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Ausgabe:

1889 Nr. 26

Spalte:

651-652

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Koetschau, Paul

Titel/Untertitel:

Die Textüberlieferung der Bücher des Origenes gegen Celsus in den Handschriften dieses Werkes und der Philokalia 1889

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 26.

652

Koetschau, Gymn.-Lehr. Dr. Paul, Die Textüberlieferung
der Bücher des Origenes gegen Celsus in den Hand-
fchriften diefes Werkes und der Philokalia. Prolego-
mena zu einer kritifchen Ausgabe. [Texte und Unter-
fuchungen zur Gefchichte der altchriftlichen Literatur,
6. Bd. 1. Heft] Leipzig, Hinrichs, 1889. (VI, 157 S.
m. 1 Tab. gr. 8.) M. 5. 50.

Das für jeden wiffenfchaftlich gerichteten Theologen
Intereffante an Kötfchau's Abhandlung wird die Mittheilung
fein, dafs wir demnächft.von diefem die längft
erfehnte neue Textausgabe der 8 Bücher des Origenes
gegen den Celfus zu erwarten haben, wie der Engländer
Robinfon eine unferer Zeit würdige Edition der Philokalia
, jener vielbenutzten Sammlung von origeniftifchen
Excerpten, vorbereitet. Kötfchau's Vorarbeiten, vor
6 Jahren begonnen, find bis auf eine abfchliefsende Ver-
gleichung des wichtigen codex Vaticanus 386 vollendet;
hier empfangen wir gleichfam die Prolegomena zu feiner
Ausgabe, eine kritifche Ueberficht über die gefammte
handfehriftliche Ueberlieferung.

Im 1. Capitel giebt er ein Verzeichnifs der noch
vorhandenen Codices, welche die Schrift gegen Celfus
enthalten, 9 derfelben kommen kaum in Betracht, weil
fie nur ein Bruchftück des Werkes liefern; von den 15
vollftändigen ift ihm ein Matritensis unbekannt geblieben;
die übrigen zerfallen in 2 Familien, das Haupt der einen
cod. Vaticanus 386 aus dem 13., der anderen Cod. Paris.
Sappl, grec 616 aus dem 14. Jahrhundert, alle übrigen,
auch der vortreffliche Venetus 45, nur Abfchrifteri von
einem diefer Beiden. Der Paris, wiederum und der Vatic.
gehen auf einen gemeinfamen Archetypus etwa des
II. Jahrhunderts zurück ,A', deffen Wortlaut aus ihnen
mühelos reconftruirt werden kann, und den wir ohne
viele Mittelglieder von der eufebianifchen Recenlion der
Urfchrift ableiten dürfen.

Allein ungefähr ein Siebentel des Werkes gegen
Celfus haben Gregorius von Nazianz und Bafilius in ihre
Philokalie aufgenommen, weshalb ein Herausgeber des-
felben an der Ueberlieferung der Philokalie nicht vorübergehen
kann. Von diefer exifbren weit mehr Hand-
fchriften; 50 oder 54 weifs Kötfchau aufzuzählen, und
auch über deren verwandtfehaftliche Beziehungen bildet j
er fich und dem Lefer ein Urtheil. Es find 3 Familien
zu unterfcheiden: die eine, repräfentirt in erfter Linie
durch cod. Paris. Suppl.gr. 615 (13. Jahrh.) und cod. Venet.
122 (14. Jahrh.), zurückzuführen auf einen — verlorenen
— Archetypus /. aus dem II. Jahrhundert, die
andere, deren Hauptexemplare Ven. 48 und Paris. 456
aus dem 15. Jahrh. find, zugleich die umfangreichfte
und die verderbtefte, abdämmend von einem Codex x
des 13. Jahrh.; endlich die nur auf dem cod. Patmius
des 10. Jahrh. und dem Venet. 47 des II. Jahrh. mit
2 Abfchriften beruhende werthvollfte Familie, deren
fupponirtes Haupt n mit Gewifsheit ins 9. Jahrh. verlegt
werden darf. Gleichzeitig mit n mag eine Hand-
fchrift (r/>) entftanden fein, von welcher fich erft fpäter X
und mindeftens durch ein Mittelglied hindurch x abgezweigt
haben. Zwilchen diefem ep und n beftand immerhin
fchon fo grofse Aehnlichkeit, dafs man für beide
ein und denfelben Archetypus <£», aus dem 7. Jahrh.
etwa, vorausfetzt, welcher wiederum nicht weit entfernt
ift von der während der juftinianifchen Origenes-
hetze verfertigten Recenfion von der Originalausgabe
der Philokalie.

Im 3. Capitel (S. 131 —156) fucht der Verf. endlich den
Werth der für feine bevorftehende Edition zu benutzenden
Ueberlieferung feftzuftellen. Trotz der unzähligen
Fälle von lectiones variae, die man aufs Gerathewohl aus
allen Handfchriften zufammenfuchen könnte, fcheinen
ihm die Ausfichten nicht unerfreuliche. Zunächft weift
er nach, dafs die Philokaliften mit dem Origenestexte

nicht etwa wie fpäter Rufinus, fondern recht confervativ
verfahren find; Weniges haben fie weggelaffen und dann
faft nie ohne eine Notiz darüber; ebenfo wenig hinzugefügt
. Eine Revifion des Textes von ,contra Celsum1
nach Philokalie - Handfchriften ift nirgends vorgekommen
; das Umgekehrte hat nur eine zweite Hand bei
dem Venet. 47 verübt: eine Vermifchung der beiden
Ueberlieferungsftröme ift fomit nicht zu befürchten. Was
aber das Angenehmfte: diefe beiden Ströme bieten ziemlich
das gleiche Bild; die älteften Handfchriften der
Philokalie gerade ftehen dem Archetypus aller Manu-
feripte von contra Celsuin auffallend nahe. Die Differenzen
, welche bleiben, beziehen fich entweder auf die
Wortftellung — diefe Claffe ift gar nicht zahlreich —,
oder es handelt fich um Lücken in der einen Traditionsreihe
, welche die andere ausfüllt, oder drittens um Abweichungen
in einzelnen Worten und ganzen Wortge-
fügen: in beiden letzteren Fällen lautet das Endurtheil
zuGunften der directen Ueberlieferung der Origenesfchrift,
obfehon fie zeitlich nicht fo hoch hinaufgeht. Denn
nur 5 empfindlichere Lücken müffen wir uns von der
Philokalie ausfüllen laffen, während diefe an 18 Stellen
aus xaicc KeXaov ihre Ergänzung erfährt, und vielleicht
15 mal bietet c. Cels. eine verderbte Lesart und Philokalie
die richtige gegen 25 Beifpiele von dem umgekehrten
Verhältnifs.

Demnach dürfen wir hoffen, in Bälde einen Text
von der grofsen polemifchen Schrift des Origenes zu
befitzen, der von dem Urtexte auch in den Partien
nicht zu ftark abweicht, wo die Flilfe der Philokalie vertagt
. Denn der Verf. diefer Prolegomena fcheint mir
namentlich im erften Capitel fo viel Genauigkeit, Sorgfalt
und gefunden Scharffinn zu entwickeln und für feine
Pofitionen die Zultimmung des Lefers fich fo glücklich
zu erzwingen, dafs man ihm in Bezug auf das Zukünftige
gern vertraut, wie man ihm ja fchon in den beiden letzten
Capiteln diefer Schrift vertrauen mufs — denn nur ein
Befitzer von Manufcripten oder Collationen könnte ihn
da controliren. Da ich zu folchen ,F"achgenoffen', deren
Urtheil der Verf. in der Vorrede fich erbittet, nicht gehöre
, fo werde ich ihm für die Herftellung feiner Ausgabe
nichts nützen können. Dafs in ,diefer Vorarbeit'
auf S. 71 Z. 27 t. jedenfalls ,Codd.' in ,Handfchriften'
I und S. 120 die Zahl 1788 zu corrigiren fein würde, dafs
die Bezeichnungen der Mss. nicht ganz gleichmäfsig find,
dafs in dem beigegebenen Stammbaum aller Handfchriften
mehrere zu hoch ftehen, z. B. Leid. 17 Mon. 64 Matrit.
0. 6 in dem für das 15. sei. beftimmten Raum, obwohl
fie dem 16. angehören, und endlich, dafs der Verf. faft
zu häufig Gelegenheit nimmt, feinen Dank auszufprechen,
das find Kleinigkeiten, auf welche man den Liebhaber
folcher Bücher nicht erft aufmerkfam zu machen braucht.
Ich fürchte nämlich, dafs diefe Prolegomena auch dann
noch nicht von vielen Theologen gelefen werden, wenn
fie hören, dafs fie darin manche treffliche Bemerkung
finden werden; z. B. zur mittelalterlichen Gelehrtenge-
fchichte, zu der Gefchichte der origeniftifchen Streitigkeiten
, zum Verftändnifs einzelner Stellen in dem Werk
gegen Celfus, fogar die Entdeckung feiner urfprünglichen
Ueberfchrift (S. 69 f. «/.): nqbg TOveitiyeyQct[i(j.et>ov xeXaov
oUijoSj Xöyov wqiyevovq rdnoc et ß' y etc.: Der Verf. wird
zufrieden fein, wenn fie mit um fo gröfserer Dankbarkeit
und Freude an feine als ein wirkliches Bedürfnifs
empfundene neue Ausgabe felber herantreten.

Marburg. Ad. Jülicher.

Ihm, Max., Studia Ambrosiana. [Aus: Jahrbb. f. claff.
Philol. 17. Suppl.-Bd.'] Leipzig, Teubner, 1889. (124S.
gr. 8.) M. 3. -

In der vorliegenden Schrift hat ein junger Philologe
nicht nur den Beweis geliefert, dafs er höchft forgfältig