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Ausgabe:

1889

Spalte:

116-120

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Blondeaux, Constantin

Titel/Untertitel:

Le christianisme, sa valeur morale et sociale 1889

Rezensent:

Grünberg, Paul

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HS Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 5. 116

au dix-neuvieme siede, 1868, p. 302) die Bezeichnungen
Neo-catholidsme und Marianisme als Synonyma gebraucht.
In dem Buche von Kolb werden nach S. 217 mehr als
400 Schriften über Maria verzeichnet, darunter 9 ,dog-
matifche Mariologien', 7 .Marianifche Zeitfchriften', mehr
als 30 Schriften und Schriftchen über den Rofenkranz,
18 über Lourdes (für 1889 erfcheint auch ein Maria-
Lourdes-Kalender), 18 über das Herz Maria u. f. w. Nach
S. 180 ftehen in der neueften Auflage des römifchen Mefs-
buches 31 Marienfefte, von denen freilich nur wenige
gebotene Feiertage und einige nicht allgemein vorgeschrieben
find, und nach S. 192 giebt es allein in Wien
21 ,Gnadenbilder'. — Der Verf. befchränkt fich im allgemeinen
auf die deutfche Literatur der neueften Zeit;
aber von den meiften aufserhalb Deutfchlands erfchiene-
nen Schriften hat er Ueberfetzungen zu verzeichnen, auch
Ueberietzungen und Bearbeitungen vieler älterer Schriften
. S. 29 wird der Inhalt einer Sammlung von älteren
Schriften angegeben, welche 1866 bei Migne in Paris in
13 Bänden erfchienen ift (darin ift auch der Atlas Marianus
des Jefuiten Gumpenberg vom J. 1672 enthalten,
worin 1200 Gnaden- oder Wallfahrtsorte verzeichnet
werden). Das Buch beanfprucht nach der ausdrücklichen
Erklärung S. 3 nicht bibliographifche Vollftändigkeit,
wie die 1885 erfchienene Bibliotheca Mariana de la Com-
pagnie de Jesus par C. Sommervogel, welche 2207 Schriften
von Jefuiten verzeichnet.

An manchen Büchern hat K. etwas auszufetzen.
.Namentlich ältere, fonft treftlich verfafste Werke, fagt
er S. 18, entbehren zu fehr der hiftorifchen Kritik und
enthalten Citate, die fich als nicht authentifch erweifen.
So von Canifius, Baronius, Suarez, Liguori. Selbft das
umfangreiche neuere Werk von (dem ungarifchen Bifchof)
Roscovany (de immaculata conceptione) enthält noch ältere
Quellen zu wenig gefichtet'. In einer 1881 erfchienenen
,wiffenfchaftlichen' (lateinifchen) Mariologie von Chr.
Stamm wird noch der Brief des Ignatius von Antiochia
an den Apoftel Johannes citirt. K. tadelt es auch, wenn
.fromme Legenden von gefchichtlichen Thatfachen nicht
gefondert werden und Unerwiefenes oder Unbeweisbares
oder gar erwiefen Falfches, wenn es auch noch fo fromm
und rührend klingt, zugleich mit der Wahrheit dem Volke
geboten wird' (S. 207) oder ,Privatoffenbarungen', wie
die der Maria von Agreda (in 57 Ausgaben erfchienen)
und der Katharina Emmerich nicht ,genau von der für
uns verpflichtenden göttlichen Offenbarung gefondert'
(S. 99) oder mit ,kirchlich beglaubigten Erfcheinungen
Mariens (Lourdes, Salette) fragliche (Marpingen) oder gar
verworfene (Mettenbuch) zufammengeftellt werden' (S. 21).
Das Buch des Convertiten Preufs über die unbefleckte
Empfängnifs wird S. 68 nur in einer Anmerkung erwähnt
und fein .Beweis des Geiftes und der Kraft' aus den
neueren Wundern zu ,überfchwänglich' gefunden. In
dogmatifcher Beziehung mifsbilligt K. die Bezeichnung

Ueberfetzung von Schmöger ,ftatt der 86 nur 26 Bei-
fpiele' (Mariengefchichten) enthalten (die feandalöfeften
unterdrückt) find*).

Bonn. F. Ff. Reufch.

Die Aachener Heiligtumsfahrt und die Reliquienverehrung
überhaupt. [Für die Fefte und Freunde des Guftav-
Adolf-Vereins, 85. Hft] Barmen, Klein, 1888. (65 S
12.) M. —. 10.

Die Aachener Heiligthumsfahrt hat im vorigen Sommer
viel von fich reden gemacht und grofses Auffehen
erregt. Das vorliegende, mit Gefchick verfafste, volks-
thümliche Schriftchen giebt gründliche Auskunft über die
ausgeheilt gewefenen Heiligthümer, fowie über die Reliquienverehrung
überhaupt, fchildert hauptfächlich nach
Berichten der .Kölnifchen Zeitung' die ,Aachenfahrt 1888'
und theilt zuletzt noch ein ausführliches Verzeichnifs der
fämmtlichen in Aachen, Burtfcheid, Cornelimünfter und
Maftricht vorhandenen Reliquien mit. Intereffant find auch
die beigefügten Abbildungen des Kleides der Jungfrau
Maria, der Windeln und des Lendentuches Jefu und der
Enthauptung des Johannes des Täufers. Durch die ganze
Schrift weht gefunder evangelifcher Geift, der Verleger
aber, Hr. Plugo Klein in Barmen, bei welchem diefe kleinen
artig ausgeftatteten Hefte ,Für die Fefte und Freunde des
Guftav-Adolf-Vereins' erfcheinen, hat auch diefes Büchlein
in hubfehem Gewände ausgehen laffen. Die Verbreitung,
welche dasfelbe bereits gefunden hat, dient wohl als befte
Empfehlung.

Crefeld. F. R. Fay.

1. Burg, Abbe Jos., Docteur en Theologie, De la vie sociale,
politique et reiigieuse des nations modernes. Rixheim,
A. Sutter, 1885. 1886. (765 S. gr. 8.) M. 8.—

2. Decker, P. de, ancien ministre, membre de l'academie
royale de Belgique, L'Eglise et l'ordre social chretien.
Louvain, Charles Peeters et Paris, Victor Lecoffre,
1887. (VII, 403 S. gr. 8.) M. 4. —

3. Blondeaux.Constant, Le christianisme, sa valeur morale et
sociale. Paris, Auguste Ghio, 1887. (VII, 455 S. gr. 8.)
M. 6. —

Ohne Zweifel drei pompöfe, vielverfprechende Titel,
die eine gewiffe Anziehungskraft ausüben müffen, zumal
wenn man, wie Ref., es als eine Hauptaufgabe der kir-
chengefchichtlichen Forfchung anfleht, die chriftliche
Religion in ihren inneren Wechfelbeziehungen zu dem geflammten
geiftigen, fittlichen und focialen Leben der Völker
zu beobachten und zu verfolgen. Gemeinfam ift
diefen drei Werken nicht nur das Stichwort ,sociaf, in
Mariä als Miterlöferin ."göttliche Hirtin, accidentelle Er° I Verbindung mit Religion, Kirche und Chriftenthum; ge-

gänzung der ganzen Dreieinigkeit, gleichfam die vierte
Perfon der göttlichen Trinität (fo der oben erwähnte
Stamm) u. dergl. (Komifch ift, dafs S. 9 ff. die kritifirten
Autoren nur mit den Anfangsbuchftaben bezeichnet find,
da man doch aus anderen Stellen deutlich erkennt, dafs
Bifchof Martin, Monfeigneur de Segur u. f. w. gemeint
find). Dafs er in feiner Kritik nicht allzu fcharf ift, fleht
man fchon daraus, dafs Scheeben in dogmatifcher Hinfleht
feine Haupt-Autorität ift (S. Ii) und dafs er die Abhandlung
von Gihr (Th. L.-Ztg. 1887, 155) fehr trefflich
und gründlich findet. Es grenzt fchon an ,Temerität',
wenn K. S. 120 zu den .Herrlichkeiten Maria' von Alfons
Liguori, nachdem ihn Pius IX. zum Kirchenlehrer erhoben
, bemerkt, dafs ,die Auswahl der Bibelftellen, die Form
der Behauptungen und Beweisführungen, namentlich auch
die Glaubwürdigkeit der Beifpiele für unfere Zeiten und
Gegenden nicht feiten kritifcher genommen werden müffen',
und dabei conftatirt, dafs in der ,fehr getreuen' deutfehen

meinfam ift ihnen, was die Form der Behandlung ihres
Gegenftandes angeht, die in Frankreich befonders ausgebildete
,art de vulgarisateud, jenes Mittelding zwifchen
fachlicher, wiffenfehaftlicher Behandlung und einer wohlfeilen
Rhetorik, welche die Lücken ihres Wiffens und
Könnens durch Kraft- und Schlagwörter ergänzt; gemeinfam
ift ihnen endlich der Charakter von Tendenzwerken,
die in keiner Weife fich bemühen, verfchiedenen Seiten
und Auffaffungen gerecht zu werden, fondern eine von
vornherein feftftehende einfeitige Thefe rückfichtslos verfechten
. Diefe Thefe lautet bei Burg und Decker: .Alles
Heil kommt von der römifch-katholifchen Kirche', gerade
umgekehrt aber bei Blondeaux: ,Die Kirche und das
Chriftenthum haben nur Unheil in die Welt gebracht'.
Nun kann man ja über das Mafs des Heils und Unheils,
welches die chriftliche Religion in ihren verfchiedenen

*) Vergl. Deutfcher Merkur 1885, No. 46—52; 1888, No. 7—9.