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Ausgabe:

1889

Spalte:

593-595

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Renan, Ernest

Titel/Untertitel:

Histoire du peuple d‘Israel. Tome I. 2.ed 1889

Rezensent:

Horst, L.

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Giefsen.

Preis

aUe'i? Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 24. 30. November 1889. 14. Jahrgang.

Renan, Histoire du peuple d'Israel, t. I, f. 6d.
(Horft).

Weifs, Der Barnabasbrief (Link).
Mirbt, Die Stellung Auguftin's in der Publiciftik
des gregorianifchen Kirchenftreits (K. Müller).
Berti, Giordano Bruno da Nola (Reufch).
Widmann, Eine Mainzer Preffe der Reformationszeit
im Dienfte der katholifchen Litteratur
(Enders).

Carre, L'enseignement secondaire ä Troyes du
Moyen äge ä la Revolution (Reufch).

Thikötter, Der Altkatholicismus (Fay).

Rüting, Die Grundlagen des chriftlichen Glaubens
(Herrmann).

Schmidt, Das Gewilfen (Häring).

Bufsler, Predigtentwürfe und Dispofitionen zu
den epiftolifchen Perikopen (Ehlers).

Spach, Kurze Predigten über die in . . . Elfafs-
Lothringen vorgefchriebenen Epiftelperikopen
(Derf.).

Rahlenbeck, Fürforge für die konfirmierte

weibliche Jugend (Schlofier).
Kurzgefafste Mittheilungen (Eck).

Renan. Erneft, Histoire du peuple d'Israel. Tome I. 2. ed.
Paris,Calmann Ldvy, 1887. (XXIX, 455 S. gr. 8.) Fr.7.50.

Nach Vollendung der Gefchichte der Urfprünge des
Chriftenthums, die Gefchichte des Volkes Ifrael zu fchreiben,
fie bis zum Leben Jefu zu führen, und fo den Kreis zu
fchliefsen, den er fich zu durchlaufen vorgefetzt, das ift
Renan's grofsartiges Unternehmen, welches er allmälig
mit unermüdlichem Fleifs dem Ziel entgegen führt. Von
der Gefchichte des Volkes Ifrael find bereits zwei Bände
erfchienen (1887. 1S89). Im erften Bande fchildert Renan
die Bene Ifrael im nomadifchen Zuftand bis zur Anfie-
delung in Canaan und führt die Gefchichte weiter bis
zur endgültigen Gründung des Königthums unter David.
Renan's fchriftftellerifche Kunft hervorzuheben ift unnöthig.
Mit dem höchften Intereffe folgt man der Schilderung
jener unfteten Familien, die Arabien und Syrien erfüllten,
unter dem Zelte lebend und das Geheimnifs der fchönen
Rede fowie der Grundgedanken der Raffe hütend, deren
Häuptlinge thatfächlich die Väter des Glaubens waren,
die Wüfte durchftreifend, ehrlich in ihrer Weife, befchränkt,
wenn man will, aber puritanifch gefinnt, voller Abfcheu
vor den heidnifchen Befleckungen, glaubend an die Gerechtigkeit
und das Auge am Himmel. Wie hervorgezaubert
durch Seherkunft entrollt fich vor dem Raunenden
Blick das Bild des Wefens und Treibens, des Denkens
und Glaubens der Wüftenföhne, von dem uranfänglichen
Glauben an die namenlofen, von einander nicht zu unter-
fcheidenden, als ein einziges Wefen ungetheilt handelnden
Elohim, an den einen durch die Zufammenfchmelzung
jener namenlofen Götter entftandenen Gott, den Herrn der
Welt, dem allein unter vielen Namen — Elion, Schaddai,
Baal, Adonai, Ram, Milik — gedient wird, in grofser
Nüchternheit des Verftandes und höchfter Einfachheit
des Cultus, bis zum allmäligen Verfall der reinen Religion
der Wüfte durch die Annahme heidnifchen Aberglaubens
, durch die Berührung mit Chaldaea und befonders
mit Aegypten, und vor allem durch den Dienft des
Nationalgottes Jahve. Aber Ifrael wird die Fehler feines
Nationalgottes ausmerzen, feinen Eigennamen tilgen, und,
ihn zum blofsen Synonym von Elohim herabdrückend,
zum alten Glauben des grofsen Zeltes zurückkehren.
Hören wir Renan felbft (S. 85): ,Die Gefchichte jener
langen Umbildung, welche eine Rückkehr zum urfprüng-
lichen patriarchalifchen Zuftand war, wird diefe Gefchichte
erfüllen. Für den Augenblick möge die Bemerkung genügen
, dafs Jahve in Ifrael erft dann eine wichtige Rolle
fpielt, als Ifrael ein an den Boden gebundenes Volk
wird. Der religiöfe Fortfehritt in Ifrael wird darin be-
ftehen, dafs es von Jahve zu Elohim zurückkehrt, Jahve
ausbefiert, ihm feine perfönlichen Züge entzieht, um ihm
nur die abftracte Exiftenz von Elohim zu belaffen. Jahve

ift ein befonderer Gott, der Gott einer menfehlichen
Familie und eines Volkes; als folcher ift er weder beffer
noch fchlechter als die andern Schutzgötter. Elohim ift
der allgemeine Gott, der Gott des menfehlichen Ge-
fchlechtes. In Wahrheit hat fich das Menfchengefchlecht
nicht zu Jahve, fondern zu Elohim bekehrt. Die Welt
ift deiftifch, das heifst elohiftifch, nicht jahviftifch geworden.
Sie hat die Ausfprache des Namens Jahve vergehen; jeder
wird in alle Ewigkeit die Vocale nach feiner Weife hinzufetzen
. Weder das Chriftenthum noch der Islam kennen
Jahve. Es ift ein aus dem frommen Gebrauch völlig aus-
gefchiedenes Wort; es ift der Name eines barbarifchen
und fremden Gottes'.

Manches davon ift gewifs fehr richtig; das Buch
enthält auch vortreffliche Abfchnitte über den urfprüng-
lichen groben Jahvismus. Aber die unrichtige Vorftellung
vom urfprünglichen Monotheismus einer wahrhaft idealen
— ich hätte falt gefagt idyllifchen — Patriarchenzeit
beherrfcht und fälfcht die gefammte Darftellung der
religiöfen Entwickelung Ifraels. Das weifse Blatt der
patriarchalifchen Urzeit hat der Dichter mit feinen geift-
reichen Einbildungen gefüllt, und dabei die Quellen
in nicht erlaubter Weife mifsbraucht. Wir ftaunen,
wenn wir hören, dafs das Buch Hiob der Ausdruck einer
fehr alten Theologie fei (S. 47). Kraft desfelben Buches
Hiob erfahren wir, dafs Edom im befonderen feit dem
hohen Alterthum eine Schule von Weifen befafs, die
Schule vonTheman, in welcher das Problem vom Schick-
fal des Menfchen behandelt wurde, vom Gefichtspunkte
der monotheiftifchen Philofophie der Hebräer aus, und
in welcher man verfluchte, dem Leben einen Sinn zu
geben, indem man nur zwei Grundprincipien annahm:
Gott ewig, der Menfch vergänglich (S. 94). Ferner hören
wir (S. 119), dafs, immer in der Nomadenzeit, die Weifen
im ifraelitifchen Clan gegen die aramäifchen und chana-
näifchen Thorheiten proteftirten; dafs der Name des
Jahou oder Jahve, El gleich geltend, gewifs fehr geehrt
war, aber dafs die Weifen in jenen fehr alten Zeiten in
diefem Eigennamen eine Gefahr zu erblicken fchienen
und die Namen El, Elion, Schaddai, Elohim vorzogen,
dafs der Name Abbir Jacob lange beliebt war und im
gewöhnlichen Gebrauch dem Namen Jahve voranging,
tesi. Gen. 49, 24.

Wie richtig hat Renan erkannt, dafs wir in der Ge-
nefis und fonft Zeugnifse befitzen nicht für die Urzeit,
fondern für die Zeit, in welcher jene Erzählungen ent-
ftanden find (z. B. S. XIII), und doch benützt er fie
beftändig, als zeugten fie für die Urzeit. Aus der Sage
werden dann einzelne Züge herausgenommen, verallgemeinert
, und daraus mit wunderbarer Kunft ein voll-
ftändiges Sittenbild hergeftellt. Das niedlichfte Beifpiel

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