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Ausgabe:

1889 Nr. 4

Spalte:

84-85

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hölscher, L.

Titel/Untertitel:

Reformationsgeschichte der Stadt Herford 1889

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 4.

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vermehren. Wenn die Urfchrift den verdienftvollen
rühmlichft bekannten Fanfani einen ,franzöfifchen' Gelehrten
nennt, konnte in diefem Falle die Ueberfetzung
ihm feine italienifche Nationalität, die ihm von Rechtswegen
zukommt, wiedergewähren. Schweigend liefs
fich das Geburtsdatum Petrarca's berichtigen und Dante's
Todesjahr in die richtige zeitliche Entfernung davon
rücken, ftatt deffen heifst es ,Petrarca ward 1301 geboren
, fechzehn Jahre vor Dante's Tod' (S. 71); beide Angaben
find falfch, Petrarca ift 1304 geboren, Dante 1321
geftorben. Auch die ,Liebeshöfe' (S. 71), in denen Petrarca
fich ,eine Weile vergafs', wären zu ftreichen ge-
wefen wie S. 87 das .Land der Liebeshöfe' (Avignon),
denn da es keine Liebeshöfe gab, fo bringt man beffer
mit ihnen nicht andere Thatfachen in Verbindung. Auch
den Toscaner Guinicelli fähe man gern in der richtigen
Schreibung feines Namens, nicht als Quinicelli
(S. 91) und als Giunicelli (S. 10). Es ift auch
zu mifsbilligen, dafs in der fchönen Canzone Petrarca's
Ciliare fresche c doki acquc (nach Wilh. Krigar) das
,ove le belle viembrapose colei etc.' wiedergegeben ift durch

,wo ihre zarten Glieder

Im Bade netzt die Einzige der Frauen';
den einmal heifst pose1 nicht ,im Bade netzt', felbft nicht
auf die Autorität hin von Carducci, und dann rechtfertigt
nicht der Zufammenhang diefe Ueberfetzung, denn der-
felbe reproducirt nur das Bild der am Quell ruhenden
Laura, die fich an einen Zweig lehnt und Blumen und
Gras mit ihrem Gewände deckt*).

Diefe ,Litteraturgefchichte der Renaiffance', obgleich
von der franzöfifchen Akademie mit einem Preife gekrönt
, ift entfchieden ein in journaliftifcher Eile gefchrie-
benes Werk, das mit den Vorzügen des gewandten
Feuilletoniften auch feine Mängel aufweift. Ehe es in
deutfchem Gewände erfchien, wäre eine fachkundige
Durchficht fehr erforderlich gewefen.

Die oben genannten Ausheilungen mögen nun als
leichtwiegend erfcheinen bei einem Buche, deffen Zweck
mehr Unterhaltung als Belehrung ift, obgleich ich nicht
weifs, wie der Genufs erhöht wird durch falfche Daten
und anderweitige unrichtige Aufhellungen und Behauptungen
; aber auch der dem Werke zu Grunde gelegte
Plan einer vergleichenden Gefchichte der .Bewegung des
Gedankens und der künhlerifchen Geftaltung' ih nicht
befolgt worden, denn gerade die .Vergleichung', die Darheilung
der herüber und hinübergehenden Einfiüffe ih
aufserordentlich dürftig, oberflächlich und unbehimmt
ausgefallen. Ein Hinweis auf das letzte Capitel des
Buches, in dem Rabelais behandelt wird, genügt zur
Begründung diefer Behauptung. Dafs die Italiener den
breitehen Raum einnehmen, Dante, Petrarca, Boccaz,
Machiavell, Arioh, ih felbhverhändlich und fachgemäfs,
in einer Literaturgefchichte der Renaiffance kann dies
nicht anders fein; aber für den Verfaffer kommt noch
ein anderer Grund zur Bevorzugung der Italiener hinzu,
nämlich der, dafs er auf dem Boden der italienifchen
Literatur feit Dante fich heimifcher fühlt als auf anderen
Gebieten. Dennoch ih das Capitel über Dante wenig
gelungen, man vergleiche nur S. 44 fr. die Schilderung
der Welt, ,in welcher Dante heranwuchs'. Die Abfchnitte
über Petrarca und Machiavell, wo der Verfaffer fich der
kundigen Führung von De Sanctis und Villari anvertraut
hat, find die behen des Buches.

Giefsen. Ad. Birch-Hirfchfeld.

*) Scartazzini hat allerdings (Canzoniere): M Jiȟ Menden che Laura
li haijnasse nel fiume mit Hinweis auf Ganz. I, I., aber in jener Canz.
handelt es fich nur um die poetifche Verwerthung einer claffifchen
Reminiscenz (Diana und Aktäon), nicht um die erfahrene Thatfache, dafs
Madonna Laura fich in einer kühlen Quelle gebadet habe; im 14. Jahrhundert
badeten fich überhaupt nicht die Damen im Freien in kühlen
Quellen oder Flülfen.

Erdmann, Dr. Georg, Geschichte der Kirchen-Reformation
in der Stadt Göttingen. Göttingen, Vandenhoeck & Ru-
precht's Verl., 1888. (84 S. gr. 8.) M. 1. 60.

Während Havemann in feiner .Kirchenreformation
der Stadt Göttingen' 1842 fich darauf befchränkt hatte,
im Wefentlichen den Bericht des Chroniften Letzner aus
I der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts zu reproduciren, hat
; der neue Bearbeiter des Gegenftandes mit Recht den
Schwerpunkt feiner Arbeit in die Verwerthung des archi-
; val. Materials gelegt. Diefes lag ihm bis 1533 gedruckt
in Band III des Göttinger Urkundenbuchs (1881) vor;
i für die nachfolgenden Jahre mufste er felber es im Stadt archiv
erheben. Nach einem Bericht über die vorhandenen
Quellen und Vorarbeiten giebt er eine kurze Darfteilung
der politifchen und kirchlichen Verhältnifse der
Stadt bei Beginn der Reformationszeit; darauf folgt die
; Schilderung der Ereignifse von 1529, des erften ftürmifchen
l'lrfolgesder evangelifchen Sache in ihrer Verquickung mit
den Intereffen der Handwerker gegenüber den Patriziern.
Zum Glück folgte alsbald die nöthige Klärung nach; der
erfte demagogifche Prediger des Evangeliums wird entfernt
und die kirchliche Bewegung kommt in ein ruhigeres
Fahrwaffer. Die Kirchenordnung, ein Nachbild der Braun-
fchweiger, confolidirt das neue Kirchenwefen. In ferne-
[ ren 3 Abfchnitten zeigt der Verf. den Kampf des Rathes
mit den Klöftern, den Fortgang der inneren Entwicklung,
1 endlich die Stellung der landesfürftlichen Gewalt zu der
Reformation in Göttingen. Erführt feine Berichterftattung
bis zum Augsburger Religionsfrieden. Als eine Lücke in
feiner klaren undurkundlich geficherten Darfteilung möchte
ich es nur bezeichnen, dafs er einerfeits feine Porfchungen zu
wenig über Stadtarchiv und Chroniken ausgedehnt, daher
z. B. das Corp. Ref. unbenutzt gelaffen hat (vergl. z. B. IV
] 655, VI 183), und dafs er uns von den mafsgebenden Führern
unter den Geiftlichen, vor allem einem Sutellius
und Mörlin, immer nur nebenher Bericht giebt, ohne bei
dem Bilde derfelben eingehender zu verweilen. Dazu
würde es ja nicht an Materialien fehlen. Befonders mager
find die Angaben, die er über Mörlin gemacht hat. Man
erwartet für Kirchen- und Schulgefchichte reichere Aus-
j beute; aber der Verf. hält gerade hier Perfonalien für
unintereffant. ,Die Namen aller aufzuzählen — fchreibt
er S. 60 betreffs der erften evang. Geiftlichen der Stadt
— dürfte kaum von Intereffe fein'. Aehnlich begnügt
er fich S. 67 bei der erften Errichtung des .Pädagogiums'
mit der Notiz, der Chronift nenne die Namen der erften
Lehrer — er felbft aber hält es nicht für werthvoll, fie
uns zu überliefern. Ich bedauere diefe Zurückhaltung;
in einer urkundlichen Darftellung der Reformation einer
einzelnen Stadt hofft der Reformationshiftoriker gerade
auch für Perfonalien fichere und reichhaltige Auskunft
zu finden. Uebrigens würde der ebenerwähnte Abfchnitt
über das Pädagogium und die Abfichten, dasfelbe zur
Univerfität zu entwickeln, nur gewonnen haben, wenn
der Verf. auch hier den Blick über die Stadturkunden
hinaus auf analoge Beftrebungen an anderen Orten
Deutfchlands gerichtet hätte, vergl. z. B. Paulfen, Gcfch.
des gelehrten Unterrichts, S. 187 f. 214. Als Druckfehler
ift S. 38 zu berichtigen, dafs Luther's Brief an Sutellius
vom 11. Jan. 1531, nicht 1530, datirt.

Kiel. Kawerau.

Hölscher, Prof. Dr. L., Reformationsgeschichte der Stadt
Herford. Im Anhang: Die Herforder Kirchenordnung
von 1532. Gütersloh, Bertelsmann, 1888. (108 S. 8.)
M. 1. 20.

Der Werth diefer kleinen Gelegenheitsfchrift für
weitere theologifche Kreife befteht in dem S. 44— 108
gegebenen Neudruck der feltenen, bei Richter, Ev. Kirchenordnungen
fehlenden Herforder Kirchenordnung von