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Ausgabe:

1889

Spalte:

654-655

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schaff, Philip

Titel/Untertitel:

A Select Library of the Nicene and Post-Nicene Fathers of the Christian Church, edited in connection with a Number of Patristic Scholars of Europe and America. Vol. IX 1889

Rezensent:

Krüger, Gustav

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arbeitet, tüchtige Kenntnifse und felbftändiges Urtheil
befitzt, fondern auf einem Punkte die patriftifche Wiffen-
fchaft gefördert. Es find die Schriften des Ambrofius,
mit denen er fich gründlich befchäftigt hat; den Haupt-
theil des Werkes, von S. 13—79, füllt eine Unterfuchung
über Echtheit und Abfaffungszeit aller als ambrofianifch
gehenden Abhandlungen und Briefe. Ihm hatte hier in
den Maurinern treffliche Vorarbeiter; aber nicht feiten
weicht er von ihren Anfätzen, die bisher kaum Jemand
ernftlich revidirt hat, ab; gewöhnlich fo, dafs er eine
unbeftimmtere Datirung an die Stelle ihrer beflimmten
fetzt. De Paradiso z. B. hält er wohl für eine der alterte
n Schriften des Ambr., aber ohne genau das Jahr 375
dafür zu fixiren, vielmehr erfcheinen ihm die 3 Bb. de*
virginibus vom Jahre 377 als die Errtlingsarbeit des Mailänder
Bifchofs. Aehnliche Vorficht fordert er für die
Datirung von de Elia et jejunio, de Nabuthe, de interpella-
tione lob et David; de officiis ministrorum dürfe man nicht
feft ins Jahr 391, fondern nur ,nach 386' verlegen. Doch
tritt er bisweilen den Maurinern auch pofitiv entgegen;
de fuga saeculi könne nicht 387, fondern frühertens 389 90,
de Dobia nicht ca. 377, fondern erft nach 385 gefchrieben
fein ; und noch mehr Gelegenheit zur Ab weifung allzu fiche-
rer oder verkehrter Hypothefen findet er bei der Unterfuchung
der ambrofianifchen Briefe. Die Verdienfte der
Mauriner verkennt er deshalb nicht; S. 36—38 weifs er
ihre Datirung von de excessu Satyri (379) gegen die von
Seeck vorgefchlagene (375) überzeugend zu vertheidigen:
fart in allen Fällen wird er den Lefer auf feiner Seite
behalten.

Von Hymnen (S. 59—61) hält er nur die bekannterten
vier für ficher ambrofianifch. Ueber andere zweifelhafte
Schriften handelt er ausführlich S. 61—75; auch gegen
den neueften Herausgeber Ballerini theilt er fart durch-
weg das verwerfende Urtheil der Früheren — befonders 1
werthvoll ift feine Erörterung über die 6 Bb. de sacra-
mentis S. 70—72; die Collatio legum Mosaicarum et Romana
rmn ift er mit Rudorff (1868) überwiegend geneigt, dem
Ambrofius zuzufchreiben. Wohl das Bedeutendfte in dem
Büchelchen ift die Partie S. 6i-—70 über den lateinifchen
.Hegesippus- de hello ludaico, welchen er in tadellofer
Beweisführung gegen Vogel (1881) für eine von Ambro- ;
fius gefertigte freie Ueberfetzung des Jofephus hält.
Ausgezeichnet ift auch der Abfchnitt über die verlorenen
Schriften des Ambrofius, wo er feine überlegene
Sachkenntnifs durch Identificirung von Tractaten und
Fragmenten erweift, welche Andere für verloren erklärt
hatten.

Von S. 80—94 reicht eine andere ambrofianifche
Studie, worin Ihm die Abhängigkeit des Ambr. von
griechifchen und lateinifchen Autoren namentlich der J
claflifchen Zeiten befpricht, hauptfächlich aber durch [
eine Fülle von Beifpielen feine innige Vertrautheit mit
allen Werken Vergil's darthut. Da die Nachahmung
Vergil's keinem Zweifel unterliegt, fo kann aus dem
römifchen Dichter hin und wieder der Text des chrift-
lichen Literaten mit Glück reftituirt werden.

Endlich von S. 95—119 berichtet Ihm über einen j
Trierer Codex des II. Jahrhdts., welcher des Ambrofius
expositio psalmi CVIII in einer Recenfion enthält, die
von der hergebrachten nicht wenig abweicht. Aus dem
o-ebotenen Verzeichnifs aller erheblicheren Varianten
wird man den Text der Maurinerausgabe vielfach ver-
beffern können. Auf den beiden letzten Blättern jener
Handfchrift flehen 3 mittelalterliche Sequenzen, welche
Ihm S. 120—122 anhangsweife zum Abdruck bringt, weil fie
zwar fchon von Mone publicirt, aber theils ohne Be-
rückfichtigung diefes Codex, theils mit ungenügender
Wiedergabe feiner Lesarten, fowie in einer künftlichen
Strophenbildung mitgetheilt worden find.

Eigentliche Fehler find mir in dem klar gefchriebe-
nen Buche kaum aufgefallen; S. 120 ift Gregors des
Grofsen Pontificat als 591 ftatt 590 beginnend angegeben;

S. 5 zum Jahre 375 bemerkt, der damals 4jährige Va-
lentinianus II. fei zum Augustus Orientis ernannt worden
, während der Orient doch natürlich dem Valens
verblieb; auch darf man nicht (S. 5 n. 2) den Hieronymus
befchuldigen, er verlege die Bifchofswahl des Ambrofius
in das Jahr 373, während alle übrigen Quellen
fie ein Jahr früher als den Tod Valentinian's I. anfetzten.
Ebendasfelbe thut auch Hieron., der bekannte Fehler
der hieronym. Chronik berührt dies Ergebnifs nicht
weiter. — Einzelne Wiederholungen, namentlich durch
die Fasti Ambrosiani S. 4—12 herbeigeführte, hätten wohl
unterbleiben können. In der Notirung von Quellen ift
Ihm etwas zu weit gegangen; wozu müffen Ufener, Pei-
per, Ifland, Langen zu Hülfe gerufen werden, wenn es
fich um fo weltbekannte Dinge handelt wie die Thron-
befteigung des Liberius a. 352, die des Valentinianus I.
und Valens a. 364, die des Theodofius I. a. 379? Und
wenn Ihm das Bedürfnifs hat, den Juni 352 für die Ordination
des Liberius S. 54 n. 307 (wiederum wie S. 4)
durch Berufung auf moderne Forfcher zu bekräftigen,
dann hätte er entweder Pagi, den Urheber diefer Hypo-
thefe, oder R. A. Lipfius nennen follen und nicht die
beiden Bonnenfer Gelehrten, die fich nur an Lipfius an-
fchliefsen. Von folch kleinen Mängeln abgefehen, ift
Ihm's Arbeit innerhalb der engen Grenzen, die er fich
gefleckt hat, eine recht dankenswerthe.

Marburg. Ad. Jülich er.

Schaff, Prof. Dr.Phil, ASelectLibrary of theNiceneand Post-
Nicene Fathers of the Christian Church, edited in Con-
nection with a Number of Patristic Scholars of Europe
and America. Vol. IX. Saint Chrysostom: On the
Priesthood; Ascetic Treatises; Select Homilies and
Letters; Homilies on the Statues. New York, The
Christian Literature Company, 1889. (VII, 514 S
Lex.-8.)

Auf das grofse amerikanifche Ueberfetzungswerk
hat Harnack in diefer Zeitung 1887, Col. 266 bei Gelegenheit
einer Anzeige des erften Bandes der Post-Nicene
Library hingewiefen. Der jetzt vorliegende 9. Band des
Unternehmens bringt, abgefehen von den exegetifchen
Homilien, die einen weiteren Band füllen werden, das,
was von Chryfoftomus überfetzt werden foll. In der
Auswahl ift man meift mit dem, was uns die Kemptener
Bibliothek bietet, zufammengetroffen. Wenn diefe recht
wohl auch den zweiten Brief an Theodor oder die zweite
Rede auf den Eutrop oder den Brief an die junge
Wittwe hätte aufnehmen können, fo brauchten in der
amerikanifchen Sammlung die Reden vor und nach der
Verbannung nicht zu fehlen. Auch hätte ein Specimen
der Feftpredigten, etwa die Rede auf Weihnachten oder
Epiphanien, aufgenommen werden können. Darüber läfst
fich natürlich ftreiten, und bei folcher fchriftftellerifchen
bezw. rednerifchen Fruchtbarkeit, wie fie der heilige
Chryfoftomus befeffen hat, ift die Auswahl immer fchwierig.
Unverftändlich ift dagegen, warum nirgends angemerkt
ift, wo man die betreffenden Stücke im Original, d. h.
in der Montfaucon'fchen Ausgabe zu fuchen hat. Wenn
das in Deutfchland gefchieht (vgl. die fcharfe, aber wohlverdiente
Recenfion des erften Bandes der Leonhardi'-
fchen Predigerbibliothek von Baffermann in der Ztfchr.
f. prakt. Theol. 1888, S. 289!.; die Kemptener Bibliothek
notirt dagegen den Fundort), fo ift es fchon fchlimm
genug; von den praktifchen Amerikanern follte man
das aber noch weniger erwarten1). Die äufsereAusftattung
entzieht fich jedem Vergleich mit ähnlichen Unternehmungen
bei uns. Ein Amerikaner würde wahrfchein-

1) Diefem Mangel wird, wie mir Herr Prof. Schaff mittheilt, im
2. Bande abgeholfen werden.