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Ausgabe:

1889

Spalte:

73-77

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Boehmer, Ed.

Titel/Untertitel:

Des Apostels Paulus Brief an die Römer 1889

Rezensent:

Weiffenbach, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. SchÜrer, Prof. zu Giefsen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 4. 23. Februar 1889. 14. Jahrgang.

Boehmer, Des Apoftels Paulus Brief an die

Römer (Weiffenbach).
Bert. Aphrahat's des perfifchen Weifen Homi-

lien (Wellhaufen).
Monnier, Litteraturgefchichte der Renaiffance

von Dante bis Luther (Birch-Hirfchfeld).
Erdmann, Gefchichte der Kirchen-Reformation

in der Stadt Göttingen (Kawerau).
Hölfcher, Reformationsgefchichte der Stadt

Herford (Kawerau).

Rembe, Briefwechfel des M. Cyriacus Spangenberg
(Kawerau).

Del ff, Die Hauptprobleme der Philofophie und
Religion (Kraufs).

Döring, Philofophifche Güterlehre (Ehrhardt).

Wohlfahrt, Perikopen- und Textbuch (Achelis).

Schenk, Die Verpflichtung der Gemeinde-
Kirchenräthe (Achelis).

Der Gemeinde-Aeltefle etc. (Derf.).

Kleinpaul, Die gegenwärtigen Aufgaben des
kirchlichen Amts (Achelis).

Thierfch, Briefe an einen evangelifchen Geift-
lichen (Achelis).

Schneider, Die Vollendung unferer evangelifchen
Kirche (Achelis). ■

Eynatten, Die echte Chriftin und ihr Wirken
(Achelis).

Beyfchlag, Ueber echte und falfche Toleranz
(Achelis).

Boehmer, Ed., Des Apostels Paulus Brief an die Römer, j unfer Matthäus-Evangelium' (p. XIII). Diefes ver-
auso-ele°-t. Bonn, Weber, 1886. (XLV, 192 S. gr. 8.; ! wirft den Paulinismus, ohne doch — man vgl. das Ver-

M. 6. —

Ein wunderliches Buch, das man gleichwohl nicht
ohne Vergnügen und Intereffe lefen wird! Dcsinit in pis-
cem 11111 lia■ formosa supcrne: diefes Wort des alten Horaz
kommt dem Ref. unwillkürlich in den Sinn, wenn er mit
einem draftifchen Bilde den eigenthümlichen kritifchen
Standpunkt der oben genannten Schrift charakterifiren
foll. Denn eine wunderbarere Mifchung heterogenfter
Gefichtspunkte bei Beurtheilung eines biblifchen Schriftwerkes
dürfte fich fchwer finden laffen. Naivfter kriti-
fcher Confervatismus in Beurtheilung der Entftehungs-

bot der ,Ausjätung des Unkrauts', 13, 24 f. — die
,paulinifche Ketzerei' geradezu aus der Kirche aus-
Ichliefsen zu wollen, weil dies nur zum ,eigenen Schaden'
möglich gewefen wäre! Konnte man fich doch vor der
,Ueberwucherung' jener Ketzerei zu fchützen hoffen,
wenn man diefelbe ,auf ihrem eigenften Boden (sc. Aften
und Europa) zu vertilgen fuchte' (p. XIV—XVI). Die
fchriftliche Antwort des fchwer verunglimpften Paulus
ift der Galater-Brief, der mit ftrengem Tadel und dem
Vorwurf der .Heuchelei' gegen den unentfehiedenen
Petrus vorgeht, während er über Jakobus bedeutungsvoll
fchweigt (?!). Aber diefes Schweigen war eine Frage

verhältniffe NTlicher Schriften auf der einen, Ueberbie- an Jakobus: Hältft du auch zu Judas, dem Matth.-hiv

tung der ausfehweifendften Tendenzkritik auf der anderen
Seite haben hier einen brüderlichen Bund mit einander
gefchloffen, welcher Einen freuen könnte, wenn er nicht
fo durch und durch unmöglich, eine wahre concordia dis-
cors wäre.

Wunderlich ift aber auch, dafs ein Commentar zum
Römerbrief in einer 44 Seiten langen Einleitung ganze
4 Seiten (p. XXXIV—XXXVIII) dem Gegenftande feiner
Auslegung widmet, auf den übrigen 40 S. aber eine Skizze
der Gefammtanfchauung des Verf.'s über die Entftehung
des NTlichen Schriftenthums liefert. Da hierauf näher
einzugehen für die Befprechung eines Einzel-Commentars
keine Veranlaffung vorliegt, fo mufs behufs befferen Ver-
ftändnifses der Boehmer'fchen .Auslegung' eine kurze
Skizze jener Skizze genügen. Bald nach dem Apoftel-
Concil (51), welches die nicht ohne Schuld der jerufalem.
Autoritäten (Gab 2) entflandene und durch Jakobus
fowie die .falfchen Brüder', d. i. die Blutsverwandten
Jefu(!), gefchürte Friedensftörung beilegte, eröffnete der
Herrnbruder Judas (!) mit feinem ,antipaulinifchen
Judasbrief' den Schriften-Feldzug, indem er ,die gegen die
Träger der Ordnung fich erhebenden' Paulus und Sil-
vanus für die .Zuchtlofigkeit in den paulin. Gemeinden'
verantwortlich macht und erfterem die Apoftelwürde ab-
fpricht (p. IV. IX. XI). Die Antwort der Angegriffenen
(und des Timotheus) in diefem literarifchen Guerrilla-Krieg
lind die beiden Theffalon icher-Briefe (52 u. 53), welche
die Schilderung des Judasbriefs als auf Paulus und Gen.
.keine Anwendung findend' ablehnen (p. XII). Aber der
Gegner Intriguenfpiel hört damit nicht auf. Vielmehr
ftellen die ,grundfätzlichen Widerfacher der paulin. Freiheit
nun aus den (fchon in den Theffal.-Briefen benutzten)
,Logia< und dem ,kurz nach dem Regierungsantritt Nero's'
(54) entftandenen .Marcus-Evangelium' .eine neue
Schrift zufammen, die fie mit ihren Zufätzen verfahen,

u. f. f.? Jakobus mufste jetzt felber reden' (p. XXI),
zumal er auch feine Lefer ,vor der Theilnahme an den
Empörungen gegen die Römer laut zu warnen' wünfehte.
Sein Brief (57) ift eine gründliche Abrechnung mit dem
.zweifeeligen* und ,in allen feinen Wegen unfteten Manne'
Paulus und dem Paulinismus. Eine Entkräftung diefer
Anklagen, Vorwürfe und Bemängelungen des Jakobus
fowie zugleich eine Befeitigung der übelen Wirkungen
des (früheren) Judas-Briefes und endlich die Wahrung
feiner Sache und feines apoftolifchen Rechtes unternimmt
Paulus in feinen beiden Kori nther-Brieien (57), in
denen fich der Apoftel befonders mit Jakobus Schritt für
Schritt auseinanderfetzt (p. XXVII). Dem zweiten Korinther
-Briefe folgte drei Monate fpäter (Ende 57 oder
Anfang 58) der von Korinth aus gefchriebene Brief an
die Römer, über welchen dann Boehmer einige kurze
einleitende Bemerkungen macht.

Auf eine Kritik diefer höchft wunderlichen Anfchau-
ung von der Entftehung der NTlichen Literatur, wonach
nicht grofse lehrhafte oder im letzten Grunde reli-
giöfe Gegenfätze, fondern theilweife recht malitiöfe perfön
liehe Angriffe, Vorwürfe, Anklagen, Verdächtigungen
die treibende Kraft bei Entftehung der NTlichen Schriften
gewefen feien, kann Ref. nicht eingehen. Einmal
gehört eine folche Kritik nicht hierher, und fodann ift
diefe ganze Betrachtungsweife fo durchaus fubjectiviftifch,
und die Auslegung der dafür angeführten NTlichen
Stellen fo willkürlich, dafs fie aufser dem Autor felbft
fchwerlich einen Anhänger finden werden.

Gegen das, was der Verf. von einleitenden Bemerkungen
fpeciell über den Römer-Brief giebt, haben
wir im Allgemeinen nichts einzuwenden ; und auch feinem
theilweife ganz fcharffinnigen Aufweis von Spuren eines
ftarken judenchriftlichen Beftandes innerhalb der rö-
mifchen Gemeinde (S. 24. 29. 31. 65. 143. 145. 177. 179.

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