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Ausgabe:

1889 Nr. 25

Spalte:

624-626

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thomasius, Die christliche Dogmengeschichte

Titel/Untertitel:

als Entwicklungsgeschichte des kirchlichen Lehrbegriffs dargestellt. 2. Aufl 1889

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 25.

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gezeigt hat, ist gevvifs der richtige. TteCommendatio ahitnae,
die alten Sterbegebete erklären die meisten Darftellungen.
Der Verf. folgt hierin auch dem Wegvveifer (S. 140—153).
Aber um den Mariendarftellungen der erften vier Jahrhunderte
einen volleren Inhalt zu geben, beruft er fich
für ihre Erklärung auf Gebete, die nach dem Epheünum
entftanden find (S. 397—400). Es ift ebenfo erkennbar,
welche Bedeutung die ihrem Glaubensgehalte nach durch
die Gebete erklärten Bilder in den Katakomben haben.
Aber das einfache, fo ergreifend fprechende Ergebnifs
genügt ihm nicht: die Orantenfiguren weifen weiter. Die
einen ,ftellen die Seelen der im Paradies triumphirenden
Märtyrer dar', die anderen ,die Seelen der Verftorbenen
im Fegfeuer' (S. 195). ,Der Gräberfchmuck der Katakomben
ift offenbar auf zwei Dogmen gegründet: auf
die Lehre, dafs wir für die Verftorbenen beten follen,
und dafs unfer Gebet ihnen nützlich ift; zweitens, dafs
die Heiligen unfere Fürfprecher bei Gott find' (S. 158).
Darum belehren uns die Bilder mit Ereignifsen aus dem
Leben der Maria durch ihr Dafein, ,dafs die Gläubigen
nach Vorgang der Liturgie Maria als die mächtige
Fürbitterin im befonderen Gerichte angefleht
haben'(S. 404). Und doch fieht auchL. in den Goldgläfern
,die erften Denkmäler, die in den Katakomben gefunden
wurden, von denen fich nachweifen läfst, dafs die Verehrung
Mariens bei ihnen beabfichtigt ift' (S. 404). Auch
diefe wichtige Frage nach dem Alter der Goldgläfer
läfst eine durchgreifende Unterfuchung vermifsen. Einiges
Richtige ift geltend gemacht, aber es genügt nicht. Es
laffen fich beftimmte chronologifche Anhaltepunkte gewinnen
und nach künftlerifchen Merkmalen beftimmte
Gruppen fcheiden, wie fich andererfeits auch für die Be-
urtheilung der Marienbilder aus den Darftellungen anderer
Heiligen, namentlich der zahlreichen Gläfer mit Agnes
der richtige Mafsftab ergiebt.

Es wird nicht ohne Intereffe fein, noch Einiges über
die hiftorifchen und künftlerifchen Anfchauungen des
Verf.'s kennen zu lernen, wie fie fich am deutlichftcn in
dem erften Schlufscapitel ausfprechen. ,Die altchriftliche
Kunft ift wie das Chriftenthum felbft etwas ganz Originelles
'. ,Wenn der Satz nun art ne s'improvise pas« auf
alle andern Künfte mit Recht angewendet wird, bei der
chriftlichen Kunft, wenn er fich auf den Inhalt der Dar-
ftellung beziehen foll, hat er keine Berechtigung' (S. 353).
Ein Blick auf den bekannten Kinderfarkophag im Museo
Torlonia würde ihn — um in der Linie der behandelten
Monumente zu bleiben — gelehrt haben, woher die ,auffallende
' Haltung Mariens auf der einen Sarkophaggruppe
ftammt (Fig. 34. 35), und ihm gezeigt haben, wie unrichtig
feine Frageftellung ift. S. 356: ,Die allgemeine Frage
nach einem ' Portrait der allerfeligften Jungfrau wird
keineswegs verneint' und unter den Zeugen wird auch
Katharina Emmerich nicht ausgelaffen (S. 357). Dem
Künftler giebt auf die Frage, wie er das Ideal Mariens
zu geftalten habe, die katholifche Dogmatik die Antwort
(S. 358 f.). ,Der Künftler hat nicht die Aufgabe, hifto-
rifch wirkliche oder mögliche Begebenheiten darzustellen
, fondern das Ideal der Mutter Gottes' (S. 368),
in prachtvollen Gewändern (S. 372). Ebenfo den Sohn bekleidet
(S. 373); denn ,ein nackter Leib iftethifch durch und
durch häfslich, verurfacht uns alfo Abfcheu und Ekel'
(S. 373). ,Alle Aeufserungen und Bestätigungen der rein
natürlichen Liebe einer Mutter dürfen nicht als Hülfs-
mittel' für eine Vorstellung der Mutter Gottes gewählt
werden (S. 367). Und fo geht es fort. Die Prüderie ift
kaum weiter zu treiben und fie macht um fo gröfseren Eindruck
, als den Erörterungen über die jungfräuliche Geburt
eine geradezu entgegengefetzte Behandlung zu Theil wird.
Dafs man weiter fortfchreitet, die Kunft der Renaiffance,
namentlich Raffael allen religiöfen Gehaltes für baar erklärt
, ift nicht verwunderlich. Neuerdings ift der Kampf
dagegen auch von anderer Seite wieder auf das ent-
fchiedenfte begonnen worden, und es ift bekannt, dafs

weite Kreife der katholifchen Welt die ausgefprochenen
Anflehten theilen. Dem gegenüber fei aber auch an
diefer Stelle an die energifchen Protesterklärungen erinnert
, die gerade in unferen Tagen aus wiffenfehaftlichen
katholifchen Kreifen im Sinne alter echter Katholicität
zur Vertheidigung der tiefen Innerlichkeit der Renaiffance-
fchöpfungen hervorgegangen find.

Liell's allgemeine Anfchauungen kennzeichnen fich
durch die angeführten Proben genügend. Die auf wiffen-
fchaftliches Gebiet greifenden Refultate feines im heftigsten
polemifchen Tone gefchriebenen, der Widerfprüche
und Fehler auch im Einzelnen nicht ermangelnden Buches
vermögen die Ergebnifse der Gründlichkeit ernster unbefangener
Forfchung nicht zu erfchüttern. Sie werden
widerlegt durch das, was fie widerlegen wollten. Es
fehlen die Grundlagen wiffenfehaftlicher Arbeit. Der Protestantismus
ift feinem Wefen nach mit der Wiffenfchaft
verwandt. Jener Katholicismus, den Liell hier vertritt,
ift feinem Wefen nach unwiffenfehaftlich.

Leipzig. Johannes Ficker.

Thomasius, Geh. Kirchenr. Prof. Dr., Die christliche Dogmengeschichte
, als Entwickelungsgefchichte des kirchlichen
Lehrbegriffs dargeftellt. 2. Aufl. Nach des
Verfaffers Tode hrsg. v. Prof. Dr. Bonwetfch u.
Mag. Seeberg. 2. Bd. 1. Abtlg. Die Dogmenge-
fchichte des Mittelalters. Neu bearb. v. Seeberg.
Leipzig, Deichert Nachf., 1888. (316S. gr. 8.) M. 5. —

Der zweite der beiden Dorpater Theologen, die fich
zur Neubearbeitung der Thomafius'fchen Dogmenge-
fchichte verbunden haben, Mag. Seeberg (jetzt ord.
Prof. in Erlangen), hat die ihm zugefallene Aufgabe, den
zweiten Band des Werkes, der Mittelalter und Reformationszeit
behandelt, neu zu adjuftiren, zu löfen begonnen,
indem er zunächst die erste Hälfte diefes Bandes herausgegeben
hat. Ich freue mich, conftatiren zu dürfen,
dafs S., ebenfo wie Bonwetfch, feine Aufgabe durchaus
zweckmäfsig abfolvirt. Die ,Dogmengefchichte des Mittelalters
' oder die ,zweite Hauptperiode' der Dogmen-
gefchichte, welcher das vorliegende Heft gilt, war am
unvollständigsten im urfprünglichen Manufcripte des fei.
Thomafius vorgefunden worden. Plitt, der erste Herausgeber
des zweiten Bandes der Th.'fchen Dogmenge-
fchichte, hatte fich geholfen mit Collegheften des vor
dem Abfchluffe feines Werkes abberufenen Verfaffers.
Ich fand, als ich feinerzeit (Th. Litztg. 1878, Nr. 2) das
ganze Werk erstmals befprach, dafs Plitt geleistet habe,
was fich leiften liefs. Von diefer Meinung trete ich auch
jetzt nicht zurück. Doch hat S. andererfeits Recht,
wenn er in einer Selbstanzeige feiner Neubearbeitung
(Th. Litblatt, herausgeg. v. Luthardt, 1889, Nr. 7) bemerkt
, die Darstellung des Mittelalters in dem Th.'fchen
Werke habe die meiften Lücken aufgewiefen. Man fieht
aus jener Selbftanzeige übrigens auch, dafs S., wenn er
felbftftändig aufgetreten wäre, eine etwas andere Auf-
faffung und Gruppirung der mittelalterlichen Dogmen-
gefchichte dargeboten hätte, als fie in diefem Werke
vorliegt. Immerhin hat er das Schema, welches von
Th. herrührte, innerhalb feiner felbft corrigirt. Er hat
einige Partien umgestellt, auch zum Theil eine andere
Zufammenfaffung einzelner Stücke beliebt, als Th.
Bei Letzterem war der den .wichtigsten Lehrbestimmungen
der Scholastik' gewidmete Abfchnitt nur noch nach den
dogmatifchen Thematen rubricirt. S. bildet drei Unter-
abfehnitte unter Titeln, die zugleich den äbgeftuften
Werth der dogmatifchen Arbeit der Scholastik im Einzelnen
andeuten follen. Er unterfcheidet: A ,Die pofitiv
fortbildende Arbeit der Scholastik an dem Dogma'
(Gotteslehre, Chriftologie, Lehre von der Verföhnung), B
,Die pelagianifirende Bearbeitung der Lehre von der Sünde
und Gnade', C ,Die fcholaftifche Darstellung und Recht-