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Ausgabe:

1889

Spalte:

552-554

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rogge, Christian

Titel/Untertitel:

Die Anschauungen des Apostels Paulus von dem religiös-sittlichen Charakter des Heidentums 1889

Rezensent:

Grafe, Eduard

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Theologifche Literaturzeitung. 1889. Mr. 22.

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der Pfalter, nach ihm Sprüche und Hiob, fpäter auch
andere Schriften, über deren Zulaffung noch theilweife
Zweifel beftanden, fo dafs der endliche Abfchlufs des
Canons erd ca. 200 n. Chr. erfolgte. Die Entfcheidung
hierüber konnten die Schriftgelehrten erft nach der Zer-
ftörung Jerufalems in die Hand nehmen, aber auch fie
waren in ihrem Urtheil durch die beftehende geifttiche
Praxis des Volkes gebunden—glücklicherweife, denn auf
diefe Weife haben wir die koftbarften Schätze der alt-
teftamentlichen Literatur überliefert erhalten, während
die Schriftgelehrten, wenn fie blofs ihre eigenen Abheilten
hätten verwirklichen können, uns lediglich das
Gefetz erhalten haben würden.

Wir konnten hier nur einen fehr mageren Auszug der
Ausführungen des Verf.'s bringen. Aber wir hoffen, dafs
derfelbe den Leier dazu anregen wird, die gehaltreichen
und durchdachten Darlegungen des Verf.'s näher anzufeilen
.

Jena. C. Siegfried.

Knoke, Prof. Dr. Karl, Praktisch-theologischer Kommentar
zu den Pastoralbriefen des Apostels Paulus. 2 Thle.
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht's Verl., 1887
u. 1889. (IX,. 185 u. VIII, 336 S. gr. 8.) M. 10. —

Vorliegender Commentar zu den Paftoralbriefen, der
jedenfalls zu dem Beften gehört, was die praktifch-theo-
logifche Auslegung des N. T.'s in den letzten Jahren hervorgebracht
hat, zeichnet hch zunächft dadurch vor
anderen ähnlichen Werken aus, dafs er die hiftorifche
und die praktifche Auslegung nicht in einer unklaren
Mifchung vorbringt, wie das fo oft gefchieht, fondern
beides im Wefentlichen trennt.

Nur in einer Beziehung kann und foll man auch in
der hiftorifchen Unterfuchung es nicht vergeffen, dafs
der Verfaffer praktifcher Theologe ift: die religiöfen
Gedanken der Briefe werden nicht blofs nach ihrem
Worthnne aus dem Zufammenhang heraus erklärt und
feftgeftellt, als ob damit die Pflicht der Exegefe erfüllt
wäre, fondern Knoke fucht überall die Tragweite zu
ermeffen, die der Gedanke im Sinne feines Urhebers hat,
und es ift fehr richtig, wenn er Bd. I S. II der Exegefe
biblifcher Schriften das Ziel fteckt: he habe ihr Abfehen
dahin zu richten, demjenigen, welchem he ein biblifches
Buch erklärt, die individuelle Eigenthümlichkeit diefes
Buches zur Anfchauung und zum Verftändnifs zu bringen
und ihm zu einem geidigen Genufs des Ganzen zu verhelfen
. Gewifs lölt die atomiftifche Art, in welcher meift
blofs Wort-, Formen- und Satzexegefe getrieben wird,
diefe Aufgabe nicht. Auf nichts pafst das Wort des
Mephiftopheles von der landläufigen Art, ,etwas Lebendiges
zu erkennen und zu befchreiben' beffer, als auf die
grofse Menge unferer theologifcher Commentare.

Knoke geht nun bei feiner Erklärung der Padoral-
briefe von derfelben Wahrnehmung aus, die auch z. B.
Heffe gemacht hat, dafs fo, wie die Briefe überliefert
find, he überhaupt von einem geordnet denkenden Verfaffer
nicht herrühren können. Knoke führt diefe Unordnung
im zweiten Timotheusbrief auf Randbemerkungen
zurück, die Paulus an feinem Briefe gemacht haben foll
und die an falfcher Stelle in den Text gekommen feien.
Man wird zugeben mühen, dafs Knoke es auf diefem
Wege ermöglicht hat, einen geordneten Gedankengang
herzuftellen, wenn man auch das Gefühl nicht überwinden
kann, dafs eine derartige Herftellung der Ordnung
etwas Subjectives und Gewaltfames hat. Den erden
Timotheusbrief fuchte Knoke zu verdehen als eine um
die Mitte des zweiten Jahrhunderts entdandene Ver-
fchmelzung einer alten Kirchenordnung mit zwei echten
Paulinen, einer Indruction und einer Lehrfchrift. Auch
die Kirchenordnung mufs aber ,in Kreifen ihren Urfprung
gehabt haben, welche dem Apodel nicht ferne gedanden'

I (II, 189). Im Titusbrief nimmt Knoke nur drei Aende-
rungen vor, eine Umdellung und die Ausfcheidung

1 zweier, von ihm als Gloffen bezeichneter Stellen. So
rührt denn der Text der Padoralbriefe im Wefentlichen
von Paulus her.

Von der Fragedellung des Verfaffer's aus id das
eine recht gewandte Vertheidigung und die klare, ruhige,
kräftige Art der Dardellung verdärkt ohne Zweifel den
Eindruck feines Werkes auf den Lefer. Freilich kann
man bei einer Beurtheilung der Padoralbriefe noch von
anderen Gefichtspunkten als von dem der Ordnungs-
lofigkeit ausgehen. Man kann von dem Unterfchied der

1 Paulinen und Padoralbriefe in der Lehrauffaffung, dem
Stil, dem Wortfchatze feinen Ausgangspunkt nehmen;
man kann vor allem die Schwierigkeit betonen, wie
diefe Briefe im Leben des Paulus untergebracht werden
follen. Der Verfaffer fetzt fich mit diefen Fragen auseinander
; aber feine Ausführungen möchten kaum zwingend
genug fein, um längdgehegte Zweifel zerdreuen zu
können.

Sehr fchön und richtig find die praktifchen An-
weifungen, die Knoke den Padoralbriefen entnimmt. Er
j betont es, dafs die Vorfchriften im Einzelnen nicht ohne
Weiteres Giltigkeit haben für die Gegenwart (II, 320).
Aber die Regeln, die für die damalige Zeit Giltigkeit
gehabt haben, geben eine Norm für die Regelung unferes
kirchlichen und chridlichen Lebens. So wird gewifs
auch der, welcher die gefchichtliche Auffaffung Knoke's
in Betreff der Padoralbriefe nicht zu theilen vermag,
fein Werk doch nicht aus der Hand legen, ohne mancherlei
gelernt zu haben, wofür er dem Verfaffer aufrichtigen
Dank weifs.

Giefsen. Oscar Holtzmann.

; Rogge, Rekt. Dr. Chrn., Die Anschauungen des Apostels
Paulus von dem religiös-sittlichen Charakter des Heidentums

auf Grund der vier Hauptbriefe. Eine theologifch-
philologifche Unterfuchung. Leipzig, Reichardt, 1888.
(VIII, 82 S. gr. 8.) M. 1. 80.

Es id unzweifelhaft verdiendlich, wenn der Verfaffer
S auf dem im Allgemeinen fo emfig erforfchten Gebiet
des Paulinismus einem bisher weniger beachteten Punkte
j feine Aufmerkfamkeit zuwendet. Sollte man doch von
vornherein erwarten, dafs für den grofsen Heidenapodel
die Beurtheilung des Heidenthums unmöglich von untergeordneter
Bedeutung fein kann. R. meint fogar, nur
dann feien die Anfchauungen des Apodels vom fittlich-
religiöfen Charakter des Heidenthums richtig zu verdehen,
,wenn man fie mehr als bisher als ein nothwendiges
Glied in dem Aufbau der Rechtfertigungslehre fafst'.
Hat es demnach den Anfchein, dafs hier ein neuer Ge-
fichtspunkt zur Aufhellung der vorliegenden Frage beigebracht
wird, fo gewinnt man doch aus dem Gange
der Unterfuchung nicht gerade die Ueberzeugung, dafs
derfelbe fich als fehr fruchtbar erweid. Ueberhaupt
fcheint mir das Anerkennenswerthe der Arbeit R.'s
weniger in feiner Gefammtauffaffung der Gedanken des
Apodels, als in feinen treffenden exegetifchen Bemerkungen
im Einzelnen zu beruhen. — Schon gegen die
Anlage der Unterfuchung laffen fich ernde Bedenken
nicht unterdrücken. In einem erden Hauptabfchnitt wird
,die religiös-fittliche Entwicklung des Heidenthums' dargelegt
und zwar näher A. ,der Ausgangspunkt' B. ,der
religiös-fittliche Verfall'. Der zweite Hauptabfchnitt er-
I örtert den ,religiös-fittlichen Gefammtzudand des Heidenthums
'; der dritte id überfchrieben ,Zur Gefchichte der
paulinifchen Anfchauungen'. Diefe Stoffeintheilung fetzt
eine bedimmte Grundanfchauung von den Ausfagen des
Apodels in den vier Hauptbriefen voraus, dafs nämlich
in ihnen wefentliche Uebereindimmung in diefem Punkte
herrfcht. Gerade diefe Behauptung id aber problematifch