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Ausgabe:

1889 Nr. 4

Spalte:

95-96

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thiersch, Heinr. W. J.

Titel/Untertitel:

Briefe an einen evangelischen Geistlichen 1889

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Seite 1

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95

Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 4.

96

chumenatsftufen in der evangelifchen Kirche, wie er diefelben
in feinem grofsen Werk: ,Syftem der chriftlich-kirchlichen

und S chnederman n. Intereffant ift fein Urtheil über
Vilmar (S. 50 u. 51): ,V. war ein prophetifcher Mann,

Katechetik' niedergelegt hat. Der Herr Verfaffer be- aber ein wiidwachfender Baum, leidenfchaftlich, ftolz,
abfichtigt auch nicht mehr zu geben. Mit grofsem Ernfte grob, gevvaltthätig... Er entnahm aus dem ,Teftimonium'
und grofser Gewiffenhaftigkeit tritt der Verfaffer an die ! und der ,Liturgie der Kirche' die köftlichften Wahrheiten
Aufgaben der Kirche, des kirchlichen Amtes, an der j und dann wandte er fich ab und fagte: „Wir können das
heranwachfenden Generation heran. Was er in den vier j alles felbft machen". Er predigte in Caffel: „Ich bin euer
Abfchnitten feiner Schrift über die Seelforge in Haus ! Apoftel, euer Prophet, euer Evangelift und flirte". Sein
und Schule, über die Leitung des Kindergottesdienftes, | Verfuch, das apoftolifche Werk in der heffifchen Landes-
über den Confirmandenunterricht und über die geiftliche [ kirche zu copiren, ift gefcheitert. Seine Partei ift in

Pflege der Confirmirten fagt, ift aller Beachtung vverth.
Seine Schrift ift eins der hoffnungsreichen Zeichen,
dafs das Gewiffen der Kirche in Betreff ihrer durch
die Taufe ihr eingegliederten Katechumenen erwacht
ift. Freilich auch die Inconfequenzen feines Meifters
vermeidet er nicht; für die erfte Communion verlangt er,

fich felbft zerriffen und verfeindet'. — Allerdings, das
herbe Urtheil war gegenfeitig. Auch Vilmar hielt vom
Irvingianismus nicht viel (vgl. Die Lehre vom geiftlichen
Amt S. 9).

Marburg. Achelis.

wie v. Zezfchwitz, die freie Selbftentfcheidung des Schneider, Paft. Ewald, Die Vollendung unserer evange-

Communicirenden. Es entgeht ihm wie v. Z., dafs dann wt..i,a r>-,,,„c~i,, „;» c 1 tr ui o c 1

j■ t7 ■ , , ., au j_ ui ■ l. •,. j , 1. . Iischen Kirche. Braun'cnwcig, Schwetfchke & Sohn,

die Feier des heu. Abendmahls nicht mit der obligaten ö 1

durch Kirchenftrafen zu erzwin genden Confirmation W b- Sr- 80 M-

verbunden werden darf, und dafs es widerfinnig ift, ! In den ,Deutfch-evangelifchen Blättern' 1885 hat der

am Tage der erften Communion die jungen Chriften fich
für einen beftimmten Sonntag, an welchem fie zur geineinfamen
Feier des heil. Abendmahls fich wieder vereinigen
wollen, verpflichten zu laffen. Auch die Gedanken

Herr Verfaffer dasfelbe Thema bereits zur öffentlichen
Verhandlung gebracht; hier erfcheint die Ausführung
desfelben in erweiterter und bereicherter Geftalt. Unter
der Vollendung der evangelifchen Kirche ift lediglich

bedürften wohl der Correctur, dafs allen Confirmanden 1 die Vollendung auf dem Gebiete der äufseren Verein
Wächteramt über alle Genoffen übertragen werde, ] faffung zu verliehen: fomit ift der Titel, weil er nur
und dafs zu freiwilliger und doch obligater Privatbeichte vor I in fehr befchränktem Sinne zu deuten ift, irreführend,
aller Genoffen Ohren die zum erften Male Communici- Ueberdies hat das Buch noch zwei andere Titel. Der
renden angeleitet, d. h. genöthigt werden follen. Was in Inhalt befteht nämlich nur aus einer Abhandlung, welche
der evangelifchen Kirche Sache des perfönlichen Ver- . die Ueberfchrift führt: ,Evangelifche Kirchenverfaffung und
trauens, des freieften Entfchluffes und des individuellen j Kircheneinheit'. Hinzugefügt ift: Elfte Beigabe: Von
Bedürfnifses ift, darf nicht zur Inftitution gemacht werden, i der Art der Pfarrbefetzung; Beigabe zu Beigabe I:
— Kleinere Verfehen, wie ,das Katechumenat' und ,ein I Luther: Grund und Urfach aus der Schrift u. f. w.
Berg Gottes wie Dat han' feien nur nebenbei bemerkt. I Zwei teBeigabe: Von dem deutfehen evangelifchen Bifchof.
Marbur"- Achelis. *n der Abhandlung felbft wird (S. 4) der Inhalt unter

dem dritten Titel angegeben: ,Einigung der Landeskir-

Thiersch, Heinr. W. J., Briefe an einen evangelischen 1 chenDeutfchlands zu einer deutfeh-evangelifchen Kirche1.

Geistlichen. Hrsg. von Pfr. Oehninger. Augsburg, ! EsJft a]v° der,>Traum< einer deutfehen Nationalkirche, zu

deffen Verwirklichung der Plerr Verfaffer den Weg zu

Preyfs, 1888. (70 S. 8.) M. 1.
Briefe von Heinr.Thierfch, die nicht für dieOeffent-

zeigen fucht. Und der Weg fcheint allerdings ziemlich
einfach zu fein. Man braucht in deutfehen Landen nur

lichkeit gefchrieben find, in denen alfo der trotz all | von aller Dogmatik und allen dogmatifchen Differenzen
feiner ir vingianifchen Abfonderlichkeiten verehrungswür- und Sprödigkeiten abzufehen, und lediglich die Verfaffung
dige Theologe unbefangen fich äufsert, werden die Auf- j folgerichtig auszubauen. Unter der Devife: ,Keine Noth-
merkfamkeit evangelifcher Theologen allezeit auf fich 1 bifchöfe, keine Freikirche' fallt der Summepifkopat der

ziehen. Und wenn Thierfch, wie in diefen Briefen,
einem evangelifchen Geiftlichen gegenüber fich ausfpricht
über die Fragen, die diefen in dem Amt und in feinem
Verhältnifs zum Amt bewegen, fo hat Thierfch das
Vorurtheil für fich, dafs er aus feinem reichen Schatze reiche
Gaben darreichen werde. Diefe Erwartung wird fich
auch bei diefen Briefen nicht völlig getäufcht finden;
es find manche Goldkörner wahrer Weisheit darin, und
der Referent hat auch für feine Perfon davon einige
mit Dank empfangen. Allein wir hätten mehr erwartet;
jene Goldkörner find fall ohne Ausnahme fehr naheliegende
Wahrheiten, die freilich deshalb nicht aufhören,
Goldkörner zu fein, zu deren Darbietung es aber nicht
eines Thierfch bedarf.

Die Freude an den Briefen wird durch zweierlei
fehr beeinträchtigt. Zuvörderft dadurch, dafs der ,evan-
gelifche Geiftliche', an den die Briefe gerichtet find,
von vornherein dem Irvingianismus fich zuneigt und
wie es fcheint, von Thierfch vollends hineingezogen
wird; das Lob des ,apoftolifchen Werkes' durchzieht
alle Briefe, und doch gewinnt der Lefer nicht den minderten
Einblick in dasfelbe. Sodann äufsert fich Thierfch
ungemein abfprechend, aber auch hier ohne jede Begründung
feines Urtheils, über eine Menge akademifcher
Theologen. Die.welchevorfeinen AugenGnadefinden, find

Landesherren, während die Schutzpflicht des Staates und
das Intereffe deffelben für die Kirche refp. das Oberauf-
fichtsrecht des Staates über die Kirche um des Staates willen
fortbefteht. Man braucht ferner nur jede ,Richtung' kirchlicher
Art innerhalb der Gemeinde anzuerkennen und
der Majorität der Gemeinde zuzugeftehen, fich einen Pfarrer
ganz nach ihrem Gefchmack zu wählen. Von unten auf
wird die Verfaffung dann ftreng nach den vorhandenen
Anfätzen durchgeführt: jedeLandeskirche Deutfchlands bekommt
eine Landesfynode, fämmtliche Landesfynoden
werden zufammengefafst in einer deutfehen evangelifchen
Reichsfynode, und aus der Reichsfynode wird ein Bifchof
an die Spitze der deutfehen evangelifchen Kirche gefetzt.
Dann haben wir, meint der Herr Verfaffer, auch die
innere Einheit, dann haben wir wirklich die deutfehe
evangelifche Kirche.—Im Einzelnen enthält das Schriftchen
manches Anregende.

Marburg. ' Achelis.

Eynatten, Carola Freiin v., Die echte Christin und ihr
Wirken. Minden, Hufeland, 1888. (87 S. gr. 8.)

M. 1. 20: eeb. M. 2. 20.

Es ift dem Referenten eine grofse Freude, dies gediegene
Büchlein zur Anzeige zu bringen. Eine edle,
der anfangs der" 60er Jahre verftorbene Vorreiter j chriftlich gefinnte Frau wendet fich an ihre Schwertern,

(.Luther's Ringen mit der Revolution'), Heman in Bafel j Frauen und Jungfrauen, um ihnen reinen Herzens und