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Ausgabe:

1889 Nr. 23

Spalte:

585-586

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pank, Osk.

Titel/Untertitel:

Das Evangelium Matthäi, in Predigten und Homilien ausgelegt 1889

Rezensent:

Wächtler, August

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Seite 1

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585 Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 23. 586

Beweis des Verbandes kann zur religiöfen Gefinnung
emporziehen. Der fittliche Glaube erhebt als höchfte
und letzte Erkenntnifs den Anfpruch, das durch die endliche
Erkenntnifs gewonnene, zerriffene Weltbild einig
zu machen und zu verklären. Durch die Religion wird
der endliche Geifl zugleich ergänzt und aufs tieffte ge-
demüthigt. In diefem Zufammenhang tritt auch die tiefe
Conception der Platonifchen avaiwitfig, auf die der Verf.
öfters zurückgreift, in ihr rechtes Licht. Unfer Wiffen
ift Er-Innerung an den von Gott gegebenen Befitz unferes
Geiftes, den wir in der Erkenntnifs der Welt erwerben,
um uns dadurch als Glieder der intelligiblen Weltordnung
zu erfaffen.

Doch ich flehe davon ab, den tiefen und reichen
Inhalt des Werkes noch weiterhin in dürftiger Skizze zu
zeichnen, da eine Trübung des darzuftellenden Gedankenbildes
hiebei unvermeidlich ift.

Nur drei allgemeine Bemerkungen feien mir noch
geftattet.

Die erfte betrifft den Stil. Das Buch ift nicht allein
gut lesbar, fondern wo der Muth der Erkenntnifs, der
Drang nach der höchften Wahrheit zu Worte kommen,
geiftreich und fchwungvoll gefchrieben; wo es jedoch galt,
verfchlungene Gedankenverzweigungen und vielfältige
Begriffsfchattirungen darzuftellen, habe ich mich zuweilen
nach der fcharfen, biegfamen und feinen Ausdrucksweife
Lotze's gefehnt.

Die zweite betrifft die Methode. Der unvermeidliche
Cirkel, in dem fich eine Methode bewegt, wo der Begriff
die Anfchauung und die Anfchauung den Begriff bedingt,
wo fchon die erften Refultate der Phänomenologie und
weiterhin der Ideenlehre nicht ohne die intellectuelle
Anfchauung des Ganzen gewonnen werden, mufste be-
ftimmter eingeftanden und betont werden, um den Eindruck
zu verhüten, als follte das Höchfte und Letzte
als demonftrirbares Refultat aus dem Erften gewonnen
werden.

Die dritte betrifft den Inhalt. Der Verf. ftellt in
platonifcher Weife die wiffenfchaftlichen und ethifchen
Tugenden gleich TI, S. 176. 188. 476). Er läfst darüber
eine gewiffe Unklarheit beftehen, ob der Geift den Gedanken
Gottes auf praktischem oder theoretischem Wege
gewinnt, durch fittliche fitfes oder durch begeifterte ftana
(II, S. 10. 56. 82. 178. 470 etc.), oder etwa durch beides
zufammen. Darüber wird hoffentlich der dritte Band,
dem ich eine baldige Reife wünfche, bestimmtere Auskunft
bringen.

Summa: In unferer Zeit, wo Sich der Verftand auf
der Landftrafse des common scnsc und an den Zäunen
der Specialwilfenfchaften fo breit macht, ift es eine Erquickung
, ein Buch zu finden, in welchem die Vernunft
den Verftand überwiegt.

Salbke bei Weflerhüfen ad. Elbe. M. Beffer.

Pank, Superint. Dr. Osk., Das Evangelium Matthäi, in

Predigten und Homilien ausgelegt. 1. Hälfte. Bremen,
Müller, 1889. (VIII, 442 S. gr. 8.) M. 7. 50; geb. M.9. —
Angefichts des Titels mufsten wir uns fragen, ob bei
der Auslegung eines ganzen biblifchen Buches in Predigten
die bekannten Vorzüge der Pank'fchen Predigtweife
wohl zu ihrem Rechte kommen würden. Dafs der
Prediger feine Auslegung nicht in fortlaufenden Predigten
zu geben brauche, fondern Solche aus verschiedenen
Zeiten des Kirchenjahrs und aus verschiedenen
Jahrgängen zufammenftellen könne, hatten wir freilich
nicht bedacht. Von den vorliegenden 39 Predigten über
die erften 14 Capitel des Evang. Matthäi ift z. B. die
erfte am Neujahrstage, die letzte am Sylvefterabend gehalten
, während aufser einer Predigt zu Weihnachten
und zweien zum Reformationsfeft eigentliche Feftpredig-
ten fich naturgemäfs nicht finden, wohl aber mehrere

Predigten aus der Advent- und Epiphaniaszeit, die meiden
aus der feftlofen Zeit. Für die populäre Auslegung wie
für die Anwendung des Schriftwortes ift dies Verfahren
von grofsem Vortheil. Die Vorzüge der Pank'fchen Predigtweife
können dabei zur vollften Geltung kommen,
und die Schwierigkeiten, welche zufammenhängende Bibelabschnitte
jedem Prediger bereiten, werden aufs glück-
lichfte vermieden. Eine Predigt über das ganze erfte
Capitel des Matth.-Evang. würde nicht blofs für den Ge-
fchmack unferer Zeit, fondern für jeden Homileten ein
Unding fein. Auch ein Schriftausleger wie Gottfr. Men-
ken, welcher in feinen Betrachtungen über das Evang.
Matthäi' (diefelben, 71 an der Zahl, reichen auch gerade
bis zum 14. Cap.) weder Predigten, noch Stunden der
Andacht geben wollte, hat dies Capitel in 5 Abfchnitten
behandelt. Aber Pank nimmt das ganze 1. Cap. zum
Text einer Neujahrspredigt: ,das erfte Blatt des neuen
Teftaments am erften Tage des neuen Jahres' zeigt uns
-drei bedeutfame Zeichen: I. ein Kreuz, das Zeichen
der Errettung, das Chriftus an uns gemacht, 2. eine Hand,
die waltende Vaterhand Gottes, 3. einen Namenszug:
Jefus. Noch einmal bildet ein ganzes Capitel, Matth. 7,
den Text einer Predigt oder vielmehr einer Homilie
unter der anfpruchslofen Ueberfchrift: ,Sieben Weifungen
auf dem Wege zum Himmel'. Hier wird, wie auch fonft
noch öfter z. B. über Matth. 10, I—25, eine Art praktischer
Schriftauslegung im Zufammenhange gegeben,
freilich ohne dafs der ganze Inhalt des Abfchnittes zu
feinem Rechte kommt. Aber die Schriftauslegung ift
überhaupt weniger P.'s Stärke, als die Anwendung; diefe
aber wird in fo reicher und anregender Weife geboten,
dafs auch die Gemeinde dadurch mehr an Schriftverftänd-
nifs gewinnen wird, als durch manche eingehendere und
umftändlichere Auslegung, welche fich in Einzelheiten
verliert und mit der Anwendung nachgehinkt kommt.
Aber höher als für die Gemeinde Stellen wir den Werth
diefer Gabe für die Prediger. Wir kennen wenige Homileten
, die bei gründlicher und tiefer Erfaffung des Schriftwortes
fich fo frei bewegen, wie P. das thut; er be-
herrfcht feinen Text, aber er läfst auch den Text durchaus
die reiche Fülle von Gedanken und Beziehungen be-
herrfchen, welche in feinen Predigten fich findet, und bei
der gröfsten Mannigfaltigkeit ift die Einheit gewahrt.
Dabei verfteht er feine Zeit und weifs die verfchieden-
ften Vorkommnifse leicht in das Licht des Gotteswortes
zu Stellen; ob er an die Grundfteinlegung des Reichstagsgebäudes
erinnert oder das deutfehe Schützenfeft in
Leipzig erwähnt, die Predigt verliert dadurch nicht an
erbaulicher Schönheit und Kraft. Die fchon in der Anzeige
früherer Predigten erwähnte Meilterfchaft, die bibli-
fche Wahrheit auch in der Sprache unferer Zeit concret
und anfehaulich zu bezeugen, erkennen wir um fo dankbarer
auch bei diefer Predigtfammlung Pank's an, als
diefelbe fich von aller Manier frei gehalten hat.

Halle aS. A. Wächtler.

Vogel, JuL, Reformations-Festspiel. Die Einfuhrung der
Reformation in Plauen im Vogtland. Gotha, F. A.
Perthes, 1888. (VIII, 81 S. gr. 8.) M. 1. 20.

Der Verfaffer hat ftatt eines Luther-Feftfpieles ein
Reformations-Feftfpiel gefchrieben, in welchem er in einer
Reihe von Bildern den Durchbruch des reformatorifchen
Geiftes in der Heimathftadt feinen Mitbürgern vor Augen
führt. Das erfte Rumoren der neuen Lehre im Deutfch-
Ordenshaufe (1521), die Flucht des evangelifch gefinnten
Dominikaners Georg Raute aus feinem Klofter (1524),
Klofterftürmen und die Unruhen des Bauernkrieges (1525^,
endlich die erfte Kirchenvilitation durch Georg Spalatin
(1529) bieten ihm den Stoff für die in vier Aufzügen
aneinandergereihten geschichtlichen Bilder. War auch für
Luther's perfönliches Auftreten in diefem Feftfpiele kein