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Ausgabe:

1889 Nr. 4

Spalte:

87-88

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Delff, H. K. Hugo

Titel/Untertitel:

Die Hauptprobleme der Philosophie und Religion 1889

Rezensent:

Krauss, Alfred

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87

Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 4.

8s

tifch genauen Wiedergabe der Schnörkel und Abfonder-
lichkeiten des 16. Jahrh. getroft aufgeben.

Die mitgetheilten Briefe beziehen fich zum guten
Theile auf den Erbfündenftreit, der in Spangenberg's
Leben fo verhängnifsvoll eingriff. Es ift rührend zu
fehen, mit welcher Treue Spangenberg an Fkcius hängt
und wie er unermüdlich ift, dem fo viel gehafsten und ge-
fchmähten Manne als Schildknappe zu dienen. Intereffant
ift dabei, dafs er den Namen ,Flacius' als folchen fchon
als ein Schmähwort der Gegner betrachtet, es als eine
fchwächliche Conceffion betrachtet, wenn feine Mans-
felder Collegen ihn mit diefem Namen anftatt mit dem
ehrenvollen ,Illyricus' betiteln wollen. Einen lehrreichen
Beitrag zu der Frage, ob Chriften Geld auf Zins ausleihen
dürften, wie weit alfo die von Luther in feinen
Sermonen vom Wucher vertretenen Grundfätze der Handhabung
der Kirchenzucht zu Grunde gelegt werden
dürften, liefern die Briefe Nr. 8 —10. Andere wieder
find biographifch von Intereffe, z. B. die Verhandlungen
über Berufungen, die an Spangenberg gelangt waren;
wieder anderes zeigt uns in Sp. den gelehrten Folyhiftor,
bei welchem das hiftorifch-antiquarifche Intereffe neben
dem theologifchen unabläffig zu neuen Studien treibt.
Ich mache darauf aufmerkfam, dafs doch auch der
Gnefio-Lutheraner Sp. hier in eigenthümlicher Weife
fich als Schüler Melanchthon's entpuppt. Bekanntlich
liebte M. in fpäteren Jahren es, wenn er einem Briefe
das Datum beifchrieb, irgendwelche hiftorifche Remi-
niscenzen, die an diefes Datum anknüpften, hervorzuholen
und in den Schlufs des Briefes einzuflechten. Sp.
hat diefe Weife dem praeceptor Germaniae abgefehen
und übt fie gelegentlich in folcher Ausdehnung, dafs er
ein reichhaltiges Kalendarium hiftorifcher Notizen für
den betreffenden Tag anfügt.

Da die vorliegenden beiden Hefte beim J. 1584
(refp. 1591) abbrechen, fo wird wohl noch ein drittes
Heft aus den letzten Lebensjahren Sp.'s zu erwarten fein.
Möchte nur dann der Herausgeber die unentbehrlichen
Regifter hinzufügen. Die Frage kann freilich nicht unterdrückt
werden, ob es rathfam erfcheint, einen derartigen
Briefwechfel in extenso zum Abdruck zu bringen; denn
recht vieles, was wir hier lefen, wäre mit einer kurzen
Notiz in der Biographie auskömmlich zu erledigen ge-
wefen. Es ift ein anderes Ding, wenn wir aus den erften
Jahren der Reformation möglichft jeden Buchftaben,
der uns erhalten ift, in die Oeffentlichkeit geben; im
übrigen dürfte wohl der Grundfatz feilzuhalten fein, dafs
wir uns an einer tüchtigen Biographie mit ausgewählten
Stücken aus der Correfpondenz genügen laffen. Wir
wünfchen dem Verf. von Herzen, dafs ihm fein neues
Pfarramt es vergönnen möge, feine umfaffenden Spangen-
bergftudien noch zum gewünfehten Abfchlufs zu bringen.

Kiel. Kawerau.

Delff, Dr. H. K. Hugo, Die Hauptprobleme der Philosophie

und Religion. Leipzig, Friedrich, 1886. (V, 310 S. gr. 8.)

M. 6. —

Es ift in unferer Zeit ein feltenes Schaufpiel, dafs
fich Jemand nicht blofs offen (S. 262) zu Jakob Böhme
bekennt, fondern fogar mit mancherlei Kenntnifsen und
vielem Eifer die neuere Philofophie zu bekämpfen und
den Schufter von Görlitz zu redintegriren unternimmt.
Zuerft lieft man mit Verwunderung, dann mit fteigendem
Intereffe, das mit Erftaunen und wohl auch mit Unwillen
verbunden ift, mitunter mit Humor; aber man legt das
Buch erft, wann es ganz durchgelefen ift, aus der Hand.
Durch das Ganze zieht fich die Polemik gegen den Ver-
ftand, der nichts zu fchaffen, ja auch nicht einmal zu
verliehen verlieht. Wer nicht innerlich (durch das Ge-
müth) dem Object verwandt ift, kann nur über den
Gegenftand fchwatzen; aber er ift nicht im Stande, ihn

zu erfaffen. Daher alle Verwirrung in der Philofophie
und in der Theologie. Es wäre unmöglich, über das
zweifelsohne mit viel Geilt gefchriebene Buch zu refe-
riren, wenn es nicht geftattet fein follte, einen längeren
Abfchnitt daraus zu reproduciren, der nach des Autors
eigner Meinung die Quinteffenz darftellt. S. 233: ,Das
Erfahrungserkennen hängt nicht fo fehr von dem Gegenftand
als von dem Subject. das will fagen, von der innern
Beftimmtheit und Verfaffung, in der fich das Subject befindet
, ab. Das Subject mufs vor allem in fich felbft in
eine objective Verfaffung gefetzt fein, wenn ein objec-
tives Flrkennen zu Stande kommen foll. In der blofs finnlichen
Beftimmtheit, im finnlichen Sehn hat es diefe nicht;
es ift hier durch die Einzelheit und Aeufserlichkeit der
finnlichen Exiftenz und durch deren zufällige Relationen
und Stimmungen benimmt, und fein Erkennen ift nur
im Aeufseren, Aeufserlichen und fubjectiv Scheinbaren.
Um einer objectiven Anficht der Dinge fähig zu werden,
mufs es feinen Standpunkt nehmen und fich bilden und
organifiren in einem Höheren, das über der finnlichen
Einzelheit des Subjects wie über der finnlichen Ver-

j einzelung der Dinge zu Allem und Allen fich bedingend
und fich gleich und in keiner Weife different

I verhält, alles Einzelne und Verfchiedene daher in und

j unter fich aufzunehmen fähig, ohne es in irgend einer

j Hinficht zu verändern. Diefes Höhere ift das, was man
das Abfolute nennt. Es ift nichts Wefendes, fondern
Form, die reine und abfolute Form, nicht fubjective,
fondern objective Form, das will fagen: nicht Form des
Objectiven, des objektiv Realen, diefem innehaftend,

I fondern allerdings dem Subject innehaftend, um aber
das objective Sein, den objectiven Vorgang, das und der

j aufser dem Subject an fich ift, fubjectiv nachzubilden,
dem Subject fubjectiv zuzueignen. In ihm, in dem Ab-
foluten, entwickelt fich der verftändige Gefichtspunkt, der

i allein der empirifch objective ift — ergiebt fich die verftändige
Auffaffung, in der fich die gemeine Erfahrung
bildet etc.'

Dafs von folchem Standpunkt aus namentlich Kant
und die Neukantianer die fchärffte Zurückweifung erfahren,
ill felbftverftändlich und ebenfo, dafs nur unter Einwirkung
des Kantianismus fo gefchrieben werden konnte.
Einige Bemerkungen möchten aber doch beherzigens-
werth fein. Ueber die Darfteilung des Urchriftenthums
fowie über den religionsgefchichtlichen Theil fchreite ich
hinweg, da diefe Theile, wenn auch breiten Raum einnehmend
, doch keinen felbftändigen Werth beanfpruchen
können. Ritfehl, Biedermann und Pfleiderer werden
fammt Lipfius zufammen genannt als Solche, denen alle
Congenialität mit ihrem Gegenftande abgeht. Ich über-
laffe es den geehrten Herren refp. ihren Schülern, darüber
fich vernehmen zu laffen. Ebenfo Helle ich es den
Naturforfchern anheim, fich mit der Naturphilofophie des
Verf.'s auseinanderzufetzen. Im polemifchen Theil wird
das Buch bei allen vorurtheilslofen Lefern zum Nachdenken
anregen, was Pofitives geboten wird, kann kaum
ernfthafter Widerlegung gewürdigt werden. Eine fchöne
Anlage und viel Willen find auf Abwege gerathen.

Strafsburg i. E. Alfred Kraufs.

Döring, Gymn.-Dir. a. D. Doc. Dr. A., Philosophische

Güterlehre. Unterfuchungen über die Möglichkeit der
Glückfeligkeit und die wahre Triebfeder des fittlichen
Handelns. Berlin, Gaertner, 1888. (438 S. gr.8.) M. 8.—

Der Verf. bemerkt in der Einleitung, dafs fein Werk
auch theologifch gerichteten Eefern Dienfte zu leirten im
' Stande fein möchte. Diefe Bemerkung ift eine völlig richtige
. Nicht als wollte der Verf. im minderten ein Philo-
foph der Kirche fein, er erklärt es diefer im Gegentheil
mit unmifsverftändlicher Deutlichkeit, dafs, feiner Anficht
nach, ihre Rolle in abfehbarer Zeit zu Ende fein werde,