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Ausgabe:

1889 Nr. 22

Spalte:

548-550

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baudissin, Wolf Wilh.

Titel/Untertitel:

Die Geschichte des alttestamentlichen Priestertums 1889

Rezensent:

Siegfried, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 22.

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und von Pf. 102 an ftimmt er mir in einer Reihe von
Fällen zu, um dann freilich in der Einleitung (S. X sq.)
meine Thefe in der Hauptfache abzulehnen. Zunächft
wendet er ein, dafs in manchen Ich-Pfalmen der Beter
zwifchen fich und den Frommen oder dem Volke Jahve's
überhaupt unterfcheide, und deducirt daraus für mich die
,exegetifche Pflicht', das Ich hier individuell zu deuten.
Ich bin diefem Einwände fchon begegnet (ZATW1888,80).
Ifrael, Sion, Rahel u. f. w. find verfchieden von ihren
Söhnen und zugleifch identifch mit ihnen. Uebrigens
bedeutete die Gemeinde in Judäa nur einen Bruchtheil
der Judenfchaft, die Diafpora war bedeutend gröfser,
und jene Stellen der Ich-Pfalmen handeln von dem
Intereffe, das die letztere an den Schickfalen der Centraigemeinde
nahm (Neh. 1). Noch unzutreffender ift der
Satz Nowack's, dafs eine religiöfe Gemeindtpoefie mit
Ausfchlufs jeder perfönlichen für fein pfychologifches
Verftändnifs unfafsbar fei. Denn der Pfalter ift das Gefangbuch
der Gemeinde des zweiten Tempels, fchon
deshalb braucht er keinerlei individuelle Gebete zu enthalten
. Uebrigens ift die Thatfache, dafs die altteft. Religion
zunächft nur ein Verhältnifs zwifchen Gott und
Volk bedeutete, überhaupt aber das Aufgehen des Individuums
in der Gefammtheit, wie es für das alte Ifrael
charakteriftifch ift, für unfer ,pfychologifches Verftändnifs'
allerdings unfafsbar. Fndlich handelt es fich in Wahrheit
darum, ob der religiöfe Individualismus, den man aus
den Pfalmen herauszulefen pflegt, im vorchriftlichen
Judenthum überhaupt beftanden hat oder nicht. Die
jüdifche Weisheitsliteratur weift in einer ganzen Reihe
von Schriften einen energifch aufftrebenden Individualismus
auf, der aber trotz alles Strebens nach einer rein
religiöfen Haltung zuletzt religiös ohnmächtig ift und
deshalb ebenfo fehr auf der weltlichen Klugheit wie auf
dem Gottvertrauen fufst. Die Speculation von Prov. 8
ift dafür bezeichnend. Das Individuum poftulirt hier eine
Macht, die ihm fein Recht in der Welt gewährleiften foll.
Aber diefe Macht ift nicht Gott felbft (dem fleht der
Einzelne viel zu fern), fondern die Weisheit als Mittlerin
zwifchen Gott und den einzelnen Menfchen. Es müfste
uns aufs höchfte verwundern, wenn dagegen die Pfalmen
einen Individualismus kennen lehrten, der lediglich auf
dem Gottvertrauen ftände. Im Buche Jeremia, auf das
Nowack fich beruft, findet fich nichts der Art. Das dort
redende Ich ift theils ebenfalls Ifrael, theils der Prophet,
der in feiner Perfon das wahre Ifrael darfteilt, aber kein
fpäteres Individuum befand fich in Jeremia's Lage. Bezüglich
des Buches Hiob wird die altjüdifche Meinung,
dafs Hiob Ifrael bedeute, noch näher zu unterfuchen
fein. Gewifs ift, dafs das Problem des unfchuldigen
Leidens vor allem in dem Leiden der Gemeinde vorlag
und ohne den Gedanken hieran gar nicht behandelt
werden konnte. Auch entflammt das Pathos, mit dem
Hiob fein gutes Gewiffen Gott gegenüber vertheidigt,
fchwerlich dem jüdifchen Individualismus. — Ich bedauere
nur, meine Zweifel gegen die individuelle Deutung von
Pf. 3. 4. 62. 73 nicht ftärker ausgefprochen zu haben.
Denn in Pf. 73 ift nach v. 1. 28 zweifellos das wahre
Ifrael am Wort und Pf. 4, 4 wäre fogar im Munde eines
Mofe und Samuel unmöglich, mufs alfo ebenfalls der
Gemeinde gehören. So hat vor mir fchon Lagarde (Novae
Pfalt. Graeci Ed. Spec. zur Stelle) die Worte gedeutet
. Von Pf. 4 kann aber Pf. 3, der an fich nichts
Individuelles bietet, nicht getrennt werden und Pf. 62, 5
wird dann nach 4, 3 erklärt werden müffen. Damit
würden die letzten Ausnahmen wegfallen, die ich noch
offen halten zu füllen glaubte.

Göttingen. R. Smend.

Baudissin, Prof. Wolf Wilh. Graf, Die Geschichte des
alttestamentlichen Priestertums, unterfucht. Leipzig,
Hirzel, 1889. (XVI, 312 S. gr. 8.) M. 7. —

Der Verf. der vorliegenden Arbeit hat es weder fich
noch feinen Lefern leicht gemacht. Wir müffen uns mit
ihm durch ein mächtiges Gebirge literarifcher und realer
Kritik durcharbeiten (S. I—260), ehe wir an die zufammen-
hängende Darlegung feiner Anficht von der gefchicht-
lichen Entwickelung des altteftamentlichen Priefterthums
(S. 261—298) gelangen. Dadurch aber hat es der Verf.
erreicht, lein Buch zu einer Fundgrube des für die Lö-
fung der vorliegenden Frage erforderlichen Materiales zu
machen, in welche jeder, der nach ihm auf diefem Gebiete
forfchen wird, immer wieder wird hinabfteigen
müffen und für deren Vorhandenfein er ihm dankbar
fein wird. Es ift natürlich liier unmöglich, den Aufbau
des Verf.'s in allen feinen Einzelheiten zu befchreiben
und zu prüfen, obwohl derfelbe es an fich wegen feiner
gediegenen Fundamentirung und forgfältigen Ausführung
verdienen würde. Wir müffen uns damit begnügen, hier
die den Bau hauptfächlich tragenden Säulen und deren
Tragfähigkeit in Betrachtung zu ziehen. — Der Verf.
denkt fich in der Kürze den Entwickelungsgang des altteftamentlichen
Priefterthums folgendermafsen.

Die älteften ausführlichen Nachrichten über das ifrae-
litifche Sacralwefen bietet die Quelle JE. Nach diefer
gab es in der patriarchalifch.cn Zeit keinen Priefterftand.
Vielmehr wurde diefer erft durch Mofe begründet, welcher
die Angehörigen feines Gefchlechtsverbandes zu fchützen-
den Begleitern (d. h. Leviten S. 265) der Bundeslade ernannte
. Die Gefchicke diefer Genoffenfchaft find in
den Erzählungen der Quellen dunkel. Wir fehen nur
fo viel, dafs die Leviten bei der Einwanderung in das
h. Land keinen Stammesbefitz erlangten, fondern zerftreut
umherzogen und bei Privat- oder Stammesheiligthümern
Anftellung zu bekommen fuchten. Man nahm fie auch
gern zu Prieftern an folchen, denn, obwohl in der alten
Zeit jeder Laie opfern konnte, und wir auch an denHeilig-
thümern vielfach Angehörige anderer Stämme als Priefter
angeftellt finden, fo bevorzugte man doch die Leviten
wegen ihrer Kunft der Orakelbefragung. So finden wir
an den hervorragendften Heiligthümern des h. Landes
meift Leviten angeftellt: zu Dan Ri 18, 30, zu Silo, wo
das zum Haufe Itaniar gehörige angefehene Gefchlecht
der Eliden (vgl. S. 193 f.) des Dienftes waltete, und anderswo
; überhaupt finden fich Spuren, dafs die älteften Aaro-
niden vor dem Exil gerade in Ephraim angeftellt waren
(S. 138). Diefe Werthfehätzung der Leviten bewies auch
David, welcher am neugegründeten Heiligthum von Jeru-
falem den Eliden Ebjathar und neben ihm den wahr-
fcheinlich wohl auch levitifchen Zadok anftellte. Letzterer
blieb unter Salomo allein auf dem Platze und von ihm
leitete fich das fpäter fo angefehene Gefchlecht der Zado-
kiden ab. Es lag in der Natur der Sache, dafs ein Mitglied
diefer Familie das den ganzen Cult leitende wurde,
fo dafs alfo eine Art Oberpriefterftellung von Haufe aus
am Tempel war. Unter diefem fungirten die anderen
Familienglieder als kohanim. Für, die niederen Dienfte war
ein zahlreiches Tempelperfonal, die Netinitn, vorhanden.
Diefe jerufalemifche Priefterfchaft zeichnete im Verlauf
der Jahrhunderte die für Handhabung des Cultus und
Organifation ihrer Genoffenfchaft wichtigften Vorfchriften
auf, welche Aufzeichnungen gegen Ende des 7. Jahrhunderts
, vorbehaltlich fpäterer Einfchübe wie Lev. 16
Nu. 8, 5— 22 u. a. (vgl. auch S. 34. 44 u. a.) redigirt wurden
und die Quelle P (== P2 Kuenen) bildeten. Diefe Schrift
nahm auch viel alte Beftandtheile in fich auf z. B. Lev.
17—26. Sie blieb aber längere Zeit nur eine Privatfchrift,
ein priefterliches Programm von theilweife noch fehr unfertigem
, ja auch widerfpruchsvollem Charakter vgl. S. 43.
45. 277 u.a. Die Hauptfache an ihr ift aber das von ihr
verfolgte Intereffe des Zadokidenprivilegiums. Sie erfindet