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Ausgabe:

1889 Nr. 25

Spalte:

633

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Berger, Herm.

Titel/Untertitel:

Die Herbart-Zillerschen Grundsätze in ihrer Anwendung auf den Religionsunterricht 1889

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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633

Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 25.

634

Berger, Pfr. Dr. Herrn.. Die Herbart-Ziller'schen Grundsätze
in ihrer Anwendung auf den Religionsunterricht. [Aus-.
.Zeitfchr. f. prakt. Theol.'] Altenburg, Dietz, 1888.
(28 S. 8.) M. —. 50.

Es ift erfreulich, dafs auch bei denjenigen, welche
als Lehrer oder Infpectoren mit dem evang. Religionsunterricht
zu thun haben, die pädagogifchen Beftrebungen
der Herbart'fchen Schule Beachtung zu finden beginnen.
Denn es ift keine Frage, dafs davon für den ev. Religionsunterricht
Gewinn zu erhoffen ift. Der Verf. bemüht
fich, in jenen Beftrebungen anzuerkennen, was ihm werthvoll
erfcheint, fo das Ziel der religiös-fittlichen Charakterbildung
und die Mittel, durch welche dies Ziel erreicht
werden foll, die Idee des ,Intereffe' erweckenden Unterrichts
, die Concentration, die fog. Formalftufen. Er wendet
feine Kritik mit Recht hauptfächlich gegen die Ziller'fche
Uebertreibung der Concentration, fpeciell gegen die Art,
wie Ziller den gefinnungbildenden Stoff auf acht Stufen
vertheilt, und hat da manches Beherzigenswerthe ausge-
fprochen, insbefondere auch den wunden Punkt getroffen,
dafs der culturgefchichtliche Gefichtspunkt bei Z. den
religiöfen zurückdrängt. Befremdlich ift es dagegen, dafs
er gegen die Art der Analyfe, welche die Herbart'fche
Schule geübt wiffen will, nichts einzuwenden hat. Indem
diefelbe dahin führt, die Pointe der Gefchichte oder das
allgemeine Gefetz, dem diefelbe fich unterordnet, vorher
errathen zu laffen, wird der Gefchichte der Reiz der
Neuheit abgeftreift und ihre gemüthbildende Kraft unterbunden
. Zu einer wirklichen Orientirung reicht das
Schriftchen überhaupt nicht aus. Dazu ift es zu wenig
principiell gehalten. Auch würdigt der Verf. die Bedeutung
nicht, welche die H.'fche Pfychologie als die
Grundlage der Pädagogik trotz ihrer Mängel darin hat,
dafs Ge die Gefetze der Entwicklung des geiftigen Lebens
als einer vom Einzelnen zum Allgemeinen, von den einzelnen
Vorftellungen, Gefühlen, Trieben zu den allgemeinen
Kräften auffteigenden erkennen lehrt. Bedenklich
ift vollends der Schlufs, nach welchem es auf den Lehrer,
nicht auf die Methode ankommt. Die Wärme der Gerinnung
verbürgt weder noch erfetzt fie die Weisheit,
zu deren Gewinn die Anleitung zur richtigen Methode'
verhilft. Solche halbe Wahrheiten haben nur den Erfolg,
im Schlendrian zu beftärken.

Giefsen. J. Gottfchick.

Suppe, Archidiac. Dr. Ludw. Ed., Lass meinen Gang gewiss
sein in Deinem Wort. Neue Sammlung von Cafual-
reden. 6 Hfte. Leipzig, Rother, 1888/89. (X, 512 S.
gr. 8.) ä M. 1. —

Heft I enthält auf 49 S. 20 Taufreden, auf 31 S.
7 Befcheerungsreden, Heft 2 auf 88 S. 10 Confirmations-
reden, Heft 3 auf So S. 17 Beicht- und Abendmahlsreden
, Heft 4 auf 88 S. 24 Traureden, Heft 5 auf 80 S.
24, Heft 6 auf 96 S. 22 Leichenreden.

Cafualreden find fchwer richtig zu beurtheilen, weil
dazu eigentlich Kenntnifs der liturgifchen Formulare,
welche jenen zur Seite treten, und mehr noch, wenigftens
bei Tauf-, Trau- und Leichen-Reden, der perfönlichen
Verhältniffe in den betreffenden Familien gehört. Während
der rationaliftifchen Zeit herrfchte die Befprechung
diefer perfönlichen Verhältniffe und der allgemein-menfch-
lichen Gefühle in folcher Weife vor, dafs die Cafualreden
vielfach eine flache, auf hohlen Redefchmuck und insbefondere
fentimentale Rührung ausgehende Geftalt annahmen
, dagegen des eigenthümlich-chriftlichen Inhaltes
und der kirchlich-kräftigen Haltung entbehrten. Dafs
folcher Ausartung gegenüber Palmer in Tübingen und
andere durch weit fchärfere Betonung von Texten und
überhaupt Schriftgedanken und damit zufammenhängende
kirchliche Fülle und Rundung der Darfteilung die Cafualreden
auf entfehieden chriftlichen Boden zurückführten,
war ein grofser und durch die neuere kirchliche Ent-
wickelung gebotener Fortfehritt. Früheren Verirrungen
gegenüber lag es nahe, dafs man nun die allgemein-
menfchlichen Gefühle und die befonderen perfönlichen
Verhältniffe zuweilen allzufehr bei Seite liefs.

Eine Haupteigenthümlichkeit der Confirmations-,
namentlich aber der Tauf-, Trau- und Leichen-Reden
Suppe's befteht nun darin, dafs er fehr ftark auf diefe
perfönlichen Verhältniffe eingeht, ja dafs diefe oft den
Hauptinhalt bilden. Wir finden darin im Ganzen einen
ilauptvorzug feiner Reden, welcher diefelben nicht nur
für die Zuhörer befonders anziehend gemacht haben wird,
fondern auch jetzt noch die Lefer feffelt. Suppe behandelt
nämlich diefes Perfönliche in durchaus erbaulicher
Weife, fo dafs es fich den Texten trefflich unterordnet
und mit den aus diefen fliefsenden Gedanken
zwanglos zu einem einheitlichen Inhalte abrundet.

Die Texte, deren nur ganz wenige Reden entbehren,
find demgemäfs mit Bezug auf diefe perfönlichen Verhältniffe
, öfter auch mit Bezug auf die kirchliche Zeit
oder auch wohl fonftige Zeitumftände, fehr gut ausgewählt
. Neben vielgebrauchten Schriftftellen rindet man
oft weniger bekannte, überhaupt meift bündige, leicht behaltbare
, rafch die Aufmerkfanikeit weckende Texte.
Im Regifter werden fehr kurze Texte ganz und wird von
längeren Texten ein hervorragender Abfchnitt als Ueber-
fchrift der Reden angegeben, fo dafs diefe, wie es ge-
wifs dem Wefen der Cafualrede entfpricht, zwar nicht
engbegrenzte Themata, aber doch nicht blofs durch den
vorliegenden Fall, fondern auch durch die im Anfchluffe
daran behandelten Hauptgedanken angemeffene Einheit
haben.

Die Verwerthung der Texte ift eine mannigfaltige
und fehr gefchickte. Oft fchliefsen fich die einzelnen
Abtheilungen der Rede in analytifcher Weife an die
einzelnen Beftandtheile des Textes. Auch Abfchnitte,
welche nicht in der Ueberfchrift angeführt wurden, werden
öfter genau verwerthet (vgl. Leichenr. 45). Doch
wird bei längeren Texten hinweggelaffen, was nicht zum
vorliegenden Falle pafst. Wo der Text nicht die ganze
Rede beherrfcht, tritt er doch an den rechten Stellen
hervor und hilft fo zu eigenthümlichem Gepräge.

Auch fonftige Bibelftellen werden am rechten Orte
fehr paffend angeführt.

Suppe erweift fich als ein evangelifch-pofitiver und
zwar lutherifcher Theologe. Dies zeigt z. B. feine Auf-
faffung der Taufe und des heil. Abendmahles (vgl. 7 d.
B. u. A. R.). fein Betonen der Rechtfertigung aus dem
Glauben (vgl. 8 d. B. u. A. R.), der Gottheit Chrifti (9
d. B. u. A. R.). Er verfteht feine kirchlich-biblifchen Gedanken
fo vorzutragen, wie fie fich den berechtigten
fonftigen Anfchauungen der Gegenwart leicht anfchliefsen.
Dafs Suppe fowohl den kirchlich-biblifchen Gedanken
als den rein menfehlichen Gefühlen, z. B. dem Schmerz
bei Trauerfällen, gerecht zu werden weifs, dafs er auch
die Tüchtigkeit im Berufs- und Familienieben fehr wohl
zu würdigen verfteht, rechnen wir ihm zu grofsem Ver-
dienfte.

Die Sprache ift keine volksthümliche im engeren
Sinne, fondern eine gebildete, wohlgewählte, edle, aber
eine durchaus klare, einfache, leere Worte und Aus-
fchmückungen meidende, öfter eine recht herzliche, ergreifende
, überhaupt eine fehr anfprechende.

Damit das grofse Lob, das wir diefen Cafualreden
fpenden zu muffen glauben, um fo berechtigter erfcheint,
wollen wir auch das Wenige nicht verfchweigen, was
uns nicht ganz zufagt. Zum Lobe müffen wir freilich
noch rechnen, dafs uns zu den Uebertreibungen, welche
unferes Erachtens fo viele geiftliche Reden verunzieren,
nur einmal eine Annäherung aufgefallen ift, nämlich in
der 2. Confirmationsrede S. 92 die P'rage: ,Steht euer
ganzes Herz meinem Worte offen, fo dafs kein einziges