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Ausgabe:

1889

Spalte:

125-127

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Sind Bibelauszüge ein Bedürfnis unserer Zeit? 1889

Rezensent:

Schlosser, Georg

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Sind Bibelausziige ein Bedürfnis für unsere Zeit? Kine emfte ändern oder zu modernifiren — üe würde dadurch in

Frage für alle Freunde des göttlichen Wortes. Karls- feinen Augen allen Werth verlieren - gefchweige denn

u r> -er t88ö f*» C r.r 9 M ic , die BlbeK die Urkunden der Thaten Gottes zu unferem

ruhe, Reiff, 1888. (32 S. gr. 8.) M. —25. Hcü. auf der andern Seite fteht es jhm aber kdnes

Uiefe Streitfchrift ift, wenn Ref. richtig vermuthet, feff ob dies Buch in diefer feiner Geftalt auch unmittel-
in erfter Linie durch die Glarner ,Familienbibel' veran- bar und ohne weiteres zum Schul- und Erbauungsbuch
lafst, obwohl fie nirgends direct genannt wird. Erft durch i jn der Familie, wozu es doch keineswegs von Haus aus
dies Unternehmen wenigftens, das die bisher nur in den ' beftimmt ift, geeignet fei. Und wenn es dazu um der
Schulen gebräuchlichen Bibelauszüge in den Gebrauch Bedeutung willen, die es für uns Chriften hat, mit der
der Familie einführen will, ift diefe Frage acut geworden; Zeit geworden ift, fo wird er fich nicht blofs berechtigt,
und es ift wohl begreiflich, dafs fich gegen die Gefahr fondern um des Evangeliums willen fogar verpflichtet
einer Verdrängung der Bibel durch folche Bearbeitungen : fühlen, zu prüfen, welche Einfchränkungen diefer Ge-
die fchwerften Bedenken erheben. Der Verf. macht alle brauch im Blick auf die an Alter und Verftändnifs Un-
diefe Bedenken mit grofsem Ernfte geltend und beant- mündigen zu erleiden habe. Und dafür find lediglich
wortet auf Grund derfelben jene Frage mit einem entfehie- pädagogifche Gefichtspunkte mafsgebend. Von diefem
denen ,Nimmermehr!' Diefe Bedenken, wie fie mit dem ; Gefichtspunkt aus find die Bedenken zu beurtheilen, welche
Verf. viele ernfte fromme Chriften hegen, find aller Er- die Freunde der Erbauungsbibeln erheben. Sie gelten kei-
wägung werth. Wer unfer Volk, zumal unfer Landvolk, | neswegs der Bibel als folcher, wie der Verfaffer es mifs-
kennt, der wird nicht in Abrede ftellen, dafs die von ihm verfteht, fondern ihrem Gebrauch als Schul- und Erbefürchtete
Gefährdung des Vertrauens zu der Wahrheit bauungsbuch in der Familie. Dafs Bibelfeindfchaft diefe

der Schrift durch folche Bibelauszüge nicht aus der Luft
gegriffen ift, und man wird daraus die Lehre ziehen
müffen, fie nur da anzubieten und einzuführen, wo ein
wirkliches Bedürfnifs dafür vorhanden ift.

Bedenken wohl auch zuweilen gegen die Bibel felbft ver-
werthet, ift ja nicht zu leugnen; aber folche Leute machen
auch keine Familienbibeln. Auch das kann dem Verf.
zugegeben werden, dafs auch die vom pädagogifchen

Andererfeits ift aber nicht zu verkennen, dafs der j Gefichtspunkte erhobenen Bedenken oftmals übertrieben
Verf. den Bedenken und Erwägungen, welche zur Her- I werden. Es gilt das befonders in Betreff der Behand-
ftellung von Bibelauszügen führten, keineswegs gerecht j lung gefchlechtlicher Dinge in der Bibel. Es ift gewifs
geworden ift. Vor allem ift es ungerecht, wenn er ; richtig, dafs die Bibel ficherlich mehr von fchon Ver-
unterfchiedslos bei den Verfaffern und Verbreitern von führten in diefer Beziehung mifsbraucht wird, als dafs
Bibelauszügen mehr oder minder Bibelfeindfchaft als Be- i eine Verführung reiner Gemüther davon zu befürchten
weggrund wittert, und unter allerlei Uebertreibungen und ; wäre, und dafs man diefe gewiffenhafte Sorgfalt in der
falfchen Verallgemeinerungen von einer Auslieferung der Behütung der Jugend, die man der Bibel gegenüber übt,
Bibel an die Forderungen des Zeitgeiftes redet. Bei eini- 1 anderen fchlechten Eindrücken gegenüber in Leetüre und
gern guten Willen, wie man ihn doch unter Bibelchriften Umgang, bei denen mehr Urfache dazu wäre, fchmerz-

erwarten follte, hätte er es erfahren können, wie wenig
feine Verdächtigungen begründet find, zumal bei den
Herausgebern der Glarner Familicnbibel. Ja, wenn unfer
Volk noch ein Bibelvolk wäre, und die Bibel unter ihm
in ungebrochenem Anfehen und Gebrauch, fo könnte
man feinen Argwohn allenfalls verftehen. Da aber von
alledem vielfach das Gegentheil der Fall ift, fo haben

lieh vermifst. Was die pädagogifche Behandlung diefer
Dinge in Schule und Haus anlangt, fo kann in der vom
Verf. gefchilderten Weife nicht nur viel von dem gefürchteten
Schaden vermieden, fondern auch in Segen
verwandelt werden. Aber der Verf. mufs doch felbft:
zugeben, dafs das zu den fchwieriglten Aufgaben des
Lehrers und Seelforgers gehört, und er felbft fafst folche

die, welchen die geiltliche Noth der der Bibel Entfrem- i Fälle in das Auge, in denen es an der rechten Gabe
deten auf dem Herzen brennt, gewiss einen Anfpruch auf dazu fehlt. Und folche Fälle werden vielleicht nicht

Anerkennung ihres chriftlichen Eifers, wenn fie fich bemühen
, durch folche Bibelauszüge, wenn auch nicht das
Bibelbuch, fo doch das Bibelwort und Bibelverftändnifs
in unfer Volk, in unfere Familien zu bringen, unfer Volk
wieder zu Bibellefern zu erziehen; fie dürfen auf folche
Anerkennung rechnen, auch wenn man ihr Mittel nicht

feiten fein. Wie dann?

Daneben bleiben aufserdem noch die übrigen Bedenken
, die der Verf. kaum berührt, weil er von feinem
Standpunkt aus ihr Gewicht gar nicht zu empfinden vermag
. Wem die Bibel nicht, wie ihm, von Haus aus ein
Erbauungsbuch ift, dem kann es nicht entgehen, dafs

ganz für das rechte hält. Allerdings ift es auch der Stand- 1 die Bibel gar manches enthält, was keineswegs beftimmt
punkt des Verf.'s, der es ihm erfchwert, in diefer Sache | ift, dem Zweck der Erbauung zu dienen, und es wird
richtig zu urtheilen. Er kann in den Bibelauszügen gar ■ ihm kein Zweifel fein, dafs z. B. Gefchlechtsregifter und
nichts anderes erblicken, als ,im modernen Sinn ver- j Ritualvorfchriften dazu gehören, wenn auch eine falfch-
fchönerte und verbefferte' Bibeln, die allgemein und ohne j berühmte Kunft allerlei daraus herauszulefen verfteht,
weiteres an Stelle der alten .veralteten'Bibel treten follen. j was ein fchlichter Bibellcfer, den fein Refpect vor der
Das hängt eben damit zufammen, dafs für den Verf. die [ Bibel verhindert, feine eigenen Einfälle hineinzutragen,
Bibel überhaupt nur als einheitliches Schul-und Er- j darin nicht zu finden verma
bauungsbuch in Betracht kommt. Ja, wenn fie uns dazu
von Gott gegeben wäre, wer dürfte wagen, daran irgend
etwas zu ändern und die Pädagogie Gottes zu meiftern?

Ob nun dem allen gegenüber beffer mit Bibellefe-
tafeln und eingehenden Gebrauchsanweifungen, wie der
Verf. meint, oder mit verftändnifsvollen Bibelauszügen ge-
Es ift hier nicht der Orb, mit dem Verf. des weiteren j holfen werden kann, das ift eine Zweckmäfsigkeitsfrage,

darüber zu rechten. Wir geben ihm ohne weiteres zu:
von feinem Standpunkt aus hat er völlig recht! Wer
aber die Bibel gefchichtlich anfehauen gelernt hat als
eine gefchichtlich gewordene Urkunde des Evangeliums,
feiner Vorbereitung und feiner Erfcheinung in der Welt,
und als das durch Gottes Vorfehung gewordene gefchicht-
liche Mittel, uns dies Evangelium fo zu überliefern, dafs
wir es nach feiner ganzen Länge und Breite, Tiefe und
Höhe zu verftehen vermögen, für den liegt die Sache
ganz anders. Wer gefchichtlich zu denken und zu urtheilen
vermag, dem kann es auf der einen Seite gar nicht
in den Sinn kommen, eine gefchichtliche Urkunde zu

für deren Beantwortung auf beiden Seiten gute Gründe
ftehen. Thatfache ift, dafs Gottes Wort heute wieder
mehr begehrt wird, gerade auch in gebildeten Kreifen:
und wiederum ift es eine Thatfache, dafs den Suchenden
unter den Gebildeten nichts fo fehr die Bibel verfchliefst —
nicht der wunderbare Charakter ihrer Verkündigung, nicht
ihr fittlicher Ernft —, als das von dem Verf. getheilte Vor-
urtheil, als fei die Bibel ein von Gott uns gegebenes einheitliches
Lehr- und Erbauungsbuch. Wer unferen Gebildeten
dazu verhilft, in der Bibel vor allem einmal das
Evangelium von Chrifto zu fuchen und zu finden, und
fie zu gebrauchen als einen Weg zu Chrifto, der thut ein