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Ausgabe:

1889 Nr. 6

Spalte:

151-153

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pirscher, K.

Titel/Untertitel:

Die Quellen unserer Kraft 1889

Rezensent:

Schlosser, Georg

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151 Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 6.

1. Göler. Ernft Aug. Frhr. v., Wege und Ziele für die kirchliche
Arbeit der Gegenwart. Gotha, F. A. Perthes. 1888.
(56 S. gr. 8.) M. —. 80.

2. Pirscher. Paft. K., Die Quellen unserer Kraft. Biblifche
Vorfchläge zum Bau des Reiches Gottes in unferer
Kirche. Gotha, IL A. Perthes, 1888. (VII, 105 S.
gr. 8.) M. i. 40.

Beide vorftehende Schriften haben vieles miteinander
gemein. Beide find Aeufserungen zu der foge-
nannten Selbftftändigkeitsbewegung der evang. Kirche.
Beide wollen, unabhängig von irgend einem Parteiftand-
punkte, angefichts diefer Bewegung prüfen, was unferer
Kirche vom Standpunkt des Evangeliums und der chriftl.
Erfahrung aus Noth thue. Beide (teilen fich daher nicht
durchaus ablehnend zu den im Antrag Hammerftein zum
Ausdruck gekommenen Wünfchcn und Plänen, beide aber
führen die in diefer Richtung, in der Richtung einer gröfseren
äufseren Selbftändigkeit der Kirche liegenden Hoffnungen
und Erwartungen auf das ihnen zukommende befcheidene
Mafs zurück, betonen vielmehr die inneren geiftlichen Bedingungen
, ohne welche jede äufsere Veränderung der Lage
der Kirche nach ihrem Wefen und nach Erfahrung der
Gefchichte fruchtlos bleiben oder gar verderblich wirken
müffe, und heben die innerkirchlichen geiftlichen Mittel
hervor, welche in Bewegung gefetzt werden müffen, um
diefe geiftlichen Bedingungen zu fchaffen, aus denen dann
die wahre Freiheit und Selbftändigkeit der Kirche von
felbft erwachfe. Beide zeichnet diefelbe wahrhaft evan-
gelifche Gefinnung und die bei allem fittlichen Ernft hohe
Weitherzigkeit, Mafshaltigkeit und Milde dcsUrtheils aus.

I. Was dem Schriftchen des Herrn von Göler einen
befonderen Werth verleiht, ift, dafs es von einem Laien
gefchrieben ift. Hätten wir recht viele folche einfichts-
volle, von warmem Eifer für die Kirche und das Reich
Gottes befeelte Laien, dann wäre die Frage der Laien-
thätigkeit, ja die ganze Selbftändigkeitsfrage unter uns
bald gelöft. Die Frage, wie werden wir reicher an folchen
Laien, oder fagen wir lieber: nicht im kirchlichen Gemeindeamt
flehenden Gemeindegliedern, das ift ja die
durch alle anderen Fragen hindurchgehende Grundfrage.
Alles andere, was man erftrebt, kann doch nur Mittel zu
diefem Zweck fein. Darum begrüfsen wir fo befonders
freudig folche berufene ,Laienpredigt'.

Den Standpunkt, von welchem der Verf. ,Wege und
Ziele der kirchlichen Arbeit der Gegenwart' beurtheilt,
kennzeichneter felbft mit den Worten: ,Weder kirchlich,
noch politifch, aber auch nicht . . . kirchenpolitifch. . . .
fondern in aller Einfalt einfach chriftlich, d. h. möglichst
im Geifte des Evangeliums und der Lehren der Apoftel-
gefchichte und der Entwicklung der chriftlichen Kirche'.
Von unten nach oben, von innen nach aufsen, das ift
ihm darnach der für die Kirche gewiefene Weg. ,Unfere
Kirchenpolitiker wollen meift den umgekehrten Weg
einfchlagen und verlangen für die Kirche eine hohe-
priefterliche Stellung im Staate, um dadurch von oben
herunter eine Macht im Volk und in den einzelnen
Herzen an fich zu reifsen. Wir erachten diefen Weg als
den unrichtigen'. Von diefem Standpunkte aus tritt er
wohl dafür ein, im Intereffe der Volkstümlichkeit der
Kirche eine fachte und allmähliche Löfung der Bande,
welche unfere Kirche heute noch mit dem Staatsorganismus
verbinden, als Ziel in das Auge zu faffen, betont
aber als unumgängliche Vorausfetzung, dafs zuvor unfer
evangelifches Volk wieder zu einer bewufsten Kirchengemeinde
erzogen werde. Höchft beherzigenswerte! fagt
er darüber u. A.: ,Eine frei organifirte Kirche ohne diefe
Vorausfetzung würde einem welken Strauch gleichen,
den man mit künftlichen Papierblumen gefchmückt hat'.

Wie diefe Aufgabe nun mit rein innerkirchlichen
Mitteln zu löfen fei, dazu einige Beiträge zu geben, ift
ein Hauptzweck des Schriftchens.

Der Verf. beklagt, dafs unfere evang. Kirche nicht
genug mit dem öffentlichen und privaten Volksleben ver-
wachfen fei. Er weift da auf die Mängel unferes Beicht -
wefens, auf die Schwerfälligkeit unferer Kirche in der
Anpaffung an die Bedürfnifse des Volkes, z. B. in Betreff
der Zeit und Einrichtung der Gottesdienfte, auf die Notwendigkeit
, die Laien mehr zur kirchlichen Arbeit heranzuziehen
, wobei er jedoch vor Einführung der Laien-
predigt in gröfserem Mafse warnt, auf die Heranbildung
eines citrus minor zur Aushilfe in der Seelforge, auf die
in unferen Kirchenälteften bereitftehenden Kräfte, auf die
Pflege der Werke der Barmherzigkeit, auf die Nothwen-
digkeit einer innigeren Verbindung der Werke der inneren
und äufseren Miffion mit der organifirten Kirche hin.
Erfcheint manches unter dem hier Ausgeführten vielleicht
recht discutabel, wie heilfam ift es doch vor Allem den
Dienern der Kirche, wenn uns einmal in fo verftändnifs-
voller Weife gezeigt wird, wie fich unfer Thun, überhaupt
die officielle Erfcheinung der Kirche, im Urtheil unferer
Gemeindeglieder und zwar gerade der frommen und treuen
ausnimmt! Mit all feinen Vorfchlägen möchte ja der
Verf. nicht einem äufserlichen Arbeitseifer, der ,fur unfere
Zeit bezeichnenden Vielgefchäftigkeit', Vorfchub leiden,
fondern das ,tiefe Jammergefühl über das maffenhafte
Sündenclend mitten in unferer ChriftcnheiP und einen
fröhlichen hoffnungsvollen Glauben an die heilende Macht
des Evang. wecken. In edlem aus echter Frömmigkeit
erwachfenem Optimismus fieht er in dem tiefen Gefühl
der Unbefriedigung, das durch alle Kreife unferer Chriften-
volkes geht, nicht nur den Widerfchein der unter uns
vorhandenen Schäden, fondern er hört daraus den Sehn-
fuchtslaut nach Hülfe und Befferung und den Weckruf
zu Arbeit und Gebet.

2. Die zweite Schrift zeichnet fich nicht blofs durch
den Standpunkt wahrhaft gcifterfüllten biblifchen Chriften-
thums, von dem aus fie gefchrieben ift, fondern befonders
auch durch die tiefgründige Erörterung der einfehlägigen
Einzelfragen aus. Im erften Abfchnitt ,Reich Gottes
und Kirche' bringt der Verf. die wefentlichen Schäden,
an denen die Kirche in unferer Zeit leidet, zur Darftel-
lung. Da hört man nichts von den jetzt fo beliebten
Klagen über Unfreiheit der Kirche gegenüber dem Staat,
über mangelnde Machtfülle ihrer Organe u. f. w., dafür
aber umfomehr von dem Mangel an göttlichen Lebenskräften
in der Uebung der Heiligung, im geiftlichen Amt
und in der Gemeinde. In weiteren fechs Abfchnitten führt
dann der Verf. feine Vorfchläge aus. Was wir bedürfen.
! ift: Religiöfe und ethifche Vertiefung in der Auf-
faffung und Verkündigu ng des Evangeliums von
i der Rechtfertigung und Verformung. Der Reichthum
unferer Kirche an kraftvollem Zeugnifs von Chrifto
, wird gewürdigt, dafür aber werden die Mängel, nicht
unferer Predigtweife, fondern an Vollgehalt der Predigt
aufgewiefen. Die folgenden beiden Abfchnitte handeln von
der perfönlichen Vermittlung des Evangeliums
und von der Vorbildung zum geiftlichen Amte.
,Alle Wirkfamkeit Chrifti in der Kirche ift organifch und
perfönlich, nicht magifch oder mechanifch'. Bei der geiftlichen
Wirkfamkeit kommt es daher immer in erfter
Linie ,auf die geiftliche Persönlichkeit des Paftors, auf
i feinen inneren Gehalt, fein Gebetsleben, feine fittlichc
| Durchbildung und fein Auftreten an'. Der oberfte Ge-
fichtspunkt bei der Präge nach der Vorbildung der Geiftlichen
mufs darum der fein: ,Wie erhalten wir ebenfo
geiftliche, wie volksthümliche Perfönlichkeiten'. Von
äufseren Reformen des Vortrags und des theolog. Stu-
I diums erwartet Verf. für diefen Zweck wenig; ebenfo-
j wenig von einer Mitwirkung kirchlicher Behörden bei der
! Befetzung der theolog. Profeffuren. Auch bei dem Pro-
feffor der Theol. ift ihm mit Recht die Perfönlichkcit das
i Entfcheidende, nicht die Methode. Dagegen foll die
Kirche für geeignete Befetzung der theolog. Pacultäten
dadurch forgen, dafs fie geiftlich und wiffenfehaftlich dazu