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Ausgabe:

1889 Nr. 2

Spalte:

605-606

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thikötter, Jul.

Titel/Untertitel:

Der Altkatholicismus, dargestellt und nach evangelischen Grundsätzen beurtheilt 1889

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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605 Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 24. QqQ

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1716—1742. Er gehörte zu den Gegnern der Bulle Uni-
gcnitus, — er weihte 1738 Charles-Michel de l'Epee, der
fich fpäter um den Unterricht der Taubftummen verdient
machte, zum Priefter, nachdem ihn der Erzbifchof Chr.
de Beaumont von Paris als Janfeniften' von der Weihe
zurückgewiefen hatte (S. 105), — und unter feiner Regierung
fchloffen fich die Oratorianer offen den Appellanten
an. Als folche wurden fie von Boffuet's Nachfolger
, Mathias Poncet de la Riviere, 1743 — 58, verfolgt.
Nach der Unterdrückung des Janfenismus' kam auch bei
den Oratorianern der .Liberalismus' zur Herrfchaft (S.
119). — S. 192—204 giebt der Verf. ein intereffantes Ver-
zeichnifs der bedeutenden Männer, die bei den Oratorianern
in Troycs ihre Studien gemacht haben.

Bonn. F. H. Reufch.

Thikötter, Palt. prim. Jul., Der Altkatholicismus, darge-
ftellt und nach evangelifchen Grundfätzen beurtheilt.
Barmen, Klein, 1889. (43 S. 8.) M. —. 60.
Ref. ift ein alter Freund des Altkatholicismus und
freut fich daher jedes Mal, wenn irgend jemand zu
Gunften desfelben das Wort ergreift, daher auch über
diefe in der Conferenz der Bremer Stadt- und Landprediger
pofitiver Richtung vorgetragene Abhandlung
des verehrten Verfaffers, den vor kurzem die theologifche
Facultät der Univerfität Marburg durch Verleihung der
Doctorwürde ausgezeichnet hat. Das Referat zerfällt in
zwei Theile: hiftorifche Darfteilung der Entftehung und
Ausbildung des Altkatholicismus (S. 1—18) und Be-
urtheilung desfelben nach evangelifchen Grundfätzen
(S. 18—43). Dem erften Theile entnehmen wir einige
Angaben über Verfaffung und Gottesdienft, die von

Der zweite Theil der Thikötter'fchen Abhandlung
giebt, wie bereits angeführt ift, eine Beurtheilung des
Altkatholicismus nach evangelifchen Grundfätzen. Als
leitenden Gefichtspunkt ftellt der Verf. den Satz auf:
,Vom Standpunkte des Proteftantismus beurtheilen wir
den Werth einer Kirche nach ihrem Verhältnifs zum
Reiche Gottes' (S. 18). Das Ergebnifs, zu welchem er
in eingehender, fachgemäfser Befprechung gelangt, ift
die Thefe, mit welcher der forgfältig durchdachte Vortrag
fchliefst: ,1m Altkatholicismus fchätzen wir, ob-
fchon fein Reformideal dem reformatorifchen nicht gleich-
werthig ift, eine höchft heilfame und fehr thatkräftige
Reaction des evangelifch-chriftlichen Geiftes in der katho-
lifchen Kirche gegen die Knechtfchaft, den Aberglauben
und die Menfchenvergötterung des jefuitifchen Vatikanismus
. Wir begleiten feine Refbrmbeftrebungen mit wahrhaft
theilnehmendem, brüderlichem Herzen, unterftützen
fie mit Wort und That, und hoffen und wünfchen, dafs
dies edle Senfkorn zu einem mit Früchten reich belade-
nen Baum unter Gottes Schutze erwachfe' 'S. 43k Es
ift kaum nöthig zu fagen, wie fehr wir in diefen Wunfeh
einftimmen.

Krefeld. F. R. Fay.

Rüting, Diak. J., Die Grundlagen des christlichen Glaubens,

auf Grund von Frank's Syftem der chriltlichen Ge-
wifsheit dargeftellt. Erlangen, Deichert, 1888. (IV, 97S.
gr. 8.) M. 80.

Diefe Schrift ift nicht nur als ein erfreulicher Beweis
theologifcher Arbeit aus den Kreifen des Pfarramtes zu
begrüfsen, fondern auch als eine Bereicherung der theo-
iriterVffe find. ,Auf dem dritten altkatholifchen Congrefs | logifchen Literatur. Eine fo klar gefchriebene und zu-

zu Konftanz vom 12.—14. September 1873 kam es zur
Bildung einer Synodal- und Gemeindeordnung. Sie
handelt vom Bifchof, von der Synodalrepräfentation,
von der Synode und von der einzelnen Gemeinde. Der
Bifchof ift cx officio Vorfitzer der Synode. Er weiht
die Priefter und hat das Recht, fie zu fuspendiren, doch
kann die Gemeinde dagegen an die Synode recurriren.
Die Synodalrepräfentanz befteht aus vier weltlichen
und vier geiftlichen Mitgliedern und hat das Recht, gegen
Synodalbefchlüffe, die nicht mit Zweidrittel-Majorität
gefafst find, ein Veto einzulegen. Die Synode befteht
aus dem Bifchof, den Geiftlichen und den Abgeordneten
der Gemeinden. Sie wählt den Bifchof und die Synodal-
repräfentanz. Die Einzelgemeinde hat einen Kirchenrath
, beftehend aus fechs bis achtzehn Mitgliedern und
dem Pfarrer. Ihnen unterliegt die Anftellung der Kirchenbeamten
, die Verwaltung des Vermögens, die Sorge für
die Ordnung des Gottesdienftes. Die Verfammlung der
Gemeindeglieder hat das Recht, den Pfarrer, die Kirchen-
räthe und die Synodalabgeordneten zu wählen' (S. 10. 11).
Die Zahl der Altkatholiken in Deutfchland beträgt nach
dem von dem amtlichen altkatholifchen Kirchenblatte veröffentlichten
Stande vom 31. December 1884 im ganzen
13190, von welchen 6336 auf Preufsen fallen (S. 17).
,In Wirklichkeit ift die Zahl gröfser, da die amtlichen
Berichte nur diejenigen berückfichtigen, die ihre Zugehörigkeit
zu einer Gemeinde durch Unterzeichung eines
Formulars bekundet haben, während in gröfseren Städten
die Einzeichnung vielfach unterbleibt, und viele Altkathö-
liken an Orten wohnen, wo keine Gemeinden fich befinden
' (S. 18). Die Zahl der Geiftlichen beträgt aufser
Bifchof Reinkens 56, Gemeinden giebt es 101. Viel gröfser
ift die Seelenzahl der Altkatholiken in der Schweiz, nämlich
75000 mit 62 Gemeinden unter Bifchof Herzog, der
bei dem erften Gottesdienft der hiefigen altkatholifchen
Gemeinde am 1. November 1872 als Pfarrer derfelben
eingeführt wurde, nach kurzer Zeit aber in feine fchweize-
rifche Heimath zurückkehrte, wo man ihn zum Bifchof
erwählt hatte.

verläffige Ueberficht über das Syftem der chriftlichen
Gewifsheit wird vielen, denen für das Studium gröfserer
Werke Zeit und Kraft fehlen, den Glauben ftärken und
die Sünden des Traditionalismus fühlbar machen können.
Aber auch in der Hand der Studenten, die mit den
Büchern Frank's nach meiner Erfahrung in der Regel
nichts anfangen können, würde ich das Schriftchen gern
fehen. Durch die Sprache Frank's werden ja leider die
Anfänger mehr betäubt als belehrt. Hier dagegen treten
die Vorzüge und Mängel feiner Arbeit klar zu Tage.
Beides zu conftatiren, ift eine vortreffliche Uebung des
theologifchen Unheils. Zu den Vorzügen gehört vor
Allem das kräftige Eingreifen in die Bewegung der
modernen Theologie, welche die Lehre als Ausdruck
des Glaubens zu geftalten und zu verliehen fucht. Mangelhaft
ift dabei, dafs Frank den Schein erregt, als ob er das
orthodoxe Dogma, das, wie er fehr wohl weifs, aus
einem andern Gefichtspunkt entworfen ift, im Ganzen als
den Ausdruck feines Glaubens entwickle. Frank ändert
ja im Einzelnen ziemlich viel; — ich erinnere nur an die
Lehren von der Infpiration und von der Verföhnung.
Aber das kann den Lefer nur verwirren, der im Ganzen
von Frank in der Stimmung erhalten wird, die unbedingte
Vertheidigung des orthodoxen Dogma's als eine
Art von Ritterpflicht anzufehen, und auf jeden Fall nicht
dazu angeleitet wird, den Grund, der eine Umgeftaltung
zur Gewiffenspflicht macht, einzufehen. Ich vermuthe
indeffen, dafs, zumal in diefer kurzen Darfteilung, viel
ftärker der Eindruck davon wirken wird, wie Frank den
Gegenfatz zu der orthodoxen Methode, in welchem wir
uns Alle mehr oder minder befinden, auf eine unhaltbare
Spitze treibt. Diefer koloffale Subjectivismus, der es
fertig bringt, das Bewufstfein der Wiedergeburt als die
Quelle der chriftlichen Erkenntnifs zu behandeln, bildet
den ftärkften Gegenfatz zu dem in gutem Sinne katho-
lifchen Grundfatz, dafs fich das Denken des Chriften allewege
nach etwas richtet, das er von fich felbft unter-
fcheidet. Frank's Verfahren ift eine Carricatur des aus
der Reformation hervorgegangenen theologifchen Grund-