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Ausgabe:

1889 Nr. 21

Spalte:

529-530

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Das Ablasswesen im gegenwärtigen Rom 1889

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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Seite 1

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529

Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 21.

530

comviuni doctrina (S. 160). Dem Thyrfus Gonzalez, den I Meinungen verbreitet find, ebenfo gewifs ift es, dafs die
Innocenz XL 1687 zum General der Jefuiten wählen liefs römifch-katholifche Kirche felbft nicht ohne Schuld daran
und zur Bekämpfung des Probabilismus aufforderte, giebt ift. Die Lehre vom Abiaffe ift nämlich, wie neuerdings
er monftröfe Anflehten, craffe Irrthümer und Verleum- Kolde betont hat, eine ,bis heutigen Tages niemals

düngen Schuld (S. 163. 440), und dafs Benedict XIV. die
Moral des Gabriel Antoine, des letzten bedeutenden
Antiprobabiliften unter den Jefuiten, mit Zufätzen des
Minoriten Carbognano in Rom drucken liefs und in der
Propaganda als Lehrbuch einführte, hindert ihn nicht,
Antoine's Theorie als cumulus aequwocationum et sen-

definirte Lehre', über welche ,die Anflehten der Theologen
vielfach auseinander gingen, befonders foweit es
fich um die Ausdehnung des Äblaffes auch auf die Ab-
gefchiedenen handelte' (Kolde, Martin Luther, I. S. 130).
Schon Thomas von Aquino klagt: Circa hoc est multiplex
opinio' und weifs diefer multiplex opinio gegenüber fich

suum absurdissimorum (S. 59) und Carbognano's Zufätze keinen befferen Troft zu geben, als den fehr zweifelhaften:
als .höchft erbärmlich' zu bezeichnen (S. 663). Von dem j ,Ab Omnibus conceditur indulgentias aliquid valere, quia
italienifchen Weltgeiftlichen Franzoja, der 1760 den impium esset dicere, quod Ecclcsia aliquid vane facere?
Bufembaum mit einer fcharf antiprobabiliftifchen Kritik j (Hafe, Polemik, 3. Auflage, S. 394). Weil es alfo gottlos
herausgab, fagt er: auetorem nostrum notis conspureavit wäre, zu lagen, dafs die Kirche etwas Vergebliches thue,
(S. 132), und von demfelben, dem Dominicaner Concina deshalb mufs der Ablafs doch etwas werth fein! Wie
et si qui sunt alii hujus farinae, fagt er: non esse ex re viel er werth ift, zeigt uns das vorliegende Schriftchen,
diseeptare cum hominibus, quos furor excaeeaverit, imo et entftanden aus einem von dem ungenannten Verfaffer
dementaverit (S. 439; S. 441 heifsen fie fanatici dcclama- in Lübeck gehaltenen Vortrag, den die ,Germania' hatte
tores). Mit dem h. Alphons geht er natürlich fäuber- nachftenographiren laffen, in fünf Auffätzen abdruckte
licher um; aber fehr fcharf fpricht er wiederholt, den und mit .Randgloffen allerlei Art' begleitete. Selbft-
Sack fchla^end und den Efel meinend, von den vielen 1 verltändlich hat das ftreitbare Blatt es fich nicht entgehen
unrichtigen0 Citaten in dem grofsen Moralwerke der laffen, bei diefer Gelegenheit, ,Tetzel weifs zu walchen
Karmeliter von Salamanca (der fog. Salmanticcnscs), die und dabei gegen die proteftantifchen „Gefchichtslügen"
Liguori vielfach abgefchrieben hat (f. Moralftreitigkeiten j fich zu ereifern'. Treffend erwidert unfer Verf. darauf:

S.^io.. Der Herausgeber rechnet es S. VIII Ballerini ; .Selbft wenn die Ehebruchsaffaire nicht wahr wäre,.....

zum befonderen Verdienfte an, — und es ift das für j fo blieben die Görlitzer Annalen von 1509 mit ihren An-
diejenigen, die fich dafür intereffiren, wirklich ein Ver- klagen über feinen Lebenswandel und die Anklage des
dienft. &— dafs er die Angaben über die Anflehten älterer päpftlichen Unterhändlers Miltitz wider ihn, dafs er „Ab-
Moraliften, die bei Liguori und anderen oft falfch find, j lafsgeld geflohlen und unnützt habe": wie fchlecht er fein
richtig gehellt habe. — Intereffant ift die Notiz S. 329, Cölibatsgelübde gehalten, ift bekanntlich in demfelben
dafs Liguori Bufembaum's Bemerkung: Clerici cum jure Schriftftücke auch deutlich zu lefen. Als einen Trumpf
divino sint exempti de potestate civili etc. ob tyrannidem j fpielt die Germania Tetzel's Wort aus: „Keiner verdient
regm Xcapolitanieinfach weggelaflen habe (Liguori zeigte Ablafs, er fei denn in wahrhaftiger Reue"; fie hätte nur
fich überhaupt gegen die Regierung nachgiebiger, als I den lehrreichen Satz feiner Frankfurter Thefen (I, Satz 30)
die modernen Ultramontanen billigen würden; Moral- I hinzufügen follen, nach welchem auch fchon ein Mini-
ftreit. S. 362. 399). Ballerini felbft hält Bufembaum's 1 mum von Reue (minima contritio) am Lebensende zur
Anficht in der Theorie feft, meint aber fchliefslich: | Sündenvergebung und zur Verwandlung der ewigen
privdegiis sui Status uti possunt ac debent clerici pro ratione Strafen in zeitliche ausreichend ift' (S. 4). Nun, ein Ab-
locorum ac temporum, in omnibus servando mensuram, ] lafshandei im Tctzel'fchen Stile ift allerdings in der
quam episcopi et maxime Sedes Apostolica praescribendam Gegenwart nicht mehr denkbar, da das Tridentinum der-
iudieaverint. I gleichen verboten hat, wie es aber jetzt noch gemacht

Die Heiligfprechung Liguori's und feine Erhebung ; wird, lehren die fehr inftruetiven Abfchnitte 3 und 4, in
zum Doctor ecclesiac haben die Jefuiten als eine voll- j welchen die Mittel des Ablafserwerbes: kirchliche Leift-
ltändige und feierliche Apologie der Moral ihres Ordens | ungen und Befitz heiliger Gegenftände befprochen wer-
bezeichnet (Moralftreit. S. 356). Nun fuchen fie nach- j den (S. 18—37). Sehr .bezeichnend für die Betriebfam-
zuweifen, dafs diefe auch da die richtige fei, wo Liguori keit unferes Ultramontanismus ift, dafs es ihm gelungen,
von ihr abweicht, insbefondere, dafs der reine Probabi- j in die foeben erfcheinende fiebente Auflage des „Pierer-
lismus, wie ihn die Theologen des Ordens vortragen, i fchen Converfationslexikon" nicht nur eine Darfteilung
nicht der modificirte Probabilismus (Aequiprobabilismus) | der Ablafslehre, fondern auch eine apologetifche (fchutz-
Liguori's das richtige Syftem fei. Ob Ballerini klug rednerifche) Verherrlichung derfelben hineinzubringen'

daran gethan hat, wenn er nicht nur mit Gründen, fon
dern auch mit Schmähungen der Gegner und indirect
der Päpfte Innocenz' XI. und Benedict's XIV., welche
diefe Gegner protegirten, für feine Sache kämpft, bleibt
abzuwarten.

Ballerini's Buch ifl nur von dem römifchen Provin-
zial der Jefuiten und dem Generalvicar des Druckortes

(S. 12). Alfo immer wieder diefelbe reizende Harmlofit.
keit proteftantifcher Verleger!

Krefeld. F. R. Fay.

Ritsehl, Privatdoc. Lic. Otto, Schleiermacher's Stellung zum
Christenthum in seinen Reden über die Religion. Ein

approbirt. Ls befland wenigftens1 früher die Verordnung Bej ^ Ehrenrett Schleiermachers. Gotha, F

dafs in Rom lebende Schnftfteller ihre Bucher, auch j A BJ1.U__ ;o(JO ,jtt •.__c__o ht - .~

wenn fie auswärts gedruckt wurden, von dem Magister
S. Palatii zu Rom approbiren laffen müfsten (Reufch,
Index I, 341; noch die zu Freiburg erfchienenen Regcsta

A. Perthes, 1888. (VII, 107 S. gr. 8.) M. 2. 40.

Wenn Straufs Schleiermacher's Reden über die Religion
als Ergebnifs einer fpinoziftifchen und noch nicht
LconisX. des Cardinais Hergenröther find fo approbirt). Ob ' chriftlichen Denkweife aufgefafst und die Anmerkungen
diefe Verordnung jetzt aufgehoben ift oder Palmieri j zur 3. Auflage, in denen Schi, manche Anflöfse zu heben
fich darüber hinweggefetzt hat, weifs ich nicht. fich bemüht, zu einer Anklage auf Heuchelei verwerthet

ßonn p H. Reufch hatte, fo tritt der Verf. beiden Anklagen entfehieden

__' _' entgegen, indem er zu zeigen fucht, dafs, was in den

Das Ablasswesen im gegenwärtigen Rom. [Aus: .Die chriftl. Rf-en befremden kann fich aus dem Zweck derfelben
u vi • 000 t.. c T^n/r , erklart. Indem 1. Abfchnitt ,der exotenfehe Charakter

Welt'.] Barmen, Klein, 1888. (43 S. 12.) M. -. 50. der Reden, führt er den Nachweis, dafs man in ihnen

So gewifs es ift, dafs über den Begriff des Ablaffes keine fyftematifche Darfteilung der Anfchauung Schl.'s er-
(indulgentia) auf proteftantifcher Seite vielfach unrichtige warten darf, fondern dafs fie nur richtig zu verftehen