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Ausgabe:

1889

Spalte:

626-632

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stählin, Leonhard

Titel/Untertitel:

Kant, Lotze, Albrecht Ritschl. Eine kritische Studie 1889

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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fertigung des mittelalterlichen Hierarchismus'. S.'s Ver-
dienfte Hegen in der forgfältigen Revifion des Details.
Seine Arbeit ift eine fleifsige, gewiffenhafte. Er macht
von der Literatur ebenfo wie von den Quellen einen
guten Gebrauch, um Th.'s Darftellung zu ergänzen.
Er verfichert in feiner Selbftanzeige, viel Mühe auf die
Verificirung und beffere Auswahl refp. Ergänzung der
Citate ,unter dem Texte' verwendet zu haben und man
darf ihm das glauben. Viel verborgene Mühe fleckt
immer in einer gewiffenhaften Neubearbeitung eines
älteren Werkes. Manche Partie ift ftofflich von S. fo
bereichert worden, dafs fie faft ganz den Charakter
eigener Ausführung gewonnen hat. Wieviel S. hinzu
gethan, erfieht man fchon aus einer Vergleichung des
äufseren Umfangs feiner und der urfprünglichen Arbeit.
Die erfte Auflage hatte für die mittelalterliche Dog-

mengefchichte 170 Seiten übrig gehabt, S. bietet 316 Knüttel, Dr. W. P. C, Nederlandsche bibliographie van

-....... kerkgeschiedenis. [Bijdragen tot eene Nederlandsche

Abendmahlsftreitigkeiten im Abendlande zu verfolgen.
Er ift auch noch der wichtigfte zum Verftändnifs der
Controverfen der Reformationszeit! Jedoch ich möchte
S. nicht weiter kritifiren. Ein ,Bearbeiter' ift gebunden;
es ift nicht nur ein äufserer Zwang, der ihm auferlegt
ift, der Zwang, fo lange der Name des erften Autors der
mafsgebende fein foll, deffen Anfchauungen auch wefent-
lich gelten zu laffen, es ift auch ein innerer Zwang, unter
dem er leidet. Nur wer aus dem Vollen fchöpfen darf
und das Ganze fich frei zum Yerftändnifse bringen kann,
gewinnt auch die Ideen. Es ift fehr erfreulich, wie vielerlei
fleh S. affimiliren konnte trotz feiner ungünftigen
Situation.

Giefsen. F. Kattenbufch.

S. legt felbft ein befonderes Gewicht darauf, dafs er
die Myftik anders werthe als Th. Letzterer hat fie in
der That noch wefentlich als Lehre behandelt. S. behandelt
fie als Praxis und ihre Literatur als .asketifche'
im Unterfchiede von der ,dogmatifchen'. Dabei betont
er, dafs fie zur Scholaftik nicht fowohl in einem reli-
giöfen Gegenfatze flehe, als vielmehr die Anwendung
der fcholaftifchen Theorien fei. Das ift richtig. Es fehlt

bibliographie, uitgegeven door het Frederik Mullerfonds
. 3. deel.] Amfterdam, Fred. Muller en Comp.,
1889. (XIV, 411 S. Lex.-8.) M. 10. —

Eine fehr reichhaltige Bibliographie der niederlän-
difchen Kirchengefchichtsfchreibung, nicht der
niederländifchen Kirchengefchichte. Das Buch
dient alfo zunächll nicht der ürientirung über Ouellen

, , AUtna Her Mvftik für aus- 1 Und Literatur der niederländifchen Kirchengefchichte fon
freilich viel, dafs S.'s■Behandlung der MyittK. ■ ich Uern über clie allgemeine kirchengefchichtliche Arbeit der
reichend erklärt .werden ^Är^ßrte(Th.Litzeitg. Niederländer. Doch wird es auch häufig für den erften
H er ing's Buch, Die Myftik Luthers rMMBWl*";^ ^ brauchen fein. Dem Programm entfprechend,

welches der Verfaffer den Forderungen der Fnednch-
Muller-Stiftung entfprechend gehalten mufste, giebt er
die kirchengefchichtlichen Arbeiten 1) aller Niederländer
in jeder Sprache gefchrieben. 2) von Ausländern, die

1870 Nr. 16), ebenfo wieder gelegentlich meiner Befprech-
un" von Lommatzfch, .Luthers Lehre' (1880, Nr. 2l),
Punkte zur Beurtheilung der Myftik berührt, die bei S. fo
wenig wie bei Th. zu ihrem Rechte kommen. Ich bin
weit entfernt, S. einen Vorwurf zu machen, dafs er jene

Recenfionen nicht bemerkt hat. Wer lieft alte Recenfionen? ins'Niederländifche überfetzt find. Arbeiten von" füM
DafsS. nicht auf diefelben Gedanken, die ich dort1) ausge- niederländifchen Verfaffern, die vor Anfang des 17.JI1S. o-e-
führt habe, gekommen ift, erklärt fich mir aus der bei ihm fchrieben find, werden behandelt wie die unter 1). Vom
ebenfo wie bei Th. unzulänglichen Darftellung der fcho- 17. Jh. an werden fie nur aufgenommen, wenn fie nieder-
laftifchen Rechtfertigungslehre. Wichtiger in diefer Be- ländifch gefchrieben find. Die bibliographil'che Beziehung
noch ift, dafs auch S. nirgends die Erkenntnifs fchreibung fcheint fehr genau. Die Vollftändigkeit kann
verräth, dafs eine Darftellung vom Wefen der Selig- ich natürlich nicht prüfen. Aber überall macht das Werk
keit bei den Scholaftikern abfolut nothwendig ift, wenn einen fehr forgfältigen Eindruck. Die Ordnung ift alpha-
man diefe Theologen und überhaupt das katholifche betifeh; ein fyftematifches Verzeichnifs ift beigegeben
Chriftenthum verliehen will. Die Unterfcheidungen ferner I - ° 0

innerhalb der Myftik, die Ritfehl hervorgehoben (Geich. Oleisen. Karl Müller,

d. Pietismus, L, S. 470 ff.), würden einen werthvolleren ,

Gelichtspunkt zur Claffificirung der Myftiker und ihrer stählin, Pfr. Lic. Leonh., Kant, Lotze. Albrecht Ritsehl

Methoden gewährt haben, als die geographifche V erthei- : £ine kritifche Studie> £ Dörffling & Franke"

lung nach romamfehen und germamfehen Landen. Die - nunS tränke,

Unu-rfcheidung der .romanifchen' und der ,germanifchen' 1Ä> 2S3 »• gr. »•) M. 4. —

Myftik ift überhaupt fo gut wie hinfällig. — Ich bin, wie | IndemderVerfaffer dieErkenntnifstheorieRitfchl's und
fchon diefe Bemerkungen zeigen, nicht in jedem Sinne ! ihre Folgen für feine Theologie einer Prüfung unterzieht,
mit dem Werke (von feiner theologifchen Grundauf- ; kommt er zu dem Ergebnifs, dafs R.'s Anfchauungen
faffung des Dogma's ganz abgefehen!) zufrieden. Wie fich aus lauter flagranten Widerfprüchen zufammenfetzen
äufserlich ift dann z. B. auch bei S. noch die Gefchichte J und zum Nihilismus, zur Auflöfung aller Erkenntnifs
der mittelalterlichen Abendmahlsftreitigkeiten. Es ift und fpeciell auch der religiöfen in wefenlofen Schein
mir fchon fehr lange klar geworden, dafs diefe Streitig- führen. Die von ihm geübte Kritik hat auf einen Re-
keiten im Abendlande (ebenfo wie die Bilderftreitigkeiten ; cenfenten, der fonft feine Leiftung nicht genuo- rühmen

im Morgenlande) dogmenhiftorifch als eine Fortfetzung
(eine andere Form) der chriftologifchen Streitigkeiten
anzufehen ift. Es ift Unglaube an die Incarnation, wenn
man nicht die Realität des Leibes und Blutes Chrifti im

kann, auf Prof. H. Schmidt in Breslau, ftellenweife den
Eindruck eines dialektifchen Kunftftücks gemacht. Trotz
aller Schadenfreude an dem Schickfal R.'s ift ihm diefer
Eindruck doch peinlich gewelen. Er fucht ihn deshalb

Abendmahle anerkennt! Wer mit Bezug auf die Incar- durch die Bemerkung zu verwifchen, dafs es in diefen
nationslehre correct ift, keinen doketifchen Leib behauptet, Fällen nur auf eine Revanche für die Confequenzmacherei
glaubt auch, dafs es der gefchichtliche Leib Chrifti in abgefehen fei, deren R. fich an feinen Gegnern fchuldig
ftetiger Neufchöpfung durch denfelben Geift, der den gemacht. Aber ich würde fürchten, dem Verf. mit einer
irdifchen Leib erzeugte, ift, der im Abendmahle darge- folchen Auslegung Unrecht zu thun. Diefer verfährt
boten wird. ,Hoc orc sumitur, quod fidc creditur1 — fo , auch mit Kant in der völlig gleichen Weife. Lotze geht
definirte fchon Leo der Grofse das Verhältnifs^ von ; es nur wenig beffer. Beide Philofophen haben fich aber
Chriftologie und Abendmahlslehre (Servio 91). Es ift : doch an der heutigen .kirchlichen' Theologie nicht ver-
fehr inftruetiv, von diefem Gefichtspunkte aus die lündigt. Diefe Art der Kritik will alfo wirklich ernfthaft

genommen fein, wie befremdlich Einem auch die Vor-
1) Vgl. auch „Der chrifti. Unfterblichkeitsglaube", s. 16 ff. i ftellung, die der Verf. von der geiftigen Stumpfheit der