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Ausgabe:

1889

Spalte:

620-621

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kähler, Martin

Titel/Untertitel:

Neutestamentliche Schriften, in genauer Wiedergabe ihres Gedankenganges dargestellt 1889

Rezensent:

Schnapp, F.

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6ig Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 25. 62 o

Ausg.). Treffend führt G., ähnlich wie Weizfäcker (Apoft.
Zeitalter S. 383 ff), den Nachweis, dafs die mündliche
Ueberlieferung, vor Allem auch, was die Reihenfolge der
Erzählungen anlangt, fehr fchnell eine fefte Form annehmen
mufste. Er erinnert befonders daran, dafs dies
in noch höherem Mafse für die griechifche, wie für die
aramäifche Verkündigung gilt. Denn da das Ueberfetzen
nicht Jedermanns Sache war, fo wird man fich lieber
die griechifche Form, in der bereits Andere die evange-
lifche Gefchichte vorzutragen pflegten, angeeignet haben,
als dafs man fich felbfländig der Mühe des Ueberfetzens
von Neuem unterzog. Worte, wie eniovaiog, msguyiov
mufsten bei der Schwierigkeit, beffere zu finden, ficher-
lich bald Gemeingut werden. Ich füge hinzu, dafs felbft
eine folch frappante Uebereinffimmung in der Darfteilung,
wie etwa Matth. 9, 6; Marc. 2, 10. Ii; Luc. 5, 24 an fich
noch kein unüberwindliches Hindernifs für die Vertreter
der Traditionshypothefe bilden dürfte, da fich eine derartig
dramatifch lebendige Erzählungsform leicht in
weiteren Kreifen feftfetzen konnte.

So treffend indefs auch diefe Ausführungen G.'s über
das Wefen der altchriftlichen Ueberlieferung find, fo darf
die Traditionstheorie meiner Meinung nach doch fo lange
keinen Anfpruch auf eine allfeitige Löfung des Problems
erheben, als es ihren Anhängern nicht gelingt, fich in
befriedigenderer Weife, als bisher gefchehen ift, mit der !
Thatfache auseinanderzufetzen, dafs bereits vor unferen
Synoptikern nachweislich fchriftliche Fixirungen der evan-
gelifchen Verkündigung exiftirt haben. G. giebt unumwunden
zu, dafs das erfte Evangelium als Hauptbeftand-
theil die Logia des Matthäus enthält, und dafs Marcus
auf fchriftlichen Aufzeichnungen der Lehrvorträge des
Petrus beruht, während er andererfeits Lucas aramäifche
oder aus dem Aramäifchen überfetzte Urkunden benutzen
läfst. Aber diefe Schriften bildeten nach feiner Meinung
keine gemeinfamen Quellen unferer Synoptiker. ,Ge-
meinfam war den drei Verfaffern nur der Kern der traditionellen
Erzählung, welche theilweife fchon in diefe
Quellen übergegangen war' (J>. 70 bezw. S. 38). Hier liegt
der wunde Punkt der ganzen Auffaffung offen zu Tage.
Die Logia des Matthäus und die Vorträge des Petrus,
welche Marcus aufzeichnete, können unmöglich als Nieder-
fchlag der allgemeinen Tradition angefehen werden;
wenn Matthäus die Reden Chrifti zufammenftellte und
Petrus das Leben Jefu erzählte, fo befragten fie dabei
nicht die Ueberlieferung, fondern ihre perfönliche Erinnerung
. Sehen wir nun z. B., dafs Matthäus oder Lucas
oder beide zufammen mit einem letztlich auf die Erzählung
des Petrus zurückgehenden Berichte des zweiten
Evangeliums in fo auffallender Weife übereinftimmen,
wie dies etwa in der Gefchichte vom Gichtbrüchigen der
Fall ift, fo können fie ihre Darftellung nicht mehr aus
der allgemeinen Tradition, fondern nur aus der Marcus-
fchrift entnommen haben. Denn es ift undenkbar, dafs
die von Marcus unabhängige Ueberlieferung fich zufällig
derfelben fo charakteriftifchen Form in der Bericht-
erftattung bedient haben follte. Demnach bilden allerdings
jene beiden Schriften gemeinfame Quellen unferer
Synoptiker. Freilich wiffen wir nicht ficher, ob fie den
einzelnen Evangeliften in derfelben Geftalt vorgelegen
haben. Sie mögen im Laufe der Zeit manche Ergänzungen
und, da fie vielfach wohl nur mündlich colportirt wurden,
auch einzelne Veränderungen erfahren haben, fodafs fie
möglicherweife in abweichenden Recenfionen von den
Verfaffern unferer Evangelien benutzt wurden. Rechnet
man hinzu, dafs wenigftens Matthäus und Lucas noch
über befondere Quellen verfügten, und dafs es fich bei
der Abfaffung der Evangelien überhaupt nicht um ein
mechanifches Abfchreiben, fondern um ein freies Nacherzählen
handeln kann, was G. vollftändig verkennt, fo
läfst fich die charakteriftifche Mifchung von Ueberein-
ftimmung und Abweichung fehr wohl auf Grund der fog.
Zweiquellentheorie verftehen.

An der lucanifchen Abfaffung des Evangeliums,
welches ziemlich gleichzeitig mit Matthäus und Marcus
vor 70 entftanden (J>. 71 bezw. S. 38) und fammt der
Apoftelgefchichte bereits von Clemens Romanus benutzt
fein foll (/>. 16 bezw. S. 9), hält G. unentwegt feft. Die
Richtigkeit der kirchlichen Ueberlieferung hängt bekanntlich
davon ab, ob der Verfaffer des Wirberichts auch
die anderen Abfchnitte der Apoftelgefchichte und damit
das dritte Evangelium gefchrieben haben kann. G. fcheint
mir diefe Frage zu fchnell zu bejahen, wenn er fich mit
den vielen Unrichtigkeiten in der Erzählung der Apoftelgefchichte
mit der Bemerkung abfindet, dafs dem Verfaffer
fehr wohl da, wo er fremde Quellen in Anfpruch nehmen
mufste, hie und da ein Irrthum begegnen konnte (p. 4sq.
bezw. S. 3). Aber follte ein Genoffe des Paulus wirklich
über den Apoftelconvent fo fchlecht unterrichtet gewefen
fein, wie der Verfaffer von Act. 13? Und läfst es fich
vor Allem verftehen, dafsDerfelbe, welcher den Wirbericht
gefchrieben, fo fagenhafte und unrichtige Mittheilungen
über Ereignifse hat machen können, die fich in derfelben
Zeit auf dem nämlichen Boden abgefpielt haben follen,
welchem auch die Vorgänge des Wirberichts angehören,
wie dies für Act. 16, 25 ff. oder 28, 21 f. gilt? Wenn fich
endlich auch G. zum Erweife der engen Beziehungen,
die zwifchen Paulus und dem Verfaffer des dritten Evangeliums
beftanden haben follen, auf die Uebereinffimmung
Beider in der Wiedergabe der Einfetzungsworte des heil.
Abendmahles beruft (p. 19 bezw. S. 11), fo ift daran zu
erinnern, dafs die Echtheit der entfcheidenden Stelle
Luc. 22, 19L 20, wie Weftcott-Hort gezeigt, durchaus
nicht über allen Zweifel erhaben ift.

Was fodann den eigentlichen Commentar anlangt,
fo ift die Eigenart der Godet'fchen Auslegung zu bekannt,
als dafs wir fie hier zu fchildern brauchten. Auch diefe
neue Auflage weift in reichftem Mafse alle die Vorzüge
auf, welche wir an den exegetifchen Schriften des Verfaffers
gewohnt find: Ernftes Eindringen in die Probleme, ge-
wiffenhafte Arbeit bis in alle Einzelheiten hinein, wohl-
thuende Frifche und Anfchaulichkeit in der Darfteilung,
vor Allem aber ein überall fühlbares, lebendiges reli-
giöfes Empfinden. So wird die Befchäftigung mit dem
vorliegenden Buche auch denen reichen Genufs bieten,
welche dem Verfaffer in fo manchen Fragen der litera-
rifchen und hiftorifchen Kritik nicht zu folgen vermögen.

Godet's Lucascommentar ift weit über die Grenzen
des franzöfifchen Sprachgebiets hinaus verbreitet. Er ift
in's Deutfche, Englifche, Dänifche und Schwedifche überfetzt
. Von der autorifirten deutfehen Bearbeitung ift
gegenwärtig eine zweite Auflage im Erfcheinen begriffen,
welche an der Hand der oben befprochenen dritten
Auflage des franzöfifchen Originals hergeftellt wird. Die
Ueberfetzung ift gewiffenhaft angefertigt und lieft fich
glatt und angenehm.

Marburg. Adolf Link.

Kahler, Martin, Neutestamentliche Schriften, in genauer
Wiedergabe ihres Gedankenganges dargeftellt und
durch fich felbft ausgelegt. 1. Lfg. Der Hebräerbrief.
2. Aufl. Halle, Fricke's Verl., 1889. (x> 39 S. gr. 8.)
M. Ii —

Die von Kähler unternommene Arbeit ,Neuteftament-
liche Schriften in genauer Wiedergabe ihres Gedankenganges
dargeftellt und durch fich felbft ausgelegt' ift ein
höchft dankenswerthes und zeitgemäfses Unternehmen.
Der Verf. hat in den bisher veröffentlichten Proben feine
Aufgabe vortrefflich gelöft. Die Bearbeitung des Hebräerbriefes
liegt jetzt in 2. Aufl. vor.

Ganz befonders verdient es unfere Anerkennung,
dafs der Verf. fich der möglichften Kürze und zugleich
der gröfsten Präcifion in der Wiedergabe der Gedanken
I befleifsigt. Das Schriftchen erweift fich als die Frucht