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Ausgabe:

1889 Nr. 6

Spalte:

149-150

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dächsel, K. August

Titel/Untertitel:

Homiletische Andeutungen zu den vornehmsten in Predigten und Kasualreden zu behandelnden Schrfittexten 1889

Rezensent:

Grünberg, Paul

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Seite 1

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M9

Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 6. 150

ten und gehandhabten theologifchen Begriffe. Er ent- I genden .homiletifchen Andeutungen' abzuhelfen. Daher
nimmt diefe Begriffe einem abftracten Raifonnement ohne alfo die Titel-Worte: ,Ein Nachtrag zu des Verfaffers
Rückficht darauf, dafs fie aus einer beftimmten gefchicht- Bibelwerk für Geiftliche'. Am meiften angefprochen hat
liehen Lage der chriftlichen Gedankenwelt erwachfen und den Ref. der mittlere Haupttheil der vorliegenden Arbeit
danach in ihrer Bedeutung und Tragweite zu beurtheilen j (Abtheil. III u. IV. S. 112—303}. Diefer Theil wird vorlind
. Mit diefem Mangel hängt die das Buch beherr- ausfichtlich dem Buch die meiften Freunde und Käufer
fchende Vorausfetzung'zufammen, dafs moderne Dogma- verfchaffen. Verf. giebt hier zu jeder einzelnen der evan-
tik unmittelbar aus biblifcher Exegefe conftruirt werden ! gelifchen und epiftolifchen Perikopen des Kirchenjahres
könne, vorausgefetzt, dafs diefe Exegefe nach der hifto- , heben Predigtthemata mit Dispohtion, hier und da auch
rifch-kritifchen Methode erfolgt. Der Verf. geht von ; eine Andeutung über die Einleitung des Thcma's. Die
einigen allgemeinen als biblifch behaupteten Sätzen aus, aufgehellten Themata find mit wenigen Ausnahmen natur-
nach denen er die biblifchen Schriftfteller deutet, ohne gemäfs aus dem Text, bezw. deffen einzelnen Theilen.
die theologifche Richtigkeit folcher Sätze aus dem Zu- I erwachfen und demfelben nicht künltlich aufgepfropft, dazu
fammenhang des Evangeliums zu begründen. Ein folcher in gefchickter und gefchmackvoller Weife mit andern
Satz ift z. B., dafs dem Fleifch als folchem Sünde ein- Bibelftellen und mit paffenden Liederverfen in Verbindung

gebracht, bezw. in diefelben eingekleidet.

Weniger konnte fich Ref. mit dem erften Haupttheil

wohne, dafs alfo Chriftus fündig fei. weil er Fleifch habe
und dafs demnach Gott, der der Sünde zürne, auch auf

Chriftum zornig fei wegen der ihm durch feinen Fleifches- ; des Werkes (Abtheil. I u. Ö. S. I —in) befreundend Hier
zufammenhang mit Adam anhaftenden Sünde. (S. 456, giebt der Verf. ,homiletifche Andeutungen' über freige-
467) u. a. m. Ein anderer derartiger Satz ift der, dafs j wählte und zwar über 150 alt- und ebenfoviele neutefta-
Leiden unter allen Umftändcn Sündenftrafe fei. Es wird I mentliche Texte, geordnet nach deren biblifcher Reihen-

einem wunderlich zu Muthe, wenn man diefe Behauptung
auf die Thränen Jefu anwendet, welche er über Jerufalem
weint, weil es fich von feinem Wort nicht gewinnen laffen
wollte.

folge. Die Andeutungen beziehen fich aber bei der überwiegenden
Mehrzahl diefer Texte nicht auf einen event.
Gebrauch derfelben als gewöhnliche Predigttexte, fondern
auf eine paffende Verwendung derfelben zu Cafual- und

Dennoch erfcheint mir dies Buch als eine bedeutende Gelegenheitsreden der verfchiedenften Art. Nach Anficht
Leiftung und zwar bezieht fich das Urtheil insbefondere des Ref. bringt diefes Verfahren ein fremdartiges Element
auf die gründliche und fcharffinnige Exegefe desselben, jn die Arbeit des Verf.'s, infofern diefe ihrer fonftigen
auf die zielbewufste Abficht, die originalen, religiöfen Anlage nach dazu beftimmt fcheint, nicht eine Handrei-
d. h. auf die Erlöfung bezüglichen Gedankenreihen der chung zur Text fache für gewiffe Fälle, fondern eine
apoftolifchen Schriftfteller herauszulöfen aus Beweisfüh- Anleitung zur Textbehand 1 un g im gewöhnlichen Gottesrungen
und Hülfsgedanken, welche etwa der traditionellen ■ dienft zu bieten. Sollte aber einmal eine Berückfichtigung
Auslegung des A. T.'s oder der gebräuchlichen rabbi- i Von Cafual- und Gelegenheitstexten llattfinden, fo war es
nifchen Anfchauung entflammen: Und in diefer Bezieh- jedenfalls für den praktifchen Gebrauch weit zweckmäfsi-
ung wird das Buch wohl auch erfüllen, was fein Neben- ger, diefe Texte — etwa nach dem Vorbild von Florey's
titel verheifst: es wird zu einer richtigeren Auffaffung der | ,biblifchem Wegweifer' — mit Rückficht auf die Art der
chriftlichen Lehre von der Erlöfung helfen. j Verwendung, für welche fie in's Auge gefafst werden,

Salbke bei Wefterhüfen a. d. Elbe. Beffer. , zu gruppiren und demgemäfs dann auch die gewöhn-

_ j liehen Predigttexte befonders zu behandeln. Beffer wäre

_.. , 1, n. ,.- a ii u . . 1 . _ es aber wohl gewefen, Verf. hätte die Auswahl und Zu-

Dachsel, Palt. K. A., Homiletische Andeutungen zu den vor- (ammenftenlin| geeigneter Cafualtexte und -Themata
nehmsten in Predigten und Kasualreden zu behandelnden Specialwerken überladen, die diefem Bedürfnifs in um-
Schrifttexten. Ein Nachtrag zu des Verfaffers Bibel- faffenderer Weife genügen können, und ftatt deffen einige
werk für Geiftliche. Leipzig, J. Naumann, 1889. (VIII, hundert Kernftcllen des A. und N. Teftamentes uns voV
m c B »] M 4 —• geb M q — gefuhrt, welche fich zu homiletifcher Behandlung für die

33o * 8 • °v -4- 'S- -3- gewöhnlichen Sonn - und Fefttage vorzüglich eignen.

Unlängft fiel dem Ref. ein ,Cafualmagazin' aus dem Hierbei wäre es möglich und angezeigt gewefen, dieje-
Jahre 1818 in die Hände, welches auf dem Titel den in- 1 „igen Schriftabfchnittc befonders zu berückfichtigen,
tereffanten Vermerk trägt: ,für Prediger, die bei gehäuften j welche in den in verfchiedenen Landeskirchen im Gebrauch
Amtsgefchäften fich das Nachdenken erleichtern wollen', befindlichen .neuen' Perikopenreihen Aufnahme "efunden
In der That dienen die zahlreich vorhandenen homileti- haben. Eine derartige überfichtliche Zufammenftclluncr
fchen Hilfsmittel vielfach dazu, nicht nur viclbefchäftigten, j aufserhalb des Rahmens der alten Perikopen fich bewe^
fondern auch andern Predigern das eigene Nachdenken ! gender Texte mit fachgemäfsen Andeutungen wurde ver-
nur zu fehr zu erleichtern, wo nicht ganz zu erfparen. muthlich in weiten Kreifen eine noch dankbarere Auf-
Anderfeits giebt es aber ohne Zweifel auch ein berech- < nähme finden, als die vom Verf. gebotene Neubearbeitung
tigtes Bedürfnifs nach derartigen Hilfsmitteln, fo dafs j der alten Perikopen, für welche es bekanntermafsen an

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neue Erfcheinungen diefer Art immerhin willkommen zu
heifsen find, wenn fie nur an und für fich geeignet er-
fcheinen, bei verftändigem Gebrauch und gewiffenhafter
eigener Arbeit gute Dienfte zu leiften.

Unter den homiletifchen Hilfsmitteln, welche Ref. befonders
hochfehätzt, befindet fich das bekannte,Bibelwerk'
des Verfaffers. Namentlich fchätzt es Ref. um defswillen.
weil es zwar eine Fülle von Anregung und brauchbarem
Material enthält, auf die technifche Zurichtung desfelben
zu Predigtthematen und -Dispofitionen aber fo gut wie
ganz verzichtet, mithin handwerksmäfsigem und gedanken-
lofem Gebrauch nicht fo leicht ausgefetzt ift. Diefe

Hilfsmitteln aller Art nicht fehlt.

Dem Umfang nach nur eine Art Anhang bildet der
letzte Theil der .Andeutungen' (Abtheil. V. S. 304—333),
enthaltend homiletifche Skizzen zu der in 50 Abfchnitte
zerlegten .Paffionsgefchichte'. Was Ueberfichtlichkeit der
Gruppierung, wirkfames Hervorheben der Hauptmomente
und Hauptelemente der Leidensgefchichte, fowie gleich-
mäfsige und vielfeitige erbauliche Ausnutzung derfelben
betrifft, fleht diefe Behandlung der Paffionsgefchichte
m. E. zurück hinter den Paffionsbetrachtungen, welche
das von mir in diefer Zeitung (1888. Nr. 10) angezeigte

Eigentümlichkeit des D.'fchen Bibelwerkes ift nun aber >klel»c Paffionale' von Schulze enthalt, wenn auch, wie
von anderer Seite, mit Rückficht auf das »theologifch- n'cht anders zu erwarten, der Verf. innerhalb der Grenzen,
homiletifche Bedürfnis', als ein Mangel empfunden worden, fl?L er f,ch gezogen hat, gediegenes und brauchbares
und auf vielfach ausgefprochenen Wunfeh hin hat fich , 'e,"et-

der Verf. entfchloffen, diefem Mangel durch die vorlie- | Alteckendorf (Elfafs). Paul Grünberg.