliehen
Gefichtspunkt der Sammlung der gläubigen Ge- J diente Herausgeber bietet darin Oratorien und Can-
meinde nachdrücklich empfiehlt. Erft nach alledem ge- taten, alfo gröfsere Werke, in denen Chor und Sololangt
er im letzten (VII.) Abfchn. zur ,Organifation gefang wechfeln und die mit Inftrumentalbegleitung ver-
der geiftlichen Arbeit und der gläubigen Ge- Bunden find, erftere mehr epifch-dramatifcher, letztere
meinde-. Hier berührt er fich mit den von der Harn- mehr lyrifcher Art. zu m Zweck kirchlicher Gemeincre-
merftcin'fchen Bewegung aufgeftellten Forderungen. Mit | feiern. Er will damit dem kirchlichen Bedürfnifs ent-
diefer hält er eine Verftärkung des perfönlichen Factors ' gegenkommen, das fich in unferer Zeit je mehr und mehr
im Kirchenregiment für nöthig, aber in charakteriftifch neben dem gepredigten Wort, das freilich immer den
verfchiedener Weife. Die Macht und der Glanz römifcher j Mittelpunkt bilden mufs, auch der Auslegung der Schrift
Kirchenfürilen imponirt ihm nicht, ,1m Gegentheil, folche durch die Predigt der Töne erfchliefst; nicht minder aber
Bifchöfe würden die Todtengräber der evangel. Kirche ; auch dem mufikalifchen Bedürfnifs der Kirchenwerden
. Der alte Menfch in uns hat immer die Neigung, ; chöre, für die folche Werke, die ihnen höhere Aufgaben
die Kirche mit weltlichen Mitteln zu ftützen. Die bringen ftellen und ihnen eine freiere Entfaltung ihrer Kräfte
der Kirche aber nie Segen'. Er wünfeht nur einen gröfse- ] geflatten, eine befondere Anregung gewähren. Für den
ren Einflufs der Generalfuperintendenten auf die Befetzung Zweck der kirchlichen Gemeindefeier find die in vorder
geiftlichen Stellen und für die Handhabung der Dis- liegender Sammlung vereinigten Werke fämmtlich fo ein-
ciplin. Dagegen fieht er aus dem auf jener Seite be- gerichtet, dafs die Choräle ganz oder theilweife von der
gehrten Einflufs der Provinzialfynode auf die Befetzung Gemeinde gefungen werden können. Mögen die berufs-
der geiftlichen Confiftorialftellen und die Generalfuperin- mäfsigen Muliker fich über diefe Neuerung ereifern," vom
tendentur nur ein fynodales Streberthum erwachfen, und kirchlich-gottesdienftlichen Gefichtspunkt aus mufs greift
eher geneigt, einen folchen Einflufs für die weltlichen rade diefe Heranziehung der Gemeinde, oder vielmehr
Confiftorialftellen zuzugeftehen, um dadurch das Intereffe deren Wiedereinfetzung in ihr altes Recht, das fie /.. B.,
er Laien zu wecken. Endlich befürwortet er eine kirch- [ wie F. Spitta dargethan hat. bei den Aufführungen der

liehe Leitung der inneren Miffionsthätigkeit auf allen
Stufen der kirchlichen Körperfchaften durch dazu befon-
ders beftellte Fachmänner. Durch das Alles foll nicht

Schütz'fchen Paffionen noch geübt hat, und das z. B.
in den Bach'fchen Paffionen wenigftens noch in dem a
capella Vortrag der Choräle feitens des Chores nach-

der Kirche zu gröfserer Machtfülle gegenüber dem Staat > wirkt, als das rechte Mittel begrüfst werden, um diefe

verholfen, fondern die innere Organifation der gläubigen
Gemeinde gefördert werden. Innere Erfüllung der Gemeinde
und aller ihrer Organe mit dem Geifte Chrifti,
das ift der Weg, auf dem unfere Kirche ihr göttliches
Ziel erreichen wird.

Beide Schriften find nicht darnach angethan, über
Einzelnes mit ihnen zu rechten. Der Grundton, den fie
beide anfchlagen, ift m. E. gerade der, der unferer Zeit
noth thut nach allen Seiten. Wir können daher nur von
Herzen wünfehen, dafs er fich durch den betäubenden
Lärm der Schlagworte hindurch, der fo Vieler Sinne verwirrt
, Gehör fchaffen möge.

Giefsen. Gg. Schloff er.

Werke gottesdienftlich fruchtbar zu machen, und die Erfahrung
hat, wo man es verfuchte, bewährt, dafs der
mufikalifche Gefammteindruck, fofern anders rechte Auswahl
geübt wurde und gefchickte mufikalifche Vermittlung
nicht fehlte, keineswegs beeinträchtigt wird. Ferner
ift, um die leichtere Auffuhrbarkeit zu ermöglichen, lediglich
ürgelbegleitung vorgefehen. Und endlich find jedesmal
Anweisungen gegeben, wie die gröfseren Werke getheilt
und in eine Reihe von Gemeindefeiern, die fich dann
durch reichlichere Hinzufügung von Gottes Wort und
Gebet zu eigentlich liturgifchen Andachten geftalten, zerlegt
werden können, wie dies namentlich mit der Schütz'fchen
Paffion in Königsberg mit grofsem Erfolg gefchehen
ift. Die fünf bisher in der Sammlung erfchienenen Werke
bieten auch fämmtlich nicht allzugrofse Schwierigkeiten,
fo dafs fie auch von kleineren Chören wohl zur Aufführung
gebracht werden können.