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Ausgabe:

1889

Spalte:

537-538

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Religiöses Schatzkästlein. Kleine Geschichten zur Belehrung des religiösen Sinnes für die Jugend 1889

Rezensent:

Lindenberg, H.

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537

Theologifche Literaturzeitung. 188g. Nr. 21.

538

Samariterin in der dem Verf. eigentümlichen lebendigen
Ausmalung dargeftellt. Nachdem dann — vielfach wieder
an concreten Beifpielen — gezeigt ift, wie das neue Leben
fich entwickeln mufs entweder in auffteigender oder in
abfteigender Linie, befchreibt der Verf., wiederum an
Drummond anknüpfend, als wefentliche Symptome des
neuen Lebens die Ernährung, das VVachsthum, die Aus-
fcheidung und die Fortpflanzung.

Schon aus diefer dürftigen Inhaltsangabe erhellt,
dafs diefe Schrift des Verf.'s von feinen früheren in
wesentlichen Punkten fleh unterfcheidet. Eine Unter-
haltungslectüre ift fle nicht, aber ebenfowenig ein dog-
matifches Compendium. Die Ausführungen klingen oft
wie das Gefpräch eines erfahrenen, weitherzigen Seel-
forgers mit einem zweifelnden, aber ernftlich die Wahrheit
fuchenden Gebildeten und werden manches unbegründete
Vorurtheil überwinden helfen. Dafs bei diefem ,undog-
matifchen Chriftenthum' einzelne Widerfprüche vorkommen
, kann nicht befremden. Wenn S. 125 der Verf. den
Ausdruck gebraucht, ,dafs der allmächtige Gott, um die
verlorene Welt zu retten, einen neuen reinen Menfchen
cefchaffen hat, mit dem er felbft durch feinen Geilt
ganz und gar eins ift', und wenn es dann S. 138 heifst:
Tdafs der Sohn Gottes nicht entftanden fein kann in
der Zeit, dafs er von Ewigkeit her fein mufste, das haben
gewifs die Apoftel auch begriffen', fo ift das freilich ein
Widerfpruch, den die Dogmatiker nicht ungerügt laffen
werden. Ebenfo bleibt die Frage, wodurch denn in dem
Einzelnen die Einpflanzung des neuen Lebens zu Stande
kommt, unbeantwortet. Einen Vorwurf wird man daraus
dem Verf. nicht machen können, da es keineswegs feine
Abfleht ift, den Gegenftand erfchöpfend zu behandeln,
fondern nur anzuregen. Dafs der Verf. in diefem Buche
feine bekannte Gabe, geiftreich Gefchichten zu erzählen,
mehr als fonft gezügelt hat und nur als Ausgangspunkt
oder zur lebendigeren Illuftration hie und da eine Ge-
fchichte einflicht, fcheint dem Ref. ein Fortfehritt zu fein.
Dagegen ift es zu bedauern, dafs der in fleh abgerundeten,
oben lkizzirten Darfteilung ,gleichfam als Präludium' zwei
andere Vorträge vorausgefchickt find, die, wenn fle auch
an fich viel Beherzigenswerthes enthalten, doch mit dem
Hauptinhalt des Buches nur in lofem Zufammenhange
flehen. Der erfte behandelt die Frage: ,Kannft du ruhig
fterben?', der zweite redet ,von dem unendlichen Werth
einer Menfchenfeele'. Wer den von dem Verf. beabfich-
tkften Eindruck empfangen will, dem möchte Ref. rathen,
vorerft die beiden erften Vorträge zu überfchlagen und
bleich mit Cap. III zu beginnen, um fo mehr als einzelne
Ausführungen diefer Vorträge in den Schlufscapiteln
nahezu wörtlich wiederkehren.

Hoffe. H. Lindenberg.

Religiöses Schatzkästlein. Kleine Gefchichten zur Belehrung
des religiöfen Sinnes für die Jugend. Zugleich ein
Hilfsbüchlein für Eltern, Lehrer und Lehrerinnen, fo-
wie alle, die es mit der Jugend wohl meinen. Hrsg.
von einem Lehrerkreife. Zürich, Schröter & Meyer,
1889. (II, 160 S. gr. 8.) M. 2. —

An Sammlungen von Gefchichten zur Belebung des
religiöfen Unterrichtsftoffes namentlich in der Volksfchule
ift nicht gerade Mangel. Immerhin wird ein neuer Vorrath
mit Freuden begrüfst werden, wenn er kurze, gut pointirte
Gefchichten bietet. So weit es fich um das erfte Haupt-
ftück und den erften Artikel des Luther'fchen Katechismus
handelt, wird der Katechet der vorliegenden Sammlung
manchen brauchbaren Zug entnehmen können. Für die
übrigen Hauptftücke — und gerade für diefe ift am
meiften Bedürfnifs nach anfehaulicher Erläuterung vorhanden
! — liefert dies Schatzkäftlein fo gut wie nichts.
Ob es als Lefebuch für Kinder, wozu es nach Titel und
Vorrede zunächft beftimmt zu fein fcheint, ,zur Belebung

1 des religiöfen Sinnes der Jugend' vorzugsweife geeignet
fei, möchte Ref. bezweifeln, da die Moral von der Ge-
fchichte fleh oft zu fehr in den Vordergrund drängt.

Nuffe. H. Lindenberg.

Ebner, Thdr., Das deutsche Volkslied in Vergangenheit und
Gegenwart. Barmen, Klein 1889. (75 S. 12. M. —.75.

Der Verf. diefer kleinen inhaltsreichen Schrift veines
Separatabdrucks aus den deutfeh-evang. Blättern) verwahrt
fich ausdrücklich dagegen, dafs er eine Klage an-
ftimmen wolle über unfere nüchterne Zeit, der der Sinn
für wahre Poefie abhanden gekommen fei. Allein feine
klare gefchichtliche Nachweifung, was einft das Volkslied
, das geiftliche fowohl wie das weltliche, unferm Volk
gewefen ift und was es ihm fein könnte, die zum Schluffe
angedeuteten Vorfchläge, wie Haus und Schule, wie
Krieger- und Gefang- und Jünglingsvereine das Volkslied
pflegen follten, werden doch wider feinen Willen
zu einer Anklage der Gegenwart. Unfer Volk ift eben
zu modern geworden, als dafs es fich in die naive An-
fchauungsweife des alten Volksliedes noch hineinfinden
könnte, und nur der wirklich Gebildete wird die Schätze,
die in demfelben verborgen liegen, recht zu würdigen
wiffen. Um aber in gebildeten Kreifen, in denen leider
vielfach auch durch Opernarien und Operettencouplets
der Sinn für das Volkslied ertödtet ift, wieder Intereffe
und Verftändnifs für dasfelbe zu wecken, dazu wird die
klare überfichtliche Darltellung des Verf.'s einen Beitrag
liefern. In einem Punkte freilich kann Ref. dem Verf.
nicht beiftimmen. So zweifellos das mittelalterliche
Volkslied in der chriftlichen Weltanfchauung wurzelt,
fo ift es doch fehr wohl denkbar, dafs eine religiöfe
Wiedergeburt unferes Volkes erfolgen könnte, ohne dafs
damit zugleich auch das Verftändnifs für das alte Volkslied
wieder erwachte. Beides fo identificiren, wie es der
Verf. faft zu thun fcheint, hiefse doch nichts anderes, als
für neuen Moft die alten Schläuche unentbehrlich halten.

Nuffe. H. Lindenberg.

Die christliche Welt. Evangelifch-Lutherifches Gemeindeblatt
für die Gebildeten. Hrsg.: Pfr. Lic. Martin
Rade. 2. Jahrg. 1888. 53 Nrn. Leipzig, Grunow.
(XIII, 512 S. gr. 4.) M. 6. —

Wenn der verehrte Herausg. der Theol. Literaturzeitung
es Ref. gegenüber als eine Unterlaffungslunde
bezeichnet hat, dafs diefe Zeitfchrift noch keine Be-
fprechung der ,Chriftlichen Welt' gebracht habe, fo hat
Ref. keinen Grund, dem zu widerfprechen. Denn in der
That ift die ,Chriftliche Welt' eine der bedeutfamften,
jedenfalls der erfreulichften Erfcheinungen auf dem Gebiet
unferer chriftlich kirchlichen Literatur aus der
jüngften Vergangenheit. Und das zwar aus folgenden
Gründen.

Zum erften ift die ,Chr. W.' ein Gemeindeblatt,
und kein Kirchenblatt. Ihre Aufgabe will fein: die
Erbauung der Gemeinde auf dem einen Grunde des
Evangeliums, vornehmlich durch Förderung chriftlicher
Erkenntnifs. Sie wendet fich mit Vorliebe an die Suchenden
, und möchte die Schwierigkeiten aus dem Wege
räumen, die fich ihnen beim Verftändnifs des Evangeliums
und kirchlicher Erfcheinungen, fowie auch der
Verftändigung unter verfchiedenen Denkarten entgegen-
ftellen. Dagegen will fie mit dem Kampf der Parteien
um die Herrfchaft in der Kirche fo wenig zu thun haben,
als mit den eigentlich wiffenfehaftlichen Erörterungen.
Diefer feiner Aufgabe ift das Blatt in hohem Mafse gerecht
geworden. Es ift eine im edelften Sinne vornehme
Erfcheinung unter unferen periodifchen kirchlichen Zeit-
fchriften. Und zwar hat es fich diefe feine vornehme
Haltung nicht etwa dadurch bewahrt, dafs es den