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Ausgabe:

1889

Spalte:

67

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Beyschlag, Willibald

Titel/Untertitel:

Godofred. Ein Märchen fürs deutsche Haus 1889

Rezensent:

Lindenberg, H.

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6;

Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 3.

68

zum Vorwurf gemacht werden. Aber auch auf die Er- i Thatfache hin weift, dafs ,plötzlich ein neues Reis dem
klärungen der Bibelftellen hat das Beftreben, unter allen Stamm des Drama's entfproffen ift und, von der Gunft
Umftänden allgemein verftändlich zu bleiben, öfter nach- , der augenblicklichen Zeitverhältnifse getragen, eine liebe-
theilig eingewirkt. Manche Andacht erinnert doch faft : volle Pflege gefunden hat'. Dies Reis ift ,die dramatifche
zu fehr an eine Katechismusftunde in der Volksfchule; j Lutherlitteratur'. Das Jubeljahr der vierhundertjährigen
das eigentlich erbauliche Moment, das in einer Pfaus- [ Geburtstagsfeier unferes grofsen Reformators hat fie herandacht
noch weniger fehlen darf als in der Predigt, tritt I vorgebracht und diefe ,dramatifche Lutherlitteratur' ift
hinter dem lehrhaften oft zu fehr zurück. Wenn aber | nicht nur Lefeftoff geblieben, an welchem in unteren
damit der Punkt bezeichnet ift, in welchem diefe Arbeit <: fchreibfeligen und druckfertigen Tagen wahrlich kein
noch hinter dem Ideal eines Andachtsbuches zurückbleibt, : Mangel ift, fondern durch die Darftellungen der Luther-
fo follen damit die relativen Vorzüge derfelben nicht ge- feftfpiele, unter denen der Verf. diejenigen von Wilhelm
fchmälert werden. Die Auswahl der Sprüche, die fleh | Henzen, Otto Devrient, Hans Herrig und Auguft
an das kirchliche Perikopenfyftem anfchliefsen, darf durch- Trümpelmann mit vollftem Rechte als die bedeutend-

weg als gelungen bezeichnet werden; die Liederverfe,
der Form nach dem mecklenburgifchen Gefangbuch entnommen
, find mit grofser Sorgfalt ausgewählt. Als ein

ften hervorhebt (S. 94—133), in das Leben unferes Volkes
übergegangen. Die Aufführungen, die, meiftens von Liebhabern
veranftaltet, in Worms, in Jena, neueftens in Berlin,

nicht zu unterfchätzender Vorzug erfcheint dem Ref. im j mit fehr fchönem Erfolge auch in Bonn, in Duisburg
Hinblick auf den Zweck, den der Verf. verfolgt, die ver- und anderwärts ftattgefunden haben, find begeiftert auf-

hältnifsmäfsige Kürze der Andachten, die dasfelbe, da
auch der Preis des Buches fehr mäfsig geftellt ift, namentlich
zum Gebrauch in ländlichen Gemeinden geeignet
macht. Ein ausführliches Stellen- und Sachregifter
bietet Gelegenheit, die einzelnen, zerftreut behandelten
Gegenftände auch im Zufammenhang zu überblicken.
In einem dritten Anhang find auch diejenigen Andach-

genommen worden und werden auch in Zukunft, be-
fonders in Gegenden mit gemifcht confefiioneller Bevölkerung
, von Hunderten und Taufenden befucht werden.
Für diefen Zweck eignen fleh die in neuerer Zeit in unteren
rheinifchen Städten erbauten Ton- oder Stadthallen
mit ihren grofsen Sälen und einfachen Bühnenvorrichtungen
ganz vorzüglich. Herrig mag, wie unfer Verf.

ten namhaft gemacht, welche fleh für befondere Gelegen- (S. 144fr.) mit überzeugenden Gründen darthut, mit feinem
heften befonders eignen. Der Umftand, dafs binnen ,gänzlichen Verwerfen der Decoration', die er für fein
Jahresfrift feit dem Erfcheinen bereits eine neue Auflage [ ,Volkstheater' wünfeht, zu weit gehen, anderfeits aber
nothwendig geworden ift, liefert den Beweis, dafs das j wird zugeftanden werden müffen, dafs der religiös-kirch-
Buch trotz der oben hervorgehobenen Mängel doch liehe Charakter der Lutherfeftfpiele, namentlich, wenn
einem vielfach empfundenen Bedürfnifs entgegenkommt. 1 fie, wie es 1883 in Worms gefchah, in Kirchen aufge-
7juffe i-i Iindenbero- 1 ^ unrt werden, thunlichfte Einfchränkung nach der Seite

der Ausftattung hin bedingt, und auch das wird zu fagen

Beyschlag, Willibald, Godofred. Ein Märchen fürs deutfehe
Haus. Halle, Strien, 1888. (61 S. 8. m. Bild.) geb.

Ein Märchen erzählt der Verfaffer, die Lebensge
fchichte eines neuen Parcival, hier Godofred genannt,
der aus dem feiigen Paradies der Kindheit durch einen
unwiderftehlichen Drang hinausgetrieben, Alles, was das
Leben Grofses und Schönes zu bieten vermag, nachein-

fein, dafs diefe Einfchränkung im Intereffe des erften
und namhafteften Zweckes derfelben, des kirchlichen
Zweckes, geboten ift, den der Verf. fo wahr und fchön
M- 2- 5° bezeichnet, wenn er fagt: ,Einen zweifachen Zweck hat

das Lutherfpiel in kirchlicher Hinficht; es foll ein
Weckruf den Schläfern und ein Feldzeichen den
Kämpfenden fein' (S. 136). Da es noch Schläfer genug
giebt, vorzüglich unter den gebildeten und vornehmen
Leuten, fo möge das Lutherfpiel, getragen von unferem

ander durchkollet, ein reines, wenn auch kurzes Liebes- wackeren deutfehen Bürgerftand und von ihm, fowie von
glück, Ruhm und Macht und Plerrfcherglanz, um end- unferer akademifchen Jugend, begeiftert dargeftellt, folch'
lieh, nachdem er auch alle Erkenntnifs und alle Geheim- ein .Weckruf, weithin erfchallend durch alle Gauen
nifse zu durchdringen verfucht hat, von Heimweh ge- j Deutfchlands, je mehr und mehr werden! Den Kämpfentrieben
, zurückzukehren in das Heimathhaus und im Ge- ! den aber fei es überall ein .Feldzeichen', das von ftar-
fühl des Friedens, den ihm der einfältige Glaube feiner ; ken und treuen Pländen getragen, die Streiter ftärke,
Kindheit gegeben, einzugehen in die ewige Heimath, j wenn fie, mehr und mehr ganz auf fleh allein geftellt,
Es ift nicht fchwer, ,des Sinnes Pftnft im leichtbe- j den immer heftigeren Anfturm mächtiger Fcindesfchaaren
fchwingten Traum' zu erkennen. Oft muthet das Mär- zu beliehen haben.

chen an wie eine Art Selbftbekenntnifs des Verfaffers, Wer gründliche Belehrung über diefe höchft erfreu-

wie denn auch das beigefügte wohlgetroffene Bild des- I liehe und bedeutfame Zeiterfcheinung wünfeht, wird fle
felben diefe Auffaffung zu begünftigen fcheint. Aber | in der vorliegenden mit grofser Sachkenntnifs, feinem
auch davon abgefehen, wird Keiner diefe kleine, in edel- Gefchmack und kritifcher Schärfe verfafsten Schrift finden,
Her Sprache gefchriebene Erzählung aus der Hand legen, j in der nach einander der hiftorifche Charakter der Luther-
ohne von dem zarten Plauch gedankenvoller Poefle, der ! fpiele (S. 1—6), ihre Gefchichte (S. 6—133), fowie Zweck
darüber fchwebt, eigenthümlich berührt zu fein. Befon- j und Bedeutung derfelben für die Bühne (S. 133—159)
ders hervorgehoben feien die beiden fchönen, tief em- ! dargeftellt, erörtert und beleuchtet werden.

pfundenen Lieder in der dritten Phafe, in denen der
Gegenfatz der pefflmiftifchen und der theiftifchen Welt-
anfehauung zum Ausdruck kommt. Dafs gegen den
Schlufs hin das Phantaftifche etwas überwiegt, wird man
dem Verfaffer zu gute halten, wenn man fleh daran erinnert
: er erzählt eben ein Märchen.

Nuffe. H. Lindenberg.

Crefeld. F. R. Fay.

Bibliographie

von Cuftos Dr. Johannes Müller,

Berlin W., Opernplatz, Königl. Bibliothek.

JDcutfcbe Literatur.

i Triebs, Fr., Veteris Teslamenti de Cherubim doctrina. Inaug.-Dilf.

Erdmann, Guft. Adf., Die Lutherfestspiele. Gelchichthche [Münfter.] Beroiini, typ. Juiü suten/eidi, 1888. (36 s. 8.)

Entwicklung, Zweck und Bedeutung derfelben für die Schonfelder, J M Verläffigkeit des: biblifchen Urtextes Rede Lehn
°' a ,. .... Antritte des Rektorates etc. München, K. Hof- u. Univ.-Buchdr. v.

Bühne. Litterarhiftorifch-kritifche Studien. Witten- Dr. C. Wolf & Sohn, 1887. (20 s. 4.)

berrr Herrofe Verl 1888 fVII IÖI S. gr. 8.) M. 2.4O. Rothftein, J. W., Das Bundesbuch u. die religionsgefchichtliche Ent-

g.riciiu^vm., 1000. lvu' h 1 "» Wicklung Israels. Teil i: Inhalt u. Plan des Bundesbuches. Habilit.-

Der Verf. hat Recht, wenn er im Vorworte auf die I Schrift (Halle.) Magdeburg, Druck v. E. Baenfch jun., 1888. (76 s. 8.)